Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Mary Kingleys Flucht ins Paradies

(Veröffentlicht Mai 2014)

Als vor rund 120 Jahren die Eingeborenen Afrikas in Europa und den USA noch recht einstimmig als unterentwickelte Wilde abgetan wurden und Frauen das Haus zu hüten hatten, macht sich eine englische Lady allen Warnungen zum Trotz allein auf die Reise und dringt tief in Gebiete vor, die zuvor noch kein weißer Fuß betreten hat …

Die Welt ist verteilt

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war der Höhepunkt der Kolonialzeit, in der die „Weißen“ die Welt zum großen Teil unter sich aufteilten.

Die aufstrebenden USA hatten mittels der „Monroe-Doktrin“ jegliche Einmischung auf dem amerikanischen Kontinent verboten. Schon im Jahre 1823 hatte Präsident James Monroe nicht nur die unwiderrufliche Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten bekräftigt, sondern darüber hinaus auch die Existenz „zweier politischer Sphären“ postuliert. Der gesamte amerikanische Kontinent war demnach ein Interessengebiet der USA, dem europäische Mächte fernzubleiben hatten. Das half den verbliebenen Kolonien in Mittel- und Südamerika beim Kampf um ihre Unabhängigkeit von europäischen Kolonialmächten wie Spanien und Portugal. Die Vereinigten Staaten selbst griffen über den amerikanischen Kontinent hinaus. Durch den Philippinisch-Amerikanischen Krieg (1899–1902) wurden die Philippinen zu einer Kolonie der USA, und diese selbst zu einer Kolonialmacht. In der – nach Monroe – „anderen politischen Sphäre“ teilten die europäischen Kolonialmächte Afrika und große Teile Asiens unter sich auf.

Europäer und weiße Amerikaner hatten eines gemeinsam: die Geringschätzung der indigenen Völker. In Europa verglich Goethe die Indios mit Affen, und Hegel sah in den Eingeborenen unterentwickelte Menschen; Ansichten, die man noch im 20. Jahrhundert von europäischen und amerikanischen Rassisten hören konnte. Das Ende der Sklaverei lag noch nicht lange zurück (Abschaffung in den USA 1863 im Zuge des Bürgerkriegs, in Brasilien erst 1888), und die befreiten Schwarzen waren bei weitem noch nicht überall als gleichberechtigt anerkannt. Die Indianer wurden sowohl in Nord- als auch in Südamerika geringgeschätzt, unterdrückt, ausgebeutet, vertrieben, ermordet.

Allein ins „Grab des weißen Mannes“

Vor diesem kolonialistischen Hintergrund fand eine junge englische Frau der Viktorianischen Zeit einen gänzlich anderen Zugang zu den „Wilden“ Afrikas. Sie zollte den fremdartigen Stämmen Respekt und trat ihnen offen, unerschrocken und ganz allein gegenüber. So konnte sie Forschungsreisen bewältigen, bei denen die meisten Männer gescheitert wären.

Mary Henrietta Kingsley (1862–1900) war die Tochter des Arztes und Volkskundlers George Henry Kingsley (1827–1892). Ihr Vater, auch Reiseschriftsteller, war viel im Ausland unterwegs; manchmal über mehrere Jahre. Er war zum Beispiel mit Lord Pembroke in Nordamerika. Dort wäre Dr. Kingsley beinahe zusammen mit General Custer bei der Schlacht am Little Bighorn (1876) umgekommen. Durch schlechtes Wetter aufgehalten, kam seine Reisegesellschaft glücklicherweise zu spät, um mit Custer in den Tod zu ziehen.

So wuchs Mary meist allein mit der Mutter und einem Bruder auf. Als ihre Mutter pflegebedürftig wurde, mußte die Tochter sich um diese kümmern, während der Bruder studieren durfte. Durch die häufige Abwesenheit des Vaters – der seine Tochter selbst unterrichtete – kam die hochbegabte Mary nur zu einer mangelhaften Schulbildung. Ihren Wissensdrang konnte sie dafür in der großen Bibliothek des Vaters, besonders mit Werken über Afrika, einigermaßen befriedigen.

Als der zuletzt auch pflegebedürftige Vater 1892 stirbt und auch die Mutter wenige Wochen später begraben wird, steht Mary mit 32 Jahren allein. Sie ist gemäß damaliger Einstellung zu alt, um auf dem Heiratsmarkt noch Chancen zu haben. Sollte sie als Gesellschafterin langweiliger reicher Damen ein ödes Leben verbringen?

