Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der wilde Osten

Die Verherrlichung der Erschließung des Westens Nordamerikas ist Thema unzähliger Geschichten, Bücher und Filme. Neben den Apotheosen der Leistungen spanischer, kanadischer und amerikanischer Entdecker wird allerdings oft übersehen, daß es noch ein zweites, durchaus vergleichbares Geschehen gab: die Eroberung Sibiriens.

Die Geschichte der Besiedelung Nordamerikas ist mehr oder weniger bekannt. Sie begann im 17. Jahrhundert mit Niederlassungen an den Küsten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts drangen dann Pioniere über die Appalachen vor. Erst im 19. Jahrhundert wurden die riesigen, kaum bewohnten Gebiete westlich des Mississippi erschlossen. In der GralsWelt haben wir der Erschließung des „Wilden Westens“ eine Serie gewidmet (GW 27/2003 bis GW 32/2004, Reihe “Das war der wilde Westen”. Die Geschichte der Eroberung Sibiriens, des „Wilden Ostens“, ist dagegen weit weniger populär.1

Getrennte Wege: der Norden Amerikas und Asiens

Beide Gebiete – der Westen Kanadas wie der USA und der Osten Rußlands – waren von Ureinwohnern nur dünn besiedelt, die den gut bewaffneten Eindringlingen aus technisch weit fortgeschrittenen Ländern Europas nur wenig Widerstand leisten konnten. In beiden Fällen waren die Intentionen wie die Vorgehensweisen ähnlich: Profitgier und rücksichtsloser Eroberungswille verdrängten, unterjochten, ermordeten die angestammte Bevölkerung. Anfangs waren es in beiden Regionen sogar die gleichen Produkte, die Reichtum versprachen: Pelze. Dann wurden Bodenschätze entdeckt, die zur Exploration einluden.

Die Anzahl der Ureinwohner Sibiriens zur Zeit der russischen Eroberung wird auf höchstens 250.000 geschätzt. Sie waren uralte Verwandte der Indianer Amerikas. Denn während der Eiszeit sind die Vorfahren der Indianer aus Sibirien über die heutige Beringstraße eingewandert.2 Deshalb kannten auch die sibirischen Stämme den Marterpfahl, den grausamen Kampf im Wald, die Bestattung der Toten als eingenähte Bündel in Baumwipfeln. Sie hatten Schamanen, die man in Amerika „Medizinmänner“ nennt, und heilige „Totempfähle“. Wie in Nordamerika tobte auch in Sibirien der blutige Ausrottungskrieg einer technisch überlegenen Zivilisation gegen die Ureinwohner (6, S. 264). „Die Eroberung Sibiriens verlief in vielerlei Hinsicht ähnlich der Mexikos und Perus: eine Handvoll Männer mit Feuerwaffen überwältigten Tausende, die nur über Pfeile und Speere verfügten.“ (2, S. 71)

Trotz vieler Ähnlichkeiten entwickelten sich die beiden Regionen sehr unterschiedlich. Der Osten Rußlands blieb, allen Bemühungen zum Trotz, ein dünn besiedeltes, wenig entwickeltes, geradezu armes Gebiet. Der Westen des nördlichen Nordamerikas ist dagegen teilweise – zum Beispiel an der Küste – eine gut erschlossene Region mit großem Wohlstand. Warum entwickelten sich die beiden Landstriche, bei anscheinend ähnlichen Voraussetzungen, so unterschiedlich?

Eine schmerzhafte Vorgeschichte

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war Rußland noch auf ein relativ kleines Gebiet begrenzt, das Großfürstentum Moskau. Dann konnte eine der herausragenden Gestalten der russischen Geschichte ihren Machtbereich ausweiten: Iwan IV., „der Schreckliche“ (1530–1584), den die Russen lieber den „Gestrengen“ nennen. Er konnte zunächst seine Macht im eigenen Land festigen und dann in sieben Feldzügen der Tataren-Herrschaft an der Wolga das Rückgrat brechen. Nach diesen wichtigen Siegen ließ er sich als erster russischer Herrscher zum „Zaren“ (von lat. „Caesar“) krönen.

