Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein Kaiser sucht die Wahrheit (1999)

Der indische Subkontient hat eine ebenso lange wie verwirrende Geschichte, die in Europa jahrhundertelang kaum Beachtung fand. So blieb auch ein indischer Herrscher des 16. Jahrhunderts, der mehr Menschen regierte als Europa damals Einwohner hatte, lange unbeachtet: Akbar (Abul Fath Dschalaluddin Mohammed Akbar, 1542-1605).
Akbar der Eroberer
Als Akbar (arabisch “der Große”) geboren wurde, war das von seinem Großvater Babur (oder Babar = Tiger, 1483-1530) gegründete mohammedanische Mogul- Reich im Zerfall, und Akbars Vater Humayun (1508-1556) konnte nur mit Mühe seine Herrschaft über einen kleinen Teil von Baburs zerbrochenem Großreich halten. Nach dem frühen Tod seines Vaters wird der hochbegabte Akbar, eine Nachfahre Dschingis-Chans und Tamerlans, 1556 zum Herrschar eines kleinen Fürstentums proklamiert, das auf Dehli, Agra und das Umland begrenzt ist. In einer Kette von Kriegen und Schlachten, die sich bis ins 17. Jahrhundert hinziehen, dehnt Akbar sein Reich über den größten Teil Indiens und Afghanistans aus, mit Ausnahme des südlichsten Teils von Indien, dem Dekkan.
Doch die vielen Kriege und Bürgerkriege im indischen Subkontient sind nicht unser Thema. Vielmals griffen Eroberer an, und mehrmals wurde das riesige Land unterworfen. Seine unterschiedlichen Ethnien und zahlreichen Religionen spiegeln diese wechselhafte Geschichte eines großen Kulturvolkes. Was Kriege und Eroberungen angeht, so war Akbar nur einer der vielen Herrscher, deren Reiche nicht dauerten.
Eine beeindruckende Persönlichkeit
Der junge Akbar war hochintelligent und vielseitig interessiert. Er stellte viele Fragen und nicht selten mußten seine Lehrer erst selbst recherchieren, bevor sie seine Fragen beantworten konnten. So eignete sich der Thronfolger ein umfassendes Wissen an. Nur bei einem Thema blieben alle Bemühungen noch so guter Lehrer ergebnislos: Akbar weigerte sich, die Schrift zu erlernen und blieb Zeit seines Lebens ein Analphabet, der – die Welt ist voller Widersprüche – wissenschaftliche Bücher sammelte und sich ein beachtliches Wissen aneignete, besonder in religiösen Fragen.
Schon in jungen Jahren mußte er erleben, wie religiöser Fanatismus die Völker Indiens entzweite, wie Haß und Feindschaft zwischen religiösen Guppen zu ständigen kleineren Fehden und manchmal zu großen Kriegen führte. Edelmütige schiitische Sufis *), die auch Andersgläubigen das Streben nach Wahrheit zubilligten, lehrten ihn religiöse Toleranz, die sein späteres Lebens bestimmte. Diese Weisen der Sufis fanden ihr eigenes Streben in mancher Hinsicht dem der indischen Yogis, der Asketen der Jainas oder der buddhistischen Philosophen verwandt.
Die maßgeblichen sunnitischen Religionsgelehrten, die Ulemas, mißbrachten dagegen ihre Macht. Sie bereicherten sich schamlos und praktizierten einen fanatisch-militanten Sunnismus, der fast alle Bevölkerungsschichten gegen dieses Regiment aufbrachte. Als Akbar den Amtsmißbrauch dieser Geistlichkeit erkannte, wurde sie durch einen klugen Schachzug entmachtet und mußte Akbars berühmtes “Toleranz-Edikt” akzeptieren, das Religionsfreiheit verkündete. Auch die diskriminierende Kopfsteuer für Nicht-Muslime wurde aufgehoben (1564) und sogar der Übetritt vom Islam zu einem anderen Glauben gestattet.
Etwa zur gleicher Zeit wurde in Europa gegen die Reformation vorgegangen, und in Japan mußte Oda Nobunaga (1534-1582) die machtgierigen Oberhäupter der buddhistischen Staatsreligion entmachten.
Suche nach der Wahrheit
In einem großen Park der neuen Hauptstadt Fattipur-Sikri läßt Akbar einen prächtigen Bau errichten: das “Haus der Verehrung”. In einem Mittelteil, für Akbar reserviert, wird die gesamte zugängliche Literatur über Religionen gesammelt. In stiller Andacht beschäftigt sich der Kaiser mit den Religionen der Welt und kommt immer mehr zu der Überzeugung, daß ein freies Gespräch der verschiedenen Gelehrten zu weltweitem Glaubensfrieden führen müsse. Er selbst wird ein hervorragender Religionswissenschaftler, der ein schlichtes, jedermann verständliches Religionsbild anstrebt. Fern der Akbar bestens bekannten raffinierten wissenschaftlichen Spekulationen, soll dieses neue Religionsverständnis einen einfachen Menschen weder dogmatisch noch mystisch überfordern.
