Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Kampf um Kautschuk

 

(Veröffentlicht in GralsWelt 74/2013)

Heute wird viel von einer bevorstehenden Verknappung von Erdöl und anderen Rohstoffen gesprochen. Manche befürchten sogar eine Serie von Kriegen um Ressourcen, deren Beginn sie in den beiden Golfkriegen gegen den Irak, in Bürgerkriegen in Afrika und im Afghanistankrieg sehen. Solche Gedanken sind nicht neu. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sah man einen „Weltkampf um Rohstoffe“ kommen. Diese pessimistische Zukunftsschau, manchmal mit Nationalismus unterlegt, kann sich auf ein hervorstechendes Beispiel berufen. Ein unentbehrlicher Rohstoff wurde knapp und knapper, sein Preis explodierte, bis die Hausse der Spekulation einbrach. Betroffen war ein heute alltägliches Produkt mit besonderen Eigenschaften: der Kautschuk.

Jahrhunderte bevor der erste Europäer seinen Fuß auf den amerikanischen Kontinent setzte, kannten Indios einen „weinenden Baum“, der dem heute als Kautschuk bekannten Rohmaterial seinen Namen gab. Dieser Baum lieferte einen Werkstoff von unerreichter Elastizität, dessen Handhabung sich allerdings als schwierig erwies.

Erste Ansätze zur Kautschuk-Verarbeitung gab es schon bei Indianern, die zum Beispiel Bälle und sogar primitive Schuhe daraus fertigten. Dann machten spanische Eroberer mit dem Saft des Kautschukbaumes Mäntel regendicht. Im 18. und 19. Jahrhundert begannen europäische Wissenschaftler, die besonderen Eigenschaften des eigenwilligen Rohstoffs zu studieren und nutzbar zu machen, zum Beispiel für wasserdichte Regenmäntel. Doch das widerspenstige Material war bei Wärme weich und klebrig, bei Kälte spröde und brüchig. Obendrein war es nur schwer in eine gewünschte Form zu bringen. Den Durchbruch brachte die Erfindung der Vulkanisation durch den Amerikaner Charles Goodyear im Jahr 1839. Nun konnte durch eine Wärmebehandlung des mit Schwefel und Metalloxiden vermischten Kautschuks der uns geläufige Gummi entstehen.

Diese Erfindung kam gerade rechtzeitig. Neue Industriezweige verlangten neuartige Produkte: Dichtungen, Kabelisolierungen, elastische Schläuche, Fahrradreifen, Autoreifen, Gummihandschuhe, Regenmäntel, wasserdichte Planen, gasdichte Ballonhüllen, Gummistiefel, Schuhsohlen …

Doch das in steigendem Maße verlangte Rohmaterial für die Gummiprodukte musste in der Wildnis mühsam eingesammelt werden und war entsprechend teuer.

Kautschuk-Raubbau in Brasilien

Der bald unentbehrliche Rohstoff stammte von wild wachsenden Bäumen, die vereinzelt (etwa acht Bäume pro Hektar) in den Urwäldern Brasiliens und Boliviens standen. Die Erntemonate waren Mai bis September. Im Rest des Jahres verhinderten die jährlichen Überschwemmungen jede geregelte Tätigkeit im schwer zugänglichen Regenwald. Für die Kautschukernte waren die Kautschuksammler, die „Seringueiros“, zuständig. Meist wurden sie mit Booten zu ihrem Revier gebracht. Dort bauten sie zuerst eine primitive Hütte. Dann schlugen sie eine „Estrada“ zu den Kautschukbäumen; einen gerade noch begehbaren Pfad durch das wilde Gewirr von Ästen, Wurzeln, Lianen, verrottenden Stämmen, Farnen, Flechten und Moosen. Der Arbeitstag eines Seringueiros begann am frühen Morgen. Er ging sein Revier ab, das gewöhnlich neunzig bis einhundertzwanzig Kautschukbäume (Hevea brasiliensis) umfasste, und schnitt mit einem Zapfmesser die Baumrinde an. Die austretende Gummimilch (Latex) wurde in einem kleinen Becher aufgefangen. Bei einem zweiten Rundgang wurde die ausgeflossene Latex in einen Eimer geleert. Am Abend wurde die Latex über offenem Feuer geräuchert. Das ging so ähnlich vor sich wie die Herstellung eines Baumkuchens. Über offenem Feuer wurde ein Stock gedreht und die Gummimilch in dünnen Schichten darauf geträufelt. So entstand um den Stock ein Kautschukballen, der zuletzt aufgeschnitten wurde. Das ergab die typische Handelsform des Wildkautschuks. Eine Estrada, das Revier eines Seringueiros, lieferte in einer fünfmonatigen Ernteperiode etwa 1.000 Liter Latex; das entsprach 300 bis 400 Kilogramm Kautschuk.

