Siegfried Hagl - Schriftsteller

Site menu:

Ein heiliger Krieg mit Folgen bis heute

Auf den Spuren des „Mahdi-Aufstandes“: Der erste „Djihad“ der Neuzeit

 (Veröffentlich in GralsWelt 68/2012)

 Unruhen, Erhebungen, Aufstände, Revolutionen entstehen so gut wie immer durch schlechte Regierungen, ungerechte Verteilung der Steuerlast, wirtschaftliche Schwierigkeiten, soziale Benachteiligung, Massenarmut und Not. Solche Verwerfungen bilden regelmäßig die Basis, auf der charismatische Ideologen – auf politischer oder religiöser Grundlage – die Massen aufstacheln, sogar zum Umsturz aufhetzen können. Die Bauernkriege des 16. Jahrhunderts, der Unabhängigkeitskampf der USA, die französische und die russische Revolution, der Sieg des Kommunismus in China, der Sturz der Monarchie in Iran: Diese Massenbewegungen entstanden, weil viele, allzu viele die Ungerechtigkeiten der Herrschenden nicht länger ertragen wollten. So auch bei einer inzwischen fast vergessenen islamischen Revolution im Sudan (Nordafrika): dem Mahdi-Aufstand.

 Die Eroberung des Sudans

Am Beginn des 19. Jahrhunderts war der Sudan ein zersplittertes Land, in dessen Wirtschaft der Sklavenhandel eine wichtige Rolle spielte.

Im angrenzenden Ägypten hatte sich der Albaner Mohammed Ali (1769–1849) im Kampf gegen Napoleon so bewährt, dass er zum Kommandanten der „albanischen Legion“ ernannt wurde. Mit dieser Truppe veranstaltete er im Jahre 1811 ein heimtückisches Massaker an den Mamelucken – freigelassenen Sklaven, die Kriegsdienste leisteten und in der Politik und Verwaltung Ägyptens bis dahin eine wichtige Rolle gespielt hatten –, und machte sich zum Herrscher Ägyptens. Als Vizekönig unterstand er zwar nominell dem Sultan in Istanbul, konnte aber weitgehend unabhängig handeln.

Um Zugriff auf die Sklaven im Sudan zu erlangen, die er für seine Armee benötigte, ließ Mohammed Ali Pascha[i] 1821 den Sudan erobern und unter ägyptische Verwaltung stellen.

Die Soldaten, die im Sudan stationiert waren, wurden nach und nach durch Sklaven ersetzt, die in regelrechten Fangexpeditionen erbeutet und in den Militärdienst gepresst wurden. So trug der Herrscher Ägyptens zur Ausweitung des Sklavenhandels bei. Die Verwendung von Sklaven als Soldaten war seit Anfang des 9. Jahrhunderts in muslimischen Ländern Arabiens, Nordafrikas und in der Türkei verbreitete Praxis. Bekannte Beispiele sind die schon als Kinder versklavten Mamelucken in Ägypten, und die berühmten Janitscharen, eine Elitetruppe der Osmanen (8, S. 152).

Für die Sudanesen waren die neuen Herren, die ihnen ein ungeliebtes, korruptes Regime aufzwangen und das Land ausbeuteten, einfach „Türken“, auch wenn sie meist anderer Abstammung waren. Es kam zu Aufständen gegen die brutale Fremdherrschaft, die aber blutig niedergeschlagen wurden.

An dieser ausbeuterischen Misswirtschaft änderte sich auch bei den Nachfolgern Mohammed Alis zunächst wenig.

 Druck gegen die Sklaverei

Durch Forschungsreisende kamen immer mehr Informationen über den Sudan und die anderen afrikanischen Länder nach Europa. Barbarische Sitten, besonders der Sklavenhandel, erregten Abscheu und Empörung. In Europa war der Sklavenhandel seit Anfang des 19. Jahrhunderts in den meisten Staaten verboten und wurde bekämpft. In den USA bewirkte der Bürgerkrieg im Jahr 1862 das Ende der Sklavenhaltung. In Brasilien wurde diese 1885 verboten.

In Ägypten kam 1863 Ismail Pascha (Vizekönig bis 1879 mit dem Titel Khedive), ein Enkel Mohammed Alis, an die Macht. Ismail hatte in Wien und Paris studiert und brachte ehrgeizige Pläne für sein Land mit, die er aber nur zum geringen Teil verwirklichen konnte – ihm ging das Geld aus.

