Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der Sinneswandel eines Königs

(Veröffentlicht in GralsWelt 70/2012)

Wie in Indien das religiöse Erleben eines vormals brutalen Herrschers um 250 v. Chr. zum ersten modernen Wohlfahrtsstaat führte.

Nach der friedenstiftenden Wirkung von Religionen sucht man oft vergebens. Zwar gab es immer wieder einzelne Persönlichkeiten wie Franziskus (lt. Time-Magazin der „Mann des Jahrtausends“), die sich und ihr Leben als Ausdruck religiöser Erfahrungen änderten; aber Könige, Kirchenfürsten, Machthaber oder Entscheidungsträger finden sich unter den im echten Sinne religiösen Persönlichkeiten nur wenige. Einer dieser wenigen war König Ashoka (oder Asoka), Herrscher eines vorchristlichen Großreiches. Er wandelte sich aus religiösen Gründen und änderte seine Lebensziele radikal– eine besonders merk-würdige Geschichte.

Ich will meine Untertanen im Diesseits glücklich machen!“

Der König wünscht, dass die Nachbarn keine Angst vor mir haben, daß sie Vertrauen zu mir fassen, dass sie durch mich nur Glück nicht Unglück erlangen, auch davon sollen sie durchdrungen sein: der König wird mit euch Nachsicht haben, so weit es möglich ist, und darum möget ihr im Hinblick auf mich euren Wandel nach den Weissagungen des Buddha einrichten. Wenn ich mich anstrenge, so geschieht dies, damit ich in bezug auf meine Untertanen Schuldlosigkeit für mich erlange. Auch will ich sie im Diesseits glücklich machen, und im Jenseits sollen sie den Himmel gewinnen. Alle Menschen sind wie meine Kinder. Wie ich meinen Kindern wünsche, dass sie alles Heils und Glückes im Diesseits und Jenseits teilhaftig werden, so wünsche ich dies auch den Menschen.     (Aus den Edikten des Ashoka, 1, S. 5)

Im 4. und 5. vorchristlichen Jahrhundert war das indische Königreich Magadha) (nach seiner Dynastie auch Maurya-Reich genannt) eines der fortschrittlichsten Länder.1 Es war das einzige Land, in dem die politische Ökonomie als Wissenschaft anerkannt wurde, und die Könige – anders als die für die Zeit typischen Despoten – ihre Untertanen nicht durch das Herauspressen unbezahlbarer Steuern ruinierten. Doch trotz seiner ökonomischen Vernunft und entwickelten Geldwirtschaft war es kein idealer Staat. Die Struktur war autokratisch, mit einem König an der Spitze einer strengen Verwaltung, die von Spionen überwacht werden musste. Denn es gab auch damals schon korrupte Beamte, und ein Autor aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.2 gesteht ärgerlich ein, „dass es ebenso schwer ist, einem Beamten das unerlaubte Einstreichen von Staatseinnahmen nachzuweisen, wie einem schwimmenden Fisch die Menge des von ihm getrunkenen Wassers.“ (4, S. 163). Intrigen, Palastrevolutionen und Königsmorde gehörten zu den unvermeidlich scheinenden Auswüchsen der absoluten Monarchie. Eine große stehende Armee von einer halben Million Kämpfern ermöglichte Magadha Eroberungen, die durch Palastintrigen und Königswechsel kaum behindert wurden. So war dieses Königtum zwar besser verwaltet als die meisten sonstigen Reiche, einschließlich der antiken europäischen Stadtstaaten, doch es blieb eine Despotie mit einem rücksichtslosen Herrscher an der Spitze, der auf Eroberungen aus war und um sein eigenes Leben bangen mußte.

Etwa im Jahre 270 v. Chr. wurde Ashoka (Sanskrit: „ohne Sorge“) König von Magadha. Vermutlich hatte er seinen Halbbruder und weitere Verwandte ermordet, um auf den Thron zu gelangen. In den ersten acht Jahren seiner 36jährigen Regierungszeit herrschte er mit despotischer Härte und vergnügte sich auf Festen und Jagden. Seine Grausamkeit gegenüber Strafgefangenen galt noch Jahrhunderte später als legendär.

