Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein tragischer Absturz

(Veröffentlicht in GralsWelt 13/1999)

Aus dem Leben des Flugpioniers Albrecht Ludwig Berblinger

 

Es ist fast die Regel, daß Vorkämpfer für eine neue Idee auf Widerstände und Unverständnis stoßen. Ist ein Erfinder gar sei­ner Zeit voraus, so werden die Hindernisse auf seinem mutig be­schrittenen Weg manchmal so gut wie unüberwindlich. Je bedeuten­der und weittragender eine Idee, desto schwieriger auch ihre Ver­wirklichung. Dem Mann, der den Einfall hatte, die bislang glat­ten Haarnadeln mit Wellen zu versehen, brachte sein Patent ein Vermögen ein. Rudolf Die­sel aber, dessen Motoren heute millio­nenfach Fahrzeuge, Schiffe, Maschinen, Geräte antrei­ben, beging dagegen aus Verzweiflung Selbstmord. So unterschiedlich können Erfinderschicksale sein. Ein ebenso wichtiges wie besonders tragisches greift die GralsWelt diesmal im Rahmen der Serie „Ver­kannte Genies?” heraus: das des Ulmer Schneidermeisters Albrecht Ludwig Berb­lin­ger. Er trat schon im 18. Jahrhundert mit einer der größten Menschheitsvisionen an: fliegen zu können – und scheiterte damit kläglich.

 

Kaum ein Erfinder wurde von seinen Zeitgenossen, und sogar noch von der Nachwelt, mit so bitterem Spott bedacht und der totalen Lächerlichkeit preisgegeben, wie Albrecht Ludwig Berb­linger, der „Scheider von Ulm”.

Der bis heute als populäre Witzfigur verspottete Schneidermeister wurde am 24. Juni 1770 als 7. Kind, Sohn eines Zeugamtsknech­tes, also in bescheidenen Verhältnissen, geboren. Mit 13 Jahren verliert der begabte Junge seinen Vater, muß für ein Jahr in ein Waisenhaus und wird dann zu einem Schneider in die Lehre ge­schickt. Eine unglückliche Entscheidung, die seine Neigung zur Mechanik nicht berücksichtigt.

Trotzdem muß er ein erstklassiger Schneider geworden sein, denn die Ulmer Schneider‑Zunft erwählt ihn schon mit 21 Jahren zum Meister. Der Zunftordnung entsprechend, sollte ein Meister minde­stens 25 Jahre alt sein und acht Jahre lang als Geselle gearbeitet haben; beides traf auf Berblinger nicht zu.

Sein erfinderisches Geschick bewies er bald als ideenreicher Orthopädie‑Mechaniker. Berblinger erfand 1808 eine für die Na­poleonische Zeit neuartige Beinprothese mit federunterstütztem Gelenk‑Mechanis­mus und Ausschlagbegrenzung. Dieses Kunstglied ermöglichte einem Invaliden, fast wie ein Gesunder zu gehen, und die Berblinger’sche Konstruktion fand Anerkennung und blieb über Jahrzehnte richtungweisend.

Der Schneider Berblinger war also ein angesehenes Mitglied der Ulmer Bürgerschaft. Er konnte mehrere Gesellen beschäftigen und ein Haus kaufen. Die Prognosen für seine Zukunft schienen günstig.

 Der Traum vom Fliegen

Dann aber erfaßte ihn der Traum vom Fliegen, dem er einen großen Teil seiner Zeit und sein Vermögen opferte.

Es ist nicht bekannt, in wie weit Berblinger auf Erfahrungen von Jokob Degen, einem österreichischen Flugpionier, zurückgriff. Dieser hatte nach dem Vorbild des Vogelfluges 1808 in Wien eine Apparatur mit Schwingflügeln gebaut, mußte aber schnell feststellen, daß die Kräfte eines Menschen nicht ausreichen, um sich in die Lüfte zu erheben. So kompensierte er einen großen Teil seines Gewichtes mit einem Ballon und konnte sich – am Ballon hängend – mit seinem muskelkraftgetriebenen Gerät in die Luft emporarbeiten. Diese Konstruktion war gut für eine Jahrmarktsattraktion, als Fluggerät war sie unbrauchbar

Berblinger, der sich nach eigenen Worten intensiv mit der Mecha­nik beschäftigt hat, erkannte anscheinend von Anfang an, daß ein Flugzeug mit schlagenden Flügeln nicht funktionieren konnte, so daß er es mit einem Gleitflieger versuchen mußte. Also konstru­ierte er zwei Flügel, die durch ein Gelenk verbunden waren. Ver­mutlich verwendete er das von ihm für die Beinprothese erfundene Prinzip eines Gelenkes mit begrenztem Ausschlagwinkel. Leider fehlen zuverlässige Berichte oder gar Original‑Zeichnungen von seiner Konstruktion, so daß vieles Vermutung bleibt.

Bei Versuchen am damals noch unbebauten Eselsberg über Ulm hat sich der Berblinger’sche Hängegleiter bewährt. Dafür gibt es glaubwürdige Zeitzeugen. Er erreichte eine Gleitzahl von 1:2, d.h. auf zwei Metern Flugstrecke verlor er einen Höhenmeter. Aus heutiger Sicht kein besonders günstiges Ergebnis. Aber die ersten Versuchsgleiter von Otto Lilienthal (1848 – 1896) waren 80 Jahre später trotz systematischer theoretischer und praktischer Vorarbeit nicht sehr viel besser (sie erreichten eine Gleitzahl von 1:3). Berblinger hätte in der Liste der frühen Flugpioniere einen Ehrenplatz verdient.

