Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein Traum von Harmonie

 

(Veröffentlicht in GralsWelt 64/2011)

Ein friedliches Zusammenleben von Orient und Okzident ­– dieser alte Traum trieb im Mittelalter merkwürdige Blüten

 

Der Traum von der Harmonie zwischen Abendland und Morgenland ist alt, denn die Geschichte berichtet von vielen grausamen Kriegen. Aber bereits im Mittelalter gab es – trotz der Kreuzzüge – ebenso ungewöhnliche wie weitreichende Erfolge in den Bemühungen um Frieden. Sie stehen im Mittelpunkt dieser „merkwürdigen Geschichte“ aus einer Zeit, in der (als Ausdruck einer großen Hoffnung auf Frieden und Völkerverständigung?) Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ entstand und eine eigenartige Sagengestalt ins christliche Bewusstsein trat: Johannes, der Priesterkönig.

 

Das Mittelalter wird oft als finstere Zeit gesehen: Blutige Eroberung und trauriger Verlust des Heiligen Landes, brutale Vernichtung der Katharer, grausame Inquisition und die Reconquista, die rücksichtslose Vertreibung der Mauren aus Spanien …

So betrachtet erscheint das Mittelalter als eine wilde Epoche, in der die autokratischen Herrschaftsansprüche von Kirche und Staat aufeinanderprallten, Kriege ganze Länder verwüsteten, und Meinungen in Blut erstickt wurden, wenn sie von kirchlichen Dogmen abwichen.

Doch es gab auch fortschrittliche Ideen, Kontakte mit exotischen Kulturen, und die Wahrnehmung der Literatur der Antike, die von Konstantinopel aus und durch die Muslime nach Mitteleuropa kam. Die dadurch initiierte Erweiterung abendländischen Wissens führte zur Renaissance, zur Reformation und zur Philosophie der Aufklärung, die Grundlagen für Menschenrechte und moderne Verfassungen schuf, die bis heute gültig sind.

Friedensgespräche statt Waffengewalt

Die Kreuzritter hatten im Heiligen Land die Muslime als gute Kämpfer und ehrenhafte Gegner erfahren und vieles von ihnen gelernt. So waren christliche Fürsten oder die Tempelherren durchaus bereit, Vereinbarungen mit den Mauren zu treffen; zu einer Zeit, in der für den Papst und die meisten Christen in Europa Kompromisse mit „Ungläubigen“ nicht vorstellbar waren[i].

Während des 3. Kreuzzuges (1189–1192) verhandelte der englische König Richard Löwenherz von gleich zu gleich mit Saladin, dem Sultan von Ägypten und Syrien. Ein Waffenstillstand wurde vereinbart, ein Küstenstreifen an die Christen abgetreten, und christlichen Pilgern freier Zugang zu den Heiligen Stätten gestattet. Ein Schock für viele Christen, die mit Ungläubigen nicht anders als mit der Waffe sprechen wollten!

Auch ein höchst ungewöhnlicher Vorschlag des Großmeisters des Templer-Ordens, Robert von Sablés, erregte die Gemüter weit über das „Outremer“, also das „Land jenseits des Meeres“ hinaus: El Adil, der Bruder Saladins, sollte Johanna, die Schwester von Richard Löwenherz heiraten!

Hat der große mittelalterliche Dichter Wolfram von Eschenbach diese Idee in seinem Epos „Parzival“ mit verarbeitet?

Beim 5. Kreuzzug (1228–1229) war der Papst erschrocken über die Verhandlungserfolge seines schlimmsten Gegners, Friedrich II. von Staufen (der fließend Arabisch sprach), mit Sultan Elkamil. Der christliche Kaiser (vom Papst gebannt) kam zu fast freundschaftlichen Vereinbarungen mit dem islamischen Sultan und erreichte ohne Blutvergießen viel mehr, als man zu Beginn des Kreuzzuges hoffen konnte: die Rückgabe von Jerusalem, Bethlehem und Nazareth, die 40 Jahre zuvor verlorenen gegangen waren.

