Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein Professor als Hofnarr

Überaus grotesk muss ein Gelehrter im Narrenkostüm wirken – das dachte sich auch der preußische König Friedrich Wilhelm I., der darin neben übler Bosheit seine Verachtung gegenüber den Wissenschaften zum Ausdruck brachte. Ein Extrembeispiel für einen bedauerlichen Grundzug, der sich nicht nur in dieser Zeit auffällig zeigte.

Im Mittelalter und in der Neuzeit war der Hofnarr eine verbreitete Institution an den Fürstenhöfen. Oft war er der einzige, der aufgrund seiner sogenannten Narrenfreiheit dem Fürsten unverblümt „Narrenweisheiten“ ins Gesicht schleudern durfte, die niemand ernst nehmen musste. Bei qualifizierten Hofnarren hatten deren närrische Ansprachen oft einen tieferen Hintergrund, den ein kluger Monarch zu berücksichtigen wusste.

Die Figur des Narren hat eine sehr alte Tradition. Bei Naturvölkern und noch in der Antike galten psychisch behinderte Menschen als heilig. In ihrem Gestammel wollte man Worte einer Gottheit erkennen. Im frühen Christentum – aber auch in anderen Religionen – gab es Persönlichkeiten, die so exzessiv heiligengerecht leben wollten, dass sie bewusst in Narreteien abdrifteten. Solche „Narren in Christus“ setzten sich freiwillig der Verachtung der Welt aus; als eine Art der Askese, die noch härtere Anforderungen stellte als die Askese der Einsiedler, die nur den Anfechtungen des eigenen Fleisches ausgesetzt waren. Es ist auch noch gar nicht lange her, dass viele Dörfer ihren „Dorfdeppen“ und manche Bauernhöfe ihren „Hausnarren“ hatten. Diese wurden von der Gesellschaft als Narren geduldet und akzeptiert und fanden einen bescheidenen Platz zum Überleben.

Schon in der Antike gab es auch Spaßmacher. Manchmal missgebildete Sklaven, die schon durch ihre äußere Erscheinung lächerlich wirkten, oder andere Witzbolde. Während des Triumphzuges eines siegreichen Feldherrn ging im Alten Rom hinter diesem ein Mann, der ihm ununterbrochen zurief: „Vergiss hinter dich blickend nicht, dass du nur ein Mensch bist!“

Dann gab es im antiken Griechenland und im antiken Rom arme Philosophen, die weder Schüler noch einen Mäzen fanden. Sie mussten ihren Unterhalt damit bestreiten, dass sie reiche Bürger bei Tisch mit witzigen Bemerkungen unterhielten. Sie waren mehr oder weniger „Scheinweise“, denen man die Parodie auch ernster Dinge nachsah. Diese Form der Abwertung von Philosophen oder auch von Wissenschaftlern setzte sich bei den Angehörigen des Adels und an manchen Fürstenhöfen fort, bis hinein in das Zeitalter der Aufklärung.

Ein Verschwender und ein Sparer

Der preußische König Friedrich I. (Regierungszeit 1701–1713) war ein verschwenderischer Barockfürst, der sich die Krönung zum König von Preußen im Jahre 1701 viel Geld kosten ließ (vgl. GralsWelt 25/2001, „Der eitle Ehrgeiz eines Monarchen“). Als er 1713 starb, hinterließ er seinem Sohn ein verschuldetes Staatswesen. Ganz im Gegensatz zu seinem Vater verordnete Friedrich Wilhelm I. (König 1713–1740) seinem Königreich einen rigorosen Sparkurs zur Haushaltssanierung. So konnte er seinem Sohn und Thronerben, dem später berühmt gewordenen „Großen König“ Friedrich II., eine gut gerüstete Armee und eine gefüllte Kriegskasse hinterlassen, die dieser exzessiv zu nutzen wusste.

