Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein fast vergessenes Genie

Vom Leben und der Bedeutung des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn

 Veröffentlicht in GralsWelt 58/2010

 Unter den Größen der deutschen Geistesgeschichte hatte kaum jemand schlechtere Startbedingungen als Moses Mendelssohn (1729–1786). Sein Vater war ein armer Schreiber der jüdischen Gemeinde in Dessau, der seinem Sohn trotz besten Willens außer dem Erlernen der hebräischen Sprache nur eine Elementarschulausbildung ermöglichen konnte. Die jüdischen Gemeinden lebten im 18. Jahrhundert isoliert nach ihren eigenen Regeln und die meisten Juden sprachen nur gebrochen Deutsch. Der Zugang zu vielen Berufen war ihnen verwehrt. Die Handwerkszünfte verweigerten Juden die Aufnahme in ihren Interessenverband, der Erwerb von Eigentum an Grund und Boden war ihnen sehr erschwert, und viele überkommene, aus mittelalterlichen Zeiten stammende Sondersteuern belasteten sie noch immer.

 „Ohne Gott, Vorsehung und Unsterblichkeit haben alle Güter des Lebens in meinen Augen einen verächtlichen Wert, scheinet mir das Leben hienieden … wie eine Wanderschaft in Wind und Wetter, ohne den Trost, abends in einer Herberge Schirm und Obdach zu finden.”

Moses Mendelssohn

Moses Mendelssohn aber hatte einen unerhörten Wissensdrang. Er studierte den Talmud, las Maimonides (ein jüdischer Philosoph aus dem 12. Jahrhundert) und entwickelte eine tiefe Liebe zur Philosophie, die ihn fortan begleitete. Durch Überarbeitung zog er sich im 10. Lebensjahr eine Nervenkrankheit zu. Äußerlich blieb er, wie berichtet wird, „von kleiner Statur und verwachsen, aber sein Angesicht war voll Ausdruck und Lebendigkeit“.

Nach seinem 13. Lebensjahr, in welchem junge Israeliten eingesegnet wurden und von nun an für sich selbst zu sorgen hatten, mußte Moses seinen verarmten Vater verlassen und sein Glück in Berlin suchen. Dort verbrachte er fünf Jahre in bitterster Armut, indem er ein wenig als Abschreiber für den Oberrabbiner verdiente. In seiner knappen Freizeit studierte er neue Sprachen und moderne Literatur. 1750 fand er eine Stelle als Erzieher im Hause des Seidenfabrikanten Bernhard, bei dem er sich durch Fleiß und Intelligenz zum Buchhalter und Disponenten hocharbeitete, seiner Geldsorgen ledig wurde und 1762 heiraten konnte.

Der erste jüdische Philosoph der Neuzeit

Im Jahre 1754 begegnen sich und Moses Mendelssohn, der als erster jüdischer Philosoph der Neuzeit gilt, und Gotthold Ephraim Lessing. Es ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Lessing gibt die erste philosophische Schrift von Mendelssohn heraus, studiert zusammen mit ihm Plato und hilft Mendelssohn, seine Kenntnis der deutschen Sprache so weit zu verfeinern, daß er ein geachteter Schriftsteller und anerkannter Philosoph wird. Auch um die Weiterentwicklung der deutschen Sprache macht Mendelssohn sich verdient. Später wird Lessing seinem Freunde in der Figur des Nathan in „Nathan der Weise“ ein literarisches Denkmal setzen.

Es folgen Kontakte mit den wichtigsten Schriftstellern und Philosophen seiner Zeit, darunter Kant, Nicolai, Hamann, Herder usw. Mendelssohn findet bei ihnen allen Anerkennung.

Die Befreiung der Juden als zentrales Anliegen

Ein besonderes Anliegen von Moses Mendelssohn war die Emanzipation der Juden, die Befreiung seiner Glaubensgenossen von diffamierenden Beschränkungen. Seine Philosophie beruhte auf Toleranz und der Idee vom „Glück durch Humanität“. Er trat für Religionsfreiheit ein und forderte, daß Verschiedenheit der Religion niemand von öffentlichen Ämtern ausschließen dürfe. Dieses Konzept fand weder bei den Rabbinern, noch bei den Christen, welche die Juden bekehren wollten, einhellige Zustimmung.

Moses Mendelssohn wollte bürgerliche Freiheiten für seine Glaubensgenossen vorbereiten, als Voraussetzung für die Hebung deren Kultur. Er selbst bekannte sich stets zu seiner angestammten Religion. Zugleich schien ihm die Denkfreiheit, welche er als entscheidenden Charakter des Judentums betrachtete, als schätzenswertes Erbteil.

Es ist nicht zuletzt seinem Wirken zu verdanken, daß im Zuge der Aufklärung nach und nach Gesetze fielen, die die Juden diskriminierten, zuerst 1776 in den USA. In Österreich erließ Joseph II. 1781 das „Toleranzpatent“, und 1789 verkündete die französische Revolution die Gleichheit der Menschen. Nach Napoleons Sturz wurden viele dieser Erleichterungen wieder rückgängig gemacht. In Preußen fielen die letzten staatsbürgerlichen Einschränkungen für Juden erst im Jahre 1869.

Ein bedeutender Schrittmacher der Moderne

Moses Mendelssohn selbst fand weit über Berlin hinaus Anerkennung bei gebildeten Zeitgenossen, und er trug wesentlich zu einer Annäherung zwischen Juden und Christen bei. Seit seiner Zeit ließ ein großer Teil der Juden im nördlichen Deutschland seine Kinder auf christlichen Schulen ausbilden.

Mendelssohn und seine geistigen Nachfahren führten die deutschen Juden an die modernen Wissenschaften heran, so daß im 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert das deutschsprachige Judentum eine hervorragende Elite unter den Juden der westlichen Welt bildete. Eine vielversprechende Entwicklung, die durch den Nationalsozialismus zerstört wurde; zum Nachteil des Judentums und zum Schaden für die deutsche Wissenschaft, die durch dieses rassistischer Verblendung entsprungene Verbrechen ihre Weltgeltung verlor.

Ein Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts würdigte Moses Mendelssohn, der als Schrittmacher der Moderne betrachtet werden darf, folgendermaßen: „Man muß den Geist und die Anstrengungen eines Mannes bewundern, der in der größten Dürftigkeit, mitten unter zahlreichen Vorurteilen, und in einer Kolonie erzogen, die nicht einmal die Sprache der Völker kannte, die sie umgaben, dennoch auf die Vervollkommnung der deutschen Sprache und Literatur einen solchen Einfluß gehabt hat, daß er eine ausgezeichnete Epoche in der Geschichte bildet; so wie er auf seine Glaubensgenossen so sehr wirkte, daß sie in kurzer Zeit ihre alte Sprache verlassen haben. Die Juden sagen, daß nach Moses, dem Gesetzgeber, und Moses Maimonides sie nur Moses Mendelssohn gehabt hätten.“ (2, S. 23 f.)

 Literaturhinweise:

(1) Altmann Alexander, Die trostvolle Aufklärung, Frommann-Holzboog, Stuttgart 1982

(2) J. Heinemann, Moses Mendelssohn, G. Wolbrecht’sche Buchhandlung, Leipzig 1831