Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein Prophet in Nordamerika

(Veröffentlicht in GralsWelt 39/2006)

Ein Visionär des Friedens
Als Europäer im 16. Jahrhundert zu den großen Seen Nordamerikas vordrangen, fanden sie einen einmaligen Zusammenschluss mehrerer Indianerstämme: Die Liga der Irokesen (sie selbst nannten sich Haudenosaunee, die Menschen des Langhauses) bestand aus fünf, später aus sechs Indianerstämmen. Ihr Gebiet war das fruchtbare Land südlich der Erie- und Ontario-Seen bis zum Sankt-Lorenz-Strom; also Teile der heutigen Staaten Ohio, Pennsylvania und New York. Die Irokesen waren ihren Nachbarn durch eine entwickeltere Zivilisation überlegen; es wird vermutet, dass die Haudenosaunee einst aus dem Süden einwanderten, wo sie Kontakte zu den Azteken hatten, der höchstentwickelten Kultur Nordamerikas. Ihren Feinden gegenüber waren die Irokesen von konsequenter Härte, schrecklich grausam, und äußerst einfallsreich im Erfinden mörderischer Torturen. Wenn Gefangene der Irokesen Glück hatten, wurden sie in den Stamm aufgenommen. Andernfalls stand ihnen – manchmal sogar Frauen – ein Tage währender Martertod bevor. Bei den Grenzern waren die Irokesen gefürchtet und verhasst, wie das z. B. in Coopers Indianerbüchern zum Ausdruck kommt . Bekannt ist auch der rigorose Ausrottungskrieg der Irokesen gegen die stammverwandten Huronen (Wyandot), der mit deren völliger Vernichtung endete.
Die Nachbarn der Irokesen waren vorwiegend Algonkin-Stämme, die eine andere Sprache und Kultur hatten. In historischer Zeit lebten die Völker rings um das Irokesen-Land in tödlicher Angst vor brutalen Übergriffen der mächtigen Irokesen-Liga.
Totaler Krieg
In fernen Zeiten, die sich nicht exakt einordnen lassen – die Angaben schwanken zwischen dem 10. und dem 16. Jahrhundert – tobte zwischen den verschiedenen Stämmen der Irokesen ein endlos langer, blutiger Krieg. Wenn ein Krieger im Kampf umkam, trauerte der ganze Klan; die Klanmitglieder hatten dann die Pflicht, den gefallenen Krieger zu rächen. So kam es zu einem Kreislauf von Überfall und Gegenangriff, von Mord und Rache ohne Ende. Die Stämme der blutrünstigen Irokesen waren gut organisiert, vermutlich nach dem Vorbild der Indianer Mexikos. Sie schlossen wechselnde Bündnisse, und wenn sie nicht gerade übereinander herfielen, verbreiteten sie Angst und Schrecken unter ihren Nachbarn, die sie aus Teilen ihrer Jagdgründe vertrieben hatten.
In den Sagen wird besonders der Name eines Häuptlings erwähnt, der die Stämme auf einander hetzte: Tadodaho, eine dämonische Gestalt mit Schlangen als Haaren, Schildkrötenkrallen an den Händen, und den Füßen eines Bären. Dieser finstere Kriegspriester der Onondaga ließ alle Versuche scheitern, den Teufelskreis von Kampf und Blutrache zu durchbrechen; sein einziges Ziel war Krieg und Vernichtung der Feinde.

Dagawidas Lehre baute auf folgenden Prinzipien auf:
1. Gesundheit an Leib und Seele – und Frieden zwischen den einzelnen und den Stämmen.
2. Rechtes Betragen und gute Gedanken – und Gerechtigkeit und Achtung der Menschenrechte.
3. Bereitsein zur Verteidigung – und Bewahrung und Stärkung der geistigen Kraft, Orenda genannt. (9)