Die Khanate (von einem Khan regierte Staatsform) von Kasimov (an der Oka), Kasan, Astrachan, Krim und Sibir waren Nachfolger der einst mächtigen Goldenen Horde, die im 13. Jahrhundert aus den Eroberungszügen der Krieger Dschingis Khans (ca. 1155–1227) hervorgegangen war. Diese Nachfahren der asiatischen Steppenreiter bedrohten Jahrhunderte lang das „Heilige Rußland“; sie mordeten, plünderten, erpreßten Tribute und Schutzgelder. Manche Historiker meinen, ein bei vielen Russen bis heute spürbarer Fatalismus sei von schmerzhaften Erfahrungen aus diesen wirren dreihundert Jahren geprägt: „Was der Tatare nicht holt, nimmt der Zar.“

Vorstoß über den Ural

Nach der Eroberung von Kasan an der Wolga (1552) und von Astrachan an der Wolgamündung (1556) wurde nach dem Sieg über Krimtataren und Türken bei Mololodi (1572) der Weg frei für einen Vorstoß nach Osten, ins kaum bekannte Land jenseits des Ural. Hinter dem Gebirge hausten untereinander zerstrittene Tataren-Clans, die immer wieder plündernd über den Ural nach Westen vorstießen. Die bedeutendste Herrschaft war das Khanat Sibir, das – ebenso wie das Krim-Khanat – Rußland noch immer bedrohte. Um den Weg nach Osten frei zu machen, mußte das Khanat Sibir erobert werden. Dann erst konnten die unbegrenzt scheinenden Weiten im Osten erschlossen werden. Diese waren dünn besiedelt, vorwiegend mit nomadisierenden Stämmen, aber reich an Pelztieren und – wie sich später zeigen sollte – eine Schatzkammer voller Rohstoffe.

Die Eroberung Sibiriens, des „schlafenden Landes“, begann durch die private Initiative einer durch den Handel mit Salz und Pelzen reich gewordenen Familie, den Stroganows. Die in Perm ansässige Kaufmannsfamilie durfte mit huldvoller Genehmigung des Zaren nach Osten ziehen, Siedlungen anlegen, sogar über den Ural vordringen. Als 1573 der unberechenbare Kütschüm Khan (Regierungszeit 1563–1598), Herrscher des Khanats Sibir, seine Krieger aussandte, um die Siedlungen der Stroganows im Westen des Ural zu brandschatzen, mußte etwas unternommen werden. Der Zar erlaubte den Stroganows, auf eigene Rechnung Truppen, darunter Kosaken, anzuwerben.

Kämpfe der Kosaken und Tataren

Die Kosaken genannten „freien Krieger“ waren kein Volk, sondern ein Konglomerat aus verarmten Bauern, rechtlosen Leibeigenen, entlaufenen Sträflingen, heruntergekommenen Adeligen und sogar Tataren, die vor Steuern, Hunger, Gläubigern, staatlichen Repressalien oder dem Gefängnis geflohen waren. In den Weiten der Wälder und Steppen an der Wolga und am Don führten sie ein relativ ungebundenes Leben in einer besonderen, hierarchisch gegliederten Gemeinschaft. Zur Zeit Iwans IV. waren die Kosaken ein Haufen von unzuverlässigen Freibeutern, welche die staatliche Gewalt dulden mußte, weil sie ihrer nicht Herr wurde. Der Gedanke, die Kosaken gegen die sibirischen Tataren antreten zu lassen, schien in Moskau durchaus reizvoll.

Mit den Kosaken, die bei der Eroberung Sibiriens eine tragenden Rolle spielten, kam eine charismatische Führerpersönlichkeit: Der Kosaken-Atman Jermak (Ermak) Timofejewitsch, „der Eroberer“ (ca. 1537–1585). Angeblich war er ein ehemaliger Flußpirat, hatte aber – im Dienste des Zaren stehend – im Livländischen Krieg3 gekämpft und verfügte über militärische Erfahrung. Im Herbst 1582 überschritt Jermak mit 540 Kosaken und 300 Söldnern den Ural. Der Ural ist kein sehr hohes Gebirge; seine höchste Erhebung ist der Narodnaja (1895 Meter) im nördlichen Ural. Mit leichten Booten auf dem Rücken überwanden Jermaks Freischärler den Tagilpaß, mehr ein Joch als ein Paß (in dieser Region beträgt die höchste Erhebung, der Gura Kakanar, nur 878 Meter). Dann ging es auf den Booten weiter, die Flüsse Tagil, Tura und Tobol hinab. Die Sibir-Tataren, die nur über wenige Feuerwaffen verfügten, versuchten die Eindringlinge aufzuhalten. Doch die besser bewaffneten Kämpfer Jermaks trotzten allen Hindernissen und konnten am Zusammenfluß von Tobol und Irtisch eine Entscheidungsschlacht gewinnen. Ende Oktober 1582 zogen sie in die verlassene Tataren-Hauptstadt Isker ein, wo sie Lebensmittel und Unterkunft für den nahenden Winter fanden. Zum Glück für die Russen waren die Tataren beim Rückzug nicht konsequent genug gewesen, ihre Hauptstadt niederzubrennen. Denn ohne deren Unterkünfte und Vorräte wäre Jermaks Expedition gescheitert, weil kaum einer seiner Leute den Winter überlebt hätte.

