Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Eine “ewige, unvermeidliche Einrichtung”

Sklaverei im christlichen Europa

(Veröffentlicht in GralsWelt 79/2013)

In der Geschichtsschreibung gibt es immer wieder Überraschungen. Nicht selten werden Ereignisse, die ein unrühmliches Licht auf unsere glorreiche abendländische Geschichte werfen könnten, nur ungern erwähnt. So zum Beispiel die Bedeutung und das Ausmaß der Sklaverei in Europa.

Der Sklavenhandel wurde in Europa vom 16. Jahrhundert an wichtig, als die „Neue Welt“ dringend schwarze Sklaven brauchte, weil die indianischen Zwangsarbeiter knapp wurden. Doch schon viele Jahrhunderte zuvor gab es den Handel mit Sklaven; und zwar nicht nur im Römischen Reich oder im Orient, sondern auch im christlichen Europa.

Schon das Wort „Sklave“ nach der heute verbreiteten Herleitung weist darauf hin: Es kommt vermutlich von „Slawe“. Die Slawen waren bis ins 10. Jahrhundert noch kaum christianisiert und lebten in Osteuropa und auf dem Balkan. Sie wurden besonders häufig als „Kriegsbeute“ versklavt. Als „Heiden“ oder „Ungläubige“ wurden sie von Byzantinern, Germanen, Normannen wie Römern gejagt und als Sklaven verkauft – wobei man heute wohl politisch korrekt nicht von „Sklaven“ sprechen würde, sondern von „Mitbürgern mit eingeschränkter Selbstbestimmung und slawischem Migrationshintergrund“. Doch im 10. Jahrhundert gab es noch kein „Unwort des Jahres“.

Sklaverei im angehenden Mittelalter

Die Teilung des Römischen Reiches in Ost- und Westrom im Jahr 395 oder auch das Ende des weströmischen Kaisertums im Jahre 476 gelten als der Beginn des Mittelalters: die über Jahrhunderte dominierende Weltmacht Rom war gespalten, teilweise zusammengebrochen und kämpfte ums staatliche Überleben. Doch für das Alltagsleben der meisten Menschen änderte sich mit diesem (von der Geschichtsschreibung willkürlich festgelegten) Ende einer Epoche und dem Beginn einer neuen nicht viel. Die Menschen wollten überleben. Trotz der inneren Wirren und Angriffen von außen lief die Wirtschaft weiter, und mit ihr wie selbstverständlich auch die Sklaverei.

Typisch für das frühe oder „finstere“ Mittelalter war außerdem das Lehenswesen. Die Gesellschaft bestand aus Freien, Leibeigenen und Sklaven. „Zu den Freien zählten die Adeligen, die Geistlichen, die Berufssoldaten, die Angehörigen der freien Berufe, die meisten Kaufleute und Handwerker und Bauern, denen ihr Grundstück gehörte, ohne dass sie eine größere oder überhaupt eine Verpflichtung gegenüber dem Lehnsherrn gehabt hätten.“ (1, S. 385)

Der Leibeigene bebaute ein Landstück, das dem Grundeigner gehörte. Er hatte einen Pachtzins in Form von Produkten oder Arbeitskraft an den Grundherrn zu entrichten, der ihm dafür militärischen Schutz gewährte. Nach dem Tod eines Leibeigenen ging dessen Parzelle nur dann an seine Kinder über, wenn der Grundherr einwilligte. Die Stellung eines Leibeigenen war kaum besser als die eines Sklaven, und flüchtige Leibeigene wurden nicht minder eifrig wieder eingefangen wie entlaufene Sklaven.

Knotenpunkte des Sklavenhandels

Mit der Haltung von Sklaven einher ging auch der Sklavenhandel. Im Mittelalter, und zum Teil noch darüber hinaus, florierte er in bestimmten Städten und Gebieten ganz besonders:

• Konstantinopel: In Konstantinopel, der Hauptstadt des Oströmischen Reiches, kreuzten sich zwei wichtige Handelswege: die Wasserstraße vom Mittelmeer zum Schwarzen Meer und der Landweg von Asien nach Europa. Dementsprechend war Konstantinopel ein bedeutendes Handelszentrum, in dem auch Sklaven gehandelt wurden.

• Bari: Ein wichtiger Umschlagplatz für Sklaven war Bari, der letzte Stützpunkt des Oströmischen Reiches auf italienischem Boden, bis es 1071 von Normannen erobert wurde. Von hier aus wurden Sklaven nach Ägypten, Marokko und Spanien weiterverkauft. „Umgekehrt waren slawische Sklavenhändler an den Küsten des Schwarzen Meeres, Westasiens oder Nordafrikas unterwegs, um Muselmanen und Griechen einzufangen, die sie dann als Knechte, Hausbedienstete, Eunuchen, Konkubinen oder Prostituierte an Muselmanen oder Christen verkauften.“ (1, S. 386)

• Nordafrika: Muslimische Herrscher setzten Sklaven gerne als Soldaten ein, boten ihnen Aufstiegsmöglichkeiten und bekamen so von den einheimischen Stammesfehden unbelastete, einigermaßen loyale Truppen. Nordafrikanische Herrscher, wie die Fatimiden1 in Ägypten, hielten aus weißen oder schwarzen Sklaven bestehende Truppenteile. In der Neuzeit waren die aus Sklaven rekrutierten türkischen Janitscharen und die ägyptischen Mameluken als Elitetruppen gefürchtet.

