Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein Renaissanceprophet im Wankelmut der Massen

„Einzeln gesehen ist jeder leidlich klug und verständig, doch sind sie in corpore, gleich wird ein riesen Dummkopf daraus“, nahm Friedrich Schiller moderne Erkenntnisse der Erforschung von Massenphänomenen vorweg.

Die Unbeständigkeit der Massen erfuhr besonders deutlich der italienische Prediger Girolamo Savonarola am eigenen Leib.

Fanatismus und Demagogie können zu einer explosiven Mischung werden; besonders wenn sie sich mit religiösem oder politischem Fundamentalismus verbinden. Kommt noch ein begabter Redner hinzu, der sich eine bereits aufgeregte Stimmung zunutze macht, um – religiös oder ideologisch verbrämt – politische Parolen zu verkünden, dann lassen sich aufgeheizte Volksmassen in überraschender Weise manipulieren. Nicht selten entstehen dann Massenbewegungen, die zerstörerische Wege einschlagen und der Lenkung durch ihren populistischen Initiator entgleiten können.

Die Erregbarkeit der Massen

Im Lauf der Geschichte haben Massenhysterien auf verschiedensten Kontinenten Städte, Länder, Nationen, Konfessionen, Sekten, Kommunen, Parteien heimgesucht und dann nicht selten in unverständlicher Weise zerstörerisch gewirkt. Beliebig viele solch irrationaler Ausbrüche aufgeputschter Massen lassen sich in der Vergangenheit finden: Von den Scherbengerichten der Athener über die Kreuzzüge, die Geißlerzüge, Prediger der Reformationszeit wie Thomas Müntzer (1488–1525), den Hexenwahn (vgl. GralsWelt Nr. 32/2004, „Die Hexenjagd von Salem“) bis zur Französischen Revolution, der Russischen Revolution, dem Faschismus, Exzessen des Nationalsozialismus, der maoistischen Kulturrevolution oder der Al Qaida, den Taliban und dem Islamischen Staat (IS). Seit Jahrtausenden wissen geschickte Demagogen intuitiv die Massen zu manipulieren.

Doch erst im 19. Jahrhundert begann man sich mit den Gesetzmäßigkeiten der Massensituation zu beschäftigen. Richtungweisend wurde das Buch „Psychologie der Massen“ (4) des französischen Arztes Gustave Le Bon (1841–1931), der aufbauend auf Erfahrungen mit französischen Revolutionen das Massenverhalten analysierte und zum Beispiel zu folgenden Annahmen kam:

• Die Masse hat im Gegensatz zum dazugehörigen Individuum ihre Kritikfähigkeit eingebüßt.

• Die Masse ist leicht erregbar und durch Argumente nicht zu überzeugen.

• Die Grundüberzeugungen einer Masse lassen sich nur langsam verändern, und ihre moralischen Urteile sind unabhängig von der Herkunft und dem Intellekt ihrer Mitglieder.

• Die Masse verlangt nach einem Führer, der auch aus der Masse hervorgehen kann. Ein großer Führer erweckt Glauben: religiösen, politischen, sozialen; oder Glauben an eine Person oder eine Idee.

Seither haben sich weitere Forscher und Schriftsteller mit Massenphänomenen beschäftigt und unsere Kenntnisse darüber vertieft. Einige von Le Bons Gedanken, zum Beispiel seine rassistischen Vorurteile, wird heute kein Wissenschaftler mehr vertreten. Doch bleiben die grundlegenden Erkenntnisse Le Bons nach wie vor bemerkenswert. Davon kann man sich etwa bei der Lektüre des sehr lesenswerten Buches „Masse und Macht“ (2) des Nobelpreisträgers Elias Canetti (1905–1994) überzeugen.

In weiter zurückliegenden Jahrhunderten war es in der Regel ein demagogischer Redner, der sein (zahlenmäßig begrenztes) Publikum mit populistischen Parolen aufheizen und zu Taten treiben konnte. Seit der Erfindung des Buchdrucks erreichen Flugschriften, Zeitungen, Bücher einen weitaus größeren Leserkreis. Dann machten Demagogen und Propagandisten mit Rundfunk und Fernsehen das 20. Jahrhundert zum Jahrhundert der Massenbewegungen. Heute verbreiten sich politische Parolen, weltanschauliche Ideologien oder religiöse Wahnideen buchstäblich mit Lichtgeschwindigkeit. Die modernen Massenmedien können Gleichgesinnte vielerorts fast verzögerungslos zu Wutausbrüchen anstacheln und sogar Bürgerkriege wie in Jugoslawien auslösen. Ein einprägsames Beispiel für die Entstehung und den Verlauf einer Massensituation lässt sich im Florenz der Renaissance entdecken.