Der Weg über den Ural war nun für Rußland offen. Iwan IV. fügte seinen Titeln noch den eines „Zaren von Sibirien“ hinzu und schickte Truppen zur Verstärkung. Von einem Kontingent aus 300 Strelitzen4 überlebte 1584/85 kein einziger seinen ersten sibirischen Winter. Alle starben an Skorbut.

Sibirien als russische Kolonie

So entstand – vom Westen fast unbemerkt – die russische Kolonie Sibirien. Diese wird, weil an das Mutterland grenzend, meist nicht als Kolonie wahrgenommen.

Weder der Tod Jermaks im Jahr 1585 noch geologische und klimatische Widrigkeiten konnten die Russen aufhalten. Die zerstrittenen Khanate vermochten sich nach der Niederlage von 1582 nicht mehr dauerhaft zu formieren. Kütschüm wurde 1589 endgültig geschlagen. Danach leisteten versprengte Gruppen der sibirischen Tataren noch bis ins 17. Jahrhundert hinein Widerstand. Auch einige der indigenen Stämme wehrten sich gegen die russische Landnahme: So 1651 die am Baikalsee lebenden Burjaten; besonders aber die Korjaken, Tschukten und Kamtschalen im äußersten Nordosten. Hier erlitten die Russen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vernichtende Niederlagen, und der kleine Stamm der Tschukten konnte noch über viele Jahrzehnte seine eigene Kultur und seinen speziellen Glauben, den Schamanismus, bewahren.

Sechs Jahrzehnte nach dem Sieg über das Khanat Sibir im Jahr 1582 hatten russische Abenteurer die riesige Landmasse bis zum Pazifik durchquert. 1639 standen sie am „Ende der Welt“, am Ende Asiens, am Ochotskischen Meer; 1644 war die Mündung des Amur erreicht. Dort kam es zu Zusammenstößen mit überlegenen chinesischen Truppen. Im Juli 1689 wurde der erste Vertrag zwischen einer europäischen Nation und China unterzeichnet: der Vertrag von Nertschinsk. 1741 erreichte eine russische Expedition unter der Leitung des Dänen Vitus Bering das Ostufer des Pazifik: Alaska. Zwei Jahre später entstand dort die erste kleine Siedlung. Russisch-Amerika, die einzige Übersee-Kolonie der aufstrebenden Weltmacht Rußland, erlangte nie größere Bedeutung. Es war zu weit entfernt, schwer zu erreichen und hatte Probleme mit den Indianern. 1867 wurde Alaska an die USA verkauft.

Die russische Kolonisierung Sibiriens mußte sich lange mehr nach Norden orientieren, meist nördlich des 50. Breitengrades, um nicht in Konflikte mit China zu geraten. Besiedelt wurden vor allem die Regionen um den oder südlich des 55. Breitengrades. Erst als China durch den Opiumkrieg geschwächt war, konnte 1858/60 die äußere Mandschurei und damit das vom Klima her mildere Amurgebiet ans Russische Reich angeschlossen werden. Nun wurde die Gründung von Wladiwostok („Beherrsche den Osten“) möglich, mit einem wichtigen Hafen und späteren Endpunkt der längsten Eisenbahnstrecke der Welt, der Transsibirischen Eisenbahn. Obwohl Wladiwostok auf dem Breitengrad von Florenz liegt, können seine Winter mit bis –37° C „sibirisch“ kalt werden.

Ein weltgeschichtliches Ereignis: der Vertrag von Nertschinsk 1689

Der Vertag, der in diesem sibirischen Sommer geschlossen wurde, markierte eine der großen Veränderungen der Weltgeschichte. 2000 Jahre lang war der eurasische Steppengürtel ein Schnellweg zwischen Osten und Westen gewesen, der außerhalb des Machtbereichs der großen Agrarreiche lag. Migranten, Mikroben, Ideen und Erfindungen waren auf diesem Weg von hier nach da gelangt und hatten so Westen und Osten im gleichen Rhythmus von Fortschritt und Zusammenbruch miteinander verbunden. Ganz selten – und wenn, dann nur um einen hohen Preis – hatten sich Eroberer wie Dareios von Persien, der Han-Kaiser Wudi oder der Tang-Kaiser Taizong die Steppengebiete untertan gemacht. Doch im Großen und Ganzen galt die Regel, daß die Agrarreiche zahlten, was die Nomaden forderten, und ansonsten auf das Beste hofften …

