Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein Reformer in schwieriger Zeit

(Veröffentlicht in GralsWelt 46/2008)

Zum 26. Oktober 2007


Wir Deutschen haben es schwer mit unserer Vergangenheit. Begriffe wie Heimat, Vaterland, Nation, Patriotismus, die in anderen Ländern unbeschwert gebraucht werden, sind bei uns durch den Mißbrauch aller hohen und heiligen Begriffe im Dritten Reich belastet, und Persönlichkeiten, die uns als Vorbild dienen, finden sich vor allem im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Entsprechend schwierig wird es, einen deutschen Politiker zu finden, der seinem Land einen allgemein anerkannten, zukunftsweisenden Impuls geben konnte. Die Gründung des Zweiten Deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 in Versailles wird aufgrund des damit verbundenen Nationalismus und Militarismus heute meist kritisch bewertet. Selbst auf die im 19. Jahrhundert glorifizierten Befreiungskriege, die zum Sturz Napoleons führten, und die von ihm angestrebte Einigung Europas um anderthalb Jahrhunderte verschoben, kann man nicht mehr so richtig stolz sein. Wo also finden wir einen deutschen „Nationalhelden”, also einen Politiker, der seinem Land und vor allem dessen Menschen selbstlos diente? Versuchen wir es mit einem Mann, den die Geschichtsschreibung mit einer Hochachtung behandelt, die im umgekehrten Verhältnis zu seinen Erfolgen steht; einer Persönlichkeit die von bürgerlichen wie auch von marxistischen Historikern als größter deutscher Staatsmann der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gefeiert wird:
Der Freiherr vom Stein (1757 – 1831)
Vor 250 Jahren, am 26. Oktober 1757 wurde in Nassau, als Sohn eines Kurfürstlich Mainzischen Geheimen Rates, Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein geboren. Er studierte in Göttingen und trat 1790 in preußische Dienste. Die von Frankreich ausgehenden revolutionären Gedanken lehnte er ab, einer Revolution wollte er mit Bildung und staatlich gelenkter Sozialpolitik den Boden entziehen. 1804 wurde er preußischer Minister. Er bemühte sich um den Wegfall von Binnenzöllen und um wirtschaftliche Reformen. 1806 konnte er die preußische Staatskasse vor den französischen Truppen retteten und nach Ostpreußen bringen. Danach weigerte er sich, Außenminister zu werden. In diesem Amt hätte er einen für Preußen demütigenden Frieden mit Napoleon schließen müssen. Diese Unbotmäßigkeit erzürnte den preußischen König, der Stein streng tadelte und entließ.

„Man ging von der Hauptidee aus, den sittlichen, religiösen, vaterländischen Geist in der Nation zu heben, ihr wieder Mut, Selbstvertrauen, Bereitwilligkeit zu jedem Opfer für Unabhängigkeit von Fremden und Nationalehre einzuflößen.” (2, S. 98)

Aufgrund einer Empfehlung Napoleons, dessen Blick für fähige Menschen bekannt war, wurde Stein 1807 doch wieder Minister. Nun konnte er Reformen angehen, die den Übergang vom Absolutismus zum Verfassungsstaat einleiten sollten:
Selbstverwaltung von Städten und Gemeinden, umfangreiche Reformen in Verwaltung und Finanzwesen, Umstrukturierung des Heeres, das 1806 bei Jena versagt hatte; vor allem aber die Bauernbefreiung, durch die Stein berühmt wurde. Der Freiherr vom Stein ist nicht nur Reformer, sondern auch Patriot . Er will sein Land von der Fremdherrschaft befreien und beginnt die spätere preußische Erhebung vorzubereiten; nicht zuletzt durch seine einschneidenden Reformen in Staat und Gesellschaft.
Vom französischen Geheimdienst wird einer seiner Briefe abgefangen, aus dem sich Pläne für einen Volksaufstand erkennen lassen. Napoleon erklärt daraufhin Stein zu einem Feind Frankreichs; der Freiherr muß sein Ministeramt niederlegen und fliehen. Seine Güter werden eingezogen, und ihm droht die Todesstrafe. In Rußland kann er als Berater des Zaren Zuflucht finden, doch seine Tätigkeit als Reformer des preußischen Staatswesens ist beendet.

Die Bauernbefreiung:
„Die Bauern auf den Großgütern sind leibeigen. Ihre Arbeit geschieht zum großen Teil zum Nutzen des Gutes, ihr Bier und ihren Branntwein kaufen sie im herrschaftlichen Krug, ihr Korn müssen sie in der Gutsmühle mahlen lassen, ihre Kinder dienen auf dem Herrenhof; nur der darf ein Handwerk lernen, dem es die Herrschaft erlaubt; nur mit dem ‚Laufpaß’ kann jemand den Gutsbezirk verlassen, nur mit dem ‚Heiratskonsens’ kann jemand heiraten.
Die Gutsgerichtsbarkeit liefert die Bauern und Kätner denen aus, gegen die sie ihre Klagen richten. Wer die ‚gebührende Ehrfurcht’ gröblich verletzt, kann vom Gutsherrn von Haus und Hof gejagt werden. Der Gutsherr kann den Bauern in den Stock setzen oder zur Prügelstrafe verurteilen.
Jede Beschwerde geht an den Gerichtsherrn – und das ist wieder der Gutsherr. Was hilft es, daß mancher Rittergutsbesitzer sorglich wie ein Vater an seinen ‚Untertanen’ handelt? Die Unfreiheit bleibt und damit ein Mangel an Verantwortungsgefühl.
Freiherr vom Stein haßt das Wort ‚Untertan’. Er will Bauern und Bürger zu Staatsbürgern machen, die das Schicksal des Vaterlandes bewußt mittragen.
Der Widerstand gegen Veränderungen der bestehenden Gesellschaftsformen und Rechte kommt aus den Reihen des grundbesitzenden Adels. Der König aber ist der Vertreter dieser Schicht.
Nach dem Zusammenbruch Preußens und der Beschneidung des Staatsgebietes auf die Länder östlich der Elbe ist der König so entmutigt, daß er seinem Minister freie Hand läßt. Am 9. Oktober 1807 erscheint ein Edikt über die Aufhebung der Gutsuntertänigkeit und die Schaffung freier Besitzverhältnisse. Das ist die ‚Bauernbefreiung’.” (4, S. 247)

