Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Eine drastische Abrüstung

(Veröffentlicht in GralsWelt 72/2012)

Auf eine Waffe verzichten, die Kriege entscheiden kann? Japan hat es vorgemacht!

Unsere Zivilisation ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass wir alles Mögliche –überlegt oder auch leichtfertig – einführen, aber nichts mehr abschaffen können; selbst dann nicht, wenn Konsens besteht, dass die Welt ohne das entsprechende Produkt oder die entsprechende Vorgehensweise besser oder friedlicher wäre. Viele würden beispielsweise gerne die zivile Nutzung der Kernenergie beenden, vor allem aber die Kernwaffen abschaffen. Doch es besteht wenig Aussicht, dass wir so etwas erleben werden. Oder was würden wir tun, falls sich herausstellen sollte, dass die elektromagnetische Abstrahlung von Mobiltelefonen tatsächlich gesundheitsschädlich ist? Auch wenn es sich heute niemand vorstellen kann, etwas Vergleichbares ist tatsächlich schon einmal geschehen: In Japan wurde eine Waffe, die Kriege entschieden hatte, verfemt und verschwand für Jahrhunderte.

Eine Zeit der Kriege und Verwüstungen

Jahrhunderte lang war Japan ein durch viele Kriege geschlagenes Land. Die Bevölkerung litt unter Mongolenangriffen im 13. Jahrhundert, japanischen Invasionen in Korea im 16. Jahrhundert und unter vielen Bürgerkriegen und Aufständen vom 12. bis ins 17. Jahrhundert, die ganze Landstriche verwüsteten.

Im 16. Jahrhundert brachten Portugiesen die ersten Feuerwaffen nach Japan, die von geschickten japanischen Handwerkern bald in großem Umfang und hoher Qualität nachgebaut wurden, so dass gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Japan nicht viel weniger Feuerwaffen vorhanden waren als in Europa. Von da an wurden große Schlachten mit „Arkebusen“ (Gewehren mit Luntenschloss) und Kanonen geschlagen.

Im 17. Jahrhundert wurde Japan von Tokugawa Ieyasu geeint. Mit ihm begann die Herrschaft der Tokugawa-Shogune, die „Edo-Zeit“, die bis 1868 dauerte. Die über Jahrhunderte währenden inneren Auseinandersetzungen waren beendet, und zwei Jahrhunderte ohne große Kriege folgten.

Eine kriegsentscheidende Waffe wird abgeschafft

Während der vielen Kämpfe hatte die Kultur Japans gelitten. Der endlich erreichte Frieden brachte eine Rückbesinnung auf die traditionellen japanischen Werte, verbunden mit der Ablehnung fremder Einflüsse. Von außen eindringende Gedanken wurden für viele schlimme Ereignisse verantwortlich gemacht, zum Beispiel für den brutalen Ausrottungskrieg gegen christliche Gemeinden.

Die hässlichen Arkebusen und Kanonen, mit denen auf große Entfernung Feinde in Massen niedergeknallt werden konnten, waren den stolzen japanischen Kriegern, den Samurai, besonders zuwider. Zu ihrem strengen Ethos, “bushido” genannt, passten die für japanischen Geschmack unästhetischen Feuerwaffen nicht. Die wahre Waffe, die Seele des Samurai, war nun einmal das Schwert, und die Samurai waren die besten und geschicktesten Schwertkämpfer aller Zeiten, deren es jeder mit zwei oder auch mehr europäischen Säbelfechtern aufnehmen konnte. Als Fernwaffe benützten Samurai den Bogen, den sie meisterhaft beherrschten.

„Dies Volk übertrifft alle anderen der Welt“

Der deutsche Arzt und Philosoph Engelbert Kaempfer verbrachte im späten 17. Jahrhundert im Dienst der holländischen Handelsmarine zwei Jahre in Japan. Seine Erfahrungen in diesem Land, zwei Generationen nach der endlichen Befriedung, fasste er folgendermaßen zusammen:

