Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Eine unglaubliche Ankündigung

(Veröffentlich in GralsWelt 16/2000)

Wie Tecumseh, der „größte Indianer, der je gelebt hat”, das stärkste Erdbeben Amerikas vorhersagte.

 Wer sich mit der Frage beschäftigt, welche großen Prophezeiungen sich in der Geschichte auch verwirklicht haben, wird dabei unter anderem auf eine herausragende Persönlichkeit unter den Shawnee-Indianern  stoßen: Tecumseh (1768-1813) kündigte das größte Erdbeben in der Geschichte Amerikas an und sagte auch einen gewaltigen Meteor voraus. 

 Die Geschichte der Indianer enthält die Namen großer Häuptlinge, herausragender Persönlichkeiten, in deren menschlichen Qualitäten und kriegerischem Geist der Genius eines zurückgedrängten, zermürbten, unterdrückten und zum großen Teil ausgerotteten Volkes seine klarsten Ausprägungen fand.

Unter den indianischen Genies nimmt Tecumseh (1768-1813), „der vorbeiziehende Berglöwe” oder „der zum Sprung sich duckende Berglöwe” eine herausragende Stellung ein; er gilt als der größte Indianer, der je gelebt hat.

 Ein außerordentlicher Krieger

Tecumseh war ein Shawnee (Shawano), der keiner Häuptlingsfamilie entstammte. Er fiel durch außerordentliches Können als Krieger und Jäger, überragende taktische und strategische Fähigkeiten und unvergleichliches rednerisches Talent auf, so daß er weit über seinen Stamm hinaus Anerkennung und Bewunderung fand. Sein großes Ziel war, alle Indianer zu einem gemeinsamen Abwehrkampf gegen die weißen Kolonisten zu vereinen, um die noch verbliebenen Siedlungsgebiete zu erhalten und damit das Überleben aller roten Völker zu sichern. Mit Hilfe Englands, das im Krieg von 1812/13 von Kanada aus gegen die Vereinigten Staaten kämpfte, konnte sein Traum in Erfüllung gehen; allerdings nur, wenn alle Indianer den Ernst der Lage erfaßten und sich unter Tecumsehs Führung vereinten. Statt dessen entglitt ihnen ihre letzte realistische Überlebenschance aufgrund ihrer Uneinigkeit.

Das Leben des großen Tecumseh und sein vergeblicher Kampf gegen die „Langen Messer” (die amerikanischen Grenzer) wird in jeder Geschichte der Indianer beschrieben. Hier soll dagegen eine weithin unbekannte Episode berichtet werden, die in Indianerbüchern meist fehlt, obwohl sie zu den erstaunlichsten historischen Ereignissen zu zählen ist.

Wie der angesehene Fach-Autor Allan W. Eckert berichtet, reiste Tecumseh nicht nur durch große Teile Nordamerikas, von den großen Seen über die Prärien des Westens bis nach Florida, und rief die Indianer-Stämme auf, sich zusammenzuschließen, sondern er kündigte auch „ein großes Zeichen” an.

Alle Indianer sollten erkennen, daß es das Zeichen Tecumsehs sei, der im Namen des Großen Geistes zum Kampf ruft.

Die Ankündigung

Glaubhafte, wenn auch nicht mit letzter Zuverlässigkeit bewiesene Überlieferungen berichten:

An jeden der von Tecumseh geworbenen Indianer-Stämme sandte er einen mit Bildzeichen versehenen Totem-Stab, der nur für eingeweihte Indianer verständliche Anweisungen gab, sowie ein Bündel roter Stäbe. Jeden Monat bei Vollmond sollte ein Stab aus dem Bündel herausgenommen werden. War nur noch ein Stab übrig, dann mußte der nächtliche Himmel beobachtet werden, bis dort das Zeichen Tecumsehs erschien, der „vorbeiziehende Berglöwe”, der auch zu Tecumsehs Geburt erschienen war.

Der letzte der Stäbe mußte danach in dreißig Teile zerbrochen werden, von denen jeden Tag einer ins Feuer geworfen werden sollte. War das letzte Stück verbrannt, würde Tecumseh auf den Boden stampfen und, für alle Indianer wahrnehmbar, das Zeichen zum Beginn geben.

Ein gewaltiges Beben

Den alten Berichten zufolge erfüllten sich Tecumsehs Vorhersagen in der folgenden Weise:

16. November 1811: „In dieser klaren und kalten Nacht war der Himmel um Mitternacht voller strahlender Sterne, deren Glanz von keinem Mondlicht beeinträchtigt wurde. Da trat ein ungeheuerer Meteor in die Atmosphäre ein, etwa über dem Zentrum der großen Gebirgskette der Rocky Mountains im Westen, und wanderte nach Osten. Die Atmosphäre zerrte an ihm, bis er in drei große und eine Myriade kleiner Teile zerbrach. Die kleinen Teilchen wurden schnell von der Reibung abgebremst und verglühten; doch die drei großen entfernten sich voneinander und fackelten in intensiven grünlich-weißen Flammen in der Dunkelheit des Himmels über den südlichen, mittleren und nördlichen Teilen des östlichen Nordamerikas”.

16. Dezember 1811: „Die Häuptlinge waren damit fertig, das letzte Stück des letzten der roten Stäbe in das Feuer zu werfen, und warteten. Da bockte, schaukelte und taumelte die Erde unter ihnen mit mahlendem, krachenden, donnerndem Lärm, wie nie jemand von ihnen je zuvor gehört oder gefühlt hatte. In der Nähe des Epizentrums dieses gewaltigen Erdbebens wurden sie zu Boden geworfen.”

Dieses Erdbeben mit Stufe 8 auf der Richter-Skala war das stärkste jemals in Amerika gemessene. Unter anderem senkte sich das Land am Mississippi, so daß der Reelfoot Lake entstand.

Es gab und gibt Kontroversen, ob Tecumseh tatsächlich das größte Erdbeben der Geschichte Amerikas und obendrein noch einen gewaltigen Meteor vorhersagen konnte. Vieles spricht dafür, auch wenn unanfechtbare historische Belege fehlen. Es wurde überliefert, daß Hellsehen in Tecumsehs Familie vererbt wurde. Er selbst hat, ebenso wie sein Vater und sein älterer Bruder, seinen Tod vorhergesagt. Außerdem kündigte Tecumseh schon von 1801 an ein „großes Zeichen” an, das augenblicklich von allen Stämmen erkannt würde, und er war kaum der Mann, der sich durch leichtfertig versprochene, unerfüllbare Ankündigungen selbst desavouiert hätte.

Nehmen wir also den Bericht über Tecumsehs prophetische Leistungen so, wie er von einem ernsthaften Forscher niedergeschrieben wurde, und überlassen es jedem Leser, sich seine eigenen Gedanken zu machen und gegebenenfalls selbst weiter zu forschen.

Literatur:

Allan W. Eckert „A Sorrow in our Heart” Bantam Books, New York; 1993