Im 17. und 18. Jahrhundert gelang es den großen Agrarreichen, allen voran Rußland und Qing-China, einen der apokalyptischen Reiter7 für immer unschädlich zu machen. Aus diesem Grund löste der Druck der gesellschaftlichen Entwicklung, die sich vor einer neuen Obergrenze staute, keine Abwanderungswellen aus den Steppen aus, wie es im 2. und im 12. Jahrhundert der Fall gewesen war. Und aus diesem Grund reichte nicht einmal die vereinte Last von Staatsversagen, Seuchen und Klimawandel aus, um einen Zusammenbruch der Kerngebiete zu bewirken. Der Steppenschnellweg war geschlossen, und damit endete ein ganzes Kapitel in der Geschichte der Alten Welt.

Für die Nomaden war dies eine Katastrophe sondergleichen. Wer die Kriege überlebt hatte, konnte nicht mehr frei umherziehen. Die Bewegungsfreiheit, eine Grundlage der nomadischen Lebensweise, war nun abhängig von den Launen ferner Herrscher, und vom 18. Jahrhundert an verkamen viele dieser einst so stolzen Steppenkrieger zu gekauften Handlangern, zu Schlägern, die bei Bedarf angeheuert wurden, um widerspenstige Bauern zur Vernunft zu bringen.

Ian Morris, Wer regiert die Welt?, Campus, Frankfurt 2011, Seite 441 f.

 Schwierige Erschließung und Ausbeutung

Auf den ersten Blick boten sich in Sibirien die gleichen Möglichkeiten wie im nördlichen Nordamerika: Ein riesiges, kaum erschlossenes Land mit natürlichem Reichtum (Pelztiere) und Rohstoffen aller Art. Dazu der große Vorteil der direkten Grenze mit dem Mutterland. Warum also entwickelten sich die beiden Regionen so unterschiedlich?

Bereits die Erschließungsgeschichte des „Wilden Ostens“ verlief von Anfang an anders als die des Westens von Nordamerika.

Die frühen Erforscher des „Wilden Westens“ – oft Franko-Kanadier wie Samuel de Champlain (1574–1635), Pierre-Esprit Radisson (1640–1710) oder Robert de la Salle (1643–1687) – reisten ebenso wie später die „Mountainmen“ in Kleingruppen oder sogar alleine. Sie konnten sich auf keine Konflikte mit den Indianern einlassen. Auch die bekannte Expedition von Lewis und Clark (1804–1806) war bemüht, Auseinandersetzungen mit den Indianern zu vermeiden. Die systematische Vertreibung der Indianer begann jenseits des Mississippi erst im 19. Jahrhundert.

Die russischen Pioniere kamen von Anfang an mit kleinen Armeen, da schon die ersten Schritte über den Ural Kämpfe mit den Tataren bedeuteten, welche härtere, besser bewaffnete Gegner waren als die Indianer Nordamerikas. Die Erforscher Sibiriens mußten sich von Anfang an ihren Weg freikämpfen. Sie zwangen die einheimische Bevölkerung – nicht selten durch Grausamkeiten – zur Abgabe von Tributen wie Lebensmitteln, Pelzen usw. Entsprechend war dann auch der Widerstand der Indigenen, der immer wieder blutig niedergeschlagen wurde. Auch auf die eigenen Leute mußte nicht selten mit brutalen Maßnahmen Zwang ausgeübt werden, damit sie durchhielten. Das Leben in Sibirien versprach Reichtum für wenige, aber Entbehrung, Hunger, Tod für viele.

Doch trotz aller Widrigkeiten ging es voran. Aus Forts wurden Handelszentren; der Reichtum einer noch kaum berührten Natur floß nach Rußland oder auch daran vorbei. Norwegische, dänische, englische5 Kaufleute wagten schon im 16. Jahrhundert die schwierige Schiffspassage durch das nördliche Eismeer zum Nordwesten Sibiriens. Hier entstand zwischen Ob und Jenissei – wohl an der Mündung des Tas – Mangaseja, ein sagenumwobener Handelsplatz, besonders für Pelze, Mammut- und Walroßelfenbein. Vermutlich ist es hier in den wenigen, milden Sommerwochen noch wilder zugegangen als zwei Jahrhunderte später bei den berühmten „großen Rendezvous“ von Indianern, Pelztierjägern und Händlern im Wilden Westen. Mangasejas Blüte war kurz. Da viele Waren am russischen Zoll vorbeiflossen, wurde der nördliche Seeweg 1619 unter Androhung der Todesstrafe gesperrt. Aller Verkehr war wieder auf den langen, teuren Landweg angewiesen.

