Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Scheinbare Nebensächlichkeiten machen Geschichte

(Veröffentlicht In GralsWelt 25/2002)   

                                

Geschichte wird von Personen gestaltet. Während in einer Demokratie die Hoffnung lebt, dass sich zuletzt die Fähigen durchsetzen und ein ungeeigneter Regierender  – sofern er an die Macht gelangt sein  sollte –  alsbald wieder abgewählt wird, scheint es in der Monarchie reine Glückssache, ob ein tüchtiger Nachfolger im Rahmen des Erbrechts für den bis zu seinem Lebensende regierenden Fürsten bereitsteht.

Schlechte Erfahrungen mit legitimen Monarchen finden sich in der Geschichte zuhauf. In Einzelfällen scheint es sogar ein Spiel des Zufalls, wie ein „Großer“ zu seiner Herrschaft kommt. Ein beeindruckendes Beispiel, wie Zufälligkeiten Geschichte machen sei hier berichtet.

DER  EITLE  EHRGEIZ  EINES  MONARCHEN

Der Kurfürst Friedrich III. Von Brandenburg war ein den Glanz liebender, prunksüchtiger Herrscher. In seinem kleinen und armen Land  versuchte er Ludwig XIV. Von Frankreich nachzueifern. Solch eine Hofhaltung wie die des reichsten Königs Europas konnte der Brandenburger allerdings nicht finanzieren. So wollte er wenigstens König werden, nicht bloß Kurfürst bleiben.

Im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation” gab es für eine solche Standeserhöhung keine Möglichkeit. Eine Königskrone für Brandenburg hätte die Eifersucht der anderen Fürsten  zu verhindern gewusst. Doch Friedrich ersann einen Ausweg: Er wollte sich in seiner „Provinz Preußen“ krönen lassen. Die lag außerhalb des Deutschen Reiches, und die unerlässliche Zustimmung des habsburgischen Kaisers erkaufte er von diesem mit dem Versprechen, ihm  Waffenhilfe bei seinem Spanischen Erbfolgekrieg zu leisten.

So gab es am 18. Januar 1701 eine prunkvolle Königskrönung im fernen Königsberg. Der Brandenburger setzte sich dort selbst die Krone auf und wurde Friedrich I., “König in Preußen”. Dieses Zeremoniell und die anschließenden Feierlichkeiten sollen sechs Millionen Taler gekostet haben, das anderthalbfache der Jahreseinnahmen des gesamten Herrschaftsbereiches des „Königs in Preußen“.

Die deutschen Fürsten lachten über den Spleen des eitlen Brandenburgers. Auch der leitende Minister des eigenen Landes, (Bernhard von Danckelmann,) hatte sich gegen die allgemeine Misswirtschaft, vor allem aber gegen den mit solchen Kosten verbundenen „Erwerb“ der Königskrone ausgesprochen. Dafür musste er 1797 gehen, verlor sein Vermögen und landete für 9 Jahre in Haft…

EIN  TYPISCHER  BAROCKFÜRST

Der erste preußische König war also ein Verschwender, der mit Oper, Konzert, Maskeraden und Mätressenwirtschaft den barocken Prunk Ludwigs XIV. von Frankreich nachäffte.

Friedrichs Großzügigkeit machte sich auf anderer Ebene erfreulicher bemerkbar. Er förderte eine tolerante Einwanderungspolitik und das kulturelle Leben. Die „Hugenotten“, wegen ihrer Religion in Frankreich verfolgt, wurden in den unterbevölkerten brandenburg-preußischen Landen willkommen geheißen, und Kunst und Kultur fanden in so reichem Maße Unterstützung, dass manche Zeitgenossen vom “Athen an der Spree” zu sprechen begannen. Große Beachtung fand z. B. dass der „Geistesfürst“ Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) seine (erst 1710 gedruckte ) “Theodizee” ( Die Rechtfertigung Gottes) der „Königin in Preußen“ Sophie-Charlotte (gest. 1705) widmete.