Florenz in der Renaissance

Der Name Florenz ist untrennbar verbunden mit Lorenzo de’ Medici (1449–1492), der als einer der reichsten Männer seiner Zeit aus seiner Heimatstadt eine bis heute weltweit bewunderte Kunst- und Kulturstadt machte. Lorenzo „il Magnifico“ (der Prächtige) entschied Kraft seines Reichtums und seiner Verbindungen über die Politik der Stadt Florenz, die sich unter seiner Führung zur ausschlaggebenden politischen Kraft Italiens entwickelte. Italien war zersplittert in rivalisierende (Stadt-)Staaten (die maßgeblichen Großstaaten waren Florenz, Genua, Mailand, Neapel, Venedig, der Kirchenstaat), die sich eifersüchtig belauerten und bekämpften. Und doch entstanden unter diesen instabilen Bedingungen die größten Werke der Renaissance. Man möchte einen Vergleich mit dem antiken Athen ziehen, das unter der Herrschaft des Perikles seinen größten Glanz entfaltete, kurz bevor es seinen Niedergang erleben musste.

Die Ausgaben für repräsentative Bauten, Kunstwerke, Feste und Kriege überforderten die wirtschaftlichen Möglichkeiten des stolzen Florenz. Extravaganzen der verschwenderischen Reichen empörten die Armen, denen es schlechter und schlechter ging. Nach Lorenzos Tod wuchsen seinem Sohn und Nachfolger Piero II. de’ Medici (1472–1503) die Probleme über den Kopf. Er musste hilflos zusehen, wie in Florenz eine der interessantesten Volksbewegungen der beginnenden Neuzeit entstand, die mit dem Namen eines charismatischen Fundamentalisten verbunden ist: Girolamo Savonarola (1452–1498).

Ein einflussreicher Prediger

Der Sohn einer adeligen Familie aus Ferrara studierte Philosophie und Medizin, trat aber mit 22 Jahren in den Dominikanerorden ein, um „nicht wie ein Tier unter Schweinen, sondern als vernünftiger Mensch zu leben“. Savonarola begann seine Karriere als wortgewaltiger Bußprediger, der mit flammenden Worten die Verkommenheit der herrschenden Schichten brandmarkte; zu allen Zeiten eine zugkräftige Parole. Große Teile des Volkes, voran die Armen, jubelten ihm zu. 1485 traf Savonarola in Florenz ein, wo er 1494 Prior des Klosters von San Marco wurde. Einen ersten Höhepunkt erreichte sein Ansehen, als er 1492 den baldigen Tod von Lorenzo de’ Medici sowie den von Papst Innozenz VIII. korrekt vorhersagte.

So lange Lorenzo de’ Medici lebte, blieb Savonarola im Rahmen der damals üblichen Bußpredigten, die Missstände geißelten, dem Volkszorn ein Ventil boten und Gläubige mobilisierten. Oft durchaus im Interesse der Kirche. Doch nach Lorenzos Tod (1492) forderte Savonarola von der Familie Medici den Verzicht auf alle Herrschaftsansprüche. Damit griff er in die Politik ein und legte sich mit dem Großkapital an; er wurde zu einer Gefahr für die Reichen und Mächtigen. 1494 fiel Karl VIII. von Frankreich (von Savonarola als „neuer Kyros“ vorhergesagt) in Italien ein. Piero de’ Medici musste vor Karl kapitulieren und demütigende Zugeständnisse machen, die das stolze Florentiner Volk empörten. Damit kam die Stunde Savonarolas. Er warf Piero politische Unfähigkeit vor, und die Medici mussten Florenz verlassen. Dann gelang es Savonarola sogar, Karl VIII. zu beeindrucken, ihn von Florenz abzulenken und die Stadt vor der Plünderung zu bewahren, was an ein Wunder grenzte. – Bis hierher kann man Savonarola sympathisch finden; denn seine Kritik an weltlichen und geistlichen Missständen, so harsch sie auch vorgetragen wurde, war nicht von der Hand zu weisen.

Vom „Gottesstaat“ Florenz …

Das Machtvakuum nach der Flucht der Medici verlangte nach einer neuen Regierung und nach Reformen. Savonarola wurde zum einflussreichen politischen Berater, der – nach dem Vorbild von Venedig – eine gemäßigte Demokratisierung forderte. Anstelle einer einzigen Familie oder wenigen reichen Grundbesitzern sollten auch 3.000 Handwerker, Kaufleute und andere Mittelständler (ca. fünf Prozent der Bevölkerung) den Rat der Stadt wählen.