Die Senringueiros waren meist von einem Unternehmer abhängig, der sie durch Gewinnbeteiligung lockte, aber oft wie Sklaven arbeiten ließ. Mit Vorliebe wurden Indianer zum Kautschuksammeln gezwungen, die dem ungesunden Klima in den mit Gelbfieber und Malaria verseuchten Urwäldern am besten gewachsen waren. Sie wurden schlecht, manchmal grausam behandelt und oft um ihren Lohn betrogen. Um die Kautschukernte zu steigern, verschmähte man gelegentlich die langwierige Zapfmethode, ging zu Raubbau über und ließ die Bäume ausbluten. In den leichter zugänglichen Regionen verschwanden dadurch die Kautschukbäume, und die Sammler mussten immer tiefer in den noch unberührten Regenwald vordringen

Kautschuk wurde „in Silber aufgewogen“

Der Bedarf an Kautschuk nahm stetig zu, die Kautschukernte konnte nicht Schritt halten. In Südamerika wurden 1910 über 60.000 Tonnen Wildkautschuk geerntet; das war das Maximum. Dafür mussten an die 200.000 Seringueiros – meist für einen Hungerlohn – im Dschungel ihre Gesundheit opfern. Im gleichen Jahr erreichte der Kautschukpreis ein Maximum von 30 Mark pro Kilogramm; das entsprach dem Silberpreis. Symbolisch gesehen wurde Kautschuk in Silber aufgewogen. (2)

Die hohen Kautschukpreise verleiteten zu Übergriffen wie Plünderung, Raub, Mord. Es kam 1902 sogar zum offenen Krieg zwischen Brasilien und Bolivien. Das militärisch überlegene Brasilien konnte sich Urwälder mit Kautschukbäumen von der vierfachen Fläche der Schweiz gewaltsam aneignen.

Für Brasilien war Kautschuk eines der wichtigsten Exportprodukte. Um das Kautschuk-Monopol zu erhalten, war die Ausfuhr von Samen oder Pflanzen der Hevea strengstens verboten. Schmugglern drohte Gefängnis und sogar die Todesstrafe.

Ein Konkurrenzprodukt kam aus Afrika, wo verschiedene Pflanzen, zum Beispiel Lianen (Kautschuk-Ranken), einen ähnlichen Rohstoff liefern. Das wichtigste dortige Sammelgebiet war Westafrika, vor allem das Kongobecken. In Belgisch-Kongo, einer Kolonie im persönlichen Besitz des belgischen Königs, wurden die Eingeborenen mit kaum mehr zu übertreffender Grausamkeit zum Kautschuksammeln gezwungen. Durch Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ (1) sind diese Gräueltaten weithin bekannt geworden. Auch die afrikanische Wildkautschukproduktion erreichte 1910 mit fast 20.000 Tonnen ihr Maximum.

Kein wild wachsender Kautschuk konnte den steigenden Bedarf befriedigen. War der zu erwartende Zusammenbruch der Gummiindustrie noch aufzuhalten?

Manaus – die reichste Stadt der Welt?