Die Lobbyisten schlagen zurück.
Das alte Preußen bestand aus von einander abgegrenzten Ständen: Krone, Heer und grundbesitzender Adel beherrschten den Staat; Bürger und Bauern hatten wenig Einfluß. Als sich Preußen nach seiner katastrophalen Niederlage des Jahres 1806 langsam erholte, gewannen auch die führenden Stände ihren Einfluss zurück; die stein’schen Reformen wurden von diesen Kreisen zum großen Teil abgewürgt.
Auch Steins Mitstreiter und Nachfolger, der liberale, stärker noch als vom Stein von der Aufklärung beeinflußte von Hardenberg (1750 – 1822), konnte sich gegen die Interessen der Großgrundbesitzer nicht durchsetzen. So blieb die Bauernbefreiung auf halbem Wege stecken, eine eigentlich dringend nötige Bodenreform blieb aus. Edikte aus den Jahren 1811 und 1821 verfügten dagegen, daß die nun freien Bauern für ihre Freilassung einen großen Teil ihres Grundes den Gutsherrn überlassen, bzw. Entschädigung zahlen müssen. Dadurch erhielt die Masse der Gutsuntertanen so kleine Parzellen, dass sie keine Familie ernähren konnten. Solche winzigen Kätnergüter wurden als nicht regulierungsfähig eingezogen. Die Kleinbauern sind zwar frei geworden, müssen ihren Lebensunterhalt aber als Landarbeiter auf Großgütern verdienen, auf denen ihnen – besonders im Osten – bald billigere Saisonarbeiter aus Polen Konkurrenz machen. Zahlreiche Höfe und Siedlungen verschwinden und machen den Katen armer Landarbeiter Platz. Ein großer Teil der Jüngeren wandert in die Städte oder in den Westen ab, wo mit der Eröffnung von Textilfabriken, Kohlengruben, Eisenwerken die Industrialisierung langsam anläuft. Eine Generation später werden viele auch über Auswanderung nachdenken.
Das Vermächtnis des Freiherrn
Was läßt sich aus dem Leben des Freiherrn vom Stein heute lernen?
In einer labilen politischen Situation wurde er zum Kristallisationspunkt für aufbauende Kräfte, die in moralischer Läuterung und uneigennützigen, zähen Anstrengungen den vom Untergang bedrohten Staat retten wollten. Sein energischer Widerstand gegen Gruppeninteressen und Vorurteile, gegen ständische und regionale Beschränktheit, wurde Maßstab und Vorbild für fortschrittliche Kräfte im späteren 19. Jahrhundert.
Die mit seinem Namen verbundenen Reformen scheiterten zum großen Teil an dem hartherzigen Widerstand des Adels, und eine große Chance zur notwendigen Modernisierung Preußens wurde vertan; dieses Versäumnis wirkte sich dann auch im 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreich nachteilig aus. Die Machtstellung der ostelbischen Grundbesitzer hielt sich bis ins 20. Jahrhundert, beeinflußte noch die Politik der Weimarer Republik, und wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch die sozialistische Bodenreform gewaltsam beendet.
Gerade heute kann es nützlich sein, wieder an selbstlose Reformer, an den Freiherrn vom Stein und seine Mitstreiter zu denken, deren Ansätze zur Modernisierung ihres States und seiner Gesellschaft zum großen Teil am Egoismus und dem Klassendenken sturer Zeitgenossen scheiterten.
Die politischen und ökonomischen Rezepte der preußischen Reformer des frühen 19. Jahrhunderts eignen sich kaum zur Lösung der Probleme unserer Zeit. Doch Moral, Uneigennützigkeit, mutiger Einsatz für die Heimat, sowie standhafter Widerstand gegen Gruppenegoismus, Korruption und Lobbyarbeit, sind im politischen Leben nach wie vor unterrepräsentiert. Notwendige Reformen drohen wie eh und je an der Uneinsichtigkeit vieler Zeitgenossen zu scheitern, die die Notwendigkeit von Veränderungen nicht sehen und schon gar nicht auf Privilegien verzichten wollen.

Literatur:
(1) Craig Gordon A., Das Ende Preußens, C. H. Beck, München 1985
(2) Dethlefs Gerd, Der Freiherr vom Stein und Cappenberg”, Westfälisches Landesmuseum, Münster 2001 (mit Abbildungen)
(3) Duchhardt Heinz, Weil Stein die Sonne war, um welche die anderen kreisten, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz 2004
(4) Zierer Otto, Aus Knechtschaft zur Freiheit, Das Bergland-Buch, Salzburg 1979
(5) http://de.wikipedia.org./wiki/Heinrich_Friedrich_Karl_Freiherr_vom_Stein (mit Abbildungen)