Der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. vergötterte alles Militärische, verachtete Kunst und Wissenschaft. Er litt aber unter Minderwertigkeitskomplexen wegen seiner Unbildung. Es ist allgemein bekannt, dass Friedrich II. als Kronprinz unter diesem cholerischen Vater, als einem üblen Sadisten, sehr zu leiden hatte. Doch weit schlimmer erging es dem armen Professor Gundling.

Der gemobbte Professor

Jacob Paul Freiherr von Gundling (1673–1731) war 1705 vom preußischen König Friedrich I. zum Professor für Geschichte und Recht an die Berliner Ritterakademie berufen worden und 1706 zum Historiker an das Oberheroldsamt. Nach dem Tode dieses Königs wurde die Ritterakademie von dessen Sohn und Nachfolger Friedrich Wilhelm I. aufgelöst. Dieser übertrieb die für das verschuldete Königreich nötige Sparsamkeit und bestellte Gundling zum wissenschaftlichen Berater und Hofnarren in Personalunion.

Zu den Vergnügungen des ansonsten bescheiden lebenden Königs gehörte ein „Tabakskollegium“. Es war eine grobschlächtige Herrenrunde. Die meisten Mitglieder waren adelige Offiziere, die ihre Bildung auf dem Kasernenhof erhalten hatten. Hinzu kamen ein paar „Lustige Räte“, das waren materiell vom Hof abhängige Gelehrte. Diese wurden als Fachleute gehört, ihr Rat wurde nicht selten übernommen, aber sie wurden auch zu übermäßigem Alkoholkonsum gedrängt. Paradoxerweise mussten sie zudem als Zielscheibe für den Spott des ungehobelten Tabakskollegiums dienen. Wer selbst ungebildet oder gar dumm genug ist, wertet sein Selbstwertgefühl häufig auf, indem er die Gebildeteren lächerlich zu machen versucht.

„Der Hauptzeitvertreiber des Tabakskollegiums war aber der hochgelehrte Gundling, welchen der König, um den Adel, die Gelehrten und die Bürokraten zu verhöhnen, mit Würden überhäufte. Er ernannte den Pedanten zum Freiherrn mit sechzehn Ahnen, zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften, welches Institut aber jährlich im ganzen nicht mehr als 300 Taler kosten durfte, ferner zum Kammerherrn und zum geheimen Finanzrat. Dabei aber musste Gundling sich zum Gegenstand der ungeheuerlichsten Schnurren hergeben, bei welchen sein Leben mehrmals in Gefahr kam. Einmal ließ der König dem Betrunkenen einen der Bären, welche zu Wusterhausen gehalten wurden, ins Bett legen, und nur ein glücklicher Zufall entriss ihn noch der tödlichen Umarmung der Bestie. Ein andermal beschoss man ihn in seinem Zimmer mit Raketen und Schwärmern. Oft ereignete es sich, dass der arme Mann beim Nachhausekommen aus dem Tabakskollegium die Türe seines Zimmers zugemauert fand und dann die ganze Nacht mit Suchen derselben verbrachte.“ (1, S. 352)

Auch steckte man den Gelehrten in eine bizarre Uniform und stellte ihm einen gleich gekleideten Affen als seinen Sohn zur Seite, den er in die Arme zu schließen und zu küssen hatte. Oder man setzte ihn – betrunken von dem ihm aufgezwungenen Alkoholmissbrauch – in eine Sänfte ohne Boden. Als Gundling seinem Elend entkommen wollte und zu seinem Bruder nach Halle (Saale) floh, wurde er zurückgebracht. Das unerlaubte Entfernen vom Hofe galt als Fahnenflucht!