Schon unter seinem Vorgänger hatte sich Ägypten schwer verschuldet, um den Bau des 1869 eröffneten Suezkanals zu finanzieren. Ismail Pascha musste 1875 seine Suezkanal-Aktien verkaufen und europäischen Mächten immer mehr Einfluss zugestehen. Die wichtigsten Positionen wurden mit englischen Beamten oder Offizieren besetzt.

Für Großbritannien mit seinem Weltreich war vor allem die Kontrolle über den Suezkanal wichtig. Auf europäischen Druck hin unterzeichnete Ismail Pascha 1877 einen Vertrag, der vorsah, daß der Handel mit Sklaven im Sudan bis zum Jahr 1880 abzuschaffen sei.

Dieser nur halbherzig umgesetzte Vertrag und seine Begleiterscheinungen waren die letzten Anstöße für einen Aufstand mit unvorhergesehenen Folgen …

 Ein charismatischer Asket und „Messias“

Auf Aba, einer Insel im Weißen Nil, wirkte ein strenggläubiger Asket namens Mohammed Achmed (1844–1885) mit seinen Anhängern. Der charismatische Prediger mit Neigung zum Mystizismus hatte als Einsiedler begonnen und sich von religiösen Führern (Scheichs) unterweisen lassen. Seine Gefolgsleute sahen in ihm bald den „Mahdi“, einen Gottgesandten. In der jüdisch-christlichen Tradition wird der Verheißene als „Messias“ bezeichnet; dieses hebräische Wort („der Gesalbte“) wird ins Lateinische als „Christus“ übersetzt. Und auch im Islam wurde der Mahdi mit der Endzeit in Verbindung gebracht (vgl. GralsWelt Heft 45/2007, „Die Apokalypsen im 21. Jahrhundert“).

Der erste „Djihad“ der Neuzeit

Man könnte den Mahdi-Aufstand als den ersten „Djihad“ der Neuzeit bezeichnen. Djihad wird häufig als „heiliger Krieg“ übersetzt, was aber umstritten ist. Zum Beispiel sagt ein Islamkenner dazu: „Der Islam kennt das Wort ‚heilig‘ im Zusammenhang mit Krieg überhaupt nicht. Djihad heißt Anstrengung, sich Abmühen auf dem Weg zu Gott“ (sie Literaturverzeichnis, 12, S. 178). Andererseits führte Mohammed von Medina aus (Glaubens-) Kriege gegen Mekka (1, S. 61). Und in der Bibel kann man lesen: „Bietet Völker zum Heiligen Krieg auf gegen die Stadt …“ (Jeremia 51, 27)

Da Mohammed Achmed nicht nur einen fundamentalistischen Islam predigte, sondern auch die von „Ausländern“ (Ägyptern) und „Ungläubigen“ (Engländern) kontrollierten Behörden angriff, sah sich der Generalgouverneur für den Sudan veranlasst, den Aufmüpfigen vorzuladen.

Als Achmed dieser Vorladung nicht Folge leistete und sogar einen Abgesandten abwies, sollte ihn ein kleines Truppenkontingent verhaften. Die Truppen griffen am 12. August 1881 bei Nacht an, verliefen sich aber im Sumpf und beschossen sich gegenseitig, so dass die Anhänger Achmeds mit ihren primitiven Waffen die Angreifer aus einem Hinterhalt niedermetzeln konnten. Dieser erste Sieg hatte große psychologische Wirkungen. Die Gläubigen hatten einen aussichtslosen Kampf gewonnen und durften sich als Kämpfer für ihren Glauben fühlen, die Gott[ii] unüberwindlich macht.

Der als Mahdi verehrte Prophet zog sich klug zurück auf den Jebel Gedir, einen Berg im Nuba-Gebirge. Wie er verkündete, war das der symbolträchtige Berg, von dem, einer Legende zufolge, der Mahdi herabsteigen würde.

