Siegfried Hagl - Schriftsteller

Site menu:

Heiter, trinkfreudig und prachtvoll

(Veröffentlicht in GralsWelt 67/2011)

Wie Russland auf der Suche nach der “besten Religion” orthodox wurde und sich in Europa eine Spaltung vollzog.

Im 9. Jahrhundert entstand die Kiewer Rus, das erste Reich der Ostslawen, die sich später in Großrussen, Ukrainer und Weißrussen aufspalteten. Aus diesem Reich entwickelte sich später das Russische Reich mit der Hauptstadt Moskau. Das Reich der Rus erstreckte sich von der Ostsee im Nordosten durch Tundra, Wald, Sümpfe und zuletzt Steppen bis fast ans Schwarze Meer im Südwesten. Zahlreiche Flüsse und zwei große Ströme (Wolga und Dnjepr) dienten dem Transport und machten die Rus zu einem Handels- und Durchgangsland. Die Fürsten von Kiew waren im 10. Jahrhundert zu einer Macht geworden, welche die Nachbarn nicht ignorieren konnten, die sich dann auch um Handel, politische Kontakte, Bündnisse und nicht zuletzt um den Export ihrer Religion in die Kiewer Rus bemühten.

Welche Religion ist die beste?

Schon längst gab es in Kiew Kontakte mit verschiedenen Hochreligionen. Im 10. Jahrhundert schien es für die Kiewer Fürsten an der Zeit, sich für eine davon zu entscheiden, um den Zusammenhalt und die staatsbildende Kraft zu nützen, die ein einheitliches Glaubensbekenntnis versprach. Die Fürstin Olga (gest. 969) reiste dazu nach Konstantinopel und bat auch den Deutschen Kaiser Otto I. um Unterstützung bei der Mission, erhielt aber von keiner Seite die erhoffte Hilfe.

Dann kamen zu Wladimir dem Heiligen (Regierungszeit: 977–1015) Gesandtschaften der Nachbarvölker, die ihre Religion nach Kiew bringen wollten: Muslimische Wolgabulgaren, katholische Deutsche, ein griechischer „Philosoph“ und – heute für manche überraschend – auch jüdische Chasaren (ein halbnomadisches Turkvolk, das zwischen Schwarzem Meer und Kaspie ein beachtliches Reich beherrschte). Im 8. Jahrhundert hatte ein großer Teil der Oberschicht der Chasaren den jüdischen Glauben angenommen. (Auf dieser historischen Tatsache beruht die immer wieder geäußerte, jedoch nicht bewiesene Behauptung, die späteren Ostjuden seien Nachkommen der Chasaren.)

Den Legenden zufolge sah Wladimir in der Annahme der jüdischen Religion und einem damit einhergehenden Bündnis mit den Chasaren keine politischen Vorteile. Der Islam schien ihm zu streng, hatte zu wenig Heiterkeit, und das Alkoholverbot schreckte Wladimir ab, von dem der Spruch kolportiert wird: „Trinken ist der Russen Vergnügen, ohne das wir nicht leben können.“ Blieben die Katholische und die Oströmische (Orthodoxe) Kirche.

Wladimir waren die Aussagen der Missionare nicht genug. Er schichte Gesandtschaften aus, die sich an Ort und Stelle von dem Wert der beiden Religionen überzeugen sollten, die Wladimir akzeptabel schienen. Die um die Gunst der Russen bemühten Gastgeber waren dann erstaunt, dass die russischen Gesandten kaum die Lehre, sondern die Andachtsgestaltung studieren wollten.

Von Rom, einer Kleinstadt voller Ruinen, die nur noch wenig von ihrer einstigen Bedeutung als Hauptstadt der Welt ahnen ließ, waren Wladimirs Gesandte wenig beeindruckt, und auch die Römische Messe, die „keinerlei Schönheit“ gezeigt hatte, überzeugte sie nicht.

Ganz anders Byzanz, die noch immer glänzende Metropole eines Großreiches. Der feierliche orthodoxe Ritus, herrliche Choräle, die goldene Pracht der Hagia Sophia, der größten christlichen Kirche ihrer Zeit, überwältigten die Russen. „Wir wussten nicht, waren wir im Himmel oder auf Erden. Denn auf Erden gibt es keine solche Pracht und Schönheit, uns fehlen die Worte, sie zu beschreiben.“

Den Ausschlag für die Wahl der Religion gab dann wohl doch die Politik: Der junge oströmische Kaiser Basileios (976–1025) befand sich zu Beginn des Jahres 988 in einer kritischen Lage und brauchte militärische Hilfe. Er schickte eine Gesandtschaft, die in Kiew um Waffenhilfe bat, und als Gegenleistung dem Fürsten Wladimir die Hand der purpurgeborenen Prinzessin Anna bot; ein nach byzantinischem Selbstwertgefühl außerordentliches Angebot. Denn noch nie hatte ein fremder Fürst eine „im Purpur“, das heißt im kaiserlichen Palast als Tochter des regierenden Kaisers geborene Prinzessin zur Frau erhalten.