Zu einem dauerhaften Frieden mit den in sich zerstrittenen muslimischen Reichen kam es allerdings nicht. 1244 ging Jerusalem endgültig für die Christenheit verloren, und die ersten, zögerlichen Ansätze für ein friedliches Zusammenleben der zwei großen Religionen – Christentum und Islam – liefen ins Leere.

Eine merkwürdige Sagengestalt tritt auf

Der Zauber des Orients mit seinen märchenhaften Schätzen beflügelte die Phantasie der Kreuzfahrer und ließ eine der merkwürdigsten Sagengestalten entstehen: den Erzpriester Johannes. 

Es gab damals unklare Kunde von den christlichen Reichen in fernen Ländern, und je größer die Not der Kreuzfahrer in Palästina wurde, desto stärker wurde auch die Hoffnung auf göttliche Hilfe, die durch einen mächtigen christlichen Herrscher im fernen Asien kommen sollte. Dieser würde die Heiligen Stätten endgültig befreien, die Verbindung zwischen Orient und Okzident herstellen und für ein friedliches Zusammenleben sorgen, in Harmonie zwischen Christentum und Islam sowie zwischen Weißen und Farbigen.

Rassismus kannte man im Mittelalter kaum, denn die mächtige, universelle Kirche hatte das Ziel, über alle ethnischen und kulturellen Schranken hinweg das Reich Gottes auf Erden zu errichten. 

Diese Hoffnung auf Frieden und Völkerverständigung findet ihren Ausdruck im „Parzival“ Wolfram von Eschenbachs, einem der bedeutendsten literarischen Werke jener Zeit: Parzival trifft seinen Halbbruder Feirefiz, von dem er nichts weiß. Der zur einen Hälfte weiße, zur anderen Hälfte schwarze Feirefiz ist der Sohn der Mohrenkönigin Belakane. Es kommt zwischen Parzival und Feirefiz zu einem Kampf, der unentschieden endet. Nach dieser letzten Prüfung wird Parzival zum Gral berufen. Er wählt seinen Bruder zum Gefährten. Die einst feindlichen Brüder, Symbole für Orient und Okzident, reichen sich die Hände zum gemeinsamen Wirken.

Die Trägerin der Gralsschale, Repanse de Schoye, heiratet Feirefiz. Ihr gemeinsamer Sohn ist Johannes, der Priesterkönig. Dieser herrscht im fernen Indien über ein Reich, in welchem Muslime und Christen harmonisch zusammenleben …

Wie aber kam es zu dieser Sage von einem mythischen mittelalterlichen Regenten?

Die bruchstückhafte Sage vom Priesterkönig  

Im heutigen Informationszeitalter ist es schwer nachzuvollziehen, wie spärlich und verworren die geographischen Kenntnisse im Mittelalter waren. So wurden damals verschiedene, oft undeutliche Informationen aus weit von einander entfernten Gebieten einfach miteinander verbunden:

• Im Jahr 1141 wurden die muslimischen Seldschuken in fernen Asien (in der Gegend des Balkaschsees) von Yelintaschi, dem Gurkhan (Führer) des tatarischen Reiches Kara Kitai, geschlagen. Es ist möglich, dass einige der Tataren, vielleicht sogar Yelintaschi selbst, nestorianische Christen waren. (Die nestorianische Kirche, die Alte Apostolische Kirche des Ostens, ist eine ursprünglich in Mesopotamien beheimatete orientalische Nationalkirche, die ihren Ursprung auf die Apostel Thomas und Addai zurückführt.)

Verschwommene Kunde von dieser Niederlage der Muslime kam zu den Kreuzfahrern in Palästina, die nun auf eine christliche Invasion aus dem Osten hofften. Über die  Größe Asiens wussten die Europäer so gut wie nichts.