„Er musste der von Gott gesandte Meister sein!“

„Es ist bekannt, dass alle unzivilisierten Völker außerordentliche Erscheinungen oder Erfolge übernatürlichen Ursachen zuzuschreiben pflegen. Seit mehr denn sechzig Jahren war der Sudan im Besitze der Türken und Ägypter. Wohl hatten in dieser langen Reihe von Jahren  manchmal einige Araberstämme den Tribut verweigert und waren dafür gezüchtigt worden, nie aber hatte es bisher jemand gewagt, sich in dieser Weise gegen die Herren des Landes aufzulehnen und ihnen in aller Form den Krieg zu erklären! Und nun trat ein bettelarmer, frommer, bisher gänzlich unbekannter Fakir auf, Mohammed Achmed, und erfocht mit einer Hand voll halbverhungerter, fast unbewaffneter Anhänger Sieg auf Sieg! Ja, es konnte nicht anders sein! Er hatte wahr gesprochen! Er musste der erwartete, der von Gott gesandte Meister, el Mahdi el Monteser sein!“

Der österreichische Adelige Slatin Pascha (13, S. 37 f.)

Ein Versuch der Ägypter, diesen Stützpunkt zu erobern, scheiterte kläglich. Der Mahdi konnte am 9. Dezember 1881 einen zweiten Sieg gegen reguläre ägyptische Truppen erringen und große Mengen an Waffen und Ausrüstung erbeuten. Dann wollte eine Streitmacht von 6.000 Mann dem Spuk eine Ende machen. Diese aber wurde am 6. Juni 1882 bei Nacht in einem schlecht gesicherten Camp überrascht und völlig aufgerieben. Nach diesem dritten Sieg des Mahdi schwanden auch bei den Zaudernden die Zweifel: „Es wurden besonders viele Wunder von ihm erzählt, von denen das wichtigste war, dass er die Kugeln der Türken, so nannte man im Sudan die Soldaten der Regierung, in Wasser verwandle. Diese angebliche Wunderkraft des Derwisches, welche im Volksmund noch mehr ausgemalt und übertrieben wurde, vergrößerte seinen Anhang unaufhörlich.“ (6, S. 6) Eine typische Massen-Situation …

 100.000 fanatische Angreifer

Auch in Ägypten kam es zu Aufständen gegen die Fremdherrschaft. Großbritannien sah sich 1882 gezwungen, Ägypten, vor allem die Suezkanal-Zone, zu besetzen.

Die Armee des Mahdi war bald auf 30.000 „Ansar“ – Krieger im typischen Gewand der Mahdisten, der Dschibba – angewachsen. Nun wagte er einen Vorstoß auf die Stadt El Obeid. Sein Sturmangriff wurde unter schweren Verlusten für beide Seiten abgeschlagen. Doch die dann folgende, vier Monate dauernde Belagerung zwang die Verteidiger zur Übergabe.

Wer wollte die Mahdisten nun noch aufhalten?

Die Hauptstadt Khartum war noch in ägyptischer Hand. Von dort aus wurde eine Armee von 10.000 Mann unter dem englischen General William Hicks (1830–1883) nach Süden in Marsch gesetzt. Die leichtfertig geführten, unzuverlässigen Truppen – noch immer nahm man die Mahdisten anscheinend nicht recht ernst – wurden durch das schwierige Gelände und dauernde Störangriffe zermürbt, zuletzt in einen Hinterhalt gelockt und im November 1883 bei El Obeid von 100.000 fanatischen Angreifern völlig vernichtet. Nun war der Weg frei nach Khartum.

 Die Hilfe kommt 60 Stunden zu spät

Zum Generalgouverneur des Sudans wurde in der Stunde der Not der englische General Charles George Gordon (Gordon Pascha, 1833–1885) ernannt, der sich bei der Bekämpfung des Sklavenraubes im Sudan ebenso bewährt hatte wie bei der Niederschlagung von Aufständen in China. Sein Heldenlied wurde im 19. und 20. Jahrhundert viel gesungen. Sven Hedin (1865–1952) nennt ihn „einen der größten und edelsten Männer aller Zeiten“ (5, S. 178). Gordon tat alles, was möglich war, die Hauptstadt Khartum zu evakuieren und schließlich zu verteidigen. Er hoffte auf Hilfe durch englische und ägyptische Truppen; doch London zögerte, im Sudan einzugreifen. Abgeschnitten von der Außenwelt, ohne Hilfe aus England, ohne Nachschub und Versorgung, wurden die schlecht ausgebildeten, erschöpften und halb verhungerten, zwangsrekrutierten ägyptischen Soldaten in Khartum am 26. Januar 1885 von 50.000 Ansar überrannt, die auch Gordon ermordeten. Zur Hilfe geschickte Dampfboote kamen 60 Stunden zu spät.