Zum Symbol des Kautschuk-Booms wurde – neben Belém und Iquitos – besonders Manaus, für Jahrzehnte die am schnellsten wachsende Stadt der Welt. Gegründet wurde diese Stadt 1669 als kleine Ansiedlung am in Kolumbien entspringenden „Schwarzen Fluss“ (Rio Negro), nahe dessen Mündung in den Amazonas. In einer Entfernung von 1.300 Kilometern vom Atlantik besaß Manaus einen für hochseegängige Schiffe erreichbaren Hafen. An diesem wichtigsten Umschlagplatz für Kautschuk fand so ziemlich alles statt, was vom Goldrausch im Wilden Westen geläufig ist. Zwischen 1880 und 1920 explodierte Manaus geradezu; aus einer Niederlassung von 5.000 Siedlern wurde eine Großstadt mit 100.000 Einwohnern. Diese verfügte – mitten im Dschungel – über elektrische Straßenbeleuchtung und die erste elektrische Straßenbahn Lateinamerikas.

An die Glanzzeiten von Manaus erinnert das wieder funktionsfähige, luxuriös ausgestattete „Teatro Amazonas“ von 1896, dessen Baumaterial zum Teil sogar aus Europa eingeführt wurde. Zu seiner Eröffnung sang Enrico Caruso. Oder der „Rio Negro Palast“, einst Sitz des Gummihändlers Waldemar Scholtz, heute ein Ausstellungszentrum.

Nach dem Ende des Kautschuk-Booms in den 1920er Jahren wurde Manaus zu einer verfallenden Geisterstadt, bis 1967 die Wende kam: Eine Freihandelszone brachte Industrie-Ansiedlungen, so daß die heutige Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas eine Millionenstadt ist. Prunkbauten aus der Kautschukzeit wurden renoviert und locken Besucher an.

Am Zoll vorbei: Der Weg zum Plantagenkautschuk

Auf Betreiben der englischen Regierung konnte der Naturforscher Henry Wickham (1846–1928), der sich im Amazonasgebiet als Pflanzer versuchte, im Jahr 1876 mit Hilfe einiger Indianer 70.000 Kautschuksamen einsammeln. Er brachte diese bei Nacht und Nebel auf den englischen Dampfer „Amazonas“. Es gelang, die wertvolle Fracht am brasilianischen Zoll vorbei zu schmuggeln. Gut gepflegt im botanischen Garten von Kew (London) keimten ganze 4 Prozent der Sämlinge, die dann als kleine Bäumchen nach Ostasien kamen – als Grundstock für eine Plantagenwirtschaft. Die Aufzucht von Kautschukbäumen erwies sich als unerwartet schwierig. Es dauerte 13 Jahre, bis die ersten 1.100 Pfund asiatischen Kautschuks auf den Markt kamen; eine lächerliche Menge, die sich nur langsam steigern ließ. Erst nach 1910 drückten spürbare Mengen Plantagenkautschuk auf die Preise, und 1914 wurde erstmals mehr Plantagenkautschuk produziert als Wildkautschuk. Brasiliens Monopol ging zu Ende.

Heute kommt fast der gesamte Naturkautschuk aus Hevea-Plantagen, die sich vorwiegend in Ostasien und in Afrika befinden. Plantagenkautschuk ist ein standardisiertes Produkt mit gleichmäßiger Qualität.

In freier Natur gesammelter Wildkautschuk ist nur noch ein exotisches Rohmaterial, das man in einer Gummifabrik selten zu sehen bekommt. Geschätzt sind seine Elastizität und seine Klebekraft, starke Verschmutzung und extreme Qualitätsschwankungen erschweren die Verarbeitung. Für Sonderzwecke wird er noch verwendet.

Die Suche nach weiteren Pflanzen, die technisch brauchbare, kautschukähnliche Substanzen produzieren, hält bis heute an: Vom als Zimmerpflanze bekannten „Gummibaum“ (Ficus elastica) über den Guttaperchabaum (Palaquium gutta) bis zum Löwenzahn.[i]

Deutsche Patente: der Synthesekautschuk

Während des Zweiten Weltkrieges kamen in großem Umfang synthetische Kautschuke auf den Markt. In Deutschland war man sich in den 1930er Jahren darüber im klaren, dass während eines Krieges der Import von Kautschuk aus exotischen Ländern unmöglich sein würde. Man erinnerte sich an den Ersten Weltkrieg, während dem bereits etwas Synthesekautschuk (Methylkautschuk) produziert wurde. So begann Deutschland schon vor dem Zweiten Weltkrieg mit der Produktion von Kunstkautschuk („Buna“ von Butadien und Natrium) aus einheimischen Grundstoffen, nämlich – wie es in der Propaganda hieß – aus „Kohle und Kalk“.