Im 17. Jahrhundert sah man in Moskau Sibirien lediglich als Pelzkolonie, die streng autokratisch verwaltet wurde. Unter Katharina II. sollte ab 1775 Sibirien eine vom Mutterland unabhängige Kolonie werden, die sich selbst versorgen und Tribut zahlen sollte – nach dem Vorbild von Indien, aus dem große Reichtümer nach Großbritannien flossen. Im Vordergrund stand also die Ausbeutung, weniger die Entwicklung des Landes.

Schlechte Startbedingungen

Sibirien war für die Eindringlinge eine schwierige Region:

• Das Festlandklima mit großer Kälte und langen Nächten im Winter ist für Mitteleuropäer schwer zu ertragen. Die Sommermonate können heiß werden. Jakutsk als Beispiel ist die einzige Großstadt, die mit Temperaturdifferenzen von 80° C (+30° im Sommer und –50° im Winter) zurechtkommen muß. Sibirien läßt sich daher klimatisch am besten mit Kanada und Alaska vergleichen.

• Die riesigen Weiten behinderten Handel und Kommunikation. Die wenigen, primitiven Straßen führten oft durch Wälder und Sümpfe. Im Frühjahr und Herbst versanken die Fahrzeuge im Schlamm, im Sommer belästigten Staubwolken und Mückenschwärme die Reisenden. Wie in Teilen Rußlands erschweren auch in Sibirien vielerorts so banale Ursachen wie das Fehlen von Steinen den Straßenbau.

• Auf dem Wasserweg war Sibirien schwer erreichbar. Die großen Flüsse münden fast alle im Eismeer, das große Teile des Jahres zugefroren ist. Die verkehrsmäßige Erschließung ist nach wie vor eines der größten Probleme Sibiriens. In Kanada dagegen ermöglicht der Sankt-Lorenz-Strom den Zugang vom offenen Meer zu den großen Seen weit im Landesinneren.

• Die Verwaltung Sibiriens war nachlässig. Eine korrupte Bürokratie behinderte Eigeninitiativen und machte das menschenleere Land für Siedler nicht verlockend. Die Zuwanderung blieb gering. „Rußland ist groß, und der Zar ist weit“ hieß ein Schlagwort, das zum Ausdruck bringt, daß auf Rechtssicherheit kein Verlaß war.

• Bauern, Handwerker, Händler, Kleinunternehmer, die nicht genügend Einfluß hatten, um Unterstützung vom Zarenhof zu finden, oder deren Kapital nicht ausreichte, um Bürokraten zu bestechen, hatten es in Sibirien nicht leicht.

• Noch schwieriger war das Leben im Wilden Osten für Ausländer. Die von russischen Zaren wie Peter dem Großen oder Katharine der Großen nach Rußland eingeladenen Mitteleuropäer, vorwiegend Deutsche und Holländer, wurden von den Einheimischen mit viel Mißtrauen und Neid beäugt und von der sehr konservativen russisch-orthodoxen Kirche wegen ihrer religiösen Bekenntnisse (katholisch oder protestantisch) abgelehnt. Wer wollte da ins abgelegene Sibirien, in das „Land von Ketten und Eis“ (der Dichter Maxim Gorki, 1868–1936) einwandern? So gab es zum Beispiel nur wenige Sibiriendeutsche in kleinen Niederlassungen am Amur.

• Der seit Jahrhunderten in Rußland verbreitete beklagenswerte Alkoholismus griff auf Sibirien über. Das Zusammenwirken von schwierigen klimatischen und geologischen Gegebenheiten mit bürokratischen Hemmnissen ließ viele verzweifeln und sich dem Trunk ergeben. Die verbreitete Trunksucht ist für ganz Rußland ein gravierendes Problem, an dessen Bekämpfung kein Geringerer als Gorbatschow gescheitert ist.

Sind Nordamerika und Sibirien vergleichbar?

In der französischen Kolonie „Neufrankreich“ (Kanada) herrschten korrupte Beamte, die vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht waren. So wurde zum Beispiel der grandiose Forscher Pierre-Esprit Radisson bei seinen erfolgreichen Unternehmungen vom Gouverneur Neufrankreichs so sehr behindert, daß er sich den Engländern anschloß und mit diesen die Hudson-Bay-Kompanie gründete.

