Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein Meister des Skurrilen

(Veröffentlich in GralsWelt 11/1999)

Es gab und gibt viele Sonderlinge auf unserem Planeten, die manchmal sogar von sich Reden machen. Einer der merkwürdig­sten unter diesen Außenseitern ist zweifellos Charles Fort (1874‑1932), der im angelsächsischen Sprachraum so bekannt ist, daß zwei Gesellschaften (die 1931 in New York gegrün­dete „Fortean Society” und die 1969 in Arlington/Virginia entstandene „INFO” = Internationale Fortianische Organisa­tion) sich mit seinen Ideen und seinem Nachlaß beschäftigen. Seit 1971 ist ihm auch eine Zeitschrift gewidmet, die seine Forschungen weiterführt („The Fortian Times”, London). Im Rahmen unserer Serie „Verkannte Genies?” stellt Siegfried HAGL mit Charles Fort einen „Meister des Skurrilen” vor, von dem man bis heute nicht so recht weiß, ob er ein bedeutender Wissenschaftskritiker war oder nur ein unermüdlicher Archivar von unerklärbaren Phänomenen und rätselhaften Erscheinungen.  

Der Fischhändler von Worcester

Krebse und Strandschnecken – Die gewöhnlichen Theologen haben die Krebse und Strand­schnecken übersehen – Oder Mysterium versus Fischhändler.

Am 28. Mai 1881 erschien in der Nähe der Stadt Worcester, England, ein Fischhändler mit einem Dutzend unternehmungslu­stiger Helfer und einer Kolonne schwer mit verschiedenen Sorten von Krebsen und Strandschnecken beladener Fuhrwerke in einem unbemerkten Augenblick auf einer vielbefahrenen Straße. Der Fischhändler und seine Gesellen schnappten sich Säcke voller Strandschnecken und schleuderten die Tiere in wütendem Eifer zu beiden Seiten der Straße auf die Felder. Sie liefen zu mehreren Gärten, einige Helfer kletterten auf die Schultern anderer Helfer, man stemmte ihnen Säcke hoch, die über mannshohe Mauern hin­weg ausgeleert wurden. Währenddessen schaufelten andere Helfer auf einer Strecke von ungefähr einer Meile in rasender Eile aus ei­nem Dutzend Karren Strandschnecken auf die Straße. Ebenfalls währenddessen waren andere Burschen damit beschäftigt, die Schnecken mit Krebsen zu vermischen. Es handelte sich nicht um einen Werbefeldzug. Das Ganze geschah vielmehr heimlich. Die Kosten dürften sich auf einige hundert Dollar belaufen haben. Die Kolonne erschien, ohne daß man sie auf dem Weg gesehen hätte, und löste sich danach auf ebenso mysteriöse Weise wieder in Luft auf. Es standen zahlreiche Häuser an der Straße, aber niemand hat sie gesehen.

Ob ich so freundlich wäre zu erklären, was, im Namen eines auch nur anflugweise annähernd gesunden Verstandes, ich mit der Schilderung einer solchen Geschichte bezwecke?

Aber es ist nicht meine Geschichte. Die Einzelheiten sind von mir zugegeben, doch habe ich sie ganz präzise den Umständen entsprechend eingefügt. Am 28. Mal 1881 spielte sich nahe Worce­ster ein Ereignis ab, und die konventionelle Erklärung lautete, daß ein Fischhändler dafür verantwortlich war. Insofern er unbeobach­tet war, wenn er es war, und insofern er mit Tonne und Ar nicht kleinlich war, wenn er es war, muß er es wie beschrieben bewerkstelligt haben, wenn er es war.

In Land and Water, 4. Juni 1881, schreibt ein Berichterstatter, daß während eines heftigen Sturms nahe Worcester Tonnen von Strandschnecken vom Himmel fielen, so daß Felder und Straße auf rund einer Meile davon bedeckt waren. In der Ausgabe vom 11. Juni schreibt der Herausgeber, man habe ihm verschiedene Exem­plare zugesandt. Er verweist auf den rätselhaften Umstand oder Hinweis, der in beinahe allen Berichten auftaucht, daß es sich um eine Auswahl lebendiger Wesen handelte. Er spricht von einem ge­waltigen Fall von Meerestieren, der weder von Sand, noch Kies, noch Muschelschalen, noch Seetang begleitet war.