Der Mahdi zog als Sieger in die Hauptstadt ein. Die Nachricht von dem Verlust von Khartum schlug in Europa ein wie eine Bombe und löste heftige Diskussionen aus. Großbritannien zog sich aus dem Sudan zurück.

Während der Belagerung von Khartum war auf der anderen Flußseite ein Heerlager bei Omdurman entstanden, das nun zur Residenz wurde. Heute ist Omdurman, „die Stadt der Gläubigen“, das religiöse Zentrum des Sudans. Hauptstadt ist wieder das während der britischen Herrschaft zum Verwaltungszentrum ausgebaute Khartum.

 „Empfange den Lohn für deine Missetaten!“

Mohammed Achmed hatte fast alles erreicht und verfügte über die politische und religiöse Macht. Er konnte – wie es den Vorgaben des Islams entspricht – als geistlicher und irdischer Herrscher seine Vorstellungen verwirklichen. Seine „Mahdiya“ war ein strenger, fundamentalistischer Islam. Jeder Widerstand wurde brutal niedergeschlagen. Alkohol, Tabak und Drogen waren verboten. Die Frauen durften keinen Schmuck aus Gold oder Silber tragen. Musik und Tanz waren ebenso geächtet wie aufwendige Hochzeiten und übermäßige Mitgift. Auch Tote durften nicht mehr durch lautes Jammern beklagt werden; warum auch einen Toten betrauern, den das Paradies erwartet? (12, S. 159). Die Sklaverei wurde wieder eingeführt und alle Sklaven, die die ägyptische Regierung freigelassen hatte, erneut versklavt (12, S. 162).

Wie bei einem „Mahdi“ nicht anders zu erwarten, stellte er einen universellen Anspruch und verlangte die weltweite Anerkennung des von ihm gepredigten Islam. Das beweist ein Brief seines Nachfolgers Abdallahi an die englische Königin Victoria: „… So hast Du in vieler Hinsicht gefehlt und erleidest großen Verlust, von dem es kein Entrinnen gibt, es sei denn, Du bekehrtest Dich zu Gott dem Herrn und Allerbarmer und würdest Moslem und bekenntest Dich zu der Gefolgschaft des Mahdi. Die Gnade des Herrn sei mit Ihm. Willst Du so tun und Dich ganz in unsere Hände geben, wirst Du dafür das Verlangen nach vollkommener Glückseligkeit und wahren Frieden empfangen, und die Erlösung des Herrn in seinem Reich wird Dir zuteil werden. Doch wenn Du nicht Deine Blindheit und Deinen Eigenwillen abschüttelst und weiterhin gegen die Kinder Gottes mit Deinen Soldaten und Waffen zu Felde ziehst, so sollst Du auch den Lohn für Deine Missetaten empfangen. Du sollst von der Macht Gottes vernichtet werden, viele Deiner Untertanen sollen umkommen, weil sie gegen das Volk Gottes in den Krieg gezogen sind und Du sie durch Deine teuflische Anmaßung dazu angetrieben hast“ (8, S. 226).

„Ruhiges Lächeln und ein gleichmütiges Wesen“

Winston Spencer Churchill (1874–1965) war als Leutnant an der Rückeroberung des Sudans beteiligt. In der Schlacht von Omdurman ritt er die letzte große Kavallerieattacke der britischen Militärgeschichte mit. Als „junger Wilder“ stellt er – ganz im Gegensatz zu seinem späteren Konservatismus – dem Mahdi ein erstaunlich positives Zeugnis aus:

„Welches Unglück das Leben Mohammed Achmeds auch immer hervorgerufen haben mag, er war ein Mann von beträchtlichem Adel des Charakters, ein Geistlicher, ein Soldat und ein Patriot. Er gewann große Schlachten; er erneuerte die Religion und ließ sie wieder aufblühen. Er gründete ein Reich. Bis zu einem gewissen Grade reformierte er das sittliche Verhalten der Menschen. Indirekt, indem er die Sklaven in Soldaten verwandelte, verminderte er die Sklaverei. Es ist unmöglich für jemand, der unparteiisch ist, das Zeugnis solcher Männer wie Slatin und Ohrwalder* zu lesen, ohne den Eindruck zu gewinnen, dass der einzige besänftigende Einfluss, das einzige menschliche Element in dem strengen mohammedanischen Staat von diesem berühmten Rebellen ausging. Der […]Missionar [Ohrwalder] berichtet von ‚seinem ruhigen Lächeln, den angenehmen Umgangsformen, der Großmut und dem gleichmütigen Wesen‘. Als die christlichen Geistlichen sich weigerten, den Koran anzuerkennen, und von den Soldaten und der Menge angegriffen und mit dem sofortigen Tode bedroht wurden, war es der Mahdi, der, ‚als er sie in Gefahr sah, sich umwandte und sie aufforderte, vor seinem Kamel zu gehen, damit er sie so schützen könnte‘. Vielen seiner Gefangenen gegenüber bewies er Güte, was umso bemerkenswerter ist, wenn man seine Umgebung berücksichtigt und die Behandlung, die ihm widerfahren wäre, wenn ihn das Glück verlassen hätte.“

Aus „Sturm über dem Nil“ (13, S. 391)

* Pater Josef Ohrwalder (1856–1913) und Slatin Pascha (Sir Rudolf Carl Freiherr von Slatin, 1857–1932), beide Österreicher, gerieten in die Gefangenschaft des Mahdi und hatten seinem persönlichen Eingreifen ihr Leben zu verdanken. Ihre Berichte gehören zu den wichtigsten Quellen aus der Nähe des Mahdi. 

 Das Land blutet aus, die Theokratie scheitert

Das plötzliche Ableben von Mohammed Achmed im Jahr 1885 brachte für die von ihm gegründete Bewegung eine schwere Zerreißprobe mit Nachfolgestreitigkeiten, in denen sich sein engster Vertrauter, Abdallahi ibn Muhammad (1846–1899), als Kalif durchsetzte. („Kalif“ – arab. Chalifa = „Nachfolger“ ist seit Mohammeds Tod der Titel seiner Nachfolger.)

Zu Wohlstand und Blüte kam das streng nach islamischen Grundsätzen geführte Land nicht. Von misstrauischen Nachbarn umgeben, war es isoliert und von den meisten Handelswegen abgeschnitten. Ein Versuch, Ägypten zu erobern, schlug schon im Ansatz fehl. Es gelang auch nicht, Äthiopien zu besetzen, um Zugang zum Roten Meer zu erlangen. Doch einige Völker im Süden, wie die Nuba, wurden unterworfen und zwangsislamisiert.

Die Wirtschaft des durch Kriege, innere Kämpfe und Misswirtschaft ausgebluteten Landes brach zusammen. Es kam zu Versorgungsengpässen, Hungersnot und Seuchen, sogar in der schnell gewachsenen Hauptstadt. Die Bevölkerung verlor das Vertrauen zum Regime, doch jeder Widerstand wurde grausam unterdrückt.

Wie lange würde sich die Mahdiya behaupten können?

 Das Imperium schlägt zurück

Im März 1896 begann die Anglo-Egyptian Nile Expeditionary Force von Ägypten aus mit dem Vorstoß nach Süden. Es war eine bunte Mischung von Engländern, Nordafrikanern, Schotten, Schwarzafrikanern usw., unter dem Kommando von Horatio Herbert Kitchener (1850–1916). Kitchener rückte langsam vor. Er ließ zur Versorgung seiner Truppen sogar eine 350 Kilometer lange Eisenbahnlinie bauen. So kam es erst am 2. September 1898 zur Entscheidungsschlacht von Omdurman. Die technisch weit überlegenen anglo-ägyptischen Truppen, ausgerüstet mit Maschinengewehren und Kanonen, metzelten die zwar mutigen, aber schlecht bewaffneten und undisziplinierten Ansar nieder.

Die geschlagenen Mahdisten flohen nach Darfur, aus dem sie 1899 endgültig vertrieben wurden.

Hymne an das Maschinengewehr

Vorwärts ihr königklichen Soldaten, auf ins heidnische Land

Tragt die ruhmreiche Botschaft dorthin, wo gehandelt werden kann, es ist nicht schwer.

