Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein kaum bekannter Genius

(Veröffentlicht in GralsWelt 14/1999)

Aus dem Leben des Halbbluts Sequoya

Ein Naturvolk zivilisiert sich selbst: Siegfried HAGL schildert das zeitliche Umfeld und die Genialität eines Indianers, an dessen Leben heute nur noch die Benennung der Mammut-Bäume erinnert: Sequoya erfand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein einzigartiges Silbenalphabet, durch das erstmals die schriftliche Aufzeichnung der Tscherokesensprache möglich wurde – was unter anderem zur ersten „Indianerzeitung” führte: dem „Cherokee Phoenix”. 

„Ich bitte, Sir, das Verlangen, eine ganze Nation solle ihr ganzes Land aufgeben und sich zu einem weit entfernten, wilden und unkultivierten Land begeben, mehr zum Vorteil der US‑Regierung als zu dem der Choctaws, wäre – wie ich hoffe – wert, in lebendiger Erinnerung der Regierung be­wahrt zu werden. Der Verzicht einer ganzen Nation, ihre Trauer, Unruhe, Entbehrungen und Verluste auf dem Weg und während der Errichtung neuer Heime in einer wilden Welt, sind wie nichts sonst geeignet das menschliche Herz zu erbittern. Es gibt Opfer, Sir, die für jene, die sie ver­langen, schlimmere Folgen haben, als für jene, die sie er­dulden müssen.”

Der Choctaw‑Mathematiklehrer Peter Pitchlynn in einem Schreiben an den US‑Innenminister, 1831

Im Südosten der Vereinigten Staaten von Amerika, etwa im Bereich der heutigen Staaten Alabama, Florida, Georgia, South Carolina und Tennessee, lebten einst die als die „fünf zivilisierten Stämme” bekanntgewordenen Cherokees (Tsceokesen), Choctaws, Chickasaws (Tschikasa), Creeks und Semiolen.

Diese Völker hatten zunächst gute Beziehungen zu Engländern, Franzosen, Spaniern. Durch häufige Besuche in weißen Siedlungen erkannten sie die Überlegenheit der über das große Wasser ge­kommenen Zivilisation, die sie schon im 17. und 18. Jahrhundert so weit wie möglich übernahmen. Viele bauten feste Häuser, trieben Handel (leider auch mit Sklaven), benutzten das Spinnrad und kauften eiserne Pflüge und Feuerwaffen. Bei den Cherokees ent­stand sogar eine Indianer‑Republik mit einer Präsidial‑Demokratie und zwei gesetzgebenden Kammern. Im Jahre 1730 empfing König Georg II. in London eine siebenköpfige Cherokee‑Delegation, und Verträge zwischen beiden NationenEngland und Cherokeewurden geschlossen.

Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (17761783) kämpften etwa 5.000 Cherokee‑Krieger an der Seite der Engländer. Nach dem Friedensschluß richtete sich der Haß der siegreichen Kolonisten gegen die mit England verbündeten Indianer, die nach der Nieder­lage Englands den übermächtigen Weißen alleine gegenüberstanden.

Die Indianer, voran die Cherokee und Creek, sahen nur noch eine Überlebenschance: Die Künste und Handwerke der Weißen zu lernen, um als zivilisierte, friedliche und fleißige Bürger anerkannt zu werden. Dazu gehört eine Buchstabenschrift. Weiße Missionare wurden eingeladen, die dann nach veralteten Methoden Englisch lehrten, weil sie überzeugt waren, daß sich indianische Sprachen nicht schreiben lassen. Erfolge blieben aus, und die Indi­aner waren enttäuscht, als ihre Kinder nach einem Jahr nur ein wenig buchstabieren konnten.

Ein einmaliges Genie

Da erstand aus den Reihen der Cherokees ein einmaliges Genie: das Halbblut Sequoya (ca. 1760 1843). Der Sohn eines Weißen und einer Indianerin wuchs indianisch auf, ohne je eine Missionsschule zu besuchen oder Englisch zu lernen. An Kriegszügen nahm er teil, doch seine Liebe galt der Kunst. Schon in jungen Jahren war er ein exzellenter Silberschmied. Mit den Weißen wollte er nichts zu tun haben. Um ihnen aus dem Weg zu gehen, zog er von Tennessee nach Alabama.

Den Anstoß zu seiner historischen Leistung, die in die Geschich­te des Westens eingegangen ist, gab der Legende nach die Prahlerei eines Neffen. Dieser hatte in der Missionsschule ein wenig buch­stabieren gelernt und brüstete sich damit. Sequoya soll voll Zorn behauptet haben, daß sich indianische Sprachen genauso gut schreiben ließen.

