Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Mann Gottes oder Diener des Teufels

In der Geschichte kann man immer wieder der überraschenden Erfahrung begegnen, dass scheinbar unbedeutende Persönlichkeiten einigen Einfluss auf historische Entwicklungen nehmen können. Zum Beispiel mag man kaum glauben, dass ein schwer einzuordnender Analphabet, dessen Beurteilung zwischen einem Heiligen und einem Verrückten schwankt, am russischen Zarenhof wichtige Entscheidungen beeinflussen konnte: der Wandermönch, Prediger, Wunderheiler, Mystiker Grigori Jefimowitsch Rasputin (1869–1916).

Ein Taugenichts wird Geistlicher

Der „ungebildete Bauer Rasputin“ stammt aus dem Dorf Prokowskoje am östlichen Rande des Ural. Als Jugendlicher war er ein Taugenichts, ohne Schulbildung, der sich vor der Arbeit drückte, und sich verschiedene Delikte wie Unzucht, Diebstahl und Trunksucht vorwerfen lassen musste. Als Siebzehnjähriger zeigte er bereits eine starke Religiosität – ganz im Gegensatz zu seinem fragwürdigen Lebenswandel –, und er soll schon nächtelang gebetet haben. Auch seine hellseherische Begabung hat sich angeblich bereits gezeigt.

1886 ging er zum ersten Mal auf Wanderschaft, um in der religiösen Erkenntnis sein Heil zu finden. In der russischen Tradition stand das Pilgertum in einigem Ansehen. Es wurde besonders von der Landbevölkerung unterstützt. Viele Bauernhäuser hatten einfache Anbauten, in denen wandernde Mönche oder Pilger nächtigen durften. Zwischen 1886 und 1901 war Rasputin nur sporadisch zu Hause, was ihn nicht daran hinderte, im Jahr 1887 zu heiraten. Seine Frau hatte viel Verständnis für seine religiösen Ambitionen und versorgte in seiner Abwesenheit den elterlichen Bauernhof.

Rasputins längste Pilgerreise dauerte vier Jahre und führte ihn bis zum Berg Athos in Griechenland, dem wichtigsten Zentrum des Starzentums (zu den „Starzen“ siehe unten). Nach Jerusalem, seinem Traumziel, kam er erst später, zu seiner Petersburger Zeit. Während der Wanderschaft verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten auf Bauernhöfen oder auch durch religiöse Belehrungen.

Auf seinen Pilgerreisen kam Rasputin mit verschiedensten religiösen Gruppen und unterschiedlichen religiösen Lehrern, Asketen, Mönchen, Mystikern, Schamanen in Verbindung, auch mit der von der orthodoxen Kirche bekämpften Sekte der Chlysten (Geißler). Deren Zusammenkünfte arteten in Ekstasen und sexuelle Orgien aus, was Rasputin mit seinem ausgeprägten Triebleben entgegengekommen sein dürfte. Hunderte von Predigten konnte er hören, und große Meister weihten ihn angeblich in die Geheimnisse der göttlichen Heilkräfte ein. Die Erhabenheit prunkvoller Klöster beeindruckte den Wanderer, doch das Klosterleben stieß ihn ab. Hier begegnete er Prügeleien, Homosexualität, Machtkämpfen, Intrigen und verlor die Lust, selbst ein Mönch zu werden. Dafür glaubte er Gott in der Natur zu begegnen:

„Viel kann die Natur lehren in ihrer ganzen Weisheit, jeder Baum – und erst der Frühling. Der Frühling bedeutet ein großes Fest für den religiösen Menschen. Wie sich alles auf dem Feld öffnet und der helle Mai sich schmückt, so ergeht es auch dem Menschen, der Gott folgt, denn auch seine Seele entfaltet sich ähnlich der Natur im Mai, es ist, als nähme er am Heiligen Abendmahl teil, und er empfindet ein ähnliches Gefühl wie am Tag des Osterfestes – wie die Natur aufblüht, so blüht auch die Seele jenes Menschen auf, der Gott sucht …“ (3, S. 29)

1901 kam Rasputin stolz in sein Heimatdorf zurück und verkündete, er sei nun ein Starez geworden. Ein Starez oder Starze (russisch „der Alte“) hat nach der ostkirchlichen Tradition durch Einsiedlertum, asketische Übungen und mystische Erfahrungen ein besonderes Verhältnis zu Gott erlangt, das ihn in den Rang eines geistlichen Lehrers erhebt. In westlichen christlichen Kirchen würde man wohl von einem Mystiker sprechen. Russische Gemeinden hatten gewöhnlich einen Starez als Ratgeber. Dieser war in der Regel besonders religiös, galt als unfehlbar, und man traute ihm Heil- und Wunderkräfte zu.

