Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Mit 15 Tonnen Gold durch die Wüste

Die legendäre Pilgerfahrt des Königs von Mali nach Mekka setzte Impulse – und ruinierte die Staatsfinanzen des Mali-Reiches

(Veröffentlicht in GralsWelt 78/2013)

Zwischen der bewohnten Mittelmeerküste Nordafrikas und den Ufern der Flüsse Niger und Senegal erstreckt sich die größte Trockenzone der Erde: die Sahara. Wie alle Meere wirkt auch dieses Sand- und Steinmeer sowohl trennend als auch verbindend: Es gibt Ufer und Inseln, Ränder, an denen die Wüste in bebaubares Land übergeht, und Oasen, die den Reisenden in der Wüste Stützpunkte bieten. Handelswege und Karawanenpfade durchqueren seit Jahrtausenden die Sahara von Nord nach Süd und von Ost nach West.

Schon zur Zeit der Phönizier und Römer gab es Trans-Sahara-Routen, deren Bewältigung durch die Einführung des Dromedars im ersten vorchristlichen Jahrhundert sehr erleichtert wurde. Auf diesen Karawanenwegen wurde schon im Altertum Gold aus Westafrika nach Nordafrika und in den Nahen Ost gebracht. Das westafrikanische Gold hatte Jahrhunderte lang derart große Bedeutung, dass im Mittelalter ohne diese Quelle die Verwendung von Gold als Zahlungsmittel kaum möglich gewesen wäre. Erst als nach der Entdeckung Amerikas das Gold der Neuen Welt nach Europa strömte, verlor das westafrikanische Gold an Bedeutung. Weitere wichtige Handelsgüter waren Salz aus den Oasen der Sahara und Sklaven aus Schwarzafrika.

Einige Städte am Rande der Wüste wurden reich. Besonders durch Steuern, die auf die Transporte erhoben wurden. Die Handelsstädte Denné, Goa und Timbuktu wurden als Zentren von kulturellem Glanz weltberühmt und von einer Mystik umgeben, die sich bis ins 20. Jahrhundert erhalten hat (5). Aus Städten wurden Reiche. In Westafrika entstanden und vergingen eine Serie von mächtigen Königreichen.

Auf den Trümmern entsteht ein neues Reich

Auf den Trümmern des Reiches Ghana, das nach 500jährigem Bestehen im Jahre 1076 von den muslimischen Berberarmeen der Almoraviden[i] zerstört wurde, entstand das Reich von Mali mit der Hauptstadt Niani. Unter Mansa Kankan Musa (Mansa Musa = König Moses; Herrscher von 1312–1337) erreichte es seine größte Ausdehnung: vom Atlantik bis an die Westgrenze des heutigen Nigeria.

Zu dieser Zeit erreichte auch der Trans-Sahara-Handel einen Höhepunkt. Der König von Mali wurde außerordentlich reich durch Zölle und Steuereinnahmen, die vor allem in Gold erhoben wurden. Musas Regierungszeit brachte eine Periode der Stabilität und des Wohlstandes und den beginnenden Aufstieg von Städten wie Timbuktu zu Zentren von Bildung und kultureller Blüte. Architekten aus Arabien bauten Moscheen.

Das Land trat im 13. Jahrhundert zum Islam über. Die Nachbarn im Norden waren längst islamisiert, und die wichtigsten Handelspartner waren Muslime. Der gemeinsame Glaube erleichterte den Handel.

Die große Pilgerfahrt des Königs

Im Jahre 1324 brach Mansa Musa auf zu einem legendären „Haddsch“, einer islamischen Pilgerfahrt nach Mekka. Jeder Moslem soll ja mindestens einmal im Leben die historischen Stätten des Islam in Arabien besuchen.

Musas königliche Karawane durch die Sahara bot ein beeindruckendes Schauspiel: tausende von Begleitern, unzählige Kamele, zahllose Wasserbehälter und Proviantballen und nicht zuletzt – eine Unmenge Gold, angeblich 100 Kamellasten! (4, S. 199). Wenn man davon ausgeht, dass ein Kamel bei längeren Wüstenreisen angeblich etwa 150 Kilo tragen kann, dann wären 100 Kamellasten 15 Tonnen Gold, eine für die damalige Zeit unerhörte Menge. (Zum Vergleich: die Welt-Jahresproduktion betrug 2010 ca. 2.500 Tonnen Gold.)

Gab es je einen größeren, prunkvolleren Pilgerzug durch mehrere Tausend Kilometer der trockensten Regionen unserer Erde?