• Venedig: Die reiche Handelsstadt konnte besonders die Ressourcen des Balkans nutzen: Holz und Sklaven. So verdankt die prunkvolle Stadt ihren Reichtum zum großen Teil der Sklavenjagd und dem Sklavenhandel. „Die Venezianer verkauften Christen als Sklaven an die Sarazenen und bauten mit einem Teil des Erlöses die Kirchen für ihre Heiligen.“ (1, S. 205) Bei einem Besuch der Lagunenstadt berichten die Reiseführer zwar stolz, dass deren prachtvolle Gebäude auf über einer Million Eichenpfählen ruhen, die in den Sand und Schlick der Lagune gerammt wurden. Doch dass Sklaven diese schwere Arbeit verrichten mussten, bleibt meist unerwähnt.

• Mitteleuropa: Auch in Deutschland, England und Frankreich hatte man noch im 10. Jahrhundert keine Bedenken, heidnische Slawen gefangen zu nehmen, um sie auf eigenen Gütern arbeiten zu lassen oder in muselmanische oder byzantinische Länder zu verkaufen.

• Portugal: Bis ins 19. Jahrhundert war die Sklaverei im christlichen Europa nie ganz erloschen2. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts begannen die Entdeckungsfahrten der Portugiesen entlang der afrikanischen Küste. Von dort brachten sie dann regelmäßig auch Sklaven mit. Noch im Barock waren an europäischen Fürstenhöfen schwarze Sklaven als Diener kein ungewöhnlicher Anblick (siehe Kasten)3. Anfangs fingen die Portugiesen die Sklaven selbst ein. Um dann bald festzustellen, dass es lukrativer war, Gold, Elfenbein und Sklaven von schwarzen Herrschern gegen europäische Waren einzutauschen. Als im 16. Jahrhundert der Bedarf an Sklaven für die Neue Welt sprunghaft anstieg, waren die Portugiesen mit ihren befestigten Handelsniederlassungen an der afrikanischen Küste bereits gut vorbereitet.

Kirche und Sklaverei

Oft ist man geneigt, die Abschaffung der Sklaverei mit dem Christentum in Verbindung zu bringen, und übersieht dabei, dass sowohl im Alten wie im Neuen Testament die Sklavenhaltung gerechtfertigt wird. So arbeiteten Sklaven noch im 11. Jahrhundert auch auf kirchlichen und päpstlichen Gütern.

Die Sklaverei, „eine Einrichtung, die während der gesamten bekannten geschichtlichen Zeit bestanden hatte, schien selbst aufrichtigen Moralisten unvermeidlich und ewig zu sein. Papst Gregor I. („der Große“, 590–604) setzte zwar zwei Sklaven frei und sprach dazu bewundernswerte Worte über die natürliche Freiheit aller Menschen. Er setzte aber weiter Hunderte von Sklaven auf den päpstlichen Gütern ein und stimmte Gesetzen zu, die den Sklaven verboten, Geistliche zu werden oder freie Christen zu heiraten. Die Kirche wandte sich gegen den Verkauf christlicher Kriegsgefangener an Muselmanen, gestattete aber die Versklavung von Muselmanen oder von Europäern, die noch nicht zum christlichen Glauben übergetreten waren. Tausende von gefangenen Slawen und Sarazenen wurden als Sklaven an Klöster verteilt, und die Sklaverei dauerte auf Kirchenländern und päpstlichen Gütern bis ins 11. Jahrhundert an.“ (1, S. 386)

Leibeigene ersetzen Sklaven

Die Sklaverei nahm schließlich im gleichen Maß ab, wie die Leibeigenschaft zunahm: „Der Rückgang der Sklaverei war nicht einem sittlichen Fortschritt, sondern wirtschaftlichen Veränderungen zu verdanken. Die Produktion unter direktem physischen Zwang zeigte sich weniger einträglich und bequem als die Produktion unter dem Wirken des Erwerbstriebes. Die Leibeigenschaft dauerte an, und das Wort Servus wurde unterschiedslos auf Leibeigene und Sklaven angewandt […] Es war der Leibeigene und nicht der Sklave, welcher der mittelalterlichen Welt das tägliche Brot verschaffte.“ (1, S. 387) Im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung wurden viele freie Bauern zu Leibeigenen, weil sie die ihnen auferlegten Lasten nicht mehr tragen konnten oder sich verschuldet hatten.

Der Status der Leibeigenen veränderte sich im Lauf der Jahrhunderte, in den verschiedenen Ländern Europas recht unterschiedlich. Am schlechtesten war das Los der Leibeigenen in Russland. Ausgerechnet unter der an sich für neue Ideen aufgeschlossenen, als „aufgeklärt“ bezeichneten Katharina II., „der Großen“ (Kaiserin 1762–1796)4, wurden die Leibeigenen so gut wie rechtlos der Willkür der Gutsherren ausgeliefert. Russland war dann auch das letzte europäische Land, das die Leibeigenschaft abschaffte: im Jahre 1861!