In der Worcester Daily Times, 30. Mai, steht zu lesen, daß am 28. in Worcester die Nachricht eintraf, es sei vom Himmel her ein wundersamer Strandschneckenregen auf die Cromer Gardens Road und die umliegenden Felder und Gärten niedergegangen. Die meisten Leute In Worcester blieben ungläubig, aber einige mach­ten sieh auf den Weg dorthin. Jene im Glauben wurden mit Strand­schnecken belohnt.

Daraufhin schrieben zwei Leser. sie hätten die Strandschnecken schon vor dem Sturm auf der Straße liegen sehen, wo sie ver­mutlich von einem Fischhändler weggekippt worden seien. Auf diese Weise wurde das Ereignis konventionell, und aus jenen Mut­maßungen entstand die Geschichte vorn Fischhändler, obgleich sie noch nie so erzählt wurde, wie ich es oben getan habe.

Mr. J. Lloyd Bozward, ein Autor, dessen meteorologische Aus­führungen den Lesern wissenschaftlicher Zeitschriften aus jener Zeit bekannt sein dürften, untersuchte die Angelegenheit, und die Ergebnisse erschienen in der Worcester Evening Post vom 9. Juni. In Sachen Fischhändler verweise ich auf seine Feststellung, daß der Preis von Strandschnecken bei 16 Shilling das Scheffel (36 l) lag. Er schreibt, daß eine große Fläche zu beiden Seiten der Straße von Strandschnecken, Einsiedlerkrebsen und kleineren Krebsen unbestimmter Art bedeckt war. Worcester liegt etwa 30 Meilen (50 km) von der Mündung des Flusses Severn oder rund 50 Meilen (80 km) vom Meer entfernt. Vermutlich hat noch niemals ein ein­zelner Fischhändler dieser Welt so viele Strandschnecken auf ein­mal besessen, aber zu der Möglichkeit, daß einer sich seiner Ware entledigt haben könnte, weil der Markt übersättigt war, sagt Mr. Bozward: „Weder am Samstag, dem 28., noch am Freitag, dem 27. konnte man in Worcester einer lebenden Strandschnecke habhaft werden.” Gärten und Felder waren davon übersät. Die Gärten von hohen Mauern umgeben. Mr. Bozward berichtet von 10 Sack Strandschnecken zu einem Wert von rund 20£ das Stück, die, sei­nen Ermittlungen nach, eingesammelt und auf den Märkten von Worcester feilgeboten wurden. Die Menschenmenge hatte Töpfe und Pfannen und Tüten und Kisten mit Strandschnecken gefüllt, bevor er den Ort erreichte. „In Mr. Maunds Garten füllten sie zwei Säcke.” Seine Schlußfolgerung lautet, daß die Dinger während des Gewitters vorn Himmel fielen. Sein ist also die Wirbelwind‑Erklä­rung.

Es geschehen außergewöhnliche Dinge, sie werden durch Kon­ventionalisierungen verschleiert und je banaler der Schleier, desto zufriedener ist man. Strandschnecken bedecken ein ausgedehntes Stück Land, durch das eine Straße führt. Ein Fischhändler war’s.

Aber die Krebse und der Fischhändler – und wenn der Fisch­händler die Strandschnecken, hat er auch die Krebse, wenn er’s denn war?

Aus: Louis Kaplan, „Witzenschaftliche Weltbetrachtungen, Das verdammte Universum des Charles Fort” Mathias Gutza Verlag, Berlin 1991, S. 88 f.

