Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Die goldene Zeit der Niederländer

Das „Goldene Zeitalter“ im 17. Jahrhundert bedeutete für die Niederlande einen außergewöhnlichen wirtschaftlichen, technischen und politischen Aufstieg. Hier läßt sich ein Vorläufer der industriellen Revolution beobachten, der nicht nur für die weitere Entwicklung des eigenen Landes wegweisend war.

Im üblichen Geschichtsunterricht wird viel von Fürsten, Kriegen, Schlachten, Verträgen, politischen Ränkespielen gesprochen, während die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse meist zu wenig Beachtung finden. Dies ist nicht weiter verwunderlich. Für Historiker sind Chroniken die wichtigsten Quellen, und diese verzeichnen vor allem spektakuläre Ereignisse wie Krönung und Tod eines Königs, Kriege, Schlachten, Eroberungen, Revolutionen usw. Oft sind aber nebensächlich scheinende Ereignisse auf längere Sicht von größerer Bedeutung als eine gewonnene oder verlorene Schlacht, deren Folgen schon nach Monaten wieder ausgeglichen sein können. Ein interessantes Beispiel hierzu bieten die Niederlande.

Der Weg ins „Goldene Zeitalter“

Während auf weltanschaulichem Gebiet der achtzig Jahre dauernde Freiheitskampf (1568–1648) der protestantischen Niederlande gegen das katholische Spanien im Gang war, wurden in Holland1 grundlegende technische Entwicklungen erdacht, die dem geographisch kleinen Land einen ökonomischen Vorsprung verschafften. Ohne die Überlegenheit auf wirtschaftlichem Gebiet zu Hause wäre die Etablierung von Kolonien in Afrika, im Fernen Osten, in Nordamerika und in der Karibik kaum möglich geworden. Zwischen 1400 und 1700 waren die Niederlande die modernste Volkswirtschaft in Europa. „Der sich am Ende [gegen Spanien] behauptende moderne Nationalstaat der Holländer zeichnete sich durch religiöse Toleranz, ein weltliches Erziehungssystem und Institutionen aus, die die Eigentumsrechte garantierten und kommerzielle Aktivitäten förderten.“ (8, S. 35)

Die ersten Industriezentren der Neuzeit

„Natürlich wurden nirgendwo sonst so viele Schiffe gebaut wie in Holland; der französische Wirtschaftsminister Jean-Baptiste Colbert (1619–1683) schätzte ihre Zahl auf 16.000, mehr als die aller anderen Länder zusammen. In Zaandam westlich von Amsterdam entstand das erste wirkliche Industriegebiet Europas mit Dutzenden von Werften und Hunderten windgetriebener Sägemühlen. Hierher kam 1697 Zar Peter, um als einfacher Zimmermann die Schiffsbaukunst zu erlernen. Ein weiteres Industriezentrum war die zweitgrößte Stadt der Niederlande, Leiden. Das anschmiegsame Leidener Tuch wurde bis nach Rußland und ins Osmanische Reich geliefert.“ (3, S. 77)

Hier startete im 16. Jahrhundert eine Innovation von weittragender Bedeutung: die Anwendung der Mathematik auf die Technik. In der Folge wurde die Mathematik von einem Hobby der Denker zu einer praktischen Wissenschaft.

Ein führender Kopf in dieser umwälzenden Entwicklung war Simon Stevin (1548–1620). Er war Berater beim Bau von Festungen, Entwässerungskanälen, Windmühlen und Schleusen. Am bekanntesten wurde ein von ihm gebauter Segelwagen, der eine beachtliche Geschwindigkeit erreichte. Simon Stevin beschäftigte sich mit der Mechanik, Statik und Hydrostatik und entdeckte das Parallelogramm der Kräfte. Stevin verwendete als erster dreidimensionale Geometrien für die Untersuchung von Windmühlen-Getriebe. So konnte er den Wirkungsgrad der Windmühlen steigern und die in den Niederlanden reichlich vorhandene Windkraft besser nutzen. Auch die von Windmühlen angetriebenen Wasserpumpen bzw. Pumpräder zur Entwässerung von Deichen konnte er deutlich verbessern.

Da Simon Stevin seine vielseitigen Arbeiten in niederländischer Sprache veröffentlichte – anstatt wie damals noch üblich in Latein –, wurde er außerhalb der Niederlande zu wenig wahrgenommen und lange unterschätzt.

