Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein Rechtsbruch der rechtens war

Vor rund 250 Jahren, im Jahr 1765, fand eine denkwürdige Begegnung statt, die den Beginn vom Ende der Sklaverei in England einleitete. Eine völlig unerwartete Gerichtsentscheidung, die der alten Gesetzesordnung offen widersprach, brachte bald darauf den Stein endgültig ins Rollen.

Moral und Gesetz

In einer Einführungsvorlesung hörte ich vor Jahrzehnten, daß man von dem geschriebenen Recht keine moralischen Maximen erwarten dürfe. Das Rechtssystem lege nur einen Mindeststandard fest, wie er für eine Gemeinschaft unerläßlich sei. Wer also von Gerichtsurteilen ethische Leitlinien verlange, muß demnach enttäuscht werden.

Doch das stimmt nicht immer. Denn es gab einen interessanten Rechtsfall von weittragender Bedeutung, der dieser Meinung widerspricht und in doppelter Hinsicht interessant ist:

Einmal, weil die damalige Gesetzgebung nach heutigem Rechtsempfinden völlig inakzeptabel war. Zum anderen, weil ein Gericht ein humanes Urteil sprach, das von der Gesetzeslage nicht gedeckt war. Vermutlich war das nur in einem angelsächsischen Land möglich, in dem die Rechtsfindung stark vom Gewohnheitsrecht, von bereits vorhandenen Gerichtsurteilen beeinflußt wird. Sofern es in diesem System kein richtungweisendes Urteil aus einem früheren, ähnlichen Fall gibt, kann das Gericht relativ frei entscheiden und an der Weiterentwicklung der Rechtsprechung mitwirken.

Vom Rechte, das mit uns geboren

Es erben sich Gesetz und Rechte

Wie eine ew’ge Krankheit fort;

Sie schleppen von Geschlecht sich zu Geschlechte

Und rücken sacht von Ort zu Ort.

Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage:

Weh dir, daß du ein Enkel bist!

Vom Rechte, das mit uns geboren ist,

Von dem ist, leider! nie die Frage.

Johann Wolfgang von Goethe, „Faust“

Eine Begegnung mit Folgen

Im Jahre 1765 trafen sich zwei nach Herkunft, Ethnie und sozialer Stellung höchst unterschiedliche Menschen; eine Begegnung, die Geschichte machen sollte.

Der Humanist Granville Sharp (1735–1813) war auf dem Weg zu seinem Bruder, einem Arzt. Vor dessen Praxis fand er einen schwarzen Sklaven mit dem Namen Jonathan Strong (gestorben 1773). Dieser hatte seinen Herrn, einen Pflanzer aus der Karibik, auf einer Reise von Barbados nach London begleitet. In London wurde er von seinem Herrn in einem Wutausbruch fürchterlich verprügelt und war für tot liegengelassen worden. Nun wartete der mißhandelte Sklave vor der Arztpraxis auf Hilfe. Die Leidensgeschichte des armen Sklaven, der sich von seinen Verletzungen nie mehr ganz erholte, schockierte Sharp zutiefst. Er kümmerte sich um dessen medizinische Behandlung und half ihm, Arbeit als Laufbursche zu finden.

Zwei Jahre später mußte Strong seinen Wohltäter erneut um Hilfe bitten. Sein ehemaliger Herr, der brutale Sklavenhalter, war wieder in London. Zufällig begegnete er seinem einstigen Sklaven, nahm ihn mit Hilfe einiger zwielichtiger Gestalten fest und verkaufte ihn für 30 Pfund an einen westindischen Plantagenbesitzer; dieser verfrachtete den Gefangenen auf ein Schiff. Jonathan Strong hatte inzwischen Lesen und Schreiben gelernt und konnte Sharp vom Schiff aus eine Nachricht zukommen lassen. Dieser war über die Entführung empört und ging vor Gericht. Zur allgemeinen Überraschung sprach das Gericht den Sklaven ohne Entschädigung für den Eigner frei. Nach Ansicht der schockierten Sklavenhalter ein klarer Rechtsbruch!

Was ist rechtens?

Angespornt durch diesen Erfolg, studierte Granville Sharp die Gesetzeslage und fand, daß nach der damals üblichen Rechtsprechung ein Sklavenhalter auch dann der Eigentümer seines Sklaven blieb, wenn der Sklave sich auf englischem Boden aufhielt!

Von nun an setzte sich Sharp für die Sklavenbefreiung ein. Im Jahr 1772 konnte er ein sensationelles Gerichtsurteil erreichen zu Gunsten des Sklaven James Somersett. Dieser war mit seinem Besitzer 1769 nach England gekommen und war ihm 1771 entlaufen. Das Gericht entschied, daß ein Sklave frei sei, sobald er englischen Boden betrat, und nicht mit Gewalt oder gegen seinen Willen von England weggebracht werden dürfe. Dieser wichtige „Somersett-Case“ war allerdings noch nicht die Abschaffung der Sklaverei!

Die „Abolition“ – Abschaffung des Sklavenunwesens

Zusammen mit Gleichgesinnten wie dem Parlamentarier William Wilberforce (1759–1833) und besonders Quäkern, die Gewalt jeder Art ablehnen, gründete Sharp 1787 die „Gesellschaft zur Abschaffung des Sklavenhandels“ (Society for Effecting the Abolition of the Slave Trade). Diese frühe Menschenrechts-Organisation prangerte Mißstände bei der Sklavenhaltung an und setzte sich für die Abschaffung der Sklaverei ein.

Auch in den USA fanden sich Abolitionisten, die dann im Vorfeld des Bürgerkrieges eine wichtige Rolle spielten (vgl. GralsWelt 74/2013, „Die Sklaverei endete, der Rassismus blieb“).

Granville Sharp durfte noch erleben, daß im Jahr 1807 der Sklavenhandel (noch nicht die Sklaverei insgesamt) in England verboten wurde. Manche Historiker sehen in der Abschaffung des Sklavenhandels durch die Briten im Jahr 1807 übrigens weniger ein humanitäres als vielmehr ein ökonomisches Projekt, weil die Kosten der Sklavenarbeit die Kosten der Lohnarbeit zu übersteigen begannen! (3, S. 57)

Sharp jedenfalls war tief erschüttert und glücklich über diesen, auch ihm persönlich zu verdankenden Erfolg der Humanität und dankte Gott auf Knien! 

Literatur:

(1) BBC History: Granville Sharp

http://www.bbc.co.uk/history/historic_figures/sharp_granville.shtml

(2) Wikipedia: Granville Sharp

http://de.wikipedia.org/wiki/Granville_Sharp

(3) Schicho Walter, Geschichte Afrikas, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2010