Dann lädt er Vertreter der Religionen zu Gesprächen ein: Mohammedaner (Schiiten, Sunniten), Hindus, Jainas, Parsen und viele mehr. Zuletzt kommen von Goa, der Portugiesischen Kolonie, noch gelehrte Jesuiten.
Im “Haus der Verehrung” finden zahlreiche religions-philosophische Vorträge und Diskussionen statt. Speziell die sunnitischen Ulemas, die ihre hohe Stellung weniger ihrer Gelehrsamkeit als Familientradition und Beziehungen verdanken, enttäuschen den Kaiser. Sie sind schon unter sich uneins, und werden – rhetorisch in die Enge getrieben – wütend und ausfallend. Solche Fanatiker müssen erfahren, daß ihnen der Kaiser an Kenntnis und Überblick klar überlegen ist. Die christlichen Gelehrten hingegen beeindrucken den Kaiser mit ihrem weit angegelegten Wissen. Die Hoffnung, Akbar zum Christentum zu bekehren erfüllt sich jedoch nicht, da nach Akbars Auffassung das Papsttum, mit seiner absoluten Autorität, gegenüber Andersdenkenden intolerant sein müsse. Doch die Christen dürfen sich trotz Anfeindungen von Seiten der Muslime frei und sicher bewegen und sogar missionieren.
Anders als bei den Disputationen **) im Spanien der Reconquista ***), wurde im “Haus der Verehrung” offen diskutiert, und – zumindest von Akbar selbst – ehrlich um Wahrheit gerungen.
Akbars Vermächtnis
Als Akbar Indien und Afghanistan zu einem großen, einheitlichen Reich zusammenführte, war er zunächst ein Eroberer, der in wenigen Jahrzehnten eine riesige Land- und Völkermasse unterwarf. Wie andere Herrscher seiner Zeit, führtete auch dieser besonders erfolgreiche Despot eine luxuriöse Hofhaltung mit großartigen Jagdausflügen und prunkvollen Festen. Doch seine tolerante Gesetzgebung, vor allem seine Gerechtigkeit, brachten die unterschiedlichen Stämme Indiens unter seiner Führung zu einem Ganzen zusammen, so daß manche Autoren (z.B. 4) mit ihm das indische Nationalbewußtsein beginnen lassen. Seine Bemühungen um religiöse Tolerenz, die Hoffnung sogar auf eine bessere, einheitliche Religion sind nach seinem Tode gescheitert, wie auch sein Reich unter unwürdigen Nachfolgern nicht dauerte.
*) Sufismus (von Suf, arab.Wolle, da Sufis wollene Mäntel tragen) = Ein vielgestaltiger mohammedanischer Weg der asketisch-mystischen Frömmigkeit. Dem Sufismus nahe stehen die (sunnitischen bzw. schiitischen) Derwischorden.
**) Disputationen = religiöse Streitgespräche im 13. – 15. Jhd. in Spanien, die “Ungläubige” zum Christentum bekehren sollten. Bei diesen Gesprächen, die man vielleicht besser “Indoktrinationen” nennen sollte (2, S. 39), stand der “Sieg des christlichen Glaubens” von vornherein fest.
***) Reconquista = die Rückeroberung Spaniens von den Mauren

Akbars Religionsverständnis
“Akbar versuchte…, aus verschiedenen Gotteslehren, die seiner Meinung nach alle den gleichen Herrn hatten, eine eigene Religions-Synthese zu finden und faßte sie im ‘DIN-I-ILAHI’ oder ‘DIN-AL-ELOHIM’, dem ‘Reinen Gottesglauben’, in wenigen Sätzen zusammen:
‘Wir glauben an nur Einen, unteilbaren Gott – ein rein geistiges, in Allem wirkendes ewiges Wesen, dem die menschliche Seele (der Geist) entstammt und wieder zustrebt.’ Die obersten sittlichen Grundlagen sind: Toleranz, Gleichberechtigung aller Menschen, Reinheit in Gedanken, Worten und Werken.” (4, S. 98)

LITERATUR:
(1) Diez, Ernst “Akbar”, Rudolf M. Rohrer, Wien, 1961
(2) Heimann-Jelinek, Felicitas / Schubert, Kurt “Spanisches und spaniolisches Judentum”,
Österreichisches Jüdisches Museum, Eisenstadt, 1992
(3) Leroy, Beatrice “Die Sephardin”, Nymphenburger, München 1987
(4) Wellmann, Walter “Akbar” Horst Erdmann, Tübingen 1979