Acht Jahre nach seiner Machtübernahme führte Ashoka einen Krieg gegen das benachbarte Fürstentum Kalinga3, eine aus seiner damaligen Sicht selbstverständliche „Aufgabe“ für einen Herrscher, zum Schutz und zur Mehrung seines Reiches. Nach eigenen Angaben ließ er 100.000 Menschen niedermetzeln und weitere 150.000 als Gefangene verschleppen.

Dieser Krieg wurde zum Wendepunkt in Ashokas Leben. Er sah die schrecklichen Grausamkeiten, wurde sich seiner Verantwortung für die Bestialitäten dieses Krieges bewußt und änderte seine Einstellung zu den Aufgaben eines Herrschers.

Sekte und Sekte: „Darum ist Eintracht allein gut“

Der göttergeliebte König ehrt alle Sekten … Aber der Göttergeliebte legt nicht so viel Gewicht auf Gaben und Ehrenbezeugungen als darauf, dass bei allen Sekten ein Wachstum des Wesentlichen stattfinde. Das Wachsen des Wesentlichen ist aber mannigfacher Art; dessen Wurzel aber ist folgende: Die Vorsicht im Reden, nämlich dass weder ein Preisen der eigenen Sekte noch ein Tadeln anderer Sekten bei unpassenden Gelegenheiten stattfinde, oder dass es (wenn es) bei einer oder der anderen Gelegenheit (doch geschieht), mäßig sei. Andere Sekten sollen aber bei jeder Gelegenheit geehrt werden. Wenn man so handelt, fördert man seine eigene Sekte und fügt der anderen Sekte Gutes zu. Im anderen Falle schädigt man seine eigene Sekte und fügt der anderen Sekte Übles zu. Denn wer immer seine eigene Sekte preist und die anderen  Sekten tadelt, und zwar alles aus Zuneigung zur eigenen Sekte und um die eigene Sekte zu verherrlichen, der schädigt doch, wenn er so handelt, nur seine eigene Sekte um so mehr. Darum ist Eintracht allein gut …

Aus den Edikten des Ashoka (5, S. 254)

Aus dem Schlächter wird ein Friedensfürst

Niemand weiß genau, was Ashoka bewogen hat, nach einem überwältigenden Sieg dem Kriege abzuschwören und sich fortan einem friedlichen Aufbau zu widmen, zum Wohl aller seiner Untertanen: „Was immer meine Bemühung sein möge, ich strebe einzig danach, der Verpflichtung, die ich gegenüber allen lebenden Wesen trage, gerecht zu werden“ (4, S. 180).

Die Sage berichtet von einer Begegnung mit dem buddhistischen Mönch Tissa, der Ashoka so tief beeindruckte, dass er nach dem Feldzug gegen Kalinga ein Jahr in einem Kloster verbrachte, um die Lehren des Erleuchteten zu studieren. Von nun an regierte Ashoka nach dem Weltverständnis des Buddhismus und lehrte die Befolgung des Weltgesetzes (Dharma-mahamatra). Er förderte die Mission der Buddhisten, und Mahinda, ein Sohn oder Bruder Ashokas, soll den Buddhismus in Sri Lanka eingeführt haben. In den 34 erhaltenen Edikten Ashokas, den wichtigsten Quellen über sein Denken und Handeln, fehlen allerdings Beweise für eine Bevorzugung der buddhistischen Mönchsgemeinden. Ein charakteristischer Zug seiner Herrschaft ist vielmehr die Toleranz gegenüber allen Religionsgemeinschaften (siehe Kasten „Darum ist Eintracht allein gut“). Außerdem fehlen in Ashokas Edikten, den ältesten authentischen Zeugnissen für den Buddha, wesentliche Inhalte buddhistischer Lehren, so daß darüber diskutiert wird, ob er in seinen Edikten für einen „Ur-Buddhismus“ eintrat, oder vielleicht nur Gedanken lehrte, die auch in anderen Religionen des Alten Indien enthalten sind.