„(Die Bürger) leben in der vollkommensten Eintracht, ehren alle ihre Götter, gehorchen den Gesetzen, folgen ihren Oberen, beweisen ihres Gleichen Höflichkeit und Liebe. Dies Volk übertrifft alle anderen der Welt an Sitten, Tugend, Künsten und feinem Betragen, und ist ausnehmend glücklich durch seinen innern Handel, seinen fruchtbaren Boden, seinen gesunden und starken Körper, seine mutige Seele, seinen Überfluss an allen Bedürfnissen des Lebens, seine ununterbrochene innere Ruhe. Gewiss, wenn ein Bürger Japans seinen itzigen Zustand mit der ehemaligen Freiheit vergleicht, oder auch in die entfernteste Geschichte seines Vaterlandes zurückgeht; so wird er keinen Zeitpunkt finden, in dem es sich glücklicher befunden hätte, als izt, da es durch den höchsten Willen eines Regenten regiert, und von der Gemeinschaft mit der ganzen übrigen Welt abgeschnitten und völlig verschlossen ist.“ (5, S. 121)

In der Tokugawazeit (1600–1868) wurden verschiedene Restriktionen für Feuerwaffen verfügt, wenn es auch nie zu einem ausdrücklichen Verbot kam. Gewehrbau und Kanonenguss hörten nach und nach auf, und die vorhandenen Arkebusen und Kanonen verschwanden in den Magazinen. Zum letzten Mal wurden sie 1637 bei der Niederschlagung des Shimabara-Aufstandes in größerem Umfang eingesetzt, der mit der völligen Vernichtung der rebellischen Christen endete.

In den folgenden 200 Jahren spielten Kanonen und Gewehre keine Rolle mehr. Die Samurai übten Schwertfechten und Bogenschießen, kunstfertige Plattner bauten Rüstungen. Bessere Schwerter als die der Samurai des 16. Jahrhunderts schmiedet noch heute keiner, und bessere Pfeile und Bogen lassen sich allenfalls unter Einsatz moderner Kunststoffe erzeugen. Den einfachen Bürgern, Bauern und Handwerkern, war in Japan der Besitz von Waffen verboten.

Leben in einem Land ohne Krieg

Mit den Feuerwaffen verschwand in Japan ein Bereich der „Forschung und Entwicklung“ von größter Bedeutung, der als Motor des Fortschritts gilt: die Waffentechnik.

War Japan also zu Stagnation und Rückschritt verurteilt, weil ein entscheidendes Forschungsgebiet ausfiel?

Ein glückliches Land

Auch die ersten Amerikaner, die im 19. Jahrhundert in Japan eindrangen, fanden ein glückliches Land vor, wie die folgenden Zitate zeigen:

„(Ich sah) Frieden, Fülle, offensichtliche Zufriedenheit sowie einen Boden, der vollendet kultiviert und gepflegt war und mehr Ziersträucher und -bäume trug, als selbst in England zu finden sind.“ (Sir Rutherford Alcock, 1860; 5, S. 137)

„Es stimmt nicht, dass wir nach Japan kommen, um hier die Zivilisation einzuführen, denn diese existiert bereits; noch, um die Heiden zu bekehren, denn solche Versuche sind nach den Bestimmungen des von uns akzeptierten Vertrages strikt untersagt; noch, um zum Glück der Bevölkerung beizutragen, weil es kein zufriedeneres Volk als dieses gibt; noch aus irgend einem anderen Grund der Welt als dem, zu unserem eigenen Vorteil Handel zu treiben.“ (General Edward Barrington de Fonblanque, R.A.; 5, S. 137)

Hier sind die Ansichten geteilt.

Heutige Geschichtsbücher[1] schildern manchmal ein unterentwickeltes Land, das sich von der westlichen Welt abgekoppelt hatte. Es erstarrte in Bürokratie und strenger Diktatur und konnte keine Fortschritte machen. Die wirtschaftliche Lage für die einfachen Menschen, besonders die Bauern, war schlecht. Verzweifelte Aufstände unterdrückter Bauern erschütterten immer wieder das Land.

Aus dieser Sicht war es ein Glück für Japan, dass 1854 der amerikanische Admiral Perry vor der japanischen Küste erschien, und die japanische Regierung zur Öffnung Japans für den Welthandel zwang.

Die Japaner begriffen schnell, dass die übermächtige westliche Zivilisation keine „Relikte aus dem Mittelalter“, keine feudalen Gesellschaften toleriert. Japan musste sich entscheiden, ob es als Kolonie enden, oder als wirtschaftlich und militärisch starke Macht seine Selbständigkeit bewahren würde. Ein halbes Jahrhundert später hatte Japan zum Rest der Welt aufgeschlossen und war auf dem Weg zu einer führenden Industriemacht. Bald erlag es auch den Versuchungen, denen alle Großmächte ausgesetzt sind: dem Hang zur gewaltsamen Expansion.

