Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ehrenrettung für einen Bodenschädling

Warum man dem Regenwurm ein Denkmal setzen sollte

(Veröffentlicht in GralsWelt 78/2013)

Es ist überraschend, fast bestürzend zu erfahren, wie unwissend viele Menschen noch im 19. Jahrhundert waren. Wie wenig wussten beispielsweise Bauern von ihrem Ackerboden mit seinem Bodenleben, von dessen Fruchtbarkeit die Ernteerträge und damit das Wohlergehen vieler Menschen abhängen.

Ich spreche hier nicht von den Kleinstlebewesen in der Erdkrume, die nur mit einem Mikroskop zu sehen sind, sondern von einem fast überall vorkommenden „Wenigborster“, dem Regenwurm, den jeder kennt. Dieser war bei den Bauern als Schädling verschrien – bis ein Naturforscher endlich seinen Nutzen erkannte.

Urlaub auf dem Bauernhof

Ende der 1830er Jahre erholte sich ein junger Biologe nach einer längeren Weltreise auf dem Landgut seines Onkels. Dieser zeigte seinem Neffen, dass auf der Erdoberfläche lagernde Gegenstände langsam im Boden verschwinden …

Schuld daran sind die Regenwürmer. Sie fressen organisches Material (Ernterückstände, Laub usw.) und beförderten ihre Ausscheidungen – neuen Humus – auf die Erdoberfläche. Damit untergraben sie allmählich alles, was auf der Oberfläche liegt und helfen ungewollt auch den Archäologen. Diese könnten vor Jahrhunderten verlorene Gegenstände – Münzen, Schmuck, Waffen usw. – heute kaum ausgraben, wenn nicht Regenwürmer für deren „Begräbnis“ gesorgt hätten. Regenwürmer gibt es fast überall, wo der Boden nicht durchgehend zufriert oder zu trocken ist; in den Alpen bis 3.000 m Höhe. Weltweit gibt es etwa 3.000 Arten, in unseren Breiten etwa 40. Die nützlichen Würmer haben viele Feinde: Igel, Maulwurf, Spitzmaus, Vögel usw.

Die Beobachtungen des Onkels faszinierten den Neffen. Er baute Versuchsanordnungen, die sich teilweise zu Langzeitstudien entwickelten und schenkte dem unscheinbaren Bodenbewohner fast sein ganzes Leben lang Aufmerksamkeit.

Erst mehr als vier Jahnzehnte später, am 10. Oktober 1881, erschien als Ergebnis seiner Studien ein Buch mit dem Titel: „Die Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer“ (1).  

Haben Sie den Verfasser schon erraten? Er hieß Charles Darwin (1809–1882)!

Mit seiner Schrift widerlegte er alte Vorurteile und erklärte den Regenwurm als Humusfabrikanten zu einem der wichtigsten Freunde und Helfer des Landwirts: „Würmer bereiten den Boden in einer ausgezeichneten Weise für das Wachstum der mit Wurzelfasern versehenen Pflanzen und für Sämlinge aller Arten vor. Sie exponieren die Ackererde periodisch der Luft und sieben sie so durch, dass keine Steinchen, welche größer sind als die Partikel, die sie verschlucken können, in ihr übrig bleiben. Sie mischen das Ganze innig durcheinander, gleich einem Gärtner, welcher feine Erde für seine ausgesuchtesten Pflanzen zubereitet“ (1, S. 175).

Und Regenwürmer sind nicht nur Helfer des Landwirts, sondern auch des Archäologen: „Die Archäologen sollten den Regenwürmern dankbar sein, da sie für eine ganz unbestimmte lange Zeit jeden, nicht der Zersetzung unterliegenden Gegenstand, welcher auf die Oberfläche gefallen ist, durch das Eingraben desselben unter ihre Exkremente schützen und bewahren. Auf diese Weise sind auch viele elegante und merkwürdige getäfelte Pflaster und andere antike Reste erhalten worden, obschon ohne Zweifel in diesen Fällen die Regenwürmer dadurch unterstützt worden sind, dass Erde von dem benachbarten Lande […] herabgewaschen oder geweht worden ist. Selbst alte, massive Mauern können unterminiert und zum Einsturz gebracht werden; und in dieser Hinsicht ist kein Gebäude sicher, wenn nicht die Fundamente 6 oder 7 Fuß tief unter der Oberfläche liegen, in einer Tiefe, in welcher die Regenwürmer nicht arbeiten können“ (1, S. 175).

In einem Quadratmeter Boden leben zwischen 10 und 400 Regenwürmer; je gesünder der Boden, desto mehr. Ihr gesamtes Gewicht kann über 3 Tonnen pro Hektar betragen. Die von den Würmern ausgeschiedenen Kothäufchen sind winzig; doch in der Summe ergibt sich unerhört viel. Darwin schätzte 133 Kilogramm pro Hektar. Nach neuen Hochrechnungen dürfte es wesentlich mehr sein: bis zu zweieinhalb Tonnen Wurmlosung pro Hektar im Jahr!

Darwins Fazit: „Man kann wohl bezweifeln, ob es noch viele andere Tiere gibt, welche eine so bedeutende Rolle in der Geschichte der Erde gespielt haben wie diese niedrig organisierten Geschöpfe.“ (1, S. 177)

Doch Dank erntet der Regenwurm noch immer nur wenig. Beim Pflügen auf dem Feld oder beim Umgaben im Garten wird er nach wie vor zerstückelt, und nicht einmal die Archäologen setzen ihm ein Denkmal. Dabei ist er – auch wenn Ägyptologen und sonstige Archäologen, die nach ihren Schätzen im regenwurmfreien Wüstensand wühlen, dem nicht zustimmen werden – ein wichtiger Helfer für die Wissenschaft.

Literatur:

(1) Darwin Charles, Die Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer, März, Berlin 1983

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Der Regenwurm

www.natur-lexikon.com/Texte/HWG/002/00159-Regenwurm/HWG00159-Regenwurm.html