Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Die Hexenjagd von Salem

(Veröffentlicht in GralsWelt 32/2004)

Wenn uns Menschen unverständliche Vorfälle, unerklärliche Phänomene begegnen, oder unsere Hoffnungen und Erwartungen durch eine überraschende Wende zunichte gemacht werden, dann sind wir schnell bereit, außergewöhnliche Ursachen dafür verantwortlich zu machen. Heute sprechen wir dann z.B. von Aliens, einer “Geheimen Verschwörung” (Freimaurer, Illuminaten), dem CIA, der Mafia oder sonstigen geheimnisvollen Einflüssen. In anderen Kulturkreisen (oder esoterischen Zirkeln) vermutet man vielleicht das Wirken von Hexen, Zauberern, Schamanen, satanischen Einflüsterungen, Dämonen usw.; denn entsprechende Vorstellungen gab und gibt es auf allen Kontinenten.
Der Glaube an Hexerei
Zu den einst auch in Europa verbreiteten religiösen Verirrungen, die wir meist mit dem Mittelalter verbinden, gehört der Glaube an Hexen, die sich dem Bösen verschworen und dadurch übernatürliche Kräfte zur Verfügung haben. Doch werden wir mit dieser Einschätzung dem häufig abgewerteten Mittelalter nicht gerecht, das zumindest in dieser Hinsicht besser war als sein Ruf.

Einige Bibelstellen zum Thema Hexen, Hexer, Zauberer, böse Geister usw.:
“Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen.” (2. Mose, 22,17)
“Daher sagte Saul zu seinen Diener: Sucht mir eine Frau, die Gewalt über einen Totengeist hat; ich will zu ihr gehen und sie befragen. Seine Diener antworteten ihm: In En-Dor gibt es eine Frau, die über einen Totengeist Gewalt hat.” (1. Sam. 28,7)
Über die Frevel des Königs Manasse von Juda (699-643 v.Chr.) wird gesagt:
“Er ließ im Tal Ben-Hinnom seine Söhne durch das Feuer gehen*), trieb Zauberei, Wahrsagerei und andere geheime Künste, bestellte Totenbeschwörer und Zeichendeuter. So tat er vieles was dem Herrn missfiel.” (2. Chr. 33,6, vergl. auch 2. Kön. 16,3)
“Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt. Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs.” (Eph. 6,11-12)
*) Durch das Feuer gehen lassen = als Opfergabe für Baal verbrennen lassen. (1, S. 382)