Verbreitet die frohe Botschaft – mit einem Maxim-Gewehr.

 Die Herzen der erbärmlichen Eingeborenen sind voller Sünde.

Verwandelt ihre heidnischen Tempel in spirituelle Gründe.

Und gehen sie mit euren Lehren nicht einher,

Haltet ihnen eine weitere Predigt – mit dem Maxim-Gewehr.

 Aus einer Hymne englischer Kolonialsoldaten auf das von dem amerikanischen Ingenieur Hiram Stevens Maxim (1840–1916) erfundene erste praktisch brauchbare Maschinengewehr (11, S. 17)

Mit der überlegenen europäischen Militärtechnik wurde ein riesiges Gebiet zwangsbefriedet. Die Aufständischen waren nicht in der Lage, sich ausreichend mit modernen Waffen zu versorgen und ihre Truppen nach europäischem Muster auszubilden. Nach ihrer Niederlage konnten die Mahdisten auch keine aus dem Untergrund wirkenden Terroristen mobilisieren. Es gab noch keine internationale Waffenmafia, wie die Camorra, die Terrororganisationen oder Befreiungsbewegungen (je nach Definition) überall in der Welt fast unbegrenzt mit modernen Waffen versorgen kann.

Das zerstörte Khartum wurde wieder aufgebaut, das Grabmal des Mahdi in Omdurman geschleift. Der Sudan wurde ein anglo-ägyptisches Kondominium[iii].

Der Einfluss europäischer Mächte im nördlichen Ostafrika nahm zu. Somaliland wurde eine britische, das Gebiet um Dschibuti eine französische und Eritrea eine italienische Kolonie. Vorstufen zu einem Bündnissystem zeichneten sich ab, das schließlich zum Ersten Weltkrieg führte.

 Teure Kriege, sinkende Wirtschaftsmacht

Die vor allem aus Prestige-Gründen unternommene Militär-Operation gegen die Mahdisten war einer der typischen Kolonialkriege, die viel mehr kosteten als sie einbrachten. Im ariden Sudan war ökonomisch nicht viel zu gewinnen. Das Gebiet war für Großbritannien allenfalls im Hinblick auf eine angedachte Bahnlinie von Kairo nach Kapstadt interessant. (Der Plan einer Kap-Kairo-Bahn geht auf Cecil Rhodes, 1853–1902, zurück. Aber bis heute fehlt ein großes Stück zwischen Sudan und Uganda.)

Das britische Empire verzettelte sich in vielen Kriegen. Zwischen 1815 (Ende des Krieges gegen Napoleon) und 1914 (Beginn des Ersten Weltkrieges) führte Großbritannien etwa 30 Kriege. Durch die hohen Kosten der größten Kriegsflotte ihrer Zeit, der Kolonialkriege und der Kolonialverwaltungen fiel Großbritannien trotz des Reichtums mancher seiner Kolonien gegenüber wichtigen Konkurrenten (wie Deutschland oder den USA) auf dem Weltmarkt zurück. Überhebliche britische Kolonialisten und Militaristen wollten diesen schleichenden Abstieg der größten Kolonialmacht aller Zeiten nicht sehen. Doch trug deren sinkende Konkurrenzfähigkeit zum ebenso überflüssigen wie katastrophalen Ersten Weltkrieg bei. Diese Selbstzerstörung der europäischen Staaten im „großen Bürgerkrieg des Westens“ (2) war dann auch der Anfang vom Ende des Kolonialismus und der europäischen Weltmachtstellung. Damit wurde die Bahn frei für den Aufstieg der USA zur stärksten Weltmacht.