In seinem Heimatort richtete Rasputin einen Andachtsraum ein und verkündete das Wort Gottes, wie er es verstand. Dadurch kam er in Konflikt mit seinem Dorfpriester, der ihn wegen Sektengründung, Orgien bei den Gottesdiensten und Schmähung der wahren Kirche anklagte. Die Vorwürfe ließen sich vor Gericht nicht hinreichend belegen; doch wurde Rasputin die Abhaltung von Gottesdiensten verboten.

Im Zentrum des Reiches

Bald wurde es Rasputin in seinem kleinen Heimatdorf wieder zu eng; im Jahr 1903 ging er erneut auf die Reise. Dieses Mal nach St. Petersburg. Hier erregte er die Aufmerksamkeit eines der berühmtesten Geistlichen Russlands, Johann von Kronstadt (1829–1908), dem Beichtvater des Zaren. Im Herbst 1905 wurde Rasputin von den Großfürstinnen Anastasia und Miliza dem Zaren Alexander II. vorgestellt. Damit hatte der charismatische Wandermönch Rasputin Zugang zu den höchsten gesellschaftlichen Kreisen. Er konnte kaum lesen und schreiben und hatte keinerlei formale theologische Ausbildung, vermochte aber große Teile des Neuen Testamentes auswendig zu zitieren. In dem gegenüber Mitteleuropa zurückgebliebenen Russischen Reich herrschte bis zum Ersten Weltkrieg eine selbstgerechte, eingebildete, autoritäre Aristokratie, deren Weltverständnis besser in die Barockzeit gepasst hätte, in der Scharlatane und Hochstapler Furore machten (vgl. GW 66/2011, „Schattenseiten einer Wendezeit“).

In diesen adeligen Kreisen wurde der hochgewachsene Rasputin, in einfachem Bauerngewand und mit ungepflegtem Vollbart, bald zum Star, der die anderen Wunderheiler oder mystischen Prediger in den Schatten stellte. Er war ein autoritärer Redner, der wenig Rücksicht auf seine Gesprächspartner nahm, aber viele in seinen Bann schlug.

Als Wunderheiler am Zarenhof

Seine wichtigsten Erfolge erwarb sich Rasputin durch einen Zufall. Der Zarensohn und Thronfolger Alexej litt an Hämophilie (Bluterkrankheit), die er von seiner Mutter Alexandra geerbt hatte. Bekanntlich sind Frauen meist keine Bluter, können diesen Gendefekt aber weiter vererben.

Im Herbst des Jahres 1907 hatte der Zarewitsch einen kleinen Unfall, der zu bedrohlichen inneren Blutungen führte, die die besten Ärzte nicht stoppen konnten. In ihrer Verzweiflung ließ die bigotte Zarin Rasputin rufen. Nach dessen Eintreffen besserte sich der Zustand des Thronfolgers schnell, die Blutungen kamen zum Stehen. Ob dafür – wie Rasputin behauptete – allein seine Gebete verantwortlich waren, ob Rasputins hypnotische Fähigkeiten oder die von ihm veranlasste Absetzung der Medikamente halfen, ist umstritten. Dem Zarensohn wurden blutverdünnende Acetylsalicylsäuren (Aspirin) verordnet, von deren blutungsfördernden Effekten man damals noch nichts wusste. Für alle Anwesenden, einschließlich der Ärzte, war die schnelle Heilung unerklärlich; Rasputin galt als Wunderheiler. Er konnte von nun an regelmäßig Hilfe leisten, wenn sich der Thronfolger eine Verletzung zugezogen hatte.