Deganawida der Prophet
Etwa zu der Zeit als Kolumbus in der Karibik landete , erschien im Irokesen-Land ein Visionär aus dem Stamm der Huronen, der eine machtvolle Botschaft des Friedens verkündete: Deganawida. Die Irokesen sollten sich unter einem symbolischen Friedensbaum vereinigen, eine Regierung bilden, die auf Recht und Gesetz beruht, und in Eintracht und Gerechtigkeit leben. Der Friedenstifter – wie er später genannt wurde – hatte Schwierigkeiten, sich mitzuteilen; sei es, weil er kein großer Redner war, oder weil er die Irokesen-Sprache nicht gut beherrschte. Er fand einen überzeugten Anhänger in dem angesehenen Mohawk-Häuptling Hiawatha , einem geborenen Onondaga. Dieser begnadete Redner, bislang selbst ein gefürchteter Kriegshäuptling, verbreitete nun Deganawidas dreizehn Gesetze des Friedens. Auf demokratischer Basis sollten Einzelpersonen und Nationen in Frieden und Harmonie zusammen leben. Die alte Erkenntnis, dass Eintracht stark macht, zeigte er anschaulich mit einem Bündel von fünf Pfeilen: Einen einzelnen Pfeil kann jeder leicht zerbrechen; zusammengehalten vom Band der Freundschaft, werden sie unüberwindlich. Dieses Symbol wurde später von Tecumseh übernommen.
Es gelang den beiden Verkündern einer friedenstiftenden Lehre, die „Fünf Nationen” der Irokesen zu gewinnen: Seneca, Cayuga, Onondaga, Oneida, Mohawk . Zuletzt wurde von der bewegenden Friedensbotschaft sogar Tadodaho überzeugt, und er wandelte sich von einem kriegstreiberischen Dämon in einen Verfechter von Deganawidas „Großem Gesetz”.
Deganawidas Staatsidee war ein für seine Zeit vorbildlicher, konkreter Plan: Eine mutterrechtlich organisierte, repräsentative Demokratie, in der die Individuen große Freiheiten genossen.

Wenn immer die Staatsmänner der Liga sich zum Rat versammeln, sollen sie das Wort an die Erde richten, auf der die Menschen wohnen, und ihr danken; sie sollen den Bächen, Teichen und Seen, dem Mais und den Früchten und den Heilkräutern und Bäumen des Waldes für ihre Gaben danken; sowie den Tieren, die als Nahrung dienen und ihr Fell für Kleidung geben; den starken und sanften Winden, den Donnern; der Sonne, dem mächtigen Krieger; dem Mond; den Boten des Schöpfers, die seine Wünsche kundtun; und dem großen Schöpfer, der in den Himmeln über uns wohnt und den Menschen all die Dinge gibt, die für sie nützlich sind, und von dem Gesundheit und Leben kommen und gelenkt werden.”
(Aus dem Großen Gesetz des Friedens der Liga der Haudenosaunee, 4, S. 44)

