Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Seine kaiserliche Majestät der Menschenfresser

 (Veröffentlich in Gralswelt 62/2010) 

Seit etlichen Jahren gibt es für jeden der publizieren möchte, einen neuen Gesichtspunkt: die “political correctness” (politische Korrektheit). Wer etwas veröffentlicht, tut gut daran, sich “politically correct” auszudrücken, wenn er sicher gehen will, dass er nicht als Extremist, Populist usw. abqualifiziert oder gar juristisch belangt wird. Dabei geht es weniger um reine Fakten, oder um die historische Wahrheit (die oft genug verdreht wurde), sondern es gilt, sich dem „Zeitgeist“ anzuschließen, also dem, was derzeit gerade allgemein anerkannt ist, oder in der Öffentlichkeit als akzeptiert gilt.

Der Begriff der “political correctness” (3), der wie vieles Moderne aus den USA kommt, mag neu sein; der Gesichtspunkt ist alt, dass man (und das nicht nur in autoritären Regimes) darauf achten muss, keine unbeliebte Meinung auszusprechen. Das lässt sich gut an einem Beispiel aus dem Jahre 1815 verdeutlichen. In diesem besonderen Fall änderte sich die öffentliche (oder die “veröffentlichte”?) Meinung mit rasender Geschwindigkeit, so dass die Journalisten mit dem schnellen Gesinnungswandel kaum Schritt halten konnten:

Napoleons Rückkehr von Elba

Nach dem Zusammenbruch des napoleonischen Systems im Jahre 1814 wurde Napoleon Bonaparte (1769-1821) unter großzügigen Bedingungen auf die Insel Elba verbannt. Sein komfortables Exil war allerdings nicht so ungefährdet wie es schien. Gerade in England gab es einflussreiche Stimmen, die den Aufenthalt Napoleons nahe der französischen Küste für viel zu gefährlich hielten und ihn lieber, unter sicherer Bewachung, weitab von Europa gewusst hätten. Zudem standen Napoleon einige kleinere Schiffe zur Verfügung, mit denen er bei günstigen Wind- und Wetterbedingungen der englischen bzw. der französischen Flotte entwischen und in Frankreich landen konnte.

Die Spannungen auf dem Wiener Kongress, auf dem die Herrscher Europas über die zukünftige politische Gestaltung dieses Erdteils stritten, waren der letzte Anstoß für Napoleon, zurück nach Frankreich zu fliehen, um dort die Regierungsgewalt erneut an sich zu reißen. Es gab ja noch viele Bonapartisten, die dem Glanz des Kaisertums nachtrauerten und die Wiederkehr des Ancien Régime und den von den Alliierten eingesetzten Bourbonen-König Ludwig XVIII. ablehnten.

Als Napoleon Ende Februar 1815 in See stach, sagte er zu seinem Gefolge: „Ich werde nach Paris kommen, ohne dass ein einziger Schuss fällt“ (1, S. 533). Am 1. März landete er überraschend in der Nähe von Cannes, sammelte Truppen, die begeistert zu ihm überliefen, und versprach radikale demokratische Reformen.

Nun überstürzten sich die Ereignisse. Die politischen Machtverhältnisse änderten sich in Frankreich schneller als die Zeitungen berichten konnten:

Political correctness

In seiner Rede an der Universität Michigan am 4. Mai 1991 griff US-Präsident George H. W. Bush diesen neuen Medienbegriff auf und setzte sich damit im Zusammenhang mit der freien Rede auseinander:

„Ironischerweise stellen wir am 200. Jahrestag der Bill of Rights fest, dass die freie Rede überall in den Vereinigten Staaten angefallen wird, auch auf dem Campus einiger Universitäten. Die Idee der politischen Korrektheit hat im ganzen Land eine Kontroverse entfacht. Und obwohl die Bewegung aus dem lobenswerten Bedürfnis entstanden ist, die Überreste von Rassismus und Sexismus und Hass wegzufegen, ersetzt sie nur alte Vorurteile durch neue. Sie erklärt bestimmte Themen zum Tabu, bestimmte Ausdrücke zum Tabu und sogar bestimmte Gesten zum Tabu. Was als Kreuzzug für Anstand begann, ist umgeschlagen in einen Konfliktherd und sogar in Zensur. Streitende betrachten puren Zwang als einen Ersatz für die Kraft der Gedanken – zum Beispiel indem sie ihren Kontrahenten bestrafen oder verweisen lassen.“ (2)

Zeitungskommentare vom 1. bis zum 10. März 1815:

Auch der Moniteur, das offizielle Blatt der französischen Regierung, wurde von der Rückkehr des Exkaisers überrascht. Die Herausgeber des Moniteur wussten nicht so recht, wie sie die Landung Napoleons und seinen Marsch auf Paris kommentieren sollten. Es ist spannend zu verfolgen, wie sich die Schlagzeilen des Moniteur in den ersten Märztagen des Jahres 1815 entwickelten, und wie sich die Bezeichnungen für den aus dem Exil zurückkehrenden Kaiser der Franzosen von Tag zu Tag änderten (4):

1)      Der Menschenfresser hat seine Höhle verlassen.

2)      Der Wehrwolf von Korsika ist soeben bei Cap Juan gelandet.

3)      Der Tiger ist zu Gap angelangt.

4)      Das Ungeheuer hat zu Grenoble übernachtet.

5)      Der Tyrann ist durch Lyon gekommen.

6)      Der Usurpator ist sechzig Lieues[1] von der Hauptstadt gesehen worden.

7)      Bonaparte rückt schnell vorwärts, aber er wird nie in Paris einziehen.

8)      Napoleon wird morgen unter unseren Mauern sein.

9)      Der Kaiser ist zu Fontainebleau angelangt.

10)  Seine Kaiserliche und Königliche Majestät hielten gestern Abend Ihren Einzug in Ihr Tuilerien-Schloss, in der Mitte Ihrer getreuen Untertanen.

Was soll man über die Schlagzeilen von damals sagen, die politisch korrekte Berichterstattung sein sollten? Sind sie nicht ein gutes Spiegelbild auch für den praktizierten Journalismus von heute?

 

Literatur:

(1)   Gallo Max, Napoleon, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, 2002

(2)   http://de-wikipdia.org/wiki/#cite_note-5

(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Political_correctness)

(4) http://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal-jparticle_00072531

 

 

 


[1] Lieue = Meile. 1 Lieue = ca. 4 km