Der Hexenwahn ist nämlich keine für das Mittelalter typische Form des Aberglaubens, sondern älter als die Bibel. Im Mosaischen wie im römischen Recht war die Hexenverfolgung geboten und im christlichen Abendland berief man sich auf entsprechende Stellen des Alten wie des Neuen Testamentes (s. Kasten 1).
In anderen Kulturkreisen finden sich vergleichbare Vorstellungen, z.B. im Schamanismus. Der Glaube an die Wirkung magischer Handlungen, an helfende oder schadenstiftende Magie, gilt als anthropologische Grundkonstante, die sich bei so gut wie allen Völkern nachweisen lässt. Manche der Hexen, Schamanen, Zauberern zugeschriebenen metaphysischen Erfahrungen, wie z.B. der “magische Flug”, könnten im Drogenrausch ihren Ursprung finden. Forscher des 20. Jahrhunderts haben zeigen können, dass die vielzitierte “Hexensalbe” wahrscheinlich ein Psychopharmakon, also eine halluzinogene Droge, war. Im Selbstversuch hatten solche Forscher Flughalluzinationen, die dem Flug der Hexen zum Blocksberg entsprechen (2). Weitere, von den Hexen in der Folter eingestandene Erlebnisse könnten als parapsychologische Phänomene ihre Erklärung finden.
Die christliche Welt fügte den auf allen Kontinenten verbreiteten Vorstellungen von den Möglichkeiten der Zauberer und Zauberinnen einen weiteren Gedanken hinzu: Den Pakt mit dem Teufel. Damit wurde aus mehr oder weniger harmlosen, manchmal vielleicht hilfreichen, magischen Praktiken ein gotteslästerliches Verbrechen.
Die organisierte Verfolgung
In den ersten Jahrhunderten des aufstrebenden Christentums gab es kaum Hexenverfolgungen; die Bischöfe vertraten sogar einen aus heutiger Sicht geradezu “modernen” Standpunkt und wandten sich gegen diese Verirrung (vergl. den “Acryanischen Kanon” im Kasten 2).
Erst in der frühen Neuzeit wurde aus dem mehr oder weniger latent vorhandenen Hexenglauben eine Massenhysterie. Predigten und Flugschriften (der Buchdruck war erfunden) verwirrten die unwissenden Massen, und Theologen (die Wissenschaftler von damals) lieferten die theoretischen Grundlagen (z.B. mit der pseudowissenschaftlichen “Dämonologie”*)). So begannen im 15. Jahrhundert, in einer Zeit wirtschaftlicher Krisen und apokalyptischer Zukunftserwartungen, die abscheulichen Verfolgungen. Ihren Höhepunkt erreichten die Hexenjagden um 1700, also im beginnenden Zeitalter der Aufklärung. Während Philosophen das “Zeitalter der Vernunft” ausriefen, fanden sich in katholischen wie evangelischen Landen Hexenrichter, die an die Möglichkeit eines Paktes mit dem Teufel glaubten. Jahrhunderte lang suchten Priester, Richter, Gelehrte vergeblich Antworten auf die folgenden drei Fragen: Was ist die Hexerei, warum lässt Gott sie zu, und wie kann man sich dagegen wehren (4, S. 72).
Wer der Hexerei, durch offene oder anonyme Anzeige, beschuldigt war, kam nur selten mit dem Leben davon. In Mitteleuropa wurde die letzte Hexe 1782 in Glarus enthauptet, in Posen (damals polnisch) gab es noch 1793 zwei derartige Hinrichtungen.
Über die Hexenprozesse, über den “Hexenhammer”, das seinerzeit als wissenschaftlich eingestufte Machwerk, das Hexenrichter anleitete, ist viel geschrieben worden. Auch wir haben in der Gralswelt Nr. 20 auf Seite 44 schon davon gesprochen, dass diese grausamen Prozesse möglicherweise einem politischen Kalkül entsprungen sind; eine von der offiziellen Forschung als Verschwörungstheorie abgelehnte Annahme.
So bleiben hier nur noch einige verbreitete Irrtümer zu korrigieren:
Der Hexerei angeklagt wurden zwar vorwiegend Frauen (zwischen 70 und 90 % der Verurteilten), doch auch Männer wurden verdächtigt und abgeurteilt (7). Eine Rolle spielte dabei auch die Art der Übersetzung von 2. Mose 22.17, “einen Zauberer sollst du nicht am Leben lassen”; Luther übersetzte korrekt in der weiblichen Form (Hexe), was dazu führte, dass in protestantischen Ländern vor allem Frauen verurteilt wurden. In katholischen Regionen war der Anteil der Hexer bei ca. 30 %.
Die Prozesse führten in Mittel- und Osteuropa zivile Gerichte (anders in Spanien, Portugal und Italien, wo die kirchliche Inquisition zwar rigoros gegen sog. “Ketzer” vorging, in der Hexenverfolgung jedoch gemäßigt blieb).
In drei Jahrhunderten gab es in Europa etwa 60.000 Hinrichtungen. Die manchmal genannte Zahl von bis zu neun Millionen Frauen ist historisch nicht belegbar. Nicht zu ermitteln sind die Leidtragenden, die der Lynchjustiz zum Opfer fielen, trotz Freispruchs vor Gericht verfemt blieben, oder durch einen grausamen Prozess auch ohne Verurteilung bleibende Schäden davontrugen (7).
Ein Beispiel für die Auswirkungen des Hexenaberglaubens sei vorgestellt:

“Es gibt verbrecherische Weibsleute, welche, durch die Vorspiegelung und Einflüsterung des Satans verführt, glauben und bekennen, dass sie zur Nachtzeit mit der heidnischen Göttin Diana oder der Herodias und einer unzählbaren Menge von Frauen auf gewissen Tieren reiten, über vieler Herren Länder heimlich und in aller Stille hinwegfliegen, der Diana als ihrer Herrin gehorchen und in bestimmten Nächten zu ihrem Dienste sich aufbieten lassen. Leider haben nun diese Weibsleute ihre Unheil bringende Verkehrtheit nicht für sich behalten; vielmehr hat eine zahllose Menge, getäuscht durch die falsche Meinung, dass die Dinge wahr seien, vom rechten Glauben sich abgewendet und der heidnischen Irrlehre sich hingegeben, indem sie annehmen, dass es außer Gott noch eine übermenschliche Macht gebe. Daher sind die Priester verpflichtet, den ihnen anvertrauten Gemeinden von der Kanzel herab nachdrücklichst einzuschärfen, dass alles dieses durchaus falsch und Blendwerk sei, welches nicht vom Geiste Gottes, sondern von dem des Bösen herrühre….” (Aus dem Acryanischen Kanon Episcopi um 900, (9))