Zeitgenössische Beobachter sahen das traditionelle Japan anders als manche modernen Historiker (siehe Kasten). Ihren Berichten zufolge war Japan in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein friedliches Land, das sich während der Tokugawazeit zivilisatorisch stetig weiterentwickelt hatte, und seinen 30 Millionen Bürgern Wohlstand und Sicherheit bot. Landwirtschaft, Bergbau, Hüttenwesen, Kanalbau, Handel, Trinkwasserversorgung waren dem europäischen oder amerikanischen Stand vergleichbar; nur die industrielle Revolution fehlte. Auf manchen Gebieten war die japanische Zivilisation der amerikanischen sogar überlegen. So führte der Chirurg Hanaoka Seishu bereits im Jahr 1805 die erste Operation unter Vollnarkose durch.[2]

Irrten die Zeitzeugen, waren ihre Beobachtungen, die ein fortschrittliches Japan schildern, zu einseitig? Jedenfalls legten sie nicht den Maßstab des 21. Jahrhunderts an, sondern verglichen die Zustände in Japan mit den Verhältnissen, die zu gleicher Zeit in ihren Heimatländern herrschten.

Ein Beispiel für die Welt

Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen – das weiß jeder. Doch immer mehr Menschen erkennen, dass rein wirtschaftliches Denken, rigorose Ökonomisierung und die zügellose Ausbeutung der Welt ins Chaos führen. Heute wünschen sich viele einen Stopp der hemmungslosen technischen Entwicklung, ein Ende der Zerstörung der Natur, die Beendigung gewaltsamer Konflikte, eine Atempause zum Nachdenken und zur Rückbesinnung auf traditionelle Werte …

In Japan hat es eine solche Periode gegeben: Die Zeit der Shogune. Manche Historiker beurteilen diese „Tokugawa-“ oder „Edo-Zeit“ günstig, andere sehen darin nur 250 Jahre technischen Stillstands und Rückschritts durch die Abkapselung vom Rest der Welt. Japan hätte in der Waffentechnik den Anschluss an Europa und die USA verloren, und musste sich schließlich als wehrloses Land vom Ausland erpressen lassen.

Aber ist die Waffentechnik wirklich die wichtigste Technologie, auf die es in erster Linie ankommt? Muss jeder nicht hochgerüstete Staat Erpressung und Unterdrückung fürchten?

Vielleicht wird eines Tages in einer friedlicher gesinnten Welt die Edo-Zeit zu einem Modellfall. Trotz ihrer Nachteile, wie Bürokratie, zu hohe Steuern und Benachteiligung der Bauern, war sie keinesfalls nur eine Periode von Rückschritt und Stagnation; zumindest hat sie bewiesen, dass man Waffen auch abschaffen kann.

Es besteht also Anlass zur Hoffnung, dass eine bessere Welt möglich ist, die Kriege ächtet, auf Massenvernichtungswaffen verzichtet, den Menschen höher wertet als den Profit, den technischen Fortschritt in sinnvolle Bahnen lenkt, und die außer Kontrolle geratene Ökonomie zähmt.

 

Literatur:

(1) Gordon Andrew, A modern history of Japan, Oxford University Press, New York 2003

(2) Inue Kiyoshi, Geschichte Japans, Campus, Frankfurt 1995

(3) Ladstätter/Linhart, China und Japan, Ueberreuter, Wien 1983

(4) Perez,Louis G., The history of Japan, Greenwood Press, Westport 1998

(5) Perrin Noel, Keine Feuerwaffen mehr, Klett-Cotta, Stuttgart 1996

(6) Samson, George, A history of Japan, The Cresset Press, London 1964

 



[1] Vgl. zum Beispiel Ladstätter/Linhart, „China und Japan“

[2] Weitere bemerkenswerte Fakten sind im Buch „Keine Feuerwaffen mehr“ aufgelistet: Eine Postsendung kam Mitte des 19. Jahrhunderts zum Beispiel schneller von Tokyo nach Kagoshima als von Philadelphia nach Savannah (S. 133). Die Sterblichkeitsquote war in Tokyo niedriger als in Boston oder New York (S. 135). In Japan gab es Erdölbohrungen, die denen in den USA um 30 Jahre voraus waren (S. 136) usw.