KÖNIGLICHER  PRUNK  KANN  TÖDLICH SEIN

Der Kronprinz Friedrich Wilhelm (1688-1740) dachte anders als. Er stand dem ganzen Prunk verständnislos gegenüber und hätte das für Krönungsfeierlichkeiten und Hofhaltung verschwendete Geld lieber in die Armee gesteckt. Leider hatte er vorerst wenig Einfluss und musste miterleben, wie zwei seiner Kinder an den Folgen der Prunkliebe seines Vaters starben:

Als dem Kronprinzen-Paar 1707  ein Sohn, der künftige Thronfolger, geboren wurde, erfolgte dessen Taufe auf königliche Weisung seines Großvaters mit allergrößter Prachtentfaltung. Dabei wurde dem wenige Tage alten Säugling eine Krone auf den Kopf gebunden, die sein kleines Köpfchen so überlastete, dass es zu seinem Tod führte. Die 1709 geborene Tochter des Kronprinzen-Paares erhielt dagegen keine so prunkvolle Taufe und überlebte. 1710 wurde das dritte Enkelkind des Königs geboren, Friedrich Wilhelm, nun er der künftige Thronfolger. Zum zweiten Mal gab es eine bombastische, den Säugling überfordernde Taufe und er starb bald danach.

EINER  ÜBERLEBT

Zwei Thronfolger waren verstorben, und als endlich der dritte Enkel des inzwischen kränkelnden Königs Friedrich I. zur Welt kam, waren schon viele Amtsgeschäfte auf seinen Sohn übergegangen. Zum Glück für den Neugeborenen, denn dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm war bewusst, dass zweien seiner Kinder eine extravagante Taufzeremonie das Leben gekostet hatte Er bestand bei seinem dritten Sohn auf einer dem zarten Säuglingsalter angemessenen sakralen Handlung. Dieser Sohn war Friedrich II., in Schulbüchern „Der Große“ genannt, und jeder weiß um den Einfluss auf die preußische und später die deutsche Geschichte, die das Wirken dieses, lange Zeit sehr hoch geschätzten Monarchen hatte.

PRUNKSUCHT  HAT  GESCHICHTE  GEMACHT.

Die barocke Prunksucht und der monarchische Ehrgeiz des eigentlich unbedeutenden Friedrich I., König in Preußen, hatten weitreichende Folgen:

Während über den Ehrgeiz des Kurfürsten von Brandenburg, König werden zu wollen, viele gelacht hatten, sah damals Prinz Eugen (1663-1736), der vermutlich klügste Staatsmann seiner Zeit, etwas anderes voraus: Für ihn war diese Königskrönung ein erster Schritt zur Unabhängigkeit Preußens vom Deutschen Reich und er meinte, dass der dafür bezahlte Preis bald vergessen sein würde. Eugen behielt Recht, denn die Königswürde wurde die Klammer, welche die unterschiedlichen brandenburgisch-preußischen Besitzungen zusammenhielt und dem Enkel des geschmähten Verschwenders erst seine historischen Erfolge ermöglichte.

Dieser veränderte als Friedrich II. die politische Landschaft in Deutschland und Mitteleuropa. Ohne den überzogenen Pomp seines Großvateres hätte einer der älteren Brüder des nachmals berühmten „Grossen Königs“ überlebt und wäre an seiner Stelle König geworden. Es ist unwahrscheinlich, dass sich dann die preußische und damit die deutsche, zuletzt sogar die europäische Geschichte in der gegebenen Weise entwickelt hätte.    

 

Literatur:

Fernau Joachim, “Sprechen wir über Preußen”, Herbig, München 1981

Frey, L. u. M., “Friedrich I.”, Styria, Graz 1984

Klepper, Jochen, “Der Vater”, Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin o.J.