Die Franzosen hatten großartige Pioniere, die mit den Indianern gut zurechtkamen. Doch nach Neufrankreich kamen zu wenig Zuwanderer. Zurzeit des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) konnte selbst ein hervorragender französischer Feldherr, der Marquis de Montcalm (1712–1759), die Eroberung Kanadas durch die Engländer nicht aufhalten. Mißwirtschaft, Korruption, ungenügende Kontrolle und unzureichende Unterstützung vom Mutterland ließen die Kolonie für Frankreich verlorengehen (2). Vor einigen Jahren sagte mir ein Franko-Kanadier zu meiner Überraschung, daß es ein Glück war für Kanada, daß es englisch wurde. Die korrupte französische Kolonialverwaltung hatte die Entwicklung des Landes schwer behindert. In den englischen Kolonien Nordamerikas herrschten bessere Ordnung, mehr Rechtssicherheit und Freiheit, und dementsprechend gab es mehr Eigeninitiative. Zuwanderer aus Europa wurden angezogen. Unter englischer Verwaltung konnte sich ab 1760 auch Kanada günstiger entwickeln. Heute ist es ein Einwanderungsland mit einer der höchsten Einwanderungsquoten.

Wie in Kanada legten in Sibirien wagemutige Forscher unter schwierigsten Bedingungen unglaubliche Strecken zurück. Auch Sibirien war einer oft unfähigen, meist korrupten Verwaltung ausgeliefert. Es kamen zu wenig Einwanderer; schon weil ein Großteil der russischen Bevölkerung aus Leibeigenen bestand, die der russische Adel nicht verlieren wollte und deren Abwanderung er deshalb verhinderte.6 Die wenigen Umsiedler waren Altgläubige, die sich den Kirchenreformen des 17. Jahrhunderts widersetzten, verarmte Bauern, Unzufriedene, die auf ein besseres Leben hofften, oder aber Verbannte. Den Mangel an Menschen versuchte das autoritäre Rußland durch die Verbannung unliebsamer Zeitgenossen nach Sibirien auszugleichen. Doch eine Sträflingskolonie zieht keine unternehmungslustigen Auswanderer an. Selbst die von 1891 bis 1916 unter großen Schwierigkeiten gebaute Transsibirische Eisenbahn (in den USA war die Eisenbahnverbindung vom Atlantik zum Pazifik 1869 vollendet, in Kanada 1886) förderte vor allem die Besiedelung entlang der Bahnstrecke. Die Möglichkeiten, die der erleichterte Zugang zum Pazifik eröffnete, konnten nicht hinreichend genützt werden, weil die Bahn schlecht gebaut, zu langsam und sehr unpünktlich war.

Im 19. Jahrhundert blieb Sibirien von den Verwüstungen durch die Napoleonischen Kriege und im 20. Jahrhundert von denen zweier Weltkriege verschont. Allerdings litt während der russischen Revolution das weite Land im fernen Osten unter dem Bürgerkrieg zwischen „Weißen“, den Anhängern des Zaren, und „Roten“, den Bolschewisten.

Größenwahnsinnige Pläne und ein „Ökozid“

Mit dem „Ersten Fünfjahresplan“ der Sowjetunion von 1928 begannen die Planungen für gigantische Projekte, etwa dem Bau von Eisenbahnlinien wie der Baikal-Amur-Magistrale. Im Zweiten Weltkrieg wurden bedeutende Industriebetriebe nach Westsibirien verlagert und unter ungeheuren Schwierigkeiten dort wieder aufgebaut. Diese Aufbauleistungen weckten Hoffnungen, die sich nach dem Kriege nicht erfüllten. Der aus dem Jahr 1949 stammende „Große Plan zur Umgestaltung der Natur“ wollte sogar einen Teil der sibirischen Flüsse nach Süden umleiten. Ökologische Gesichtspunkte spielten bei diesen Planungen keine Rolle.

Zur Stalinzeit (bis 1953) waren die sibirischen Straflager berüchtigt und gefürchtet, deren Insassen bei der Modernisierung des Landes helfen sollten. Die entkräfteten, kranken Heere der Zwangsarbeiter waren aber nicht zu den erwarteten Leistungen fähig. Bei den übrigen Bewohnern Sibiriens nahm die Landflucht teilweise bedrohliche Ausmaße an, trotz staatlicher Vergünstigungen für die Landbevölkerung.

Auch nach Stalin gab es noch gigantomanische Aufbauprogramme, wie die Wasserkraftwerke von Bratsk, mit der seinerzeit (1954) größten Staumauer der Welt, Krasnojarsk oder Sajano. Dem Stausee von Bratsk, als drittgrößtem künstlichen Gewässer, mußten über 100 Dörfer mit 120.000 Bewohnern weichen. Besonders gravierend wirkt sich die in der Stalinzeit begonnene Ableitung von Wasser aus den Flüssen Amurdarja und Syrdarja aus, das zur Bewässerung von Baumwollfeldern in Kasachstan und Usbekistan dient. Der Aralsee hat dadurch einen großen Teil seines Wassers verloren und dürfte in den nächsten Jahrzehnten ganz verschwinden. Riesige Landstriche sind durch die Austrocknung des Aralsees und die künstliche Bewässerung von ariden Zonen versalzen. Das Klima in Zentralasien beginnt sich zu ändern. Eine der derzeit größten Umweltkatastrophen.