Heute geht es diesen ähnlich wie einst Großbritannien. Seit dem Korea-Krieg, der mit 33.000 toten US-Soldaten in einem Patt endete, haben die USA in keinem ihrer größeren Kriege ihre Kriegsziele erreichen können; auch wenn sie das nicht zugeben wollen. Im Vietnamkrieg wurden zwischen 1965 und 1972 mehr als 6 Millionen Tonnen Bomben abgeworfen, das Dreifache dessen, was die USA im Zweiten Weltkrieg in Europa, Afrika und Asien zum Einsatz brachten (11, S. 279); der Krieg in Afghanistan dauert schon doppelt so lange wie der Erste Weltkrieg. Durch die astronomischen Kriegskosten und die immense Rüstung geht es seit Vietnam mit den Vereinigten Staaten finanziell und wirtschaftlich bergab. Es spricht einiges dafür, dass die derzeitige Führungsmacht der westlichen Welt – ebenso wie einst das britische Empire oder das spanische Weltreich (siehe Beitrag „Wie religiöser Fanatismus Länder und Reiche ruinierte“) – sich in sinnlosen, teueren Kriegen verausgabt und ihre Führungsrolle in der Welt verspielt – vom Ansehensverlust ganz abgesehen (11).

Erhebungen in Afrika

Widerstand gegen brutale Kolonialisten gab es in so gut wie allen Kolonien, von Amerika über Indien, Ostasien bis zu den Philippinen. Selbstverständlich auch in vielen Teilen Afrikas:

„In Rhodesien revoltierten die Ndebele gegen Cecil Rhodes, den erfolgreichsten Landräuber der Kolonialgeschichte. In Südafrika kämpften die Zulus gegen burische Siedler. Die Asanti im Westen, die Somali am Horn von Afrika und die Sudanesen unter dem legendären Mahdi erhoben sich gegen die Briten. In Westafrika stellten sich die Truppen von Ahmandon Cheikon, El Hadj Omar und Samori den Franzosen entgegen, die Baulé lieferten ihnen an der Elfenbeinküste erbitterte Gefechte. In Deutsch-Südwestafrika standen die Herero und die Nama auf; in Deutsch-Ostafrika zunächst die Wahehe, dann das Bündnis der Maji-Maji-Krieger. Es waren die Vorläufer der antikolonialen Befreiungskriege im 20. Jahrhundert. Überall auf dem Kontinent loderten Aufstände, überall wurden sie erstickt. Nur den Äthiopiern gelang es, die Eindringlinge zu besiegen: 1896 brachte Kaiser Menelik und sein Heer den Italienern die schwerste Niederlage bei, die eine Kolonialmacht je auf dem ,schwarzen‘ Kontinent hinnehmen musste.“

Aus „Ach, Afrika“ (4, S. 98 f.)

 Islamischer Held und „Vater der Unabhängigkeit“

Der Mahdi starb überraschend auf der Höhe seines Ruhmes, fünfzehn Jahre bevor sein Herrschaftssystem, die Mahdiya, endgültig scheiterte. Nicht einmal seinen letzten Triumph, den Rückzug der englischen Truppen aus dem Sudan, konnte er erleben. Ägypter und Engländer hatte er schwer gedemütigt. Dafür verunglimpften sie ihn als Lügner und „falschen Propheten“. In Europa sah man „das, was als ‚Mahdi-Aufstand‘ bekannt wurde, nur noch im Licht einer negativen Propaganda, der zufolge die Bewegung des Mahdi zum Inbegriff des Bösen und Barbarischen abgestempelt wurde, gegen das vorzugehen die ganze ‚zivilisierte Welt‘ aufgerufen sei. Diesem Ruf zu folgen, fühlten sich nicht nur die Engländer bemüßigt […], sondern auch die übrigen Europäer“ (13, S. 11).

Über die miserable Verwaltung, welche die Aufstände provoziert hatte, wurde nicht viel gesprochen.

Aus islamischer Sicht ist der Mahdi einer der Helden, die für die Freiheit der farbigen Völker kämpften. Im Sudan nennt man ihn „Vater der Unabhängigkeit“. Sein vormaliges Grab, das inzwischen wieder zu einem eindrucksvollen Denkmal aufgebaut worden ist, dient als Pilgerschrein.

