Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Kolumbus und die flache Erde

Veröffentlich in GralsWelt 15/2000

Es ist immer wieder überraschend, wie weit die Ansicht verbreitet ist, Christoph Columbus (1451-1506) hätte bei seinem Ziel, nach Indien zu kommen, gegen die Ansicht zu kämpfen gehabt, dass die Erde eine Scheibe sei. Demnach hätten die meisten Menschen seiner Zeit – darunter Experten am portugiesischen und spanischen Königshof – es für unmöglich gehalten, in „Westrichtung nach Osten“ zu reisen, also nach Indien, China und Japan zu gelangen. Ganz abgesehen davon, dass die Matrosen angeblich befürchteten, vom Rand der Erdscheibe abzugleiten und ins Nichts zu fallen. Auch ein antikes Märchen, das sogar Aristoteles übernahm, spielte bei den Überlegungen der Entdeckungsreisenden des 15. Jahrhunderts keine Rolle mehr: dass nämlich die äquatornahen Zonen wegen der dort herrschenden Hitze unbewohnbar seien. Portugiesische Karavellen waren bis zur äquatornahen Goldküste (Ghana) und Sklavenküste (Dahomey und Nigeria) vorgedrungen.

Diego Cao überquerte 1485 den Äquator, und 1487 erreichte Bartholomäus Diaz die Südspitze des afrikanischen Kontinents.

Der Weg nach Indien lag damit offen vor den portugiesischen Seefahrern. Weniger bekannt ist die Reise des Pedro de Covilhao, der von 1487 bis 1493 das Rote Meer und die Küsten Ostafrikas bis Sofala (im heutigen Mocambique), weit südlich des Äquators, erforschte.

Und die Tatsachen?

Wie sahen die Tatsachen aus? Seit der Antike war die Kugelgestalt der Erde für gebildete Europäer eine Selbstverständlichkeit.

Allerdings gab es Ausnahmen.

Mittelalterliche Mönche hatten gelegentlich Probleme mit dieser Vorstellung, und noch am Ende des 19. Jahrhunderts soll Ohm Krüger (Paulus Krüger, 1825-1904, Präsident der Südafrikanischen Republik Transvaal) wütend geworden sein, wenn man von der Erde als Kugel sprach.

Doch der Stand der Wissenschaft war längst klar: Aristarch von Samos (ca. 310-230 v. Chr.) sprach als erster vom heliozentrischen Weltsystem (Sonne im Mittelpunkt). Er versuchte sogar die Größen und Entfernungen von Sonne und Mond zu berechnen.

Eratosthenes von Kyrene, ab 246 v. Chr. Vorstand der Bibliothek von Alexandria, berechnete den Erdumfang auf ca. 39.690 km (heutiger Wert 40.000 km).

Durchgesetzt hat sich dann für fast anderthalb Jahrtausende das geozentrische Weltbild des Claudius Ptolemäus (um 100 bis 160 n. Chr.). Dieser errechnete den Erdumfang auf ca. 28.500 km, ein ähnlicher Wert, wie ihn auch der bekannte Geograph Strabo (62 v. Chr.-26 n. Chr.) annahm – dieser errechnete nämlich ca. 27.000 km.

Der Irrtum des Columbus

Als Kolumbus dem portugiesischen Hof seinen Plan einreichte, über die Westroute einen Weg nach Indien zu finden, stieß er auf Skepsis. Warum? Die königlichen Geographen wussten sehr wohl, dass man theoretisch auch auf diese Weise Indien erreichen könne. Bezweifelt wurde aber die von Kolumbus genannte Entfernung von ca. 7.000 km, die viel zu gering schien.

Der Orient-Handel der Europäer war durch die islamischen Eroberungen blockiert; doch das bedeutete nicht, dass alles Wissen von Arabien, Ostafrika und Indien verschollen war. Berichte der Reise Marco Polos (1254-1324) nach China lagen vor, und der Erdumfang war einigermaßen bekannt. So lag auf der Hand, dass Kolumbus keine Chance hatte, mit den vorhandenen Karavellen Indien zu erreichen. Damals ließen sich Schiffe kaum für eine Reichweite von 10.000 km mit Proviant versorgen; die Haltbarmachung von Lebensmitteln war noch unterentwickelt, und in Holzfässern gelagertes Trinkwasser wurde schon nach einigen Wochen faulig. Kolumbus aber beharrte auf seiner Überzeugung, dass er spätestens nach 7.000 km Land erreichen werde. Was machte ihn so sicher?