Jedenfalls erreichte unter Ashoka das Großreich von Magadha (Maurya) seine größte Ausdenung; es umfasste den größten Teil des heutigen Indiens und Pakistans. Ashokas Hoffnung, tüchtige Nachfolger möchten sein Werk fortführen, ging leider nicht in Erfüllung, und sein Friedensreich überlebte ihn nur um Jahrzehnte.

Historisch gesehen schuf Ashoka den ersten Staat, der seine Aufgabe nicht in erster Linie in Machterhaltung und Ausweitung des Herrschaftsgebietes sah, sondern sich den Menschen verpflichtet fühlte. Auf Staatskosten wurden Brunnen, Straßen, Herbergen, Krankenhäuser für Menschen und Tiere gebaut, Bäume gepflanzt, und sogar Naturschutzgebiete eingerichtet, in denen das Abbrennen der Bäume und die Jagd verboten wurden. Der König selbst verpflichtete sich der Umsetzung religiöser Lehren in das praktische Handeln, sah sich als Vorbild für seine Beamten und nahm ein gewaltiges Arbeitspensum auf sich. Auf ausgedehnten Reisen inspizierte er alle fünf Jahre sein Reich und ernannte Kontrolleure, die Missstände aufspüren und für Gerechtigkeit sorgen sollten. Man muss in der Geschichte lange suchen, um Herrscher zu finden, die Vergleichbares geleistet haben.

Aus heutiger Sicht darf man in den Leistungen des auf einzigartige Weise durch religiöse Einsichten in seiner Gesinnung gewandelten Königs den ersten Ansatz sehen, einen „modernen“ Staat zu schaffen, der der Wohlfahrt seiner Bürger verpflichtet ist. Die westliche Welt musste bis zur Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution warten, bevor demokratische Staaten ihr wichtigstes Ziel im Frieden und im Wohlergehen ihrer Bürger sahen; nun allerdings nicht auf religiöser, sondern auf intellektueller Basis: der Philosophie der Aufklärung.

Literatur:

(1) Draper/Gerald/Zohren Karl A., Umkehr zur Gewaltlosigkeit: Ashoka und sein Friedensreich in Indien, Dialog International e.V., Düsseldorf 1996

(2) Kern Fritz, Asoka, Francke, Bern 1956

(3) Klimburg-Salter Deborah E., Buddha in Indien, Kunsthistorisches Museum, Wien 1995

(4) Kosambi D. D., Das Alte Indien, Akademie-Verlag, Berlin 1969

(5) Mensching Gustav, Buddhistische Geisteswelt, Holle, Darmstadt 1955

(6) Strong John S., The Legend of King Asoka, Princeton University Press, Princeton 1983

(7) Zierer Otto, Sternstunden der Weltgeschichte, Wiener Verlag, Wien 1978

1 Der Kern des alten Königreichs Magadha entspricht etwa dem heutigen Bihar. Hauptstadt Pataliputra (heute Patna). Zur historischen Einordnung: Buddha lebte etwa zwischen 560 und 483 v. Chr.; Alexanders Zug nach Indien: 327–325 v. Chr.; Erster Punischer Krieg (Rom gegen Karthago): 264–241 v. Chr.; Regierungszeit Ashokas: 272–231 v. Chr.

2 Der Minister Canakya oder Kautalya schrieb Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. in Sanskrit das „Arthasastra“, ein Buch über Theorien und Prinzipien der Staatsverwaltung, das vermutlich von den Regierenden Magadhas hochgeschätzt wurde.

3 Kalinga entspricht etwa dem heutigen Orissa im Hochland von Dekhan und war das letzte größere indische Fürstentum, das noch nicht von den Mauryas unterworfen war.