Neumann, Hans Joachim, “Weltgeschichte im Spiegel von Krankheiten”, Quintessenz-Verlag, München 1991 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Seltsame Geschichten

SCHEINBARE NEBENSÄCHLICHKEITEN MACHEN GESCHICHTE
Geschichte wird von Personen gestaltet. Während in einer Demokratie die Hoffnung lebt, dass sich zuletzt die Fähigen durchsetzen und ein ungeeigneter Regierender – sofern er an die Macht gelangt sein sollte – alsbald wieder abgewählt wird, scheint es in der Monarchie reine Glückssache, ob ein tüchtiger Nachfolger im Rahmen des Erbrechts für den bis zu seinem Lebensende regierenden Fürsten bereitsteht.
Schlechte Erfahrungen mit legitimen Monarchen finden sich in der Geschichte zuhauf und in Einzelfällen scheint es sogar ein Spiel des Zufalls, wie ein „Großer” zu seiner Herrschaft kommt. Ein beeindruckendes Beispiel, wie Zufälligkeiten Geschichte machen sei hier berichtet.
DER EITLE EHRGEIZ EINES MONARCHEN
Der Kurfürst Friedrich III. Von Brandenburg war ein den liebender, prunksüchtiger Herrscher. In seinem kleinen und armen Land versuchte er Ludwig XIV. Von Frankreich nachzueifern. Solch eine Hofhaltung wie die des reichsten Königs Europas konnte der Brandenburger allerdings nicht finanzieren. So wollte er wenigstens König werden, nicht bloß Kurfürst bleiben.
Im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation” gab es für eine solche Standeserhöhung keine Möglichkeit. Eine Königskrone für Brandenburg hätte die Eifersucht der anderen Fürsten zu verhindern gewusst. Doch Friedrich ersann einen Ausweg: Er wollte sich in seiner „Provinz Preußen” krönen lassen. Die lag außerhalb des Deutschen Reiches, und die unerlässliche Zustimmung des habsburgischen Kaisers erkaufte er von diesem mit dem Versprechen, ihm Waffenhilfe bei seinem Spanischen Erbfolgekrieg zu leisten.
So gab es am 18. Januar 1701 eine prunkvolle Königskrönung im fernen Königsberg. Der Brandenburger setzte sich dort selbst die Krone auf und wurde Friedrich I., “König in Preußen”. Dieses Zeremoniell und die anschließenden Feierlichkeiten sollen sechs Millionen Taler gekostet haben, das anderthalbfache der Jahreseinnahmen des gesamten Herrschaftsbereiches des „Königs in Preußen”.
Die deutschen Fürsten lachten über den Spleen des eitlen Brandenburgers. Auch der leitende Minister des eigenen Landes, (Bernhard von Danckelmann,) hatte sich gegen die allgemeine Misswirtschaft, vor allem aber gegen den mit solchen Kosten verbundenen „Erwerb” der Königskrone ausgesprochen. Dafür musste er 1797 gehen, verlor sein Vermögen und landete für 9 Jahre in Haft…
EIN TYPISCHER BAROCKFÜRST
Der erste preußische König war also ein Verschwender, der mit Oper, Konzert, Maskeraden und Mätressenwirtschaft den barocken Prunk Ludwigs XIV. von Frankreich nachäffte.
Friedrichs Großzügigkeit machte sich auf anderer Ebene erfreulicher bemerkbar. Er förderte eine tolerante Einwanderungspolitik und das kulturelle Leben. Die „Hugenotten”, wegen ihrer Religion in Frankreich verfolgt, wurden in den unterbevölkerten brandenburg-preußischen Landen willkommen geheißen, und Kunst und Kultur fanden in so reichem Maße Unterstützung, dass manche Zeitgenossen vom “Athen an der Spree” zu sprechen begannen. Große Beachtung fand z. B. dass der „Geistesfürst” Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) seine (erst 1710 gedruckte ) “Theodizee” ( Die Rechtfertigung Gottes) der „Königin in Preußen” Sophie-Charlotte (gest. 1705) widmete.