Charles Fort wurde am 6. August 1874 in Albany (New York) in einer kleinbürgerlichen Kaufmannsfamilie niederländi­scher Herkunft geboren. Schon als Kind  traten seine nonkon­formistischen Neigungen hervor, und Schwierigkeiten mit dem streng viktorianisch denkenden Vater waren unvermeidlich. Charles träumtedavon, Naturforscher zu werden, beschäftigte sich mit allem und jedem, las zahllose Bücher und vernachläs­sigte die ihm übertragenen Pflichten im elterlichenLebens­mittelgeschäft

„Als kleiner Junge rätselten wir über die Inkonsistenzen der Bibel, und wir stellten Fragen, die nicht befriedi­gend beantwortet werden konnten … Wir hätten diese Ketzereien nicht verlauten lassen sollen, aber wir spürten, daß es eine höhere Form des Lebens geben müsse als die eines Krämers. Obwohl wir nicht genau wußten, was an ihnen war, hatten es uns jene Dinge angetan, die mit Städten und guten, geschäftigen Leuten nichts zu tun hatten.”

Mit siebzehn Jahren beginnt Charles Fort schriftstellerische Arbeiten an die New Yorker Presse zu verkaufen. Bald darauf wird er Zeitungsreporter in Albany und New York City. Er ist noch keine 20 Jahre alt, als man ihn zum Hauptredakteur einer klei­nen Zeitschrift, dem „Woodhaven Independent” macht. Eine aus­sichtsreiche journalistische Karriere liegt vor ihm.

Quantenphysik und die Prinzipien der Magie

Die Astronomen geben Erklärungen zu Dingen ab, die mit Tele­skopen nicht gesehen werden können. Die Physiker verkünden Entdeckungen, die mit Mikroskopen nicht gesehen werden kön­nen. Ich frage mich, ob irgend jemand auch nur den Schatten von Sinn in der Anschuldigung zu entdecken vermag, daß meine Geschichten von Unsichtbarem handeln.

Ich bin ein sensationslüsterner Mensch.

Und es wird unterstellt, daß die moderne Wissenschaft, die an­geblich mein Hauptgegner ist, von mir und meinen Methoden sehr weit entfernt sei.

Niemand hat jemals Dampf gesehen. Elektrizität ist unsicht­bar. Die Wissenschaft der Physik ist Okkultismus. Fachleute für die Nutzung von Dampf und Strom sind Zauberer. Zumeist halten wir ihre Praktiken nicht für Hexerei, aber wir haben da unsere Ver­mutung, was man auf früheren Stufen dieses dunklen Zeitalters, in dem wir leben, darüber gedacht haben würde.

Die Wissenschaft der Physik, von der man einst dachte, sie habe mit Werwölfen, Vampiren, Hexen und anderen meiner Lieb­lingsschmusetiere für immer aufgeräumt, gleicht heutzutage der­maßen einer versuchsweisen Systematisierung der Prinzipien der Magie, daß ich mich vergeblich nach berühmten Professoren um­sehe, denen ich ungemütlich werden könnte. Mit den Prinzipien der Quantenmechanik läßt sich fast jedes Wunder vernünftig er­klären. Zum Beispiel, wie man in einen abgeschlossenen Raum kommt, ohne durch die Mauer zu gehen, oder wie man von einem Ort zum anderen springt, ohne den dazwischenliegenden Raum zu durchqueren. Und die Exponenten der ultramodernen Physik werden nur deshalb ernster genommen als ich, weil meine Leser nicht so zu tun brauchen, als verstünden sie, worüber ich schreibe.

Aus „Witzenschaftliche Weltbetrachtungen” S. 141 f.

Diese Chance vermochte er aber nicht zu ergreifen, denn seine Erforschungen des Ungewöhnlichen, Abartigen, Unglaublichen zo­gen ihn so in ihren Bann, daß er diesen brotlosen Studien den größten Teil seines Lebens widmete.

Es schaffte es, mit dem Einkommen von 20 Dollar pro Monat, zwei Jahre lang (1893‑94) große Teile der englischsprachigen Welt zu bereisen. Von Neuschottland und New Orleans nach Großbritannien und weiter über die Kanaren, St. Helena, Südafrika wieder zurück nach New York.

Dort heiratet er 1896, lebt in bescheidenen Verhältnissen, und schlägt sich mit den verschiedensten Arbeiten durch:

„Ich war Stadtstreicher und Redakteur, Reporter, Witze­schreiber, Feuerwehrmann, Ruderknecht, Buchmacher, Heizer, Tellerwäscher …”

Im Jahre 1905 lernt Fort in dem Journalisten Theodore Dreiser (1871‑1945) seinen literarischen Mentor und lebenslangen Freund kennen, der ihm zur Veröffentlichung von Kurzgeschichten verhilft. 1909 erscheint in New York auch ein Roman von Charles Fort („The Outcast Manufacturers”).