Dann baute Cornelius Corneliszoon (1550–1600) von Windmühlen angetriebene Sägewerke. Dazu erfand er die – von ihm 1597 patentierte – Kurbelwelle, die die Drehbewegung der Windmühlenwelle in eine oszillierende Bewegung der Sägeblätter umformt. So ließen sich Bretter dreißigmal schneller und auch präziser schneiden als von Hand. Fortschrittliche Bockwindmühlen spielten eine Schlüsselrolle für die Massenfertigung von Schiffen im „Goldenen Zeitalter“ (17. Jahrhundert) der Niederlande.

Technische und zivilisatorische Fortschritte sind ja fast immer mit höherem Energieeinsatz verbunden, und wer seine Ressourcen besser zu nutzen versteht, erarbeitet sich einen Vorsprung gegenüber den Konkurrenten.

Schiffe in Serienfertigung

Niederländische Werften – damals die besten der Welt – bauten die für die Eroberung von Kolonien erforderlichen Schiffe schneller und preisgünstiger als ihre Konkurrenten. Zunächst bildete das beachtliche Volumen des Ostseehandels einen wichtigen Ansporn für den Schiffbau der Niederlande. „Der innovative Schiffbau war das Rückgrat des Holländischen Handels. Die Fleute, ein in hochentwickelter Arbeitsteilung und Serienfertigung gebautes Schiff, das viermal so lang wie breit war, konnte wegen ihres geringen Tiefganges und einer besonderen Takelung den Wind besonders effektiv ausnutzen. Gebaut wurde es auf den Werften nördlich Amsterdams, die zahlreichen Arbeitern Lohn und Brot gaben.“ (8, S. 36)

Verkaufte Seelen

„Die enormen Profite der VOC waren nur möglich, weil sie aus einem Heer von billigen Arbeitskräften schöpfen konnte. Noch Heinrich von Kleist ließ seine Eve im ,Zerbrochenen Krug‘ sagen: ,Geht nach Ostindien; und von dort, ihr wißt, kehrt von drei Männern einer nur zurück!‘ Das war in der Tat ungefähr richtig: Nur jeder Dritte, der die Niederlande auf einem VOC-Schiff verließ, kehrte heim, alle anderen starben. ,Wer Vater und Mutter totgeschlagen, ist noch zu gut, nach Ostindien zu gehen‘, lautete in jenen Tagen eine deutsche Redensart. Die Werber, die die Totenschiffe der VOC mit Nachschub versorgten, bekamen den passenden Namen zielverkoopers – Seelenverkäufer. Sie waren so berüchtigt, daß sich 1791 sogar Prinzessin Luise von Mecklenburg-Strelitz, die spätere Königin von Preußen, während eines Amsterdam-Besuches vor ihnen fürchtete. Sie schrieb in ihr Tagebuch: ,Welch schreckliche Angst hatte ich wegen der Seelenverkoper, das sind Leute, die sich Frauen und Männer greifen, mit Gewalt oder List, sie verkaufen und sie nach Indien bringen lassen.‘ 1786 kaufte die VOC kurzerhand ein ganzes Württembergisches Infanterieregiment auf. Unversehens fanden sich 2000 deutsche Soldaten auf einer Reise zum anderen Ende der Welt.“ (3, S. 71 f.)

Für den Seekrieg war die preiswerte Fleute nicht stabil genug. Für diesen Zweck waren massiver gebaute Fregatten und Linienschiffe mit stärkerer Bewaffnung und größerer Segelfläche erforderlich. Diese Kriegsschiffe mußten die Handelsschiffe vor Seeräubern schützen und – im Krieg – gegen feindliche Schiffe verteidigen. (9, S. 38) Paradoxerweise wurden mehr dieser Kriegsschiffe für andere Länder wie Frankreich und Schweden gebaut als für den Eigenbedarf.

Die rohstoffarmen Niederlande, mit der damals dichtesten städtischen Bevölkerung Europas, waren auf Importe und damit auf einen florierenden Seehandel angewiesen: Tannenstämme für Masten aus dem Schwarzwald (Deutschland), aus Norwegen, Polen und Rußland; Eichenplanken aus Polen, Preußen, Rußland und Schweden; Pech und Teer aus den nordischen Wäldern; Eisen und Kupfer aus Schweden; Flachs und Hanf aus den Ostseeländern. (7, S. 34)

Aufstieg zur bedeutendsten Handelsmacht

Viele Jahrhunderte lang war für Europa der Mittelmeerhandel von größter Bedeutung. Hier war Venedig als bedeutendste Seemacht führend. Den ebenfalls wichtigen Handel über die Nord- und Ostsee dominierte lange die Hanse. Am Anfang des Aufstiegs der Niederlande stand die allmähliche Durchbrechung der hanseatischen Vorherrschaft im Heringshandel.