Von größter ökologischer Bedeutung ist auch die Verschmutzung des Baikalsees, seit 1996 ein Weltnaturerbe der Menschheit. Bei dieser „Perle Sibiriens“ handelt es sich um den tiefsten (1.637 Meter), ältesten (über 30 Millionen Jahre) und vom Wasservolumen her größten See der Erde, dem durch Industrieansiedlungen extreme Verschmutzung droht.

Alle diese, in Moskau am Schreibtisch ausgedachten Projekte, blieben weit hinter ihren Zielen zurück. Die Belange der Umwelt wurden zunächst kaum beachtet. Denn aus der Sicht bolschewistischer Ideologen der Stalinzeit entstehen Umweltkatastrophen durch die im Kapitalismus übliche Ausbeutung; im Sozialismus kann es daher keine Umweltprobleme geben.

In den 1970er Jahren wurden dann – vor allem aus propagandistischen Gründen – strenge Umweltschutzgesetzte zwar erlassen, doch nicht umgesetzt. Erst nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahre 1986 setzte auch in Rußland ein Umdenken ein. Westliche Experten halten die ökologischen Probleme Rußlands und Sibiriens für so gravierend, daß sie schon in den 1990er Jahren vom „Ökozid“ (ökologischen Selbstmord) der Sowjetunion sprachen (2, S. 281).

Sibirien heute – und ein neuer Wettlauf

Trotz großer Pläne und mancher Aufbauleistungen läßt die verkehrsmäßige Erschließung in großen Teilen Sibiriens noch immer sehr zu wünschen übrig. Die Wirtschaft und das tägliche Leben leiden unter fehlender oder mangelhafter Infrastruktur. So hinkt die Entwicklung Sibiriens nach wie vor der Kanadas oder Alaskas, mit vergleichbarem Klima, hinterher.

Mit einer Fläche von mehr als dreizehn Millionen Quadratkilometern ist Sibirien heute das größte Land der Erde. Es ist größer als die USA einschließlich Alaska und Mitteleuropa zusammen. Derzeit hat Sibirien nur 38 Millionen Einwohner – zum größten Teil Russen, die die Urbevölkerung weitgehend verdrängt haben – und eine Bevölkerungsdichte von 2,9 Menschen pro km² (Kanada hat knapp zehn Millionen km², 34 Millionen Einwohner und 3,4 Menschen pro km²). Damit ist Sibirien eines der am dünnsten besiedelten Länder. Seine Bevölkerung nimmt ab.

Von großer politischer Bedeutung wird neuerdings die lange sibirische Küste am Eismeer. Unter dem arktischen Eis werden bedeutende Rohstofflager, besonders Erdöl und Erdgas, vermutet. Das Wettrennen zwischen Rußland und Kanada hat begonnen, um sich die Rechte für die Ausbeutung dieser Ressourcen zu sichern, und die anderen Anrainerstaaten werden ihren Anteil an den arktischen Bodenschätzen einfordern. –

Niemand weiß, wie Sibirien sich entwickelt hätte unter der Leitung einer verantwortungsvollen Regierung, die Rechtssicherheit und Entwicklungschancen für alle geboten hätte. Neuerdings drängen Chinesen mit ihrer überbordenden Bevölkerung in das menschenarme Land. Angeblich bedrohen diese die Sicherheit durch illegale Einwanderung, Kriminalität, Schmuggel von Rohstoffen, Drogen, Waffen. Man darf auf die weitere Entwicklung an der 3645 km langen Grenze zwischen China und Rußland gespannt sein.

„Jede Epoche fand in Sibirien, wonach sie suchte“

Sibirien ist eine Festung, die schützt, eine Vorratskammer, die man bei Bedarf öffnen kann, eine Kraft, die man rufen kann, ein Schild, das jedem Schlag widersteht, ein Ruhmesblatt, dessen Glanz noch vor uns liegt. Von den Reichtümern auf der Erde bis zu den Reichtümern tief unter der Erde – jede Epoche fand, egal ob nach dem ersten Gerücht oder nach der wissenschaftlichen Wirtschaftlichkeitsberechnung, in Sibirien wonach sie suchte.