Dieses Angebot überzeugte, und im Jahre 988 ließ sich Wladimir mitsamt seinem Hofstaat nach dem orthodoxen Ritus taufen. Missionare aus Konstantinopel christianisierten die Rus und legten den Grundstock für die orthodoxe Kirche Russlands. Von 1039 an gab es auch einen russischen Metropoliten, der dem Patriarchen in Konstantinopel unterstand.

Russland wird orthodox

Die Entscheidung Wladimirs für die Religion Ostroms fand zunächst in Westeuropa wenig Beachtung. Doch auf längere Sicht hatte sie weitreichende Folgen. Neben der orthodoxen Liturgie wurde auch eine Weiterentwicklung der vom Slawenapostel Kyrill (ca. 827–869) auf der Basis des griechischen Alphabets entwickelten Schrift eingeführt, die – nicht ganz zutreffend – als „kyrillische Schrift“ (Kyrillica) bezeichnet wird. Kyrill war übrigens katholisch und hatte vom Papst die Erlaubnis erhalten, bei den Slawen in deren Landessprache die Bibel zu predigen.

Die für Westeuropäer ohnehin schwer zu erlernende russische Sprache wird seither auch noch in einem anderen Alphabet geschrieben. Russland nahm sich die byzantinische Kultur zum Vorbild, nicht die römische.

Später, als das Russische Reich von verschiedenen Seiten bedrängt wurde, kamen zu den politischen und ethnischen Spannungen noch religiöse Konflikte. In der polnisch-litauischen Union, zu der zeitweise auch die Ukraine gehörte, standen seit der Reformation Katholizismus und Protestantismus im Wettstreit, und die Kosaken im Südosten bekannten sich zur orthodoxen Kirche. So spielten zum Beispiel beim großen Kosakenaufstand von 1648 auch die religiösen Bekenntnisse eine Rolle, die den späteren Anschluß der Ukraine an Russland (1654) beeinflussten (diese Spaltung der Ukraine wirkt sich bis heute aus: der Süden der Ukraine ist russlandfreundlich, der Norden orientiert sich mehr nach Westen); von den Spannungen mit türkischen und tatarischen Nachbarn, die Muslime waren, ganz zu schweigen.

Nach der Eroberung Konstantinopels (1453) war die oströmische Kirchen zu einem kümmerlichen Dasein unter türkischer Herrschaft verurteilt. Die russisch-orthodoxe Kirche gewann an Einfluss und Macht und fühlte sich als alleinige Vertreterin der unverfälschten christlichen Lehre. Seit 1538 stand der russischen Kirche dann ein Patriarch vor; das Wort russisch wurde zu einem Synonym für rechtgläubig. Renaissance, Reformation und die Aufklärung gingen an Russland vorbei, das bis weit in die Neuzeit in mittelalterlichen Strukturen gefangen blieb. Diese zunächst nur religiöse Abwendung Russlands vom westlichen Europa hat zu tiefgehenden wirtschaftlichen, kulturellen, mentalen Unterschieden zwischen Ost und West beigetragen, die trotz aller wissenschaftlichen Leistungen der Russen bis in unsere Zeit nachwirken.

Russlands Weg in die Moderne

Seit Peter dem Großen (1672–1725) wurde – oft mit Brachialgewalt – versucht, die russische Gesellschaft in die Moderne zu treiben. Bislang hatten weder Katharina die Große (1729–1796) noch die Bolschewisten damit einen durchschlagenden Erfolg. Für das 21. Jahrhundert darf man in Russland auf eine bessere Entwicklung hoffen, sofern es gelingt, den Alkoholismus unter Kontrolle zu bringen und demokratische Strukturen sich durchsetzen.

Man möchte einen Vergleich mit dem Islam anstellen, der – durch Jahrhunderte lange Abkoppelung von der Entwicklung in der westlichen Welt – nun große Schwierigkeiten hat, den Anschluss an die Moderne zu finden. Dagegen haben alte Kulturnationen Asiens dem Anschein nach weniger Probleme, sich mit dem europäischen Denken vertraut zu machen und westliche Technik und Industrie zu übernehmen. Inwieweit bei der Anpassung an westliche, an demokratische Lebensweisen Religionen, Philosophien, überlieferte Herrschaftsformen, alte Handwerkstraditionen oder gesellschaftliche Strukturen hilfreich oder auch hinderlich sind, ist eine heiß diskutierte Frage, auf die es kaum eine kurze, einfache Antwort gibt.

Literatur:

Stöckl Günther, Russische Geschichte, Kröner, Stuttgart 1990

www …

Die russisch-orthodoxe Kirche: http://www.russisch-orthodoxe-holzkirche.de/geschichte.html