Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein Wutausbruch beeinflusst die Weltgeschichte

(Veröffentlicht in GralsWelt 40/2006)

Mit den Feldzügen Alexanders des Großen verbreiteten sich im 4. Jahrhundert vor Christus die griechische Sprache, Kultur und Religion im Mittelmeerraum und in den angrenzenden Ländern. Das war über den größten Teil der damals bekannten Welt.
Auf Alexanders Tod im Jahre 323 v.Chr. folgten unter seinen Nachfolgern die sogenannten Diadochenkämpfe . Seine Feldherrn teilten das von Alexander geschaffene Weltreich unter sich auf; neue Königreiche entstanden. So übernahm z. B. in Ägypten Ptolemaios die Herrschaft, und in Persien entstand das Reich des Seleukos (358 – 281 v. Chr.), der auch über Kleinasien und Syrien herrschte. Einer seiner Nachfolger, Antiochus III. (223 – 187 v. Chr.), eroberte Palästina, und damit kamen die Juden unter seleukidische Herrschaft.
Der Gräuel der Verwüstung
Nach einer schweren Niederlage bei Magnesia, im Jahre 190 v. Chr., war das Reich der Seleukiden geschwächt und praktisch schon fast eine römische Provinz. Doch Antiochus IV. Epiphanes (König von 175 – 164 v. Chr.) – der 15 Jahre als Geisel in Rom verbracht hatte – strebte nach Unabhängigkeit von Rom. Dazu mußte er seine Herrschaft festigen und die verschiedenen Völker seines Reiches zusammenschweißen.
Die stärkste einigende Kraft sah Antiochus Epiphanes in der griechischen Kultur und Religion. Er war ein Verehrer des Jupiter (Zeus) und befahl, im ganzen Reich dem olympischen Jupiter zu huldigen.
Nun sind polytheistische Religionen in der Regel tolerant, und im Seleukidischen Reich gab es mit der Verehrung des Jupiter kaum Probleme. Die Menschen konnten ihren alten Göttern nach wie vor huldigen, sofern sie auch dem Zeus die ihm zustehende Ehre erwiesen.
Nur in einer kleinen Provinz, die für ihren Eigensinn bekannt war, kam es zu Unruhen, die in den beiden Makkabäerbüchern des Alten Testamentes ausführlich geschildert werden: In Judäa. Denn für gläubige Juden war der Befehl des Königs, den Glauben an Jehova durch den griechischen Götterkult zu ersetzen, unannehmbar.
Die königlichen Beamten gebrauchten Gewalt, plünderten den Jerusalemer Tempel und stellten im Allerheiligsten eine Statue des Jupiter auf. Die religiösen Schriften der Juden waren zu vernichten; die Beschneidung, die Heiligung des Sabbat, und die religiösen Feste der Juden wurden verboten. Bald standen in Städten und Dörfern Jupiterstatuen und Opferaltäre; jeder Bürger war verpflichtet, der heidnischen Gottheit die vorgeschriebenen Opfer darzubringen.
In Jerusalem gab es ein Gymnasium, in dem nach griechischer Sitte Sport getrieben wurde, und anscheinend war schon damals Manchem „der Fußball” wichtiger als die Religion; denn im Zweiten Makkabäerbuch (2 Mak. 4,14) werden Priester gerügt, die ihren Dienst vernachlässigten, um Wettspiele nicht zu versäumen;
Das war der berüchtigte „Gräuel der Verwüstung” von dem die Bibel spricht (Dan. 9, 26-27 und Matth. 24,15).
Signal zum Widerstand.