Das paßt nicht zu der Afrikabegeisterung der aktiven, intelligenten Lady. Kurz entschlossen entflieht sie einem freudlosen Dasein in England und tritt als ethnologische Forscherin in die Fußstapfen ihres Vaters. Ein von ihm begonnenes Buch über religiöse Fetische und die Kulturen Afrikas möchte sie beenden. Damals für eine Frau ein mehr als ungewöhnlicher, höchst mutiger Entschluß! Von London aus macht Mary sich alleine auf in ihr erträumtes Paradies, nach West- und Zentralafrika, um die dort beheimateten Menschen zu erforschen. Die Warnungen ihrer Freunde, daß der Kongo nicht umsonst als das „Grab des weißen Mannes“ berüchtigt sei, halten sie nicht ab.

Im Trauerkleid durch den Dschungel

Zu ihrer ersten Reise startet Mary 1892 nach Westafrika. Ihr Budget ist schmal, denn sie hat nur ein bescheidenes Vermögen geerbt. Am Kongo lebt sie mit Einheimischen zusammen, lernt ein Kanu zu rudern, Netze zu knüpfen und im Dschungel zu überleben. Es ist die Zeit, in der Afrikareisende Expeditionen ausrüsten, die Dutzende, manchmal mehr als 100 Träger umfassen. Die viktorianische Lady besitzt nur eine minimale Ausrüstung, trägt schwarze Trauerkleider, dazu einen schwarzen Regenschirm. Nur von einheimischen Führern begleitet, reist sie allein und begegnet Menschen, die noch nie einen Weißen, schon gar nicht eine weiße Frau, gesehen haben. Mary findet ihr Paradies in Afrika, seinen unberührten Landschaften, seinem Reichtum an Tieren, seinen fremdartigen Menschen. Sie liebt ihr Leben dort, mit allen Entbehrungen und Gefahren. So erreicht sie auf Dschungelpfaden Nigeria und kann 1894 von dort aus heimkehren.

Mary Kingsley bei den Fang

„Zwischen mir und den Fang entstand bald eine besondere Art der Freundschaft. Wir erkannten, daß wir zu derjenigen Gruppe der menschlichen Rasse gehörten, mit der man besser trinken als streiten kann. Wir wußten, daß wir uns bei ausreichendem Anlaß gegenseitig töten würden, deshalb bemühte sich jeder von uns um ein bestimmtes Maß an Vorsicht, gerade damit kein solcher Anlaß entstehen konnte. Auch ihre Geschäftsfreunde Gray Shirt und Pagan [Anm.: schwarze Führer Kingsleys, außer ihr war kein Weißer dabei] behandelten die Fang mit ausgesuchter Höflichkeit. Aber um Silence, Singlet, den Passagier und vor allem um Ngouta scherten sie sich einen Dreck. Ich habe kaum Zweifel, daß sie ohne uns drei diese liebenswerten Gentlemen mit ebenso wenig Bedenken getötet und verspeist hätten, wie ein englischer Jäger, wenn er die gleiche Anzahl Hasen erlegt.“ (1, S. 143)

Ihre zweite Reise 1894/95 bereitet Mary Kingsley – nun eine erfahrene Afrikareisende – umsichtig vor. Da sie schon eine Reputation hat, wird sie vom Britischen Museum mit Gerätschaften zum Sammeln von Fischen, Reptilien, Insekten ausgerüstet. Das knappe Reisegeld versteht sie unterwegs durch Handel aufzubessern, zum Beispiel indem sie englisches Tuch gegen Elfenbein oder Kautschuk tauscht.

Dieses Mal reist sie über Gabun in den französischen Kongo. Hier geht es zuerst mit dem Dampfschiff bis Lambarene (der späteren Wirkungsstätte von Albert Schweitzer), dann mit dem Kanu den Ogowe flußaufwärts.

Nun wagt sie sich in bislang völlig unbekanntes Land, das vor ihr noch kein Europäer betreten hat. Sie erlebt eine Fülle von Abenteuern mit Mangrovensümpfen, Blutegeln, Elefanten, Flußpferden, Gorillas und Krokodilen. Den vielen Gefahren entgeht sie etliche Male mit knapper Not. Der lebensgefährliche Höhepunkt ihrer Reise ist ein Aufenthalt bei den Fang, einem gefürchteten Kannibalenstamm. Hier stößt sie in der ihr zugewiesenen Hütte auf menschliche Leichenteile.