Den Höhepunkt erreichte das Mobbing des Bedauernswerten, als er mit einem Magengeschwür im Sterben lag. Der König ließ neben das Bett des Todkranken den für ihn bestimmten Sarg stellen: ein schwarz lackiertes Weinfass, auf dem der Spottvers stand: „Hier liegt in seiner Haut, halb Schwein halb Mensch, ein Wunderding.“

Kaum war Gundling tot, bekleidete man ihn mit Samtrock und Brokatstrümpfen, stellte ihn im Fass öffentlich zur Schau und verfrachtete ihn dann im Viehwagen nach Bornstedt bei Potsdam, wo er beigesetzt wurde. Die Leichenrede hielt sein größter Feind und Neider bei Hofe, nachdem die zuständigen evangelischen Geistlichen sich der makabren Posse verweigert hatten. Sie wurden dafür streng verhört, aber letztendlich nicht bestraft. Später versuchte Friedrich Wilhelm I. in einer offiziellen Darstellung des Vorfalls den Verdacht auszuräumen, er habe Grundsätze der Religion missachtet.

„Vornehme“ Geringschätzung der Wissenschaften

Das Leben und das Werk von Professor Gundling werden heute unterschiedlich beurteilt. Meist stehen dabei seine unbestreitbaren Leistungen im Hintergrund. Vielmehr wird von seiner Charakterschwäche gesprochen und von den Demütigungen, die er sich am preußischen Hof gefallen lassen musste. Dort war er der Willkür eines ungehobelten Königs mit grausamen Neigungen ausgeliefert. Mit größter Rücksichtslosigkeit verging sich Friedrich Wilhelm I. ja sogar am eigenen Sohn und Thronfolger. Leider waren eitle Dummköpfe auf Fürstenthronen nicht die seltene Ausnahme, so dass Gundling als exemplarischer, wenn auch extremer Fall zu betrachten ist.

Die Abwertung der Wissenschaften, die Diskriminierung von Wissenschaftlern hat im Abendland eine lange Tradition. In der Renaissance und im Barock waren es zunächst die Kirchen, die Stellung bezogen gegen wissenschaftliche Erkenntnisse, die sich nicht mit den Lehren der Heiligen Schrift vereinbaren ließen. Später mussten die adeligen Kreise um ihre Privilegien fürchten, falls sich die neuen Ideen der Philosophie der Aufklärung durchsetzen sollten, die auch die Kirchen in Frage stellten. Zuletzt gab es noch den erbitterten Streit „gläubiger Christen“ gegen Darwins Entwicklungslehre. Da schien es am bequemsten, die Wissenschaften, die man ohnehin nicht verstand, als solche lächerlich zu machen. Das ging bis weit ins 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der industriellen Revolution.

Dazu ein weiteres bekanntes Beispiel: Im Jahre 1837 hob Ernst August I., König von Hannover, unmittelbar nach seiner Thronbesteigung die relativ freiheitliche Verfassung seines Landes auf. Dagegen reichten die „Göttinger Sieben“ Protest ein. Diese Protestaktion von sieben angesehenen Professoren, darunter Jacob und Wilhelm Grimm, erregte Aufsehen in ganz Deutschland. Alle sieben wurden entlassen, drei sogar des Landes verwiesen. Der willkürlich handelnde Landesherr ließ sich zu dem wahrhaft königlichen Spruch hinreißen: „Schauspieler, Huren und Professoren kann man immer haben.“

Die Inhaber der Macht mögen es eben nicht, wenn ihre Entscheidungen von Fachleuten kritisch beleuchtet werden. Das gilt im politischen Leben und nicht selten sogar in der Industrie noch heute!

Literatur:

(1) Scherr, Johannes: Deutsche Kultur und Sittengeschichte, Agrippina, Wiesbaden o. J.

(2) ZEIT Geschichte Nr. 04/2012: Die aufrechten Sieben

http://www.zeit.de/1972/30

(3) Kohn, Brigitte: Freiherr von Gundling stirbt an Mobbing, BR-Radio Kalenderblatt vom 11.04.2012
http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/1104-mobbing-grundling-magengeschwuer100.html

(4) Wikipedia-Enzyklopädie, Artikel „Narr“

http://www.de.wikipedia.org/wiki/Narr

(5) Ökumenisches Heiligenlexikon, Artikel „Narren um Christi willen“

http://www.heiligenlexikon/de/Glossar/Narren