Nach mühsamen Märschen durch die Wüste kam die große Karawane (nun wohl schon merklich kleiner) nach Ägypten. In Kairo kauften die Mali-Leute dann großzügig ein; nicht nur das Notwendigste, sondern auch viele Souvenirs, Dinge, die sie noch nicht kannten.

Die ägyptischen Händler trauten ihren Augen nicht: so viel Gold! Und die Reisenden vom anderen Ende der Wüste hatten keine Ahnung von den hier üblichen Preisen! Das größte Geschäft aller Zeiten winkte, und die gerissenen arabischen Händler wussten die einmalige Chance zu nutzen.

„Sein Zug durch Kairo im Jahre 1324, seine Kamelkarawanen, seine Diener und Gemahlinnen, Gaben und arroganten Reiter, das ganze Zubehör eines Königs, dessen Reich bald ein Land von der Größe des westlichen Europa umschließen sollte und das so zivilisiert war wie die meisten seiner Art in Europa (oder sogar noch zivilisierter), lebte noch hundert Jahre später als beliebter Gesprächsstoff weiter; denn KANKAN MUSA kam mit einem Vorrat an Gold, an den man sich gern erinnerte, sowie mit großem Prunk und Aufwand.“ (1, S. 82)

Als die große Karawane des Königs Musa nach sechswöchiger Rast Kairo verließ, war der königliche Goldschatz sehr geschrumpft.

Doch das Ziel Mekka wurde glücklich erreicht, und die von den Gläubigen zu vollziehenden islamischen Riten absolviert.

Zu viel ist zu viel

Der unerhörte Goldsegen, den die Mekka-Pilger aus ihrem unerschöpflich scheinenden Füllhorn über Kairo ausgeschüttet hatten, brachte unerwartete Folgen: Mansa Musa und seine Begleiter verschwendeten so unerhörte Mengen an Gold „dass es in Ägypten den Wert des auf Gold basierenden ägyptischen Dinars auf Jahre hinaus ruinierte“ (6). Er selbst bekam das auf seiner Rückreise zu spüren. Da sein Gold nicht mehr den ursprünglichen Wert besaß, musste er sich von einem Kaufmann Geld leihen, um mit seiner Begleitung sein Königreich zu erreichen.

Mansa Musa war auch an technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen interessiert. So kehrte er nicht nur mit leeren Taschen, sondern auch mit einer Reihe von Gelehrten und Architekten nach Hause zurück. In Timbuktu stiftete er die erste Universität südlich der Sahara (3, S. 34).

In Ägypten stiegen die Preise, was den italienischen Kaufleuten, die mit Nordafrika Handel trieben, nicht verborgen bleiben konnte. Gerne verkauften sie ihre italienischen Waren in Kairo und Alexandria zu überhöhten Preisen. So wanderte ein Teil des Goldes aus Mali über Ägypten nach Italien und half mit, die großartige italienische Renaissancekultur zu finanzieren.

Mansa Musas verschwenderische Pilgerreise ging in die Geschichte ein. Sie ruinierte die Staatsfinanzen des Mali-Reiches. Das zuvor sehr wohlhabende Land verarmte. Als der große Weltreisende Ibn Battuta (1304–1377) im Jahre 1352 Timbuktu besuchte und auch Mansa Sulayman, dem zu dieser Zeit regierenden Herrscher von Mali, einen Besuch abstattete, beschrieb er (Battuta) Mali als ein verarmtes Land!

Mali geht unter

Mit der Verarmung des großen Mali-Reiches kam die Chance für das Volk der Songhai, die ursprünglich Vasallen des Mansa Musa waren. Die Songhai hatten bis 1375 einen starken Stadtstaat mit Zentrum in Goa aufgebaut. Nun waren sie in der Lage, mit Hilfe weiterer Stämme, die malische Oberherrschaft abzuschütteln. Im Jahr 1400 plünderten sie Niani, die Hauptstadt von Mali, und 1464 konnten sie das Sahelgebiet erobern. Der Niedergang des Mali-Reiches war nun nicht mehr aufzuhalten.

Literatur:

(1) Davidson Basil, Urzeit und Geschichte Afrikas, Rowohlt, Reinbeck 1961

(2) Gonick Larry, The Cartoon History of  the Universe III, W. W. Norton, New York

(3) Schicho Walter, Geschichte Afrikas, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2011

(4) Weyer Helfried/Lhote Henri, Sahara, Kümmerley + Frey, Bern 1980

 

www …

Geschichte Malis:

http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Malis

 

Mansa Musa:

http://de.wikipedia.org/wiki/Mansa_Musa

 



[i] Almoraviden (Krieger an der Grenze) = eine Berberdynastie in Nord-West-Afrika (Mauretanien, Westsahara, Marokko, Algerien) die auch Andalusien (Süd-Spanien) eroberte.