Doch Savonarolas Hauptanliegen blieb eine sittliche Erneuerung der Stadt, die er zum Gottesstaat, mit Jesus als Herrscher, umformen wollte. Von Florenz aus sollte das Licht Gottes über ganz Italien strahlen. Zuletzt würden sich sogar die Anhänger Mohammeds bekehren, wenn nur Florenz den Anfang machte und seine Einwohner, als Vorbilder für die ganze Welt, nach den göttlichen Geboten lebten. In überfüllten Kirchen vertrat der wortgewaltige Redner, getrieben von prophetischem Feuer, urchristliche Ideen wie Gleichheit, radikale Gerechtigkeit und sogar politische Freiheit als göttliches Recht. Er prangerte das Lasterleben verkommener Kleriker an und verschonte mit seiner treffenden Kritik nicht einmal den Papst. Viele Bürger von Florenz und dessen Umgebung ließen sich von Savonarolas fanatischer Überzeugungskraft mitreißen. Sogar seine Appelle an das christliche Gewissen hatten Erfolg. Viele schienen bereit, sich zu bessern und ihr Leben zu ändern. Reiche und der Mittelstand spendeten – nicht immer freiwillig – für die verarmten Unterschichten. Geldverleiher schämten sich ihrer Wucherzinsen (die bis zu 30 Prozent betrugen) und gaben einen Teil des auf unanständige Weise erpressten Geldes zurück. Mit dem Verlangen von Versöhnung statt Rache konnte Savonarola einen drohenden Bürgerkrieg zwischen den verfeindeten Florentiner Familien verhindern. Die Menschen wurden friedlicher und bescheidener; Glücksspiele und Besäufnisse gab es kaum noch. Sogar die oft gewalttätigen Jugendbanden wandelten sich. Sie sangen nun christliche Lieder und sammelten Geld für Bedürftige. In Florenz lebte man friedlicher als je zuvor!

… schrittweise in die Tyrannei

Dann steigerte sich Savonarola zum Unheilspropheten, der im Stil biblischer Weissagungen Katastrophen für Florenz und Italien ankündigte und zur Buße aufrief. Es gehört zur Tragik des „Ketzers von San Marco“, dass seine apokalyptischen Vorhersagen sich zum großen Teil, wenn auch erst nach seinem Tod, einstellten. Von der kommenden „Heimsuchung der Römischen Kirche“ (die gut auf die von Luther 1517 ausgelöste Reformation passt), der Plünderung Roms (Sacco di Roma, 1527) bis zur blutigen Rückeroberung von Florenz durch die Medici (1530). Die Mächtigen, der gedemütigte Adel und der beleidigte Klerus ließen nichts unversucht, um Savonarola durch Intrigen, Verleumdungen und böse Possen zu schaden und das wankelmütige Volk von ihm abzubringen.

Doch Savonarola wehrte sich. Er mobilisierte Jugendliche und machte aus ihnen eine gut organisierte Truppe, die Spitzeldienste leistete und laufend kontrollierte, ob die Menschen ein christliches Leben nach Savonarolas Vorgaben führten. Im reichen, freizügigen Florenz der Renaissance bedeutete das drastische Veränderungen. Zur Karnevalszeit drangen Savonarolas jugendliche Fanatiker in die Bürgerhäuser ein und schleppten Karnevalskostüme, Perücken, Masken, Spieltische, frivole Kleider und sogar Musikinstrumente weg, um sie auf dem „Scheiterhaufen der Eitelkeiten“ zu verbrennen. Inwieweit dabei nicht nur Plunder, sondern auch wertvolle Kunstgegenstände, sogar Gemälde von Botticelli vernichtet wurden, ist umstritten. Wer leicht beeinflussbare Kinder manipulieren muss, um seine Stellung zu festigen, befindet sich in einer schwachen Position. Man kann eine Parallele zu Mao Tse-tung (1893–1976) ziehen, der seine gefährdete Gewaltherrschaft durch eine vorwiegend von Jugendlichen getragene Kulturrevolution zu verlängern wusste, die das ganze chinesische Volk in eine Katastrophe stürzte.

