Siegfried Hagl - Schriftsteller

Site menu:

Der Traum von der Harmonie zwischen Orient und Akzident

(2005)

Das Mittelalter wird oft als finstere Zeit gesehen: Blutige Eroberung und trauriger Verlust des Heiligen Landes, brutale Vernichtung der Katharer, grausame Inquisition, und die Reconquista, die rücksichtslose Vertreibung der Mauren aus Spanien…
So betrachtet erscheint das Mittelalter als eine wilde Epoche, in der die autokratischen Herrschaftsansprüche von Kirche und Staat auf einander prallten, Kriege ganze Länder verwüsteten, und Meinungen in Blut erstickt wurden, wenn sie von kirchlichen Dogmen abwichen.
Doch es gab auch fortschrittliche Ideen, Kontakte mit exotischen Kulturen, und die Wahrnehmung der Literatur der Antike, die von Konstantinopel aus und durch die Muslime nach Mitteleuropa kam. Die dadurch inziierte Erweiterung abendländischen Wissens führte zur Renaissance, zur Reformation und zur Philosopie der Aufklärung, die Grundlagen für Menschenrechte und moderne Verfassungen schuf, die bis heute gültig sind.
Frieden zwischen Abendland und Morgenland
Die Kreuzritter hatten im Heiligen Land die Muslime als gute Kämpfer und ehrenhafte Gegner erfahren, und vieles von ihnen gelernt. So waren christliche Fürsten oder die Tempelherren durchaus bereit, Vereinbarungen mit den Mauren zu treffen; zu einer Zeit, in der für den Papst und die meisten Christen in Europa Kompromisse mit „Ungläubigen” nicht vorstellbar waren .
Während des 3. Kreuzzuges (1189-92) verhandelte der englische König Richard Löwenherz von gleich zu gleich mit Saladin, dem Sultan von Ägypten und Syrien. Ein Waffenstillstand wurde vereinbart, ein Küstenstreifen an die Christen abgetreten, und christlichen Pilgern freier Zugang zu den Heiligen Stätten gestattet. Ein Schock für viele Christen, die mit Ungläubigen nicht anders als mit der Waffe sprechen wollten. Auch ein höchst ungewöhnlicher Vorschlag des Großmeisters des Templer-Ordens, Robert von Sablés, erregte die Gemüter weit über das Outremer hinaus: El Adil, der Bruder Saladins, sollte Johanna, die Schwester von Richard Löwenherz heiraten! Hat Wolfram von Eschenbach diese Idee in seinem Parzival verarbeitet ? (s. u.)
Beim 5. Kreuzzug (1228-29) war der Papst erschrocken über die Verhandlungserfolge seines schlimmsten Gegners, Friedrich II. von Staufen (der fließend Arabisch sprach), mit Sultan Elkamil. Der christliche Kaiser (vom Papst gebannt) kam zu fast freundschaftlichen Vereinbarungen mit dem islamischen Sultan und erreichte ohne Blutvergießen viel mehr, als man zu Beginn des Kreuzzuges hoffen konnte: Die Rückgabe von Jerusalem, Bethlehem und Nazareth, die 40 Jahre zuvor verlorenen gegangen waren.
Zu einem dauerhaften Frieden mit den in sich zerstrittenen muslimischen Reichen kam es allerdings nicht. 1244 ging Jerusalem endgültig für die Christenheit verloren, und die ersten, zögerlichen Ansätze für ein friedliches Zusammenleben der zwei großen Religionen – Christentum und Islam – liefen ins Leere.
Der Priesterkönig Johannes
Der Zauber des Orients mit seinen märchenhaften Schätzen beflügelte die Phantasie der Kreuzfahrer, und ließ eine der merkwürdigsten Sagengestalten entstehen: Den Erzpriester Johannes.
Es gab unklare Kunde von christlichen Reichen in fernen Ländern, und je größer die Not der Kreuzfahrer in Palästina, desto stärker die Hoffnung auf göttliche Hilfe, die durch einen mächtigen christlichen Herrscher im fernen Asien kommen sollte. Dieser würde die Heiligen Stätten endgültig befreien, die Verbindung zwischen Orient und Okzident herstellen, und für ein friedliches Zusammenleben in Harmonie zwischen Christentum und Islam, zwischen Weißen und Farbigen sorgen. Rassismus kannte man im Mittelalter kaum, denn die mächtige, universelle Kirche hatte das Ziel, über alle ethnischen und kulturellen Schranken hinweg das Reich Gottes auf Erden zu errichten.
Diese Hoffnung auf Frieden und Völkerverständigung findet ihren Ausdruck im „Parzival” von Wolfram von Eschenbach: Parzival tifft seinen Halbbruder Feirefiz, von dem er nichts weiß. Der zur einen Hälfte weiße, zur anderen Hälfte schwarze Feirefiz ist der Sohn der Mohrenkönigin Belakane. Es kommt zwischen Parzival und Feirefiz zu einem Kampf, der unentschieden endet. Nach dieser letzten Prüfung wird Parzival zum Gral berufen. Er wählt seinen Bruder zum Gefährten. Die einst feindlichen Brüder, Symbole für Orient und Okzident, reichen sich die Hände zum gemeinsamen Wirken.