Nach der Eroberung von Konstantinopel durch die Türken (1453) war Westeuropa vom Osten abgeschnitten; der Mittelmeerhandel verlor an Bedeutung. Nun drängten europäische Mächte nach Übersee und suchten einen Seeweg nach Indien. Die Spanier konzentrieren sich auf die westliche Route, auf Amerika. Die Portugiesen strebten nach Osten: Afrika, Indien und dem fernen Ostasien.2

Bald machten Engländer, Franzosen und Niederländer diesen ersten Kolonialmächten Konkurrenz. Im Jahr 1600 entstand die englische, 1604 die französische Ostindienkompanie. Die 1602 gegründete holländische „Vereinigte Ostindische Compagnie“ (VOC), die erste Aktiengesellschaft der Welt, konnte schon in ihren Anfangsjahren mit dem Gewürzhandel erhebliche Dividenden einfahren: 1605: 15 Prozent, 1610: 50 Prozent. (7, S. 36) „Um 1600 überstieg das holländische Pro-Kopf-Einkommen das westeuropäische um die Hälfte und lag auch bereits deutlich über dem Italiens.“ (8, S. 34)

In der Mitte des 17. Jahrhunderts verfügten die Holländer über eine der stärksten Handels- und Kriegsflotten der Welt. Damit konnten sie die Portugiesen zurückdrängen und Kolonien in Afrika, Indien, in der Karibik, in Nordamerika und im fernen Ostasien erobern. Insbesondere „Niederländisch Indien“ (Java, Sumatra, Borneo, Molukken usw.) brachte mit dem lukrativen Asienhandel beachtliche Gewinne. So wurde das relativ kleine Holland zur bedeutendsten See- und Handelsmacht.

Etwa ab 1630 dominierte die VOC den asiatischen Handel in dem großen Bogen von der arabischen Halbinsel bis nach Indonesien. Zentrum dieses Handelsimperiums war Batavia (heute Djakarta) auf Java. Die wichtigsten Handelsgüter waren chinesische und persische Seide, Kaffee aus Mokka, Farb- und Edelhölzer, Gewürze und Drogen, darunter Opium.

Für den Atlantikhandel der Niederlande, insbesondere den Sklavenhandel, war die 1621 gegründete Westindische Compagnie (WIC) zuständig, die über Stützpunkte in Afrika, Brasilien und in der Karibik verfügte. Das um 1614 gegründete „Neu Amsterdam“ wurde 1664 von einer britischen Expedition eingenommen und in „New York“ umbenannt.

„Die Kehrseite des phänomenalen Reichtums der meist bürgerlichen Oberschicht, teilweise auch der Mittelschicht, war die schrankenlos Ausbeutung der Unterschicht. Auch sie wurde früher als anderswo in den Sog frühkapitalistischer Ausbeutung hineingezogen, ebenso wie proletarische Arbeitsimmigranten aus dem Ausland, vor allem aus England, wo schon frühzeitig die Bauern von ihrem Land vertrieben wurden.“ (6, S. 217)

Das Sklavenschiff (Anfang)

Der Superkargo Mynheer van Koek
Sitzt rechnend in seiner Kajüte;
Er kalkuliert der Ladung Betrag
Und die probabeln Profite.

„Der Gummi ist gut, der Pfeffer ist gut,
Dreihundert Säcke und Fässer;
Ich habe Goldstaub und Elfenbein –
Die schwarze Ware ist besser.

Sechshundert Neger tauschte ich ein
Spottwohlfeil am Senegalflusse,
Das Fleisch ist hart, die Sehnen sind stramm,
Wie Eisen vom besten Gusse.

Ich habe zum Tausche Branntewein,
Glasperlen und Stahlzeug gegeben;
Gewinne daran achthundert Prozent,
Bleibt mir die Hälfte am Leben.

