Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Freiheitskämpfer, Moslem, Mensch

(Veröffentlicht in GralsWelt 41/2006)

MUSLIME  UND  CHRISTEN,  ODER  ES  GEHT  AUCH  ANDERS…

VERFALL  DER  KULTUREN?

Immer wieder wird ein allgemeiner kultureller Verfall im 20. Jahrhundert beklagt. Kriege, Diktaturen, Korruption in höchsten Ämtern, weltweit organisierte Kriminalität, Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Mobbing am Arbeitsplatz und viele weitere unerfreuliche Auflösungserscheinungen mehr, hätten demnach im 20. Jahrhundert ein Ausmaß angenommen, das sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts niemand vorstellen konnte. Darf man daraus schließen, dass die europäische Zivilisation in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen kulturellen Höhepunkt erlangt hatte, der trotz grandioser wissenschaftlicher und technischer Leistungen im 20. Jahrhundert nicht mehr gehalten werden konnte?

Eine Antwort auf diese Frage ist schwierig und sehr vom persönlichen Standpunkt geprägt. Vielleicht kann jedoch ein  vorbildliches Beispiel des Verhaltens eines Mohammedaners im Umgang mit fremden Kulturen, im Vergleich mit entsprechenden heutigen Ereignissen, Anregung geben, um dieser Antwort nahe zu kommen.

Dazu wird die Geschichte eines islamischen “Freiheitskämpfers” (oder “Terroristen” ?) des 19. Jahrhunderts erzählt.

Um Zugang zu den Verhaltensweisen von Muslimen zu finden, ist es nützlich, sich mit dem Selbstverständnis der islamischen Welt, und in unserem Fall des arabisch-muslimischen Kulturkreises im Besonderen vertraut zu machen.

DIE  VORGESCHICHTE:

Innerhalb eines Jahrhunderts nach dem Tod Mohammeds (632) wurde der Islam von Arabien aus mit unerhörter Geschwindigkeit über ein riesiges Gebiet verbreitet. Es erstreckte  sich von Spanien bis an die Grenzen Indiens; so dass islamische Gelehrte davon überzeugt waren, dass dieses “Wunder des Glaubens” nur mit der Hilfe Allahs möglich war. Beeindruckende Moscheen und Paläste zeugen bis heute vom damaligen Höhenflug islamischer, arabischer, maurischer Kultur. Nach diesem gewaltigen Aufbruch hielt der Islam über fünf Jahrhunderte allen Anfechtungen stand. Die Angriffe der Christen (Kreuzzüge) wurden zurückgeschlagen, Eindringlinge aus Asien (Turkstämme) bekehrt, und die Religion des Propheten Mohammed durch Eroberung (Indien) oder Missionierung (Südostasien) weiter verbreitet.

Dann folgte, besonders aus arabischer Sicht, eine dunkle Zeit:

1258: Plünderung von Bagdad durch die Mongolen.

1492: Fall von Granada und Ende des maurischen Spanien.

1517: Eroberung Ägyptens durch die Türken.

Der Hauptteil der islamischen Welt, einschließlich Arabiens und Nordafrikas, kam unter türkische Herrschaft, und nach der Eroberung von Konstantinopel (1453) beanspruchte der nun in Istanbul residierende Sultan das Kalifat*.

Die Niederlage bei der zweiten Belagerung Wiens im Jahre 1683 brachte dann das Ende der Expansion des Türkischen Großreiches; von nun an wurden die Türken von den Christen zurückgedrängt. Im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert setzte ein zunehmender Verfall des Türkischen Reiches ein, dessen korrupte Beamte oft nicht loyal zur Regierung standen. Provinzgouverneure machten sich selbständig, und europäische Kolonialmächte sahen auf dem Balkan, in Nordafrika oder dem nahen Osten einen Selbstbedienungsladen, der zum Zugreifen einlud.

KAMPF UM ALGERIEN

Eines dieser als verfügbar angesehenen Länder war Algerien. In Algier herrschten Janitscharen**, die sich unter dem Oberbefehl eines “Dei” von der Türkei gelöst fühlten, während das Hinterland allenfalls noch nominell dem Sultan untertan war. Im Jahre 1830 sandte Frankreich ein Expeditionskorps und erstürmte das als Piratennest verschrieene Algier. Die anschließende Eroberung des Hinterlandes durch die Franzosen traf dann auf den zähen Widerstand der arabischen Stämme unter ihrem Führer Abd el Kader (1807-1883), dem Emir vom Mascara. Nach harten Kämpfen schlossen die Franzosen mit ihm sogar einen kurzlebigen Frieden. Als die Kämpfe 1835 wieder ausbrachen, konnte Abd el Kader den französischen Kolonialtruppen zwar  noch einige herbe Niederlagen zufügen, musste sich aber 1847 zuletzt doch den Franzosen mit dem Rest seiner Truppen ergeben. Wie in allen Kolonialkriegen gab es auch in diesen Kämpfen viele Grausamkeiten und die Ermordung Gefangener, doch scheint historisch belegt, dass Abd el Kader selbst weder für Gräueltaten verantwortlich war, noch solche geduldet hätte.