Das Establishment schlägt zurück

Dem wie ein Prophet des Alten Testaments predigenden Savonarola erwuchsen Feinde aus allen Lagern: Die Franziskaner (traditionelle Gegner der Dominikaner), wegen ihrer Lauheit angegriffene Kleriker, Kirchenobere, die keine Besteuerung der Kirche wollten, Aristokraten – selbst solche, die bei der Vertreibung der Medici geholfen hatten – waren empört über einen Mönch, der sich in die Regierungsgeschäfte einmischte. Kaufleute, die ihre Geschäfte bedroht sahen, das Volk, das der asketische Visionär zu strenger, christlicher Disziplin erziehen wollte: „Ein mächtiger Drang im Volk von Florenz verlangte ungestüm nach Wirtshäusern, Spielhöllen und Bordellen – Möglichkeiten zum Geldverdienen und zum Ausleben der Triebe.“ (3, S. 261)

Auch dem Papst wurde die Kritik an seiner Person, die Forderung nach seiner Absetzung zu viel. Alexander VI. aus dem spanischen Hause Borgia (Papst 1492–1503), ein typischer Renaissanceherrscher, war eine der unerfreulichsten Gestalten auf dem Papstthron. Er war von seinem Onkel, dem Papst Kalixt III., zum Kardinal erhoben worden und baute nun als Papst Alexander VI. auf einen extremen Borgia-Nepotismus. Zudem werden ihm so ziemlich alle denkbaren Niederträchtigkeiten angelastet. Zuerst versuchte Papst Alexander seinen extremsten Kritiker mit dem Angebot ruhigzustellen, als Kardinal nach Rom zu gehen. Doch mit Korruption war gegen Savonarola nichts auszurichten, der das Angebot ablehnte. So verbot der Papst 1495 Savonarola zu predigen. Ohne Erfolg. Wie will man einen Propheten disziplinieren, der von sich sagt: „Das Wort Gottes brennt mir wie Feuer im Herzen, und wenn ich ihm nicht Luft mache, so verbrennt es mir Mark und Bein“? Schließlich wird Savonarola 1497 als „Häretiker, Schismatiker und Verächter des Heiligen Stuhles“ exkommuniziert.

Im Mai 1498 ziehen päpstliche Gesandte in Florenz ein, die drohen, über die ganze Stadt das Interdikt (Gottesdienstverbot) zu verhängen; denn „sterben muss der Mönch, und wäre er ein zweiter Johannes der Täufer“, wie einer der Gesandten des Papstes gesagt haben soll. Ein letzter, verzweifelter Versuch Savonarolas, sich einer Feuerprobe zu stellen, misslingt. Damit wird auch seine mehrfach eindrucksvoll bewiesene prophetische Gabe fraglich. Savonarolas Ansehen schwindet. Der aufgehetzte Pöbel dringt gewaltsam in Savonarolas Kloster ein und schleppt den apokalyptischen Bußprediger in den Kerker. Unter der Folter gesteht er Ketzerei und wird zum Tode verurteilt. Auf dem Marktplatz, an dem ein gutes Jahr zuvor noch das „Feuer der Eitelkeiten“ brannte, wird Savonarola mit zwei Mitbrüdern am 23. Mai 1498 gehängt und anschließend verbrannt. Eine riesige Volksmenge, die ihm vor einigen Wochen noch zujubelte, beschimpft den Märtyrer nun als Feind des Glaubens.

Apokalyptiker, Reformator, Heiliger?

Im späten Mittelalter und der beginnenden Neuzeit waren apokalyptische Zukunftserwartungen verbreitet. Das Volk war der nachlässigen Kleriker überdrüssig und hoffte auf eine Erneuerung der Kirche. So lag auch Savonarola mit seinen Predigten im Stil der Zeit. Um eine Massenbewegung auszulösen, genügen aber nicht Jahrhunderte alte Endzeitprophetien. Die verkommene Kirche, verschwenderische und korrupte Regierungen, die Not der Armen, Florenz im Inneren zerstritten und von außen bedroht: Das waren die Voraussetzungen, um das Volk in einer Massensituation aufzuputschen.

Geldgeschäfte – damals wie heute … In seinen Predigten rechnete Savonarola rücksichtslos ab mit Päpsten, Herrschern, der Kirche, dem Klerus, den Händlern, den Frauen usw. Zur Veranschaulichung seiner Art zu predigen sei ein Auszug gebracht, der den Bankiers des 15. Jahrhunderts gewidmet ist und seltsam aktuell anmutet: „Ihr habt eine Menge von Künsten erfunden, um aus Geld Gewinn zu ziehen, und viele Arten von Geldgeschäften, die ihr reell nennt und die dennoch unrechtmäßig sind, und habt Beamte und Magistrate bestochen … Niemand vermag euch zu überzeugen, dass es eine Sünde ist, Wucher oder unrechtmäßige Geldgeschäfte zu treiben … Niemand mehr empfindet eine Spur von Scham, Geld mit Wucher auszuleihen. Im Gegenteil! Für einen Toren gilt, wer es anders macht …“ (3, S. 253)