Der Wundermann wurde nun in den Zarenhof eingeladen, den er zunächst durch den Hintereingang heimlich betrat. Die Kinder mochten den merkwürdigen Besucher, der gut mit ihnen umzugehen wusste. Im September 1912 verletzte sich der Thronfolger am Knie, bekam eine riesige Beule und hatte starke Schmerzen. Rasputin war in Sibirien, doch es genügten seine Gebete und ein Telegramm von ihm, um den Zarewitsch zu heilen. Demnach gelangen Rasputin Fernheilungen. Auch in etlichen weiteren Fällen soll er seine Begabung als Heiler eindrucksvoll bewiesen haben.

Die Bluterkrankheit des Thronfolgers wurde geheim gehalten; daher konnte niemand außerhalb des engsten Kreises um die Zarenfamilie die Bevorzugung Rasputins verstehen. Besonders litt die Zarin Alexandra (geboren 1872 als Alix von Hessen-Darmstadt), in deren Verwandtschaft die Bluterkrankheit vorkam. Eigentlich hätte sie nach damaligem Verständnis keinen regierenden Fürsten heiraten dürfen. Denn es bestand die Möglichkeit, dass ein von ihr zur Welt gebrachter Thronfolger ein Bluter sein würde, den dieses Handicap lebenslang einschränken würde. So sah die dem Mystischen zugeneigte Zarin in Rasputin einen zur Heilung ihres Sohnes von Gott gesandten Heiligen.

Ein „Star“ schafft sich Feinde

Nach der Anerkennung durch den Hof konnte Rasputin als Mystiker und Wunderheiler auftreten, der von Damen der Gesellschaft angehimmelt wurde. Die Zarin vertraute Rasputin rückhaltlos, und auch der Zar hat ihn wohl manchmal um Rat gefragt. Rasputin nutzte dessen Vertrauen, um ihn als „Sprachrohr der Volksseele“ zu beraten. Dabei vergaß er nicht, auf seinen eigenen Vorteil zu achten. Inwieweit Rasputins Ratschläge Einfluss auf die russische Politik nahmen, ist umstritten.

Klatsch, Gerüchte, Verdächtigungen gegen Rasputin und die Zarin blieben nicht aus. Zumal Rasputins Lebenswandel nicht gerade dem Idealbild eines christlichen Asketen entsprach. Verschwendung, sexuelle Orgien, Trunksucht, Unzucht, die sich der vorgebliche Mystiker vorwerfen lassen musste, brachten viele, auch einflussreiche, hochstehende Persönlichkeiten, gegen ihn auf. Mehrmals geriet „der heilige Teufel“ in Konflikte mit der Polizei. Die Geheimpolizei legte ein umfangreiches Dossier über die Verfehlungen Rasputins an. Vor ernsteren Folge bewahrte ihn nur der Schutz des Zaren. Die Presse fand in diesen Skandalen ein viel beachtetes Thema.

Im Jahr 1908 wurde es dem Zaren zu viel. Rasputin musste St. Petersburg für einige Zeit verlassen. Er kehrte in seine sibirische Heimat zurück.

Am Tag des Attentats von Sarajewo, also am 28. Juni 1914, wurde Rasputin in seinem Heimatort durch den Messerstich einer exaltierten Frau lebensgefährlich verletzt. Er musste in Tjumen acht Stunden lang operiert werden und durfte das Krankenhaus erst am 18. August verlassen. So konnte er nur telegrafisch vor einem Krieg warnen, den weder der russische Zar noch der deutsche Kaiser wollten: „Lass dich nicht zum Krieg hinreißen! Er ist das Ende Russlands und des Zaren und wird Russland den letzten Mann kosten!“ (3, S. 291) Doch die russischen Truppen formierten sich schon, und selbst der Zar konnte den Krieg nicht mehr aufhalten. Rasputin durfte, nachdem er sich von seinen Verletzungen erholt hatte, nach St. Petersburg zurückkehren.

Heiliger oder Verrückter?

Als sich der Erste Weltkrieg für Russland immer unglücklicher entwickelte, wurde die Schuld nicht bei der mangelhaften Ausrüstung der Armee, der schlechten Truppenführung oder den unzureichenden Transportmitteln gesucht. Dafür kam die deutschstämmige Zarin in Verdacht. Vor allem aber wurde ihrem Protegé Rasputin Verrat vorgeworfen. Schließlich hat er den Zaren beraten, vom Krieg dringend abgeraten und dann mehrmals einen einseitigen Friedensschluss mit Deutschland empfohlen; pazifistische Propaganda während des Krieges galt als Verrat. Nun sollte Rasputins Einfluss auf den Zaren für das Debakel der russischen Armee verantwortlich sein. Von verschiedensten Seiten wurde Rasputin heftig angefeindet; im Parlament, der Duma, kam es zu einem Skandal.