KÖNIGLICHER PRUNK KANN TÖDLICH SEIN
Der Kronprinz Friedrich Wilhelm (1688-1740) dachte anders als. Er stand dem ganzen Prunk verständnislos gegenüber und hätte das für Krönungsfeierlichkeiten und Hofhaltung verschwendete Geld lieber in die Armee gesteckt. Leider hatte er vorerst wenig Einfluss und musste miterleben, wie zwei seiner Kinder an den Folgen der Prunkliebe seines Vaters starben:
Als dem Kronprinzen-Paar 1707 ein Sohn, der künftige Thronfolger, geboren wurde, erfolgte dessen Taufe auf königliche Weisung seines Großvaters mit allergrößter Prachtentfaltung. Dabei wurde dem wenige Tage alten Säugling eine Krone auf den Kopf gebunden, die sein kleines Köpfchen so überlastete, dass es zu seinem Tod führte. Die 1709 geborene Tochter des Kronprinzen-Paares erhielt dagegen keine so prunkvolle Taufe und überlebte. 1710 wurde das dritte Enkelkind des Königs geboren, Friedrich Wilhelm, nun er der künftige Thronfolger. Zum zweiten Mal gab es eine bombastische, den Säugling überfordernde Taufe und er starb bald danach.
EINER ÜBERLEBT
Zwei Thronfolger waren verstorben, und als endlich der dritte Enkel des inzwischen kränkelnden Königs Friedrich I. zur Welt kam, waren schon viele Amtsgeschäfte auf seinen Sohn übergegangen. Zum Glück für den Neugeborenen, denn dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm war bewusst, dass zweien seiner Kinder eine extravagante Taufzeremonie das Leben gekostet hatte Er bestand bei seinem dritten Sohn auf einer dem zarten Säuglingsalter angemessenen sakralen Handlung. Dieser Sohn war Friedrich II., in Schulbüchern „Der Große” genannt, und jeder weiß um den Einfluss auf die preußische und später die deutsche Geschichte, die das Wirken dieses, lange Zeit sehr hoch geschätzten Monarchen hatte.
PRUNKSUCHT HAT GESCHICHTE GEMACHT.
Die barocke Prunksucht und der monarchische Ehrgeiz des eigentlich unbedeutenden Friedrich I., König in Preußen, hatten weitreichende Folgen:
Während über den Ehrgeiz des Kurfürsten von Brandenburg, König werden zu wollen, viele gelacht hatten, sah damals Prinz Eugen (1663-1736), der vermutlich klügste Staatsmann seiner Zeit, etwas anderes voraus: Für ihn war diese Königskrönung ein erster Schritt zur Unabhängigkeit Preußens vom Deutschen Reich und er meinte, dass der dafür bezahlte Preis bald vergessen sein würde. Eugen behielt Recht, denn die Königswürde wurde die Klammer, welche die unterschiedlichen brandenburgisch-preußischen Besitzungen zusammenhielt und dem Enkel des geschmähten Verschwenders erst seine historischen Erfolge ermöglichte.
Dieser veränderte als Friedrich II. die politische Landschaft in Deutschland und Mitteleuropa. Ohne den überzogenen Pomp seines Großvateres hätte einer der älteren Brüder des nachmals berühmten „Grossen Königs” überlebt und wäre an seiner Stelle König geworden. Es ist unwahrscheinlich, dass sich dann die preußische und damit die deutsche, zuletzt sogar die europäische Geschichte in der gegebenen Weise entwickelt hätte.
Literatur:
Fernau Joachim, “Sprechen wir über Preußen”, Herbig, München 1981
Frey, L. u. M., “Friedrich I.”, Styria, Graz 1984
Klepper, Jochen, “Der Vater”, Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin o.J.
Neumann, Hans Joachim, “Weltgeschichte im Spiegel von Krankheiten”, Quintessenz-Verlag, München 1991