Als dann im Zweiten Weltkrieg Japan große Teile Ostasiens eroberte, sahen sich auch die Alliierten von wichtigen Kautschukerzeugern abgeschnitten. Die Japaner verfügten damit zwar über gewaltige Ressourcen, konnten diese aber nicht nutzen.

Mit Hilfe deutscher Patente entstanden während des Krieges in Kanada und den USA Werke für Synthesekautschuk. Die Kunstkautschuke mit etwas anderen, teils spezifischen, Eigenschaften als Naturkautschuk gewannen nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend an Bedeutung. Als Ausgangsstoff wurde und wird in den Synthesewerken Erdöl verwendet.

Kautschuk bleibt unentbehrlicher Rohstoff

Ersatz für den Kautschuk – sei es Naturkautschuk oder Synthesekautschuk – gibt es nicht. Die besonderen Kautschukeigenschaften, vor allem seine unerreichte Elastizität und die Vulkanisierbarkeit, machen ihn für viele Produkte, insbesondere Luftreifen, unersetzlich.

Im Jahr 2007 lag die Kautschukproduktion bei über 13 Millionen Tonnen Synthesekautschuk und fast 10 Millionen Tonnen Naturkautschuk.

Beim Naturkautschuk handelt es sich um eine erneuerbare Ressource, die allerdings Dünger und Pflanzenschutzmittel benötigt und von Pflanzenkrankheiten bedroht ist. Die Produktion lässt sich nur langsam steigern, die Preise schwanken stark. Synthesekautschuk wird aus Erdöl hergestellt, und eine Umstellung der Synthesewerke auf weniger knappe Ausgangsprodukte ist nicht in Sicht.[ii]

Man darf gespannt sein, wie sich der weltweit weiter steigende Bedarf im 21. Jahrhundert befriedigen lässt.

Ob es wieder zu Verknappungen kommt, ähnlich der Kautschukhosse, die am Anfang des 20. Jahrhunderts für Turbulenzen gesorgt, und sogar einen Krieg ausgelöst hat?

Literatur:

(1) Conrad Joseph, Herz der Finsternis, Süddeutsche Zeitung Bibliothek, München 2004

(2) Jünger Wolfgang, Kautschuk, Goldmann, München 1952

(3) Loadman John, Tears of the Tree, Oxford University Press 2005

(4) Pahl Walter, Weltkampf um Rohstoffe, Goldmann, Leipzig 1939

(5) Weinstein Barbara, The Amazon Rubber Boom, Stanford University Press 1983

www …

Manaus

http://www.amazontommytours.de/Städte_am_Amazonas/Manaus.html

Naturkautschuk

http://de.wikipedia.org/wiki/Naturkautschuk

Filmhinweis:

Der Spielfilm „Fitzcarraldo“ von Werner Herzog basiert auf einer wahren Begebenheit, die (mit Klaus Kinski in der Hauptrolle) filmisch abgewandelt dargestellt wird.



[i] Kaugummi wurde früher aus Mastix hergestellt, dem Harz von Pistazienbäumen. Heute meist aus synthetisch hergestelltem Polyisobutylen.

[ii] Neuerdings ist der Gedanke aufgetaucht, aus Zucker mit Hilfe von Bakterien Isopren herzustellen und dieses zu polymerisieren. So ließe sich Polyisopren herstellen, das chemisch mit dem Naturkautschuk identisch ist. Oder pflanzt man besser gleich Hevea-Bäume, anstatt Lebensmittel für die Kautschukproduktion zu verwenden? (Quelle: ARD „Wissen vor acht“ am 30. 7. 2012)