Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der schwarze Napoleon

Veröffentlicht in GralsWelt 77/2013

Aufstieg und Fall von Shaka (um 1787–1828), des bei uns kaum bekannten Königs der Zulu, dessen afrikanisches Imperium bis 1879 bestand.

In germanischen Heldensagen spielen nicht selten „Siegschwerter“ oder „Zauberschwerter“ eine Rolle, denen mystische Eigenschaften angedichtet werden. Am bekanntesten ist bei uns die Siegfried-Sage, die der Dichterkomponist Richard Wagner in seinem „Ring des Nibelungen“ verarbeitete. Siegfried erbt von seinem Vater ein zerbrochenes Schwert, das ein Gott – Wotan – auf die Erde gebracht hatte. In einer dramatischen Szene mit Symbolcharakter muss der Held dieses Schwert selbst neu schmieden. Damit besitzt er eine überlegene Waffe, mit der er einen Drachen töten und alle Feinde besiegen kann. Vergleichbares spielt sich im Sagenkreis um König Artus ab. Auch hier erhält der Held auf mysteriöse Weise ein Schwert, das ihm zur Erlangung der Königswürde verhilft.
Wie oft in der Sagenwelt, sind auch diese Mythen von besonderen Blankwaffen nicht ohne historischen Hintergrund. Als die Germanen in Kontakt mit dem Römischen Reich kamen, konnten sie nur minderwertiges Eisen gewinnen . Die germanischen Langschwerter waren aus so weichem Stahl, dass sie sich leicht verbogen und nicht selten mitten im Gefecht geradegebogen werden mussten. Da konnte sich ein germanischer Krieger glücklich schätzen, der eine römische Waffe erbeutet hatte … vielleicht gar ein aufwendig geschmiedetes, hervorragend gehärtetes und entsprechend teueres Schwert eines Offiziers.
Mit besseren Waffen und modernerer Taktik wurden nicht selten zahlenmäßig weit überlegene Gegner geschlagen. In der Geschichte reichen die Beispiele für kriegsentscheidende waffentechnische oder taktische Fortschritte von der Phalanx der Spartaner über die Reiterei Alexanders des Großen, die Legionen Roms, das griechische Feuer, die englischen Langbogen, die mongolischen Reiter mit ihrem Kompositbogen, die Einführung der Feuerwaffen (vgl. „GralsWelt“, Heft 50 “Die machtvollste Erfindung der Weltgeschichte”), die Heeresreformen der französischen Revolution (die Napoleon erst das Werkzeug lieferten, das er grandios zu gebrauchen wußte), oder das Zündnadelgewehr bis zur Kernwaffe.
Mit besseren Waffen und modernerer Taktik war nicht nur Europäern oder Asiaten die Eroberung von Weltreichen oder Kolonial-Imperien möglich. Ein vergleichbares Ereignis findet sich auch im beginnenden 19. Jahrhundert im südlichen Afrika: Der Aufstieg Shakas (um 1787–1828) zum König der Zulus und Eroberer eines Reiches, das flächenmäßig größer war als das Territorium mancher europäischen Macht.
Ein ausgestoßener Häuptlingssohn
In der Region des heutigen Natal (Südafrika) gab es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehr als hundert verschiedene – meist untereinander zerstrittene – Stämme und Clans, darunter die Zulus.
Ein unehelicher Sohn des Häuptlings der Zulus war Shaka. Seine Mutter Nandi wurde mit ihrem kleinen Jungen ausgestoßen und musste in einer anderen Sippe Unterschlupf suchen. Dort wurden beide verspottet und schikaniert. Später sollte sich Shaka für diese Diffamierungen schrecklich rächen.
Im Jahre 1802 führte eine Trockenheit zu Nahrungsmangel. Unerwünschte Zuwanderer, darunter Shaka und seine Mutter, mußten zusehen, wie sie anderswo unterkamen. Sie zogen nach Süden. Shaka, inzwischen zu einem kräftigen Burschen herangewachsen, kam bei Dingiswayo, dem bedeutendsten Häuptling im Süden, als Krieger unter.
Der Besieger der Tausend