Abd el Kader wurde nach Frankreich gebracht und dort fünf Jahre lang inhaftiert, bis ihn Kaiser Napoleon III., der in ihm einen ehrenhaften Gegner sah, frei ließ.

Eine heute fast vergessene Episode der Kolonialgeschichte, die durch das weitere Verhalten von Ab el Kader Bedeutung gewinnt.

ABD EL KADER IN DAMASKUS

Nach seiner Freilassung hielt Abd el Kader sich im Exil auf; zuerst in Bursa, dann in Damaskus. Dort lebten damals unter 140.000 Muslimen etwa 20.000 Christen, deren Wohlstand Neid erregte,. Zu den Methoden der türkischen Politik gehörte es, Spannungen zu schüren zwischen maronitischen Christen*** und Drusen****, sowie zwischen Christen und Muslimen im allgemeinen, um die türkische Herrschaft aufrechtzuerhalten, die eine Invasion christlicher Staaten in Syrien fürchtete.

Im März 1860 kamen erste Berichte, von einem bevorstehenden Massaker an den Christen nach Damaskus. Abd el Kader wollte sie zunächst nicht glauben. Viele Christen begannen bereits zu fliehen oder sich zu verstecken. Die türkischen Behörden sympathisierten mit den  von Türken und Drusen angezettelten Ausschreitungen, an denen sogar türkische Truppen geneigt schienen sich zu beteiligen, während arabischstämmige Muslime nicht daran Teil hatten. Als die Pogrome voll ausbrachen und Hunderte von Christen niedergemetzelt wurden, rief Abd el Kader die in und um Damaskus lebenden Algerier zusammen, bewaffnete sie und stellte sich an der Spitze von etwa Tausend Kriegern dem mordenden Mob entgegen, der nicht glauben wollte, dass ausgerechnet dieser gefürchtete Gegner der Franzosen, Christen schützen würde. Doch Abd el Kader sagte, dass er in einem regulären Krieg gegen Christen gekämpft habe und berief sich auf seine Religion, die feiges Morden verbietet.

Tagelang zogen Abd el Kaders Algerier durch die Christenviertel und gaben den Verfolgten Geleitschutz zum Hause Abd el Kaders. Als dieses die vielen Schutzsuchenden nicht mehr fassen konnte, wurden Tausende zur Zitadelle in Sicherheit gebracht. Selbst die Gesandtschaften christlicher Staaten wären ohne Abd el Kaders Eingreifen verloren gewesen. So konnte er mehr als 15.000 Christen, die von den türkischen Behörden im Stich gelassen wurden, durch sein persönliches Eingreifen unter Einsatz seines eigenen Lebens retten.

Von den Franzosen im Krieg besiegt und aus seiner Heimat vertrieben, kannte der Emir von Mascara keinen Hass auf die einstigen Gegner, und verdiente sich höchste Achtung als Mensch und Moslem. Dieser lebensrettende Einsatz eines einst gefürchteten Gegners fand dann in Europa weithin die ihm gebührende Anerkennung.

Auch im 19. Jahrhundert waren Kriege, Kolonialkriege besonders, blutig und grausam, und es gab schlimme Metzeleien. Aber zumindest die Anführer schienen sich gegenseitig zu achten und waren anscheinend in der Lage, nach dem Ende der schrecklichen Schlachten ihren Hass zu begraben, und in einstigen Feinden Menschen zu erkennen, mit denen friedliches Zusammenleben möglich war.

Hoffentlich können wir das auch heute! 

 

* Kalif = Nachfolger. Seit Mohammeds Tod im Jahre 632 der offizielle Titel seiner Nachfolger in der Herrschaft über die islamische Gesamtgemeinde.

** Janitscharen = eine türkische Elitetruppe, ursprünglich aus zum Islam übergetretenen Kriegsgefangenen gebildet

*** Maronitische Christen = ein Zweig der Ostkirche, der heute von dem maronitischen Patriarchen in Antiochia geleitet wird.

**** Drusen = islamische Sekte schiitischer Richtung

 

Literatur:

(1) Clayton, Vista “The Phantom Caravan or Abd el Kader, Emir of Algeria”, Exposition Press, Hicksville, New York 1975

(2) Colonel Churchill “Life of Abd el Kader”, Chapman and Hall, London 1867 Merkwürdige Geschichten