Eine Vermutung ist, dass er Informationen von den Vinlandfahrten der Wikinger hatte, die im 11. Jahrhundert nach Nordamerika fuhren und sogar dort siedelten. Oder kannte er die die sogenannten Portolane, alte Karten rätselhaften Ursprungs, die schon lange vor Kolumbus die Lage Amerikas richtig angaben? (Vgl. „Das Geheimnis der Portolane“, hier unter „Merkwürdige Geschichten“).

Wahrscheinlich kann man auf solche unsicheren Annahmen verzichten, denn es scheint belegt, dass Kolumbus zwei gravierende Fehler unterliefen. Da er das Glück des Tüchtigen hatte, verhalfen ihm aber seine Irrtümer dennoch zum Erfolg.

Zum einen legte Kolumbus bei den Entfernungsberechnungen einen zu geringen Erdumfang zugrunde. Den portugiesischen Wissenschaftlern dürfte der recht exakte Wert des Eratosthenes bekannt gewesen sein, den sie durch Entdeckungsfahrten entlang der afrikanischen Westküste bestätigt fanden.

Ferner verrechnete sich Kolumbus bei der Reiseroute des Marco Polo und schätzte die Entfernungen, die dieser zurückgelegt hatte, zu hoch ein.

Schließlich zog er von dem zu klein angenommenen Erdumfang die zu groß geschätzte Entfernung nach Indien ab und erhielt einen Wert, welcher der tatsächlichen Distanz von Portugal nach Amerika (aber nicht der nach Indien) entsprach.

Seine Annahmen wurden durch die Meinungen bekannter Geographen unterstützt. Zum Beispiel hinterließ Kardinal Pierre d’Ailly (ca. 1350-1420) ein hochgeschätztes Erdkundebuch, in welchem er meinte, dass das Meer zwischen Spanien und Indien bei günstigem Wind in wenigen Tagen zu überqueren sei. Auch der Kosmograph Paolo del Pozzo Toscanelli gab 1474 in einem Brief an den spanischen Hof, von dem Kolumbus eine Kopie erhielt, eine entschieden zu geringe Reisedauer für eine Westroute von Europa nach Indien an.

Auch nach seiner Entdeckung Amerikas war Kolumbus noch überzeugt, Indien erreicht zu haben (noch heute heißt die Gegend seiner ersten Landung „West-Indien“). Zeit seines Lebens hielt er an diesem Irrtum fest. So wurde der neue Kontinent schließlich „Amerika“ (nach Amerigo Vespucci, 1451-1512, der als erster in der Neuen Welt einen Kontinent erkannte) und nicht „Kolumbien“ benannt.

Die weitere Entdeckungsgeschichte brachen wir hier nicht zu verfolgen. Nachdem Kolumbus Portugal enttäuscht verlassen hatte, erhielt er nach etlichen Ansätzen und sechsjährigem, zermürbendem Zuwarten endlich von der spanischen Krone die sehnlich erwartete Zusage für seine Expedition, die Weltgeschichte machte und Spanien den Weg zur europäischen Vormacht öffnete.

Die Portugiesen hatten aufgrund ihrer besseren geographischen Kenntnisse und ihrer Erfolge bei der Erforschung der afrikanischen Küsten eine einmalige Chance ungenützt vorübergehen lassen. Dafür erreichten sie auf dem von ihnen entdeckten Seeweg um Afrika 1498 tatschlich Calicut an der indischen Westküste.

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Literatur:

Ceram, C. W.: „Der erste Amerikaner“, Rohwolt, Reinbeck, 1972.

Goldschmit/Jenter: „Christoph Columbus“, Goldmann München, o. J.

Landström, Björn: „Buch der frühen Entdeckungsreisen“, Bertelsmann, Gütersloh, 1977.

Pause, Gerhard: „Niemand hat Kolumbus ausgelacht“, Econ Düsseldorf, 1966.