Die Trägerin der Gralsschale, Repanse de Schoye, heiratet Feirefiz. Ihr gemeinsamer Sohn ist Johannes, der Priesterkönig. Dieser herrscht im fernen Indien über ein Reich, in dem Muslime und Christen harmonisch zusammen leben.
Der Ursprung der Sage vom Priesterkönig
Im Informationszeitalter ist schwer nachzuvollziehen, wie spärlich und verworren die geographischen Kenntnisse im Mittelalter waren. So ließen sich verschiedene, undeutliche Informationen aus weit von einander entfernten Gebieten verbinden:
Im Jahr 1141 wurden die muslimischen Seldschuken in fernen Asien (in der Gegend des Balkaschsees) von Yelintaschi, dem Gurkhan des tatarischen Reiches Kara Kitai geschlagen. Es ist möglich, daß einige der Tataren, vielleicht sogar Yelintaschi selbst, nestorianische Christen waren. Verschwommene Kunde von dieser Niederlage der Muslime kam zu den Kreuzfahrern in Palästina, die nun auf eine christliche Invasion aus dem Osten hofften. Über die Größe Asiens wußten die Europäer so gut wie nichts.
1145 erfuhr der Bischof Otto von Freising, angeblich durch den Bischof Hugo von Byblos, von einem Priesterkönig Johannes, der als christlicher König in Indien regierte. Tatsächlich gab es am Horn von Afrika ein christliches Königreich, und „Priester Johannes” war angeblich ein Titel, der dem abessinischen König zukam. Die Verwechslung von Äthiopien mit Indien ist so alt wie Vergil, und erst im 15. und 16. Jahrhundert entstanden zutreffendere Landkarten.
In Indien (Karela) gibt es eine seit dem 4. Jahrhundert belegte christliche Gemeinschaft, die der Überlieferung nach von dem Apostel Thomas gegründet wurde. Diese „Thomas-Christen” hatten sich in das indische System eingefügt und waren ohne politische Bedeutung.
Solche bruchstückhaften Informationen wurden zusammengesetzt, und die Lücken mit reichlich Phantasie und Wunschdenken ausgefüllt. Das Ergebnis war ein Nachkomme eines der Heiligen Drei Könige, der Priesterkönig oder Erzpriester Johannes, der unermeßlich reiche Beherrscher der „Drei Indien”. Schließlich tauchte noch ein gefälschter Brief des Priesterkönigs auf, an den Byzantinischen Kaiser Manuel I. Kommenos, und den Deutschen Kaiser Friedrich II.
Das Ende eines Traumes
Nach der Vertreibung der Kreuzfahrer aus dem Heiligen Land wurde noch bis ins 16. Jahrhundert vom Priesterkönig Johannes gesprochen. Im 13. Jahrhundert weckte das Auftreten von Tschingis-Chan neue Hoffnungen, und päpstliche Gesandte suchten Kontakte herzustellen zum neu entstandenen mongolischen Weltreich. Doch die Mongolen waren keine Christen, sondern eine weitere, gefährliche Bedrohung für Europa. Es war ein Glücksfall, daß ein mongolisches Heer nach der Schlacht bei Liegnitz (1241) durch den Tod des Groß-Chans gezwungen war, heimzukehren. Niemand weiß, ob die asiatischen Reiter andernfalls bis zur Elbe, zum Rhein, nach Rom oder zu den Pyrenäen vorgestoßen wären.
Nach dem Scheitern der Kreuzzüge wurde im Westen Europas die Vertreibung der Mauren aus Spanien das wichtigte Ziel. Im Osten konnten sich die Russen nur mühsam gegen die muslimischen Tataren behaupten, und in Kleinasien, im Mittelmeer, und auf dem Balkan drangen die muslimischen Türken vor. Konstantinopel stand auf verlorenem Posten, bis es 1453 fiel. Später (1529 und 1683) belagerten türkische Armeen zweimal Wien; das ganze Abendland fühlte sich vom Islam bedroht, und ein friedlicher Dialog mit den Anhängern des Propheten blieb für Jahrhunderte unmöglich.
Literatur:
(1) Hauf Monika, Der Mythos der Tempelritter, Walter, Düsseldorf, 2001
(2) Obleser Horst, Parzival auf der Suche nach dem Gral, Banz, Leinfelden-Echterdingen, 1997
(3) http://www.angelseven.de/Unicorns/Quellen/Priesterkönig_Johannes/priesterkönig _johannes. html
(4) http://www.batz.de/bbkl/j/Johannes_d_pri.shtml
(5) http://www.fortunecity.com/victorian/bacon/313/koenig2.htm
(6) http://www.kfunigraz.ac/ub/ausstellungen/mongolen/johannes.html