So machte er sich im Jahre 1809 daran, für seine Muttersprache eine Schrift zu erfinden. Vor ihm waren verschiedene Missionare, die durch das Studium von Latein und Griechisch mit Fremdspra­chen vertraut waren, bei dem Versuch gescheitert, eine indiani­sche Sprache zu schreiben. Sequoya begann damit, jedes Wort der Cherokee‑Sprache als Bild­zeichen wiederzugeben. Da ihm Schreibzeug und Papier fehl­ten, ritzte er seine Zeichen in Rindenstücke. Nach jahrelangen Mühen, die ihn zum Sonderling machten und dem Spott seiner Frau und der Nachbarn aussetzten, kam er – wie einst antike Völker im Lauf von Jahrhunderten – von der Zeichenschrift zur Silben­schrift. Schließlich konnte er alle 85 Silben der Cherokee‑Spra­che mit seinem Silben‑Alphabet schreiben. Als Symbole verwendete er teilweise lateinische Buchstaben, die er einem ihm zufällig in die Hände gekommenen Buch entnommen hatte, ohne diese Buch­staben lesen zu können.

Im Jahre 1821 war es so weit: Sequoya stellte seine bahnbre­chende Erfindung dem Stammesrat vor. Dieser war äußerst skep­tisch und vermutete einen Trick, weil er nicht glauben wollte, daß Sequoyas sechsjährige Tochter jeden Text lesen konnte, der ihrem Vater durch Zuruf diktiert worden war. Erst als eine Gruppe Jugendlicher, die mit Sequoya noch keinerlei Verbindung gehabt hatten, nach einigem Unterricht ebenfalls lesen konnten, waren auch die Skeptiker überzeugtund die Tragweite der Erfin­dung war erkannt.

Nun wollte der ganze Stamm der Cherokee lesen und schreiben können. Aufgrund ihrer scharfen Beobachtungsgabe und ihres aus­gezeichneten visuellen Gedächtnisses lernten Alt und Jung in we­nigen Monaten die Cherokee‑Schrift.

Im Jahre 1825 beschloß der Stammesrat den Kauf einer Drucker­presse.

 Eine Entwicklung ohne Parallele

Am 21. Februar 1828 kann die erste Nummer des „Cherokee Phoenix” erscheinen, einer in Cherokee und Englisch gedruckten Zeitung. Das war der Höhepunkt einer Entwicklung ohne Parallele. Kein zweites Naturvolk hat aus eigener Kraft innerhalb von weni­gen Jahrzehnten seine eigene Schrift entwickelt und aus einem Stamm von Analphabeten ein lesendes und schreibendes Volk ge­macht. Bald lernten auch die Creek das Lesen und Schreiben. Ihre Stammesgesetze wurden schriftlich fixiert, und die Cherokee schufen eine richtiggehende Verfassung.

Sequoya lebte von nun an als angesehener Lehrer in Arkansas. Seine Verdienste fanden bleibende Würdigung in der Bennenung der Mammut‑Bäume (Sequoya). Nur wenige der zahlreichen Bewunderer dieser Natur‑Denkmäler wissen, daß sie vor dem schönsten Denkmal stehen, das man einem Indianer errichten kann.

Durch Sequoyas Erfindung war die Grundlage für den kulturellen Aufstieg der „fünf zivilisierten Stämme” gelegt, deren Schicksal leider nicht ihren zivilisatorischen Leistungen entsprach. Die weißen Amerikaner waren nicht bereit, Indianern Bürgerrechte einzuräumen. Man verlangte das von ihnen kultivierte Indianer­land. Zwischen 1831 und 1839 wurden die „fünf zivilisierten Stämme” mit brutaler Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben und im fernen, wenig einladenden Oklahoma angesiedelt.

Aber auch dort gaben sie noch nicht auf. Sie rodeten Land, gründeten neue Farmen und züchteten Vieh. Auch die Drucker­presse kam wieder zum Laufen.

Doch in den unwirtlichen Prärien des fernen Westens kamen die „fünf zivilisierten Stämme” ebenfalls nicht zur Ruhe. Im amerikani­schen Bürgerkrieg standen sie als Südstaatler auf der Seite der Konföderation; Grund genug, alle Verträge zu brechen, das Indianer‑Territorium aufzuteilen und die Selbstregierung der Stämme zu zerstören. Das war das Ende eines in der Kolonial­geschichte einmaligen Ansatzes, in dem ein Naturvolk sich selbst zivilisieren wollte.

Literatur:

Augustin, Siegfried: “Die Geschichte der Indianer”, Droemer-Knaur, München, 1998

La Farge, Oliver: „Die große Jagd”, Walter‑Verlag, Olten 1961

Stammel, H. J. „Indianer”, Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh, 1977