• 1145 erfuhr der Bischof Otto von Freising (angeblich durch den Bischof Hugo von Byblos) von einem Priesterkönig Johannes, der als christlicher König in Indien regierte. Tatsächlich gab es am Horn von Afrika ein christliches Königreich, und „Priester Johannes“ war angeblich ein Titel, der dort dem abessinischen (äthiopischen) König zukam. Die Verwechslung von Äthiopien mit Indien ist so alt wie der römische Dichter Vergil; erst im 15. und 16. Jahrhundert entstanden zutreffendere Landkarten.

• In Indien (Karela) gibt es eine seit dem 4. Jahrhundert belegte christliche Gemeinschaft, die der Überlieferung nach von dem Apostel Thomas gegründet wurde. Diese „Thomas-Christen“ hatten sich in das indische System eingefügt und waren ohne politische Bedeutung.

Solche bruchstückhaften Informationen wurden zusammengesetzt, und die Lücken mit reichlich Phantasie und Wunschdenken ausgefüllt. Das Ergebnis dieser „Gesamtschau“ war „Johannes, der Priesterkönig“ oder „Erzpriester Johannes“, der als Nachkomme eines der Heiligen Drei Könige angesehen wurde und der unermesslich reiche Beherrscher der „Drei Indien“ sein sollte.

Schließlich tauchte noch ein gefälschter Brief auf, den der Priesterkönig Johannes an den Byzantinischen Kaiser Manuel I. Kommenos, und den Deutschen Kaiser Friedrich II. gerichtet haben sollte …

Das Ende eines großen Traumes

Nach der Vertreibung der Kreuzfahrer aus dem Heiligen Land wurde noch bis ins 16. Jahrhundert vom Priesterkönig Johannes gesprochen.

Im 13. Jahrhundert weckte das Auftreten von Dschingis Khan neue Hoffnungen, und päpstliche Gesandte suchten Kontakte herzustellen zum neu entstandenen mongolischen Weltreich. Doch die Mongolen waren keine Christen, sondern eine weitere, gefährliche Bedrohung für Europa. Es war ein Glücksfall, dass ein mongolisches Heer nach der Schlacht bei Liegnitz (1241) durch den Tod des Groß-Khans gezwungen war, heimzukehren. Niemand weiß, ob die asiatischen Reiter andernfalls bis zur Elbe, zum Rhein, nach Rom oder zu den Pyrenäen vorgestoßen wären.

Nach dem Scheitern der Kreuzzüge wurde im Westen Europas die Vertreibung der Mauren aus Spanien das wichtigste Ziel. Im Osten konnten sich die Russen nur mühsam gegen die muslimischen Tataren behaupten, und in Kleinasien, im Mittelmeer und auf dem Balkan drangen die muslimischen Türken vor. Konstantinopel stand auf verlorenem Posten, bis es 1453 fiel. Später – 1529 und 1683 – belagerten türkische Armeen zweimal Wien; das ganze Abendland fühlte sich vom Islam bedroht, und ein friedlicher Dialog mit den Anhängern des Propheten blieb für Jahrhunderte unmöglich …

Literatur:

(1) Hauf Monika, Der Mythos der Tempelritter, Walter, Düsseldorf 2001

(2) Obleser Horst, Parzival auf der Suche nach dem Gral, Banz, Leinfelden-Echterdingen 1997

(3) http://www.fortunecity.com/victorian/bacon/313/koenig2.htm

 


[i] Der Byzantinischa Kaiser Isaak Angelos mußte sich mit Saladin verbünden, um ein Gegengewicht gegen die türkischen Seldschuken (Muslime) zu finden. Der Heilige Ludwig von Frankreich schloß ein Bündnis mit den mörderischen Assassinen, und Raimund von Antiochia unterstützte Sarazenen sogar im Kampf gegen Templer. (1, S. 193)