Die Irokesen-Liga
Die Stämme der Irokesen besaßen etwa 70 Städte, in denen jeweils etliche Klans hausten. Ein Klan war eine Art Großfamilie, die in einem Langhaus gemeinsam lebte. Das Irokesen-Langhaus war eine komfortable Unterkunft, 50 und mehr Meter lang. Häuser und Felder gehörten den Frauen, die Erbfolge war matrilinear . Im Haus und auf den Feldern, die sie auch bestellten , hatten die Frauen das Sagen. Die Männer waren für die Jagd und sonstige Tätigkeiten außerhalb des Klanlandes zuständig, z.B. für Handels- oder Kriegszüge. Geheiratet wurde nur von Klan zu Klan, und die Männer zogen zu ihrer Frau. Jedem Klan stand eine von den Frauen gewählte Klanmutter vor, die den besten Krieger als Gehilfen hatte. Die Klanmütter ernannten die männlichen Häuptlinge, die auch ihren Stamm beim „Großen Rat” vertraten. Im Zentrum des Irokesen-Landes, bei den Onondaga, den „Bewahrern des Feuers”, stand das „Große Langhaus”, in dem sich 50 Sachems der verschiedenen Stämme im Sommer zum Großen Rat einfanden. Für die Ratsversammlung galten strenge Regeln; so war es z. B. nicht erlaubt, einen Sprecher zu unterbrechen. Entscheidungen wurden in einem demokratischen Abstimmungsverfahren gefällt.
Ein Vorbild für die USA
Im Jahre 1754 verhandelten Beauftragte der britischen Kolonialherren mit Häuptlingen der Irokesen über die Abtretung von Land. In der sich über zwei Wochen hinziehenden Konferenz pries Häuptling Canasatego die Vorzüge der Irokesen-Liga: „Unsere Vorväter haben uns zu einer Konföderation vereinigt und uns damit zu ungeahnter politischer Kraft verholfen”. (8) Einen aufmerksamen Zuhörer fand er in dem Gesandten von Virginien, Maryland und Pennsylvanien: Benjamin Franklin (1706 – 1790). Dieser studierte die Irokesen-Demokratie und legte danach einen Plan für eine Union der britischen Kolonien Nordamerikas vor, der vom Kongress in Albany angenommen, aber von keiner der Kolonien ratifiziert wurde. Erst 1776 entstand durch die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kolonien eine Union nach dem Vorbild der Irokesen. Deganawida war ein Ideengeber für die Verfassung der USA!
Die Kunde von der Indianer-Demokratie in Amerika kam nach Europa und beeindruckte Philosophen und Schriftsteller der Aufklärung. Z. B. schrieb Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) über „Die große Friedensfrau der Irokesen”.
Der Verfall der Liga
Viele Jahrzehnte, wahrscheinlich Jahrhunderte lang war der Bund der Irokesen die bestimmende Kraft im Waldland südlich der Großen Seen. Mit den Franzosen waren sie seit 1609 verfeindet, als Champlain ihren Gegnern Musketen verkaufte und selbst gegen die Mohawk kämpfte.
Im englisch-französischen Kolonialkrieg um Kanada (1754 – 63) bemühten sich beide Parteien um Unterstützung durch die Irokesen-Liga. Ungeschicktes Verhalten der Franzosen veranlasste die Irokesen, sich mit den Briten zu verbünden . Mit den Irokesen auf ihrer Seite hätten die Franzosen Kanada wohl nicht verloren.
Zu Beginn des Unabhängigkeitskrieges (1776) waren sich Engländer wie Amerikaner bewußt, dass 10.000 Irokesen-Krieger den Feldzug entscheiden könnten. Beide Parteien wollten die Irokesen als Verbündete; doch der große Rat der Haudenosaunee konnte sich nicht für eine Seite entscheiden, und die Liga spaltete sich. Oneida und Tuscarora unterstüzten die Amerikaner. Im kalten Winter 1777/78 leisteten sie Washingtons Truppen im Valley Forge kriegsentscheidende Hilfe mit Lebensmitteln und Decken. Mohawk und Seneca verbündeten sich mit den Engländern. Nun kämpften wieder Irokesen gegen Irokesen. Die Onandaga litten unter einer Epidemie und blieben neutral. Dafür traf sie 1779 die volle Härte einer US-Strafexpedition, die ihre Siedlungen mitsamt den Nahrungsmittelvorräten vernichtete und die Obstbäume fällte. Alle Nationen der Irokesen hatten schwere Verluste, egal auf welcher Seite sie standen.
Nach der britischen Kapitulation von 1783 wurden die Indianer-Rechte in den Friedensverträgen ignoriert; am meisten litten die Irokesen. In einer Konferenz in Fort Stanwix wurde 1784 die Auflösung ihrer Liga erzwungen. Die Haudenosaunee verloren den größten Teil ihres Landes und wurden in winzige Reservate abgeschoben, in denen sie um den Erhalt ihrer Identität und ihrer Kultur ringen mussten.

Literatur:
(1) Cumming W. P. u. a., Die Entdeckung Nordamerikas, Bertelsmann, Gütersloh, 1972
(2) Eckert, Allan W., Wilderness Empire, Bantam, New York, 1971
(3) Josephy Alvin, Die Welt der Indianer, Frederking & Thaler, München 1994
(4) Josephy Alvin, 500 Nations, Frederking & Thaler, München 1996
(5) La Farge Oliver, Die große Jagd, Walter, Olten, 1961
(6) Engel Lor./Binder Heinz, Unter Indianern, DVA, Stuttgart, 1967
(7) http://de.wikipedia.org/wiki/Irokesen
(8) http://www.indianer-web.de/nordost/irokesen.html
(9) http://www.indianerwww.de/indian/n_irokes.htm
(10) http://www.indians.org/welker/hiawatha.htm
(11) http://www.tolatsga.org/iro.htm