Die Zarin sah in Rasputin bis zuletzt einen Auserwählten. Sie schrieb noch wenige Tage vor Rasputins Tod an ihren Gemahl: „Warum verlässt du dich nicht vermehrt auf unseren Freund, der uns durch Gott den Weg zeigt?“ Doch da war längst alles zu spät.

In der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember 1916 wurde Rasputin von russischen Patrioten ermordet, die seinem unseligen Einfluss auf die Regierung ein Ende setzen wollten.

Ging eine schon 1912 ausgesprochene Prophezeiung in Erfüllung? Rasputin warnte den Zaren, er solle ihn nicht vergessen, sonst würde der Zar binnen 6 Monaten seinen Sohn und den Thron verlieren. Die russische Revolution entmachtete den Zaren im Oktober 1917. Mitsamt seiner Familie wurde er am 17. Juli 1918 in Jekaterinenburg ermordet. Nicht gerade 6 aber doch 19 Monate nach Rasputin, der zumindest mit seiner Warnung vor dem Krieg und der dringenden Empfehlung, den Krieg rechtzeitig zu beenden, richtig lag.

Was lässt sich aus Rasputins Biographie lernen?

Rasputin bietet ein typisches Beispiel für den Umgang der Gesellschaft mit einem „Wunderheiler“. Gesundheit ist das höchste Gut. Wer in hoffnungslosen Fällen einem von den Ärzten aufgegebenen Patienten mit unkonventionellen Mitteln helfen kann, seine Gesundheit wieder herzustellen, erlangt höchstes Ansehen. Die Voraussetzungen, die einem Menschen eine solche außergewöhnliche Befähigung schenken, sind weitgehend unbekannt. Viele Menschen sind daher geneigt, in einem sogenannten „Geistheiler“ eine herausragende Persönlichkeit, einen Weisen, einen Visionär, sogar einen Heiligen zu sehen. Von einem solchen erwartet man auch eine bessere Übersicht über das Weltgeschehen. Dementsprechend werden seine Empfehlungen wie weise Ratschläge von einer übergeordneten, vielleicht sogar göttlichen Instanz betrachtet. Das oft auch dann noch, wenn der Lebenswandel des betreffenden Heilers nicht dem entspricht, was von einem durchgeistigten Menschen zu erwarten wäre. Ich persönlich habe das am Beispiel eines seinerzeit viel beachteten Wunderheilers beobachten können.

Viele Menschen sind in solchen Fällen bereit, die eigene Verantwortung abzuschieben, indem sie sich auf die Ratschläge einer Ausnahmepersönlichkeit, zum Beispiel eines Heilers, Hellsehers, Mystikers, Propheten, Visionärs, Heiligen verlassen. Das führt regelmäßig zu Enttäuschungen, da die Empfehlungen meist nicht das erhoffte Ergebnis bringen.

Es ist nicht leicht, einen wahrhaft Berufenen mit geistigem Überblick zu erkennen. Dieser würde den Ratsuchenden auch kaum ihre persönliche Verantwortung abnehmen. Häufig macht man sich auch nicht hinreichend klar, dass herausgehobene, religiöse Persönlichkeiten nicht selten auf dem schmalen Grat zwischen Heiligem und Ketzer balancieren mussten. Oft war es nur eine Frage der Umstände, ob ein religiöser Ekstatiker, Erleuchteter, Mystiker, Prophet oder Visionär Eingang in das Heiligenregister seiner Kirche fand oder als Verrückter oder gar als Ketzer verfemt wurde.

Literatur:
(1) Fuhrmann, Joseph T., Rasputin, Praeger, New York 1990
(2) Fülöp-Miller, René, Der heilige Teufel, LKG, Leipzig 1994
(3) Heresch, Elisabeth, Rasputin, Langen-Müller, München 1999
(4) Wikipedia-Enzyklopädie, Artikel „Chlysten“ und „Grigori Jefimowitsch Rasputin“