Der Massenwahn von Salem
Als die Hexenverfolgungen in Mitteleuropa ihrem Höhepunkt zustrebten, sprang der verbreitete Hexenglaube auch in die „Neue Welt” über und führte in Salem (Massachusetts) zu einer Massenhysterie. Die Hexenprozesse von Salem, gut dokumentiert, waren der schlimmste Ausbruch des Hexenwahns westlich des Atlantik und veränderten das amerikanische Bewusstsein. Arthur Miller schrieb darüber das Drama “Hexenjagd”, das von der 20th Century Fox verfilmt wurde.
Die Tragödie von Salem begann 1692, als bei acht Mädchen zwischen elf und zwanzig Jahren Anzeichen dämonischer Besessenheit auftraten. Vermutlich waren sie von sensationellen Druckschriften über das Hexenunwesen beeindruckt und standen unter dem Einfluss einer von der westindischen Inseln stammenden Sklavin, die sie mit haarsträubenden Schauergeschichten faszinierte. Ob diese arme Sklavin auch magische Zeremonien, z.B. Wodoo-Zaubereien, praktizierte ist nicht bekannt. In dem puritanischen Neuengland-Staat wäre damals schon ein harmloser Tanz um ein nächtliches Feuer als schweres Vergehen betrachtet worden. Zuerst erlitten zwei Mädchen Anfälle, schrieen und krümmten sich am Boden, glaubten sich in Tiere verwandelt.
Bald sprang die Hysterie auf weitere über, bis 15 Mädchen davon erfasst waren.
Die Geistlichen vermuteten Hexerei, und der hilflose Dorfarzt, der keine Erklärung für die Psychosen fand, stimmte ihnen zu. Die Mädchen wurden befragt, und nannten die Namen einiger Außenseiterinnen, von denen sie angeblich gepeinigt wurden und deren Nähe Krampfanfälle auslöste. Die Richter glaubten den psychisch gestörten Anklägerinnen und hörten nicht auf die Unschuldsbeteuerungen der Beklagten. Dann erweiterte sich der Kreis der Beschuldigten auf angesehene Bürger. Frauen und Männer, die in den Verdacht der Hexerei gerieten, waren so gut wie verurteilt; Unschuldsbeteuerungen wurden zuerst wie Schuldgeständnisse gewertet. Später war das Gericht bereit, die “reuigen Sünder” zu begnadigen und nur solche hinzurichten, die sich standhaft weigerten, ihre Schuld einzugestehen. Insgesamt wurden einunddreißig Angeklagte zum Tode verurteilt, 19 davon tatsächlich gehängt. Ein Aussageverweigerer wurde zu Tode gefoltert. Die Salemer Hexenverfolgung ging zu ende, als immer mehr Angeklagte sich weigerten, sich durch ein falsches Schuldgeständnis zu retten, und mehr und mehr Menschen klar wurde, dass die Anschuldigungen aus der Luft gegriffen waren. Die Mädchen, deren erfundene Beschuldigungen dieses Unheil verursacht hatten, gingen straffrei aus und zeigten kaum Reue.
In der Gesellschaft Neuenglands gab es noch viele Debatten über die Bereitschaft des Salemer Gerichtes, jede noch so absurde Anklage zu akzeptieren, sowie über die Problematik der Zuverlässigkeit von Zeugenaussagen, besonders wenn eine sachliche Überprüfung der Fakten nicht möglich ist. Die Suche nach den Ursachen der Psychosen hält bis heute an. Neben psychischen Störungen pubertierenden Mädchen wird sogar eine mysteriöse Virusinfektion als Auslöser der Hysterie für möglich gehalten.
*) Dämonologie = die Lehre von den Dämonen. In der Antike bezeichnete man als Dämonen überirdische, aber nicht göttliche Mächte, die den Menschen Nutzen oder Schaden bringen können. Die christliche Dämonologie beschäftigt sich mit dem Wirken von Teufeln und anderen bösen Geistern, weniger mit den guten Geistern, den Engeln. Bis zum 2. Vatikanischen Konzil (1962-65) war diese Teufels- und Dämonenlehre in der katholischen Kirche weitgehend akzeptiert.
Literatur:
(1) “Die Bibel”, Einheitsübersetzung, Herder, Freiburg 1980
(2) Bonin, Werner F. “Lexikon der Parapsychologie”, Pawlak, Herrsching, 1984
(3) Caro Baroja, Julio “Die Hexen und ihre Welt”, Klett, Stuttgart, 1967
(4) Herget, Winfried “Die Salemer Hexenverfolgungen” WVT, Wissenschaftlicher Verlag, Trier 1994
(5) “Hexenwahn, Ängste der Neuzeit”, Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, 3. Mai bis 6. August 2002, 10117 Berlin
(6) http://www.allmystery,de/fabelwesen/hexen/salem.shtml
(7) http://www.dhm.de/ausstellungen/hexenwahn.htm
(8) http://www.hexenwahn.
(9) http://www.jadu.de/mittelalter/hexen/text/hexenwahn.html