Etwa fünfundzwanzig Kilometer nordwestlich von Jerusalem, in dem Städtchen Modein, lebte ein fanatischer alter Priester namens Mattatias. Ein seleukidischer Beamter verlangte ausgerechnet von ihm Unterstützung bei der Durchsetzung des heidnischen Opferkultes. Das war zu viel; Mattatias erschlug den fremden Götzendiener mitsamt einem abtrünnigen Juden und floh mit seinen fünf Söhnen ins Gebirge (167 v. Chr.). Ein Guerillakrieg begann, der sich ausweitete. Nach dem Tod das Mattatias führten seine Söhne den Kampf weiter, unter denen sich besonders Judas als geschickter Anführer erwies, der den Beinamen „Makkabäus” (der Hammer) erhielt. Später bezeichneten sich alle Nachkommen des Mattatias als Makkabäer. Das durch den Krieg mit Rom geschwächte, von mehreren Seiten bedrohte seleukidische Reich hatte nicht genug Truppen. So gelang es dem von Rom unterstützten Judas Makkabäus Jerusalem zu erobern. Die Statue des Zeus wurde aus dem Allerheiligsten entfernt und der Tempel gereinigt. Anlass für eine fröhliche Feier, an die bis heute „Chanukka”, das jüdische Fest der Tempelreinigung, erinnert.
Viele weitere Kämpfe folgten. Erst nach dem Tod des Judas gelang es den um ihre Freiheit kämpfenden Juden, in Judäa ein Königreich zu errichten, dessen erster König im Jahr 143 v. Chr. Simeon wurde, der einzige noch überlebende Sohn das Mattatias. Auch diesem Reich war keine friedliche Zeit beschieden. Innere Streitigkeiten erschütterten es, und von 67 v. Chr. an geriet es unter Römischen Einfluss.
Eine Erhebung von weltgeschichtlicher Bedeutung?
Judäa war ein kleines Land am Rande der damaligen Welt, das vor allem durch Unruhen auf sich aufmerksam machte. Also ist auch der Makkabäeraufstand allenfalls eine Fußnote im Buch der Weltgeschichte wert?
Tatsächlich hatte der Wutausbruch des Mattatias weitreichende Folgen: Aus Guerillakämpfen entwickelte sich ein Krieg mit größeren Schlachten, und zuletzt konnte Judäa die Fremdherrschaft abschütteln und seine angestammte Religion retten.
Wäre es Antiochus Epiphanes gelungen, den Jehova-Kult zu verdrängen, und die damals fast im gesamten Abendland praktizierte Jupiter-Verehrung durchzusetzen, dann wüßten heute vielleicht nur noch einige Religionswissenschaftler von der Jüdischen Religion. Die Heiligen Bücher der Juden wären vernichtet, kaum jemand hätte ein Jahrhundert später noch die Zehn Gebote gekannt, und der höchste Gott hätte Jupiter oder Zeus, nicht Jehova, geheißen. Vielleicht gäbe es bis heute noch keine monotheistische Weltreligion.
Auf welcher religiösen Basis hätte Jesus – nach Ansicht vieler Religionswissenschaftler ein gläubiger Jude – gepredigt?
Hätte es eine christliche Kirche gegeben?
Wie hätte die von Mohammed verkündete Religion ausgesehen, der eine weiterführende Vereinigung von Christentum und Judentum bringen wollte?
Die Makkabäer – Glück oder Unglück für die Welt?
Man kann beliebig weiter spekulieren und rätseln, wie alles hätte kommen können, wenn…
Wäre eine Welt ohne die intoleranten montheistischen Relgionen friedlicher geworden?
Hätte es ohne die Ausbreitung des Monotheismus keine Kirchenspaltung, keine Islamische Eroberung, keine Kreuzzüge, keine Pogrome gegen Andersgläubige, und keine Religionskriege gegeben?
Hätte der Kolonialismus auf seinen wichtigsten Vorwand verzichten müssen, auf die Bekehrung der Heiden?
Für Juden, Christen und Muslime sind solche Fragen ketzerisch. Aus ihrer Sicht war es „der Wille Gottes”, der den Aufstand des Mattatias einleitete, den jüdischen Monotheismus rettete, und die Makkabäer zum Sieg führte; zu einem Sieg der gläubigen Juden, der letztlich die Voraussetzungen schuf für den Erhalt und die weitere Entwicklung der Jüdischen Religion. Heute sehen die Mehrzahl der Menschen als Juden, Christen oder Muslime im Monotheismus die wahre Religion, die es ohne den erfolgreichen Aufstand der Makkabäer möglicherweise nicht gäbe.