Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Die Bergvagabunden

(Veröffentlicht in GralsWelt 19/2001) 

In der GralsWelt Nr. 17 berichteten wir Rahmen dieser Serie über die Jugendbewegung des Wandervogels, in der die große Naturverbundenheit der Deutschen Ausdruck fand. Zwischen den beiden Weltkriegen gab es aber noch eine weitere, kleine Gruppe idealistischer junger Menschen auf der Sinnsuche, die heute fast vergessen ist: Die Bergvagabunden.

Den Namen hat Hans Ertl (1908-2000) mit seinem Buch „Bergvagabunden” bekannt gemacht. Man bezeichnet damit eine Clique verschworener Alpinisten, die eine unartikulierte Sehnsucht nach dem Reich der Berge gemeinsam hatten – als Ausdruck der Suche nach Erfüllung ihres Daseins, die ihnen die damals für viele sehr schwierige bürgerliche Welt nicht bieten konnte.

„Wenn wir erklimmen, schwindelnde Höhen,

streben dem Gipfelkreuz zu.

In uns’ren Herzen brennt eine Sehnsucht,

die läßt uns nimmer in Ruh.

(: Herrliche Berge, sonnige Höhen,

Bergvagabunden sind wir. :)

 

Mit Seil und Haken alles zu wagen

hingen wir in der Wand.

Herzen erglühen, Edelweiß blühen,

wir klettern mit sicherer Hand.

(: Herrliche Berge, sonnige Höhen,

Bergvagabunden sind wir. :)

 

Handschlag, ein Lächeln, Mühen vergessen,

alles wie beim Herrgott bestellt,

Fels ist bezwungen, frei Herz und Lungen,

ach, wie so schön ist die Welt.

(: Herrliche Berge, sonnige Höhen,

Bergkameraden sind wir. :)

 

Beim Alpenglühen heimwärts wir ziehen,

die Berge, sie lächeln uns an.

Wir kommen wieder, denn wir sind Brüder,

Brüder auf Leben und Tod.

(: Lebt wohl, ihr Berge, sonnige Höhen,

Bergkameraden sind treu.”

    Aus dem „Liederbuch für Bergsteiger”, Verlag Rudolf Rother, München, 1974,

Der typische „Bergvagabund” war in den von Inflation und Wirtschaftskrisen geschüttelten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg arbeitslos und mußte sich mit Arbeitslosenunterstützung und Gelegenheitsarbeiten durchschlagen. Dieser bedrückenden Enge entfloh er in die Weite der Berge. Angereist wurde mit dem Fahrrad, übernachtet in Heuschobern oder im Zelt. Dann stellte er sich den Herausforderungen schwerer und schwerster Bergtouren; auf Routen, die auch heute noch – mit moderner Ausrüstung – hohes bergsteigerisches Können verlangen. Es kam sogar vor, daß Touren nur deshalb begangen wurden, um Felshaken herauszuschlagen, da für neue Haken das Geld nicht reichte.

Zu den berühmtesten „Bergvagabunden” gehören die Gebrüder Franz (1905-1992) und Toni (1909-1932) Schmid, die Erstersteiger der Matternhorn-Nordwand. Diese Leistung wurde 1932 mit einer olympischen Goldmedaillie gewürdigt. Vor dem Gipfelsturm kampierten sie am Wandfuß im Zelt; danach wurden sie im Grandhotel empfangen.

Ich selbst durfte noch einen echten „Bergvagabunden” kennen lernen: Gottfried (Friedl) Brandt (1905-1993), einen Spitzenbergsteiger der 20er und 30er Jahre, der die alpinistischen Berühmtheiten seiner Zeit kannte und mit vielen von Ihnen als Seilgefährte unterwegs war. Eines meiner schönsten Bergerlebnisse ist eine von ihm geleitete Tour, bei der er einen kleinen Freundeskreis bei herrlichem Wetter auf den Paternkofel führte. Er erwies sich auch im Alter noch als erfahrener Alpinist, Natur- und Planzenliebhaber, sowie als Kenner der Geschichte der Alpen. Natürlich standen wir auch vor dem „Innerkofler-Kreuz”, nahe dem Gipfel, und hörten die Schilderung vom Soldatentod Sepp Innerkoflers am 4. Juli 1915, einem Angehörigen der berühmten Sextener Bergführer-Dynastie …

Diese „Sturm- und Drangperiode” des Alpinismus zwischen den beiden großen Kriegen fand dann ein abruptes Ende. Im Zweiten Weltkrieg kamen viele der „Bergvagabunden” ums Leben; andere wurden in alle Winde zerstreut, wie zum Beispiel Hans Ertl, Bergsteiger (Erstersteigung von Königsspitz- und Ortler-Nordwänden), Kameramann, Kriegsberichterstatter, Bergfilmer, den es als Farmer nach Bolivien verschlug. 1953 wurde er mit einem preisgekrönten Dokumentarfilm über eine Nanga-Parbat-Expedition bekannt.

Wenn es diese originale Szene der „Bergvagabunden” heute in dieser Form auch nicht mehr gibt, so ist doch der Begriff „Bergvagabunden” lebendig geblieben, als ein Ausdruck romantischer Verbundenheit mit der Natur und mit Freiheitsgefühlen. Das Bergvagabunden-Lied wird auf Berghütten heute noch gesungen. Geblieben sind auch die Routennamen für eine Anzahl von schwierigen Fels- und Eistouren; doch wer heute in den Kletterführern die Namen der Erstersteiger ließt, weiß in den seltensten Fällen, unter welchen bescheidenen Voraussetzungen diese oft extrem schwierigen Wege von „Bergvagabunden” eröffnet wurden.

Literatur:

Ertl, Hans: „Bergvagabunden”, Gebr. Richters Verlagsanstalt, Erfurt, 1937

Do.: „Meine wilden dreißiger Jahre”, Herbig, München, 1982