Nicht viel anders als im mittelalterlichen Europa mit seinen vielen Fehden, waren damals auch in Schwarzafrika Kleinkriege an der Tagesordnung. Meist ging es um Stammesstreitigkeiten. Die Kämpfe waren ritualisiert, und in der Regel gab es nicht viele Gefallene. Die Krieger waren mit Schilden und je drei kurzen Wurfspießen (Assegai) bewaffnet. Diese Speere wurden auf die Gegner geschleudert. Hatten die Kämpfer ihre Assegais geworfen, ging der Kampf als Handgemenge weiter. Die Sieger erbeuteten Frauen und Vieh.
Man ist geneigt, Vergleiche mit den Ritterkämpfen des Mittelalters zu ziehen, bei denen es auch nur wenige Tote gab, solange die Regeln eingehalten wurden. Als Schweizer Hellebardenträger (zum Beispiel 1315 bei Morgarten) oder englische Langbogenschützen (zum Beispiel 1346 bei Crécy) die ritterlichen Codizes mißachteten, richteten sie ein Blutbad an.
Ganz ähnlich die Krieger Shakas, der die traditionelle Kampfweise als uneffektiv ablehnte. Er hielt es eher für feige als für sinnvoll, seine Waffe wegzuwerfen und suchte nach wirksameren Methoden.
Der Sage nach ging er inkognito zu den Schmieden seines Stammes, die abseits der Siedlungen hausten. Sie sollten ihm eine neuartige Waffe anfertigen. Schon dazu gehörte Mut. Wie in der Frühzeit in Europa, waren auch in Afrika die Schmiede mit ihrem rätselhaften Handwerk, das an Zauberei erinnerte, bewundert und gefürchtet. In Europa und Asien krassierte der Aberglaube, die Schwerter müssten in Menschenblut gehärtet werden , und in Afrika benutzten die Schmiede angeblich menschliches Körperfett. Wer wollte sich da alleine und freiwillig diesen wilden, undurchschaubaren Gesellen ausliefern!
Als inzwischen bewährter Anführer einer Kampfgruppe konnte Shaka eine von ihm verbesserte Bewaffnung einführen: Einen kurzen Stoßspeer mit langer Klinge, Iklwa genannt (anstelle von drei Wurfspeeren), der sich mit dem römischen Kurzschwert vergleichen lässt, und einen größeren, schwereren Schild. Shakas Männer wurden hart trainiert. Sie mußten barfuß laufen, um schneller zu sein. An einem Tag konnten sie 80 km zurücklegen und so den Gegner überraschen. Shakas revolutionäre Kriegsführung beendete die ritualisierten Kämpfe mit bescheidenen Verlusten an Menschenleben. Seine Krieger rannten so schnell sie konnten auf ihre Gegner zu, ohne sich groß um die auf sie geworfenen Assegais zu kümmern, stießen die gegnerischen Schilde zur Seite und rammten den Feinden den Iklwa in den Leib. Falls einer von Shakas Kriegern nach dem Kampf kein Blut an seinem Iklwa kleben hatte, galt er als Feigling und musste die Todesstrafe befürchten. Durch die neue Taktik wurden die Schlachtfelder mit Hunderten von Leichen übersät, und Shaka erhielt den Ehrentitel „Besieger der Tausend“.
Shaka – König der Zulus
Im Jahr 1816 starb Shakas Vater. Nach der Ermordung des designierten Nachfolgers wurde Shaka König der Zulus, eines Stammes von vielleicht 1.500 Menschen, darunter 300 bis 400 Krieger. Er führte seine neue Kampftechnik ein, kleidete seine Krieger in Uniformen, und unterzog sie dem härtesten Training. Wer versagte oder sich widersetzte, wurde auf der Stelle hingerichtet. Hinzu kamen eine neue Angriffstaktik und wesentlich verbesserte Nachrichtenübermittlungen.
Diese unwiderstehliche Zulu-Armee überrannte ein Dorf nach dem anderen. Die Besiegten (meist wurden nur junge Frauen und wehrfähige Männer gefangen genommen) durften sich einfügen und bekamen dann gleiche Rechte wie die geborenen Zulus. Bald waren solche Angehörigen unterlegener Stämme stolz darauf, Zulus zu sein. Schon im Jahr 1819 war das Zulu-Imperium so expandiert, dass es das wesentlich größere und stärkere Reich der Ndwandwe mit seinem König Zwide vernichten konnte. Zuletzt kontrollierte Shaka ein riesiges Territorium, etwa zwischen dem Indischen Ozean und den Drakensbergen, und konnte viele Tausend Krieger in den Kampf schicken, die verbrannte Erde hinter sich zurückließen.