 Die Mahdiya wirkt bis heute nach

In manchen islamischen Ländern haben sich barbarische Unsitten (zum Beispiel Blutrache, Beschneidung der Mädchen, Diskriminierung und Unterdrückung der Frau, Ehrenmorde, Menschenhandel, Sklaverei, Zwangsehen, Zwang zur Verschleierung usw.) mit den Lehren des Propheten Mohammed so vermischt, dass nur Islamkenner die Vorschriften des Korans oder der Scharia (des islamischen Rechtes) von den in den Volksglauben eingedrungenen archaischen oder vorislamischen Sitten trennen können. Das führt bei Diskussionen über den Islam, zum Beispiel zwischen Muslimen und Christen, oft zu Missverständnissen. Dann nämlich wenn die eine Seite den „real existierenden Islam“ anprangert, und die andere Seite einen idealisierten Islam preist, wie es ihn in keinem islamischen Staat gibt. Wenn in islamischen Ländern das „Recht auf kulturelle Eigenständigkeit“ gefordert wird, so ist das in der Praxis leider meist „ein Euphemismus[iv], hinter dem sich eine Rechtsauffassung verbirgt, die – unter dem Deckmantel religiöser Gebote – die Ungleichheit der Menschen vor dem Gesetz festschreibt“ (13, S. 277).

Zu den Verstößen gegen grundlegende Menschenrechte, die Europäer (manchmal zu Unrecht?) mit dem Islam in Verbindung bringen, gehört die im Sudan noch immer verbreitete Sklaverei. Angeblich werden dort pro Jahr etwa 10.000 Menschen versklavt (13, S. 397).

Allem Anschein nach wird Mohammed von vielen Muslimen in ähnlicher Weise missverstanden wie Jesus von vielen Christen: „Mohammed kämpfte mit Leidenschaft für soziale Veränderung, er trat für die Armen und Schwachen ein und – zum Ärger seiner männlichen Anhänger – für eine massive Stärkung der Rechte der Frauen“ (12, S. 194).

Literatur:

(1) Alternative Islam?, Symposium 01. Dezember 2007 Düsseldorf. Wissen und Verantwortung, Carl Friedrich von Weizsäcker Gesellschaft

(2) Buchanan Patrik J., Churchill, Hitler und der unnötige Krieg, Pour le Mérite, Selent 2008

(3) Churchill Winston, Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi, Eichborn, Frankfurt 2008

(4) Grill Bartholomäus, Ach, Afrika, Goldmann, München 2005

(5) Hedin Sven, Von Pol zu Pol 24. Aufl. Band 2, F. A. Brockhaus, Leipzig 1922

(6) Ohrwalder Josef, Aufstand und Reich des Mahdi im Sudan, Carl Rauch, Innsbruck 1982

(7) Parker Geoffrey, Die militärische Revolution, Campus, Frankfurt 1990

(8) Pleticha Heinrich, der Mahdiaufstand, Karl Rauch, Innsbruck 1967

(9) Saviano Roberto, Gomorrha, DTV, München 2009

(10) Slatin Pascha Rudolf, Feuer und Schwert im Sudan, F. A. Brockhaus, Leipzig 1906

(11) Steingart Gabor, Weltkrieg um Wohlstand, Piper, München 2007

(12) Todenhöfer Jürgen, Warum tötest du, Zaid?, Bertelsmann, München 2008

(13) Westphal Wilfried, Sturm über dem Nil, Thorbecke, Sigmaringen 1998

 www …

Der Ungergang des Reiches der Mahdi

http://www.jadu.de/jaduland/afrika/nil/index/untergang(18).html

 Mahdi-Aufstand

http://de.wikipedia.org/wiki/Ansar_(Mahdi-Aufstand)

http://de.wikipedia.org/wiki/Mahdi-Aufstand

 Die Schlacht um Omdurman

http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Omdurman

 Verfilmungen:

Es gibt mindestens sieben Filme zum Thema. Die bekanntesten sind: „The four Feathers“, 1939, nach dem gleichnamigen Roman von A. E. W. Mason; Remake 1955: „Sturm über dem Nil“; Remake 2002: „Die vier Federn“

 


 

[i] Pascha (türkisch aus Padischah), Titel der obersten Offiziere und Beamten im osmanischen Reich

[ii] „Allah“ wird hier mit „Gott“ übersetzt, wie in modernen Koranübersetzungen, die sich auf die Sure 29, 45 berufen: „…unser Gott und euer Gott ist ein einiger Gott“.

[iii] Kondominium (von lat. con-dominium = gemeinsames Eigentum), gemeinschaftlich ausgeübte Herrschaft mehrerer Herrschaftsträger über ein Gebiet. Auch das Gebiet selbst wird als Kondominium bezeichnet.

[iv] Euphemismus = beschönigende oder verharmlosende Umschreibung eines unangenehmen Tatbestandes.