Der russische Schriftsteller Valentin Rasputin (geb. 1937)

Zukunftschancen im „Land der Extreme“

Führt man den ungewöhnlichen Vergleich zwischen Sibirien und dem hohen Norden des amerikanischen Kontinents weiter, so kann der Eindruck aufkommen, daß Entwicklungen entscheidend beeinflußt werden durch die Freiheit des Menschen und dessen Entfaltungsmöglichkeiten, die politischen Verhältnisse, die Qualität der staatlichen Gewalt. Die Nachteile einer schlechten Regierung wirken sich hemmender aus als selbst die Widrigkeiten eines extremen Klimas. Ein entscheidend wichtiger Gesichtspunkt für jede Entwicklungshilfe!

Während der Zarenzeit mit ihrem Zentralismus und Konservatismus herrschten in Sibirien Mißtrauen, Korruption, Unterdrückung, Verbannung. Nach der angeblichen Befreiung durch die blutige sowjetische Revolution bestimmte eine rigorose, selbstgerechte Partei über alle Bereiche des Lebens. Die Menschen mußten sich einer weltfremden Ideologie unterwerfen; für Eigeninitiative blieb ihnen wenig Bewegungsraum. Die Gulags (Straflager) quollen über. So mußte jeder Fortschritt, jede Entwicklung hinter den gegebenen Möglichkeiten zurückbleiben.

„Noch immer ist Sibirien ein Land der Extreme mit weitgehend unberührten Gegenden, in denen kaum Menschen leben, und Gebieten, in denen die Erdöl- und Erdgasförderung die Umwelt weitgehend zerstört hat. Allerdings ist es inzwischen kein Agrarland mehr. Am Anfang des 21. Jahrhunderts lebten 72,5 Prozent der Bevölkerung in Städten; Omsk und Novosibirsk sind mittlerweile Millionenstädte. Die Menschen haben sich aus der Natur weitgehend zurückgezogen. Im unwegsamen Kamtschatka wohnen inzwischen achtzig Prozent in Städten, in den Autonomen Gebieten der Chanten und Mansen und der Jamal-Nencen sind es sogar neunzig Prozent.“ (2, Seite 304)

Halten wir die Hoffnung aufrecht, daß in Zukunft Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und das Bewußtsein über die allgemeinen Menschenrechte in Sibirien die Voraussetzungen für eine harmonische Entwicklung schaffen! Dann stehen diesem riesigen menschenarmen Land, das ein Gewinner der globalen Erwärmung werden könnte, große Zukunftschancen offen.

 

Literatur:

(1) Bobrik, Benson, Land der Schmerzen, Land der Hoffnung, Droemer Knaur, München 1993

(2) Dahlmann, Dittmar, Sibirien, Ferdinand Schönigh, Paderborn 2009

(3) Eckert, Allan W., Wilderness Empire, Bantam Books, New York 1971

(4) Gladkov, Sabina A., Geschichte Sibiriens, Pustet, Regensburg 2003

(5) Ziegler, Gudrun, Der achte Kontinent, Ullstein, Berlin 2005

(6) Zierer, Otto, Sternstunden der Weltgeschichte, 2. Band, Prisma, Gütersloh 1978

(7) Zierer, Otto, Neue Weltgeschichte, 2. Band, Fackelverlag, Stuttgart o. J.

 

Fußnoten:

1 Einer der wenigen „Eastern“ ist der Film „Jenseits der Morgenröte“ von Julian Glover, Thomas Ohrner und Charles Brauer. Auf drei DVDs werden die Abenteuer einer von den Fuggern finanzierten siebenköpfigen Expedition geschildert, die nach dem 30jährigen Krieg einen Landweg nach China erschließen sollte.

2 Das ist die Meinung der Mehrzahl der Archäologen. Es gibt auch andere Theorien, die sich aber bisher nicht durchsetzen konnten.

3 Im Livländischen Krieg (Erster Nordischer Krieg, 1558–1583) kämpfte Rußland gegen Polen-Litauen und Schweden.

4 Strelitzen = (Bogen-)Schützen. Eine von Iwan IV. geschaffene, mit Feuerwaffen ausgerüstete Spezialeinheit. Als Leibwache und zur Grenzsicherung eingesetzt.

5 Auf der Suche nach der Nordostpassage erreichte Richard Chancellor (1521–1556) Archangelsk. Von dort reiste er nach Moskau, wo er von Iwan IV. eine Handelskonzession erhielt, mit der 1555 die „Muscovy Compagny“ gegründet wurde.

6 Die Bevölkerung Rußlands von der Ostsee bis zum Pazifik betrug um 1700 ca. 14 Millionen (7, S. 451).

7 Als „apokalyptische Reiter“ bezeichnet Ian Morris Klimawandel, Hungersnöte, Seuchen, Migrationsströme und zusammenbrechende staatliche Ordnungen.