Shaka herrschte nicht strenger und grausamer als andere afrikanische Despoten. Er sorgte für die Versorgung seiner Stammesmitglieder mit Nahrung und Wasser und vermehrte die Viehherden; denn er wußte, dass das Ansehen eines Mannes von der Anzahl seiner Rinder abhing. Alle seine Maßnahmen dienten in erster Linie der Kriegsführung. So gab es zum Beispiel ein Heiratsverbot für die Kämpfer.
Die Mfecane – menschenleere Landschaften
Viele Dörfer wurden aus Furcht vor den Zulus verlassen. Die Flüchtigen verdrängten andere Clans und setzen eine Völkerwanderung in Bewegung. Diese Massen-Emigration, Mfecane (Zerstreuung, Verwüstung) genannt, machte zwischen 1816 und 1835 ganze Landschaften im südlichen Afrika menschenleer.
Ein Teil der Geflohenen schloß sich, im Raum des heutigen Simbabwe, als Matabele (Ndebele, Flüchtlinge) unter dem Häuptling Mzilikazi (gest. 1868), einem ehemaligen Anführer Shakas, zusammen. Mzilikazis Regiment war ebenfalls äußerst streng; seine Armee organisierte er nach dem Vorbild Shakas. Auch Mzilikazis Krieger mordeten, plünderten und hinterließen verwüstete Regionen. Das Reich der Matabele sollte sogar etwas länger bestehen als das Zulu-Imperium.
Durch die Kriegszüge der Zulus und der Matabele kamen innerhalb von etwa einem Jahrzehnt mindestens eine Million Menschen um. Bei der damals sehr geringen Bevölkerungsdichte in den ariden Zonen des südlichen Afrika eine ungeheure Zahl. Ganze Regionen wurden entvölkert. Dieses Vakuum lud zur Neubesiedelung geradezu ein.
Nur einzelne mutige Weiße wagten sich in die Nähe eines der schrecklichen Könige Shaka oder Mzilikazi und brachten einigermaßen verläßssiche Kunde von den dramatischen Ereignissen in einem riesigen Landstrich, der den Europäern noch so gut wie unbekannt war.
Die „Wahnsinns-Trauer“ und Shakas Ende
Durch den Tod seiner von ihm abgöttisch verehrten Mutter im Oktober 1827 verdüsterte sich Shakas Gemüt. Er wurde verrückt vor Schmerz und verlangte von allen anderen, ebenso exzessiv zu trauern. Schien einer nicht so verzweifelt zu trauern wie er selbst, ließ er ihn erschlagen. Shakas Psychose übertrug sich auf sein Volk. Wilde Banden zogen durch das Land und meuchelten in ihrem Irrsinn jeden, der ihrer Meinung nach nicht genügend trauerte. Diese Wahnsinns-Trauer soll Siebentausend Menschen den Tod gebracht haben. Zuletzt verbot Shaka noch den Genuß von Milch, und die Felder durften nicht bestellt werden. Diese Befehle mußten eine Hungerkatastrophe auslösen. Shaka hatte jedes Maß verloren. Der blanke Terror regierte, dem jeder grundlos und ohne Vorwarnung zum Opfer fallen konnte. Im September 1828 wurde Shaka bei einem Staatsstreich ermordet.
Die Weißen kommen!
Im Zuge der napoleonischen Kriege eroberten britische Truppen die ursprünglich niederländische Kapkolonie. 1814 wurde sie britische Kronkolonie. Die dortige Bevölkerung war zum großen Teil niederländischer Herkunft. Diese tiefreligiösen Buren (Bauern) hatten sich im Verlauf von fünf Generationen an das Land angepaßt und eigene Sitten und religiöse Vorstellungen entwickelt. Ihre Sprache war Afrikaans (Kapholländisch), eine aus dem Niederländischen entstandene Sprache. Sie waren strenge Calvinisten, die mit der englischen Verwaltung haderten. Besonders die von London verfügte Abschaffung der Sklaverei empörte die bibelgläubigen Buren. Kritisch wurde deren Lage, als die englische Verwaltung in den Jahren 1833/34 die Freilassung aller Sklaven anordnete. Die Farmer hatten sich an die (billige) Arbeit der schwarzen Sklaven gewöhnt und wollten nicht darauf verzichten. So entschlossen sich traditionsbewußte Buren als „Voortrekker“ (Pioniere) neue Siedlungsgebiete im menschenleeren Norden zu erschließen. Mit Planwagen, von Ochsen gezogen, wagten Tausende das Abenteuer des „großen Treck“, der Suche nach einer neuen Heimat im Norden. Die Bibel, besonders die Bücher Exodus und Josua, gab ihnen den Mut, ein solches Risiko einzugehen. Eine Wanderbewegung, die sich mit der Erschließung des Westens Nordamerikas vergleichen läßt.