Es war also weniger die christliche Ethik, die zum Verbot der Sklaverei und zur Abschaffung der Leibeigenschaft führte, als die Philosophie der Aufklärung! Vielleicht wirkten – wie manche Historiker meinen – auch wirtschaftliche Überlegungen entscheidend mit, ähnlich wie bei der Umwandlung der Sklaverei in die Leibeigenschaft.5 (3)

Halbnackter Wilder und Zeremonienmeister
Das Sklavenschicksal des bekanntesten Immigranten Österreichs.

Im 18. Jahrhundert wurde ein schwarzer Sklave in Wien zum bekanntesten Immigranten Österreichs: Angelo Soliman (um 1721–1796).

Angelo fiel als Siebenjähriger bei einem afrikanischen Stammeskrieg in die Hände der Sieger. Gegen ein Pferd wurde er an Europäer verkauft, die ihn André nannten und Kamele hüten ließen. Im Alter von 10 Jahren wurde er freigekauft und einer reichen Sizilianerin geschenkt, die ihn taufen ließ. Den Namen Angelo wählte er als Dank für die Zuneigung der Dienerin Angelina, der Name Soliman wurde hinzugefügt. Um 1734 wurde Angelo an den Fürsten Johann Georg Christian von Lobkowitz verschenkt, der ihn als Kammerdiener, Soldat und Reisebegleiter einsetzte. In einer Schlacht rettete er seinem Herrn das Leben; dieser fühlte sich ihm nun verpflichtet und förderte den begabten jungen Mann.

Nach dem Tod von Fürst Lobkowitz kam Angelo zu Fürst Wenzel von Lichtenstein. Hier stieg Angelo Soliman zum Chef der Dienerschaft auf. Im Gefolge des Fürsten reiste er zur Kaiserwahl nach Frankfurt. Als Angelo 1768 eine Witwe heiratete, wurde er entlassen, da sich der Fürst keine Versorgungslasten aufbürden wollte. Durch glückliche Spielgewinne war Angelo finanziell einigermaßen unabhängig.

1773 stellte der neue Fürst Franz Josef von Lichtenstein Angelo erneut als Prinzenerzieher ein. Er bekam Zugang zur gehobenen Wiener Gesellschaft. Bedeutende Persönlichkeiten schätzten ihn, und Kaiser Josef II. mochte ihn als Gesellschafter. Angelo wurde in die Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“ aufgenommen, wo er zum Vize-Zeremonienmeister aufstieg.

Der Bildhauer Franz Thaler machte nach Angelo Solimans Tod einen Gipsabdruck von seinem Kopf. Die Eingeweide wurden begraben, seine Haut – trotz des Einspruchs seiner 1772 geborenen Tochter – präpariert. Der gebildete, hochgeschätzte, zu Lebzeiten gut gekleidete Angelo Soliman kam ausgestopft als halbnackter Wilder mit Federn und Muschelkette in ein Raritätenkabinett. Während der Oktoberrevolution des Jahres 1848 verbrannte dieses makabre Ausstellungsstück.

Fußnoten:

1 Die Fatimiden waren eine schiitisch-ismailitische Dynastie, die von 909 bis 1171 in Nordafrika und Syrien herrschte.

2 In England wurde der Sklavenhandel 1807 verboten. Die Sklaverei als solche wurde erst 1833 abgeschafft.

3 Der russischer Nationaldichter Alexander Puschkin (1799–1837) hatte einen afrikanischen Sklaven als Großvater und der berühmte französische Schriftsteller Alexandre Dumas der Ältere (1802–1870) eine haitianische Sklavin als Großmutter.

4 Zu den aufgeklärten Monarchen rechnet man meist Friedrich II. von Preußen, Joseph II. von Österreich und Katharina II. von Rußland. Diese vertraten einen von rechtsstaatlichem Denken gemäßigten Absolutismus, noch ohne demokratische Kontrolle.

5 Wie wenig ernst die europäischen Nationen den Kampf gegen die Sklaverei nahmen, zeigt die Tatsache, dass im Jahr 1923 das Kaiserreich Abessinien in den Völkerbund aufgenommen wurde, obwohl es die Sklaverei praktizierte!

Literatur:

(1) Durant, Will, Kulturgeschichte der Menschheit XI, Editions Rencontre, Lausanne o. J.

(2) Gonick, Larry, The Cartoon History of the Universe III, W. W. North & Co., New York 2002

(3) Schicho, Walter, Geschichte Afrikas, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2010

www …

Angelo Soliman:

http://de.wikipedia.org/wiki/Angelo_Soliman

http://www.sadocc.at/angelo-soliman.shtml

Leibeigenschaft:

http://de.wikipedia.org/wiki/Leibeigenschaft

Sklaverei:

http://de.wikipedia.org/wiki/Sklaverei