Doch es kam anders. König Friedrich von Württemberg besuchte 1811 die ihm eben erst durch die Grenzverschiebungen von 1810 zugesprochene Reichsstadt Ulm, die ihm einen festlichen Empfang bereitete. Ein Flug über die Donau sollte der Höhepunkt der Darbietungen sein.

Aufgrund der ersten positiven Flugversuche am Eselsberg ließ sich Berblinger auf dieses gewagte Experiment ein, obwohl die Zeit viel zu kurz war, um praktische Flugerfahrungen zu sammeln und den Flugapparat zu verbessern. Allerdings verlangte er eine erhöhte Startrampe. Diese lag 20 m über dem Wasserspiegel der damals 40 m breiten Donau; sein Hängegleiter mußte also die schon genannte Gleitzahl 1:2 haben.

Als der große Tag kommen sollte, gab es gleich eine Panne. Der Flugapparat wurde beim Transport beschädigt. Wegen der notwen­digen Reparatur mußte der Start auf den nächsten Tag verschoben werden. Das neugierige Volk wurde ungeduldig und vor allem konnte man den anwesenden König nicht länger warten lassen. Als der mu­tige Flugpionier am 31. Mai 1811 endlich mit seinem Apparat auf der Startrampe stand, vermißte er den vom Eselsberg her gewohn­ten Auftrieb. Er versuchte die Windrichtung zu erkunden und vor allem wollte er Wind unter die Flügel bekommen. Auf die Zuschauer wirkte dieses Manöver als lächerliches Umherhüpfen, das später oft karikiert wurde. Endlich sprang Berblinger (oder wurde er von einem Büttel getreten?) und stürzte ab. Fischer zogen ihn mitsamt seinem lädierten Gerät aus der Donau.

Wie wir heute wissen, wehen an der Adlerbastei, seinem Start­platz, nicht selten tückische Winde; sollte der Schneider gar mit Rückenwind gestartet sein, so war der Absturz sicher. Aber wer wußte damals etwas von Luftwirbeln, Auf‑ und Abwinden? Der Schneider kaum, und von den Tausenden Zuschauern kein einziger.

Der Berblinger-Wettbewerb am 15. Juni 1986

Zum 175. Jahrestag des Flugversuches von Albrecht Ludwig Berblinger (1770 – 1829), des „Schneiders von Ulm”, findet der „Berblinger-Wettbewerb” statt.

Sein Ziel ist, an historischer Stätte, von der Adler‑Bastei in Ulm aus, die Donau zu überfliegen. Zugelassen sind nur solche Fluggeräte, die in ihrem Aussehen und Flugbild weit­gehend dem Original von 1811 entsprechen, von dem es aller­dings nur unzuverlässige Zeichnungen Dritter, keine Original­angaben Berblingers gibt.

46 Bewerber trafen in Ulm ein und unterzogen sich einem kurzem Training unter der Anleitung erfahrener Drachenflug­lehrer. Danach wagten 30 Teilnehmer den Sprung von der 13 m hohen Startrampe, die erst nach 18 Uhr freigegeben werden konnte, nachdem sich ein widriger Wind gelegt hatte. Einer von ihnen erreichte tatsächlich das 70 m entfernte bayrische Donauufer.*

Damit scheint bewiesen: Mit günstigem Wind hätte auch Berblinger von seinem damals 7 m höheren Startplatz aus die Donau überfliegen können!

*Beim Berblinger‑Wettbewerb führte die Donau Hochwasser, so daß bis zum gegenüberliegenden Ufer die genannten 70 m zu überwinden waren, während Berblinger nur 40 m weit hätte fliegen müssen.

 Tragische Folgen

Die Folgen des Absturzes waren tragisch. Wohin der Schneider kam, gingen ihm die Leute aus dem Wege. Die Gassenbuben sangen Spottlieder, die so populär wurden, daß man sie heute noch kennt. Sein Handwerk florierte nicht mehr, die Vernachlässigung seines Geschäftes wegen der intensiven Beschäftigung mit der Luftfahrt rächte sich. Schulden konnte er nicht bezahlen, sein Haus wurde verkauft. Alle verlachten ihn als Außenseiter, Spinner, Verlierer.

In den folgenden Jahren versuchte er noch mehrmals, wieder Anschluß an die bürgerliche Gesellschaft zu finden, doch ohne Erfolg. Total verzweifelt ergab er sich schließlich der Trunk­sucht. Zuletzt landete er in einem Armen‑Spital, wo er am 28. Januar 1829 starb. Beerdingt wurde er – wie Mozart – in einem Armengrab, das schon bald darauf niemand mehr kannte.

In UIm steht heute sein Denkmal, und an der Adlerbastei er­innert eine Gedenktafel an den glücklosen Flugpionier.

Noch heute kennen viele das Spottgedicht: „Der Schneider von Ulm hat’s Fliegen probiert,/Da hat ihn der Teufel in die Donau geführt.”

Das vielleicht doch heißen müßte:

„Hätt’ ihm nicht des Teufels List den Erfolg verwehrt,/Dann hätt’ er gewiß die Donau überquert.”

                                                                                                                                                                     Siegfried HAGL

Literatur:

„Fliegen mit Licht”, Herausgeber: Stadt Ulm, Kulturamt Südd. Verlagsgesellschaft, Ulm, 1997

 

 

 

 

„Der Schneider von Ulm”, Anton H. Konrad Verlag, Weißen­hcrn, 1986

 

 Es waren nichts als Lügen,

Der Mensch ist kein Vogel,

Es wird nie ein Mensch fliegen.

                                 Spottgedicht von Bertold Brecht