Zusammenstöße der zunächst ins Niemandsland vordringenden Siedler mit Matabele und Zulus konnten nicht ausbleiben. Durch Überfälle kamen viele Trecker ums Leben. Eine aussichtsreiche Verteidigung gegen die nach Shakas Methoden ausgebildeten, zahlenmäßig vielfach überlegenen Krieger der Matabele oder Zulu war nur einer größeren Gruppe in einer Wagenburg möglich. So kam es zu regelrechten Schlachten zwischen Tausenden von schwarzen Kämpfern mit eisenzeitlicher Bewaffnung und wenigen Hundert Weißen mit Feuerwaffen.
Ein Höhepunkt in der Geschichte der Buren war die Schlacht am Blood River (Blutfluß) im Dezember 1838. Etwa Zwölftausend Zulus unter König Dingane, dem Halbbruder und Nachfolger Shakas, stürmten todesmutig immer wieder gegen eine Wagenburg an, die von vierhundertvierundsechzig Weißen verteidigt wurde. Nach der Schlacht lagen über Dreitausend Tote vor der Wagenburg, in der es keine Verluste gegeben hatte. Die Zulus mußten weichen, ihre Hauptstadt wurde zerstört.
Ob dieser Sieg auch gegen den einfallsreichen, listigen Shaka gelungen wäre?
Die Buren konnten sich nun ansiedeln und außerhalb des britischen Kolonialgebietes verschiedene Freistaaten gründen, die sich ab 1856 zur Südafrikanischen Republik zusammenschlossen. Seit 1860 ist Pretoria (Tshwane) die Hauptstadt.
Das Zulu-Reich war aber noch nicht vernichtet. Seinen Untergang brachten erst Jahrzehnte später verlustreiche Zusammenstöße mit britischen Truppen. Im Januar 1879 überrannte eine Zulu-Armee bei Islandhlwana sogar ein englisches Kontingent von 1.800 weißen und farbigen Soldaten. Es verlor zwei Drittelseiner Mannschaft (ca. 1.150 Mann), während bei den Zulus an die 2.000 Tote zu beklagen waren. Doch das war der letzte große Sieg der stolzen Zulus. Am 4. Juli 1879 erlitten sie bei Ulundi eine entscheidende Niederlage. Das Zulu-Imperium wurde unterworfen, in kleinere Distrikte aufgeteilt, und dem britischen Kolonialreich eingegliedert. Gegen die überlegenen europäischen Waffen halfen weder die totale Disziplin, noch der unerhörte Mut, noch die unfaßbare Todesbereitschaft der schwarzen Krieger.
Eine afrikanische Legende
Shaka, der „schwarze Napoleon“, ist im deutschsprachigen Raum kaum bekannt. In Südafrika ist er der Nationalheld der Zulus und eine legendäre Gestalt, um die sich viele Anekdoten ranken. Er hat seinem Volk und der Welt gezeigt, zu welch kraftvollem Einsatz und strategischer Planung Schwarzafrikaner aus eigener Kraft fähig sind. Seine aus heutiger Sicht brutale, grausame Despotie wird in Afrika als zeitbedingt erklärt. Nur Shakas Abdriften in den Wahnsinn, nach dem Tod seiner Mutter, wirft einen Schatten auf das glänzende Bild des größten schwarzafrikanischen Eroberers.
Heute sind die Zulus auf ihren größten König nicht weniger stolz als andere Völker auf bedeutende Entdecker, hervorragende Fürsten oder glänzende Kriegshelden. Zulus und Angehörige weiterer afrikanischer Stämme schöpfen aus der Erinnerung an Shakas historische Leistungen die Kraft, die sie zur Lösung ihrer Gegenwartsprobleme brauchen.

Literatur:
(1) Dhlomo R. R. R., Ushaka, Rüdiger Köppe, Köln 1994
(2) Michener James A., Verheißene Erde, Droemer Knaur, München 1981
(3) Morris Donald R., The Washing of the Spears, Book Club Associates, London 1971
(4) Sinclair Joshua, Shaka Zulu, Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1986

www …
Shaka:
http://de.wikipedia.org/wiki/Shaka

Schlacht am Blood River
http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_am_Blood_River

Schlacht bei Ulundi
http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Ulundi