Bleiben mir Neger dreihundert nur
Im Hafen von Rio Janeiro,
Zahlt dort mir hundert Dukaten per Stück
Das Haus Gonzales Perreiro.“
Heinrich Heine (1797–1856)

Eine zu schmale Basis

Ähnlich wie die Portugiesen konnten auch die Niederländer ihren Vorsprung bei der „Erschließung der Welt“ nicht behaupten. Die heimatliche Basis war in beiden Ländern zu schmal, und als Festlandstaaten waren sie von mächtigeren Nachbarn angreifbar. So standen auch beide Länder vorübergehend unter Fremdherrschaft. England hingegen wurde durch seine Insellage, samt einer schlagkräftigen Flotte, in der Neuzeit vor Eroberungen bewahrt. So war für Großbritannien seine geographische Lage ein entscheidender Vorteil für den Aufstieg zum mächtigsten Kolonialreich.

In Seekriegen gegen England (1652–54 und 1665–67) und im Krieg mit England und Frankreich (1672–76) konnte sich die niederländische Republik zwar behaupten, doch der niederländische Handel fiel zurück; die Konkurrenten England und Frankreich holten auf. Im 18. Jahrhundert mußten die Niederlande dann Großbritannien die Führung als Welthandelsnation überlassen. Doch blieben die Niederlande noch lange eine Weltmacht in Sachen Handel, die fast alle ihre Kolonien erst nach dem Zweiten Weltkrieg in die Selbständigkeit entlassen mußte.

Heute bewundern wir vor allem die Gemälde der Maler des „Goldenen Zeitalters der Niederlande“. Die Namen der Bankiers, Erfinder, Financiers, Handelsleute, Kolonialherren, Schiffbauer, Seekapitäne sind vergessen.

Glänzende ökonomische Bedingungen

Voraussetzungen für den Aufstieg der Niederländer an die Weltspitze waren beste Seemannschaft, ein florierender Handel, ein gut ausgebautes Finanzsystem, hochentwickelte Manufakturen und Werften. Hinzu kamen Unternehmergeist, kaufmännisches Geschick und die zeitgemäße Skrupellosigkeit, die z. B. den Sklavenhandel als normales Geschäftsmodell verstand. Doch von entscheidender Bedeutung waren auch technische Entwicklungen beim Deichbau, in der Entwässerung, bei Windmühlen und im Schiffbau. In der – hier wohl erstmals in größerem Maßstab durchgeführten – praktischen Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien kann man Vorstufen sehen zur „industriellen Revolution“. Wissenschaftler und Erfinder wie Stevin und Corneliszoon verschafften ihrer Heimat einen Vorsprung vor den Konkurrenten und haben vielleicht mehr zum Aufbau eines niederländischen Kolonialreiches beigetragen als Abenteurer, Eroberer, Admirale, Generale.

Der nächste große Schritt in der wissenschaftlich-technischen Entwicklung war dann im 18. Jahrhundert die Nutzung der thermischen Energie durch die Dampfmaschine und damit der Start der „industriellen Revolution“. Diese begann in England, das durch seinen technischen Vorsprung zur größten Kolonialmacht aller Zeiten werden konnte. An seinem Höhepunkt umfaßte das britische Kolonialreich etwa ein Viertel der Welt und ein Viertel der Weltbevölkerung.

Literatur:

(1) Arte TV, Helden der Wissenschaft, gesendet am 21.05.2011

(2) Baasch, Ernst, Holländische Wirtschaftsgeschichte, Gustav Fischer, Jena 1927

(3) Driessen, Christoph, Geschichte der Niederlande, Pustet, Regensburg 2009

(4) Giltaij, Jeroen/Kelch, Jan, Herren der Meere – Meister der Kunst, Staatliche Museen Berlin 1997

(5) Grabow, Rolf, Simon Stevin, Teubner, Leipzig 1985

(6) Hercksen, Bernd, Vom Urpatriarchat zum globalen Crash?, Shaker Media, Aachen 2010

(7) Meyer, Jean/Acerra Martine, Segelschiffe im Pulverdampf, Delius Klasing, Bielefeld 1990

(8) Niemann, Hans-Werner, Europäische Wirtschaftsgeschichte, WBG, Darmstadt 2009

(9) Unger, Richard W., Dutch Shipbuilding before 1800, Van Gorcum, Assen/Amsterdamn 1978

(10) Wikipedia-Enzyklopädie, Artikel „Simon Stevin“

Fußnoten:

1 Unter Holland sind hier besonders die sieben nördlichen Provinzen der Niederlande, die Generalstaaten, zu verstehen, die sich in einem langen Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien behaupten konnten.

2 Daß auch Brasilien portugiesisch wurde, ist eine Folge des Vertrages von Tordesillas (vgl. GralsWelt 66/2011, „Entdecken, Flagge hissen, in Besitz nehmen“)