Danach zieht es sie zurück zur Küste, nach Kamerun, damals eine deutsche Kolonie. Hier erklimmt sie als erste Frau (mit langem, schwarzen Wollkleid, Unterrock und Korsett – ganz englische Lady) den Kamerunberg (4.095 Meter).

Haarsträubende Entdeckung bei den Fang

„Irgendwann wurde ich wach und entdeckte einen strengen Geruch in der Hütte, den ich auf die mangelnde Entlüftung zurückführte, außerdem erschien er mir eindeutig organischen Ursprungs zu sein. Ich klopfte die Asche von dem schwelenden Buschlicht, das brennend auf dem Boden lag, machte mich auf die Suche, und die Spur führte zu den Taschen. Also holte ich die größte herunter und merkte mir genau, auf welche Weise sie verschlossen worden war – so etwas ist wichtig und oft von großer Bedeutung. Dann schüttete ich den Inhalt in meinen Hut, um nichts Wertvolles zu verlieren. Es handelte sich um eine menschliche Hand, drei große Zehen und andere Teile des menschlichen Körpers. Die Hand war frisch, die anderen Dinge schrumpften bereits. Ich legte die Teile wieder hinein, verschloß die Tasche und hängte sie wieder auf. Obwohl die Fang Mitglieder ihrer freundlichen Nachbarstämme verzehren, heben sie augenscheinlich doch gern ein paar Kleinigkeiten als Erinnerung auf.“ (1, S. 150)

Anerkannte Forscherin und mutige Pionierin

Wieder zurück in England, schenkt Mary Kingsley die von ihr gesammelten Tiere – vor allem Reptilien und Fische – dem Britischen Museum. Etliche Exemplare wurden nach ihr benannt.

Dann schreibt sie zwei Bücher, von denen „Travels in West Africa“ (2) sofort ein Bestseller wird, hält Vorträge und Vorlesungen über das Leben in Afrika, seine Fauna, Flora, Folklore. Sie tritt für die Rechte der afrikanischen Ureinwohner ein, lehnt die verbreitete Selbstgerechtigkeit der Kolonialisten ab und kritisiert Missionare, die den Afrikanern ein Leben nach europäischen Idealen aufzwingen wollen. Die anglikanische Kirche reagiert empört. –

Mary Kingsleys dritter Aufenthalt in Afrika endet tragisch. Durch den Ausbruch des Burenkrieges sieht sie sich veranlaßt, anstatt nach Westafrika nach Südafrika zu reisen. Dort arbeitet sie freiwillig als Krankenschwester. In einem Kriegsgefangenenlager infiziert sie sich mit Typhus. Nur 37 Jahre alt, stirbt Mary Kingsley am 3. Juni 1900 in Simonstown nahe Kapstadt. Ihrem letzten Wunsch entsprechend, erhält sie eine Seebestattung mit militärischen Ehren.

Heute gilt Mary Kingsley als Pionierin der Frauenbefreiung, als kühne Forscherin und erfolgreiche Schriftstellerin, die das Frauenbild ihrer Zeit veränderte. Ihre Begegnungen mit Flußpferden, Gorillas, Elefanten und ihre ethnologischen Studien beim Stamm der Fang gehören zu den besten Stücken der Reise- und Abenteuerliteratur. Ihre Vorträge förderten eine besseres Verständnis der Afrikaner, denn sie machte Front gegen die damals in Europa und Amerika vorherrschende Meinung, „Neger“ seien „Primitive“, und Afrika müsse von den Europäern nach europäischen Mustern zivilisiert werden.

Literatur:

(1) Kingsley, Mary, Die grünen Mauern meiner Flüsse, Bertelsmann, München 1989

(2) Kingsley, Mary, Travels in West Africa, Macmillan, London 1897

(3) Kingsley, Mara, Westafrican Studies, Macmillan, London 1899

(4) Boddy-Evans, Alistar, Mary Henrietta Kingsley, About.com

                        http://africanhistory.about.com/library/weekly/aa011002a.htm

(5) Wikipedia, Mary Kingsley

                        http://de.wikipedia.0rg/wiki/Mary_Kingsley

Film-Empfehlung:

Wagnis im Dschungel – Mary Kingsley unter Kannibalen

ZDF-Film aus der Reihe „Tropenfieber“, Erstsendung 23.09.2007.

Auf Youtube verfügbar, Dauer 43 Min.

                        http://www.youtube.com/watch?v=yzG9Yd8EPWM