Aber die Leidenschaft Forts gilt dem Sammeln wissenschaftlicher Anomalien und „verdammter” Daten, die er vor allem in der New York Public Library findet. 1919 erscheint sein „The Book of the Damned” („Das Buch der Verdammten”). Unter den „Verdammten” versteht Fort von Wissenschaftlern abgelehnte (=verdammte) Daten und Fakten:

„Die Wissenschaft ist ein Schlund, oder ein kopfloser und gliederloser Magen, ein amöbenartiges Eingeweide, das sich am Leben erhält, indem es das Assimilierbare einverleibt und das Unverdauliche zurückweist. Wirbelwinde und Wasser­hosen gibt es und das gelegentliche Vorkommen schwach phos­phoreszierender Eulen scheint immerhin annehmbar. Durch einen Prozeß der Datenauswahl, der das Anrüchige ausscheidet und das Wünschbare einverleibt, erspart sich die Wissenschaft eine Menge Bauchschmerzen.”

 Ab 1920 ist Fort mehrmals für längere Zeit in London, um in der Bibliothek des Britischen Museums weiter zu forschen. Als er – vermutlich wegen Überarbeitung – auf einem Auge er­blindet, muß er seine Suche nach dem Seltsamen unterbrechen, kann jedoch weitere Bücher erscheinen lassen (1923: „New Lands”, dt. „Neuland”; 1931: „Lo!”, dt. „Da !”). Seine Arbeiten finden Anerkennung, und 1931 kommt es im New York Placa Hotel zur Gründung der „Fortean Society”, welche die Geisteshaltung und die Ideen von Charles Fort verbreiten will. 1932 stirbt Charles Fort im Alter von 57 Jahren an einem Herz­leiden.

Im englischen Sprachraum ist Charles Fort heute weithin bekannt. Seine in humoristischer Form veröffentlichten Sammlungen von unerklärlichen und unglaublichen Begebenheiten – Fische, die vom Himmel regnen, Blutregen, Sichtobjekte (Ufos?), extra­terristische Botschaften, astronomische Possen – sprechen An­gelsachsen anscheinend magisch an. Für deutschsprachige Leser sind seine als „Witzenschaft” bezeichneten Werke erst seit kur­zem zugänglich. Sie sind nicht nach jedermanns Geschmack, und zwei Leseproben zur Einstimmung (siehe Kasten) mögen jeden Leser selbst ent­scheiden lassen, ob er sich mit dem höchst merkwürdigen Phäno­men Charles Fort näher befassen will.

Was dieser in jahrzehntelanger, mühsamer Kleinarbeit akribisch zusammengetragen hat, erscheint uns heute als chaotisches Sammel­surium von Beobachtungsfehlern, unerklärten Phänomenen, falsch gedeuteten Effekten und transzendenten Erscheinungen, in deren Fülle bis heute niemand Ordnung und System bringen konnte, um zu den weiterführenden Erkenntnissen zu finden, die Charles Fort erträumte. Es wird wohl noch etlicher Zeit und mancher Mühe be­dürfen, bevor wir wissen, ob der einzigartige Sonderling ein be­deutender Wissenschaftskritiker oder nur ein unermüdlicher Ar­chivar des Skurrilen war.

Siegfried HAGL

 Literatur:

Fort, Charles: „Das Buch der Verdammten”, Zweitausendeins, Frankfurt, 1995

Fort, Charles:  „Neuland”, Zweitausendeins, Frankfurt, 1996

Fort, Charles: „Da”, Zweitausendeins, Frankfurt, 1997

Kaplan, Louis: „Witzenschaftliche Weltbetrachtungen”, Mathias Gutza, Berlin, 1991

Magin, Ulrich: „Der Ritt auf dem Kometen”, Zweitausendeins, Frankfurt, 1997

 

Fortianische Zeitschriften:

Fortean Times, 20 Paul Street, Frome, Somerset BA 111 DX Großbritannien

Strange, P.0. Box 2246, Rockville, MD 20847 USA