Savonarola war mehr als einer der vielen Bußprediger; er war eine prophetische Persönlichkeit von alttestamentarischem Rang. Er erkannte die Zeichen der Zeit und suchte die Lösung der Probleme in einem fundamentalistischen Urchristentum, dem aus seiner Sicht einzig wahren Christentum. Der wortgewaltige Prior von San Marco konnte die Massen mitreißen und ihre Begeisterung sogar auf gute Bahnen lenken. Dazu sind nur wenige Demagogen fähig, die meist Wut, Hass und Rache säen. Savonarola war erfüllt vom Feuer des Glaubens, das ihn weit hinaushob über das Mittelmaß und ihn zu einer Gratwanderung zwischen Heiligem und Ketzer zwang. Nicht wenige der Heiligen der katholischen Kirche hatten es nur glücklichen Umständen zu verdanken, dass sie nicht auf dem Scheiterhaufen endeten. Martin Luther hat in Savonarola einen Heiligen gesehen. Sogar Papst Alexander VI. soll die Hinrichtung Savonarolas bedauert und im Kreis der Kardinäle erklärt haben, er sei bereit, ihn in das Verzeichnis der Heiligen aufzunehmen.

Ein „unbewaffneter Prophet“

Das heutige Bild des prophetischen Dominikaners von Florenz ist uneinheitlich: Musste er scheitern, weil er von den Florentinern zu viel verlangte? Unterschätzte er den Widerstand der Etablierten? Überschätzte er die Opferbereitschaft der Menschen? Oder musste er – wie die Propheten des Alten Testamentes – dem geistigen Ruf folgen, der ihn auserwählt hatte? Jedenfalls war er ein begnadeter Redner, der Großes erreichen wollte: ein besseres, christlicheres Florenz. Eine Reform der im Sumpf der Korruption versinkenden Kirche. Eine moralische Umwälzung, um die Menschen gut, sittlich und rein zu machen. Damit waren die meisten überfordert. Durch aufrüttelnde Predigten und Drohungen mit der nahenden Endzeit war das Volk nur vorübergehend für streng religiösen Lebenswandel und Askese zu begeistern, fiel aber bald wieder von seinem Meister ab. Als populistischer Demagoge konnte Savonarola die Massen begeistern und in Bewegung setzen. Doch um sie dauerhaft zu disziplinieren und zum Besseren zu leiten, fehlte es ihm an Macht, Menschlichkeit und Nächstenliebe; ganz abgesehen davon, dass bei dem Versuch, die Menschen dazu zu bringen, sich freiwillig zum Guten zu ändern, noch fast jeder gescheitert ist. So konnten Savonarolas Gegner zuletzt triumphieren. Machiavelli (vgl. „Machiavelli und sein ,Fürst‘“) nannte Savonarola einen „unbewaffneten Propheten“ und wies darauf hin, dass nur bewaffnete Propheten siegen könnten.

Savonarolas Gedanken wirkten weiter. Was der Florentiner Apokalyptiker in einem dramatischen Gewaltakt von jetzt auf gleich erzwingen wollte – eine Kirchenreform, politische Reformen und Sozialreformen –, wurde in späteren Jahrhunderten in vielen kleinen Schritten zum großen Teil Wirklichkeit. Postume Würdigung erfuhr Savonarola durch Protestanten: An dem großen Luther-Denkmal in Worms findet sich zu Füßen von Martin Luther, unter den als Ketzer verfemten Vorläufern der Reformation, neben Petrus Waldes (gestorben vor 1218), John Wyclif (1320–1384) und Jan Hus (1370–1415) auch Girolamo Savonarola.

Literatur:

(1) Antonetti Pierre, Savonarola, Benzinger, Zürich 1992

(2) Canetti Elias, Masse und Macht, Hanser, München 1994

(3) Durant Will, Kulturgeschichte der Menschheit Bd. 14, Editions Recontre Lausanne o. J.

(4) Le Bon Gustave, Psychologie der Massen, Kröner, Stuttgart 1982

(5) Mayer Matthias, Die politische Theologie Girolamo Savonarolas, Francke, Tübingen 2001

(6) Savonarolas heimliche Zeitgenossen, Savonarola 2014  http://www.savonarola.de

(7) Wikipedia-Enzyklopädie, Artikel „Girolamo Savonarola“        http://de.wikipedia.org/wiki/Girolamo_Savonarola

(8) Savonarola, Film in der Reihe ZDF-Expedition, gesendet am 14.01. 2007