Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der reichste Mann der Welt

(Veröffentlicht in Gralswelt 47/2008)

Neue Ideen, neue Produkte, neue Technologien können Erfinder und Entdecker, die den Trend zur richtigen Zeit erkennen und nutzen, aus bescheidenem Anfang heraus nach oben tragen und zu überraschendem Reichtum verhelfen. Beispiele sind Henry Ford (1863-1947), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum reichsten Mann der Welt wurde; oder der Microsoft-Gründer Bill Gates (geb. 1955), reichster Mann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Anfang 2008 soll er von Warren Buffet (geb. 1930), dem bekannten Finanzinvestor,, überholt worden sein.
Wir wollen uns heute eine besonders schillernde Figur ansehen, einen Spielertypen mit Ideen, der es im 18. Jahrhundert vorübergehend zu großem Reichtum brachte, der ihm allerdings bald wieder entglitt:

Wird schlechtes Geld als gesetzliches Zahlungsmittel
anerkannt, so wird gutes Geld aus dem Umlauf getrieben.”
Nikolaus Kopernikus (1473-1543)

“Reichtum und Macht einer Nation bestehen in einer zahlreichen
Bevölkerung und in Vorräten fremder und einheimischer Waren.”
John Law (1671-1729)

“Wenn der Betrag der im Umlauf befindlichen Währung
sich verdoppelt, alles Übringe aber gleich bleibt, dann
verdoppeln sich die Preise.”
Isaak Newton (1643-1727)

John Law (1671-1729)
Er war ein schottischer Abenteuer aus angesehener Adelsfamilie; eine faszinierende Persönlichkeit mit einer unheimlichen Fähigkeit am Spieltisch Gewinnchancen zu erkennen und zu nutzen. 1694 musste er nach einem Duell, bei dem es (wie meist) um eine Frau ging, England fluchtartig verlassen. Im Exil auf dem Kontinent lebte er zunächst nicht schlecht, aber gefährlich von seinen Spielgewinnen; verärgerte Spieltischpartner und wütende Ehemänner zwangen ihn immer wieder zur Flucht. Es wurde Zeit, seine Begabungen anderweitig gewinnbringend einzusetzen.
Law war keineswegs ein betrügerischer Hochstapler ohne eigene Ideen. Er hatte erkannt, dass Geld zirkulieren muss, um die Wirtschaft in Gang zu halten, und dass dabei nicht entscheidend ist, ob es sich um Gold, Silber oder Banknoten handelt.
Er sah die Vorteile von Papiergeld (in China seit dem 14. Jahrhundert in Gebrauch) und war sich der Bedeutung einer vertrauenswürdigen Deckung der Banknoten bewusst. Auch erkannte er die Marktmechanismen von Angebot und Nachfrage. Eine Reihe von ihm verfasster theoretischer Schriften über Wirtschaft und Geldwesen beweisen, dass sein Denken der Zeit voraus war.
Mehrere europäische Fürstenhöfe, denen er seine neuartigen, phantastisch anmutenden Finanzierungsmethoden vorstellte, wiesen ihn ab.

Aus den Briefen der Elisabeth Charlotte (Lieselotte) von der Pfalz (1652 – 1722).
Sie war verheiratet mit dem Bruder von Ludwig IV. Der Regent Philipp von Orleans war ihr Sohn.
„…als viel Sachen mit den Finanzen, so ich nicht verzählen kann, denn ich begreife es nicht. Nur das weiß ich, dass mein Sohn ein Mittel gefunden mit einem Engländer so Monsieur Law heißt (aber die Franzosen heißen ihn Monsieur Las), dies Jahr alle des Königs Schulden zu bezahlen.” (31. August 1719)
„…Mademoiselle de Chausseraye eine von meinen Fräulein gewesen. Sie war vor diesem gar arm, hat aber all ihr Hab und Gut in die Bank von Mississippi getan, so Monsieur Law gemacht, der Engländer, von welchen Ihr gehört; damit sie eine Million gewonnen; ist nun, anstatt arm, reich, wird auch erster Tage ein schön und groß Landgut kaufen.” (7. Oktober 1719)
„Es ist etwas Unbegreifliches, wie erschrecklicher Reichtum jetzt in Frankreich ist, man hört von nichts als Millionen sprechen.” (7. Dezember 1719)
„Law, den die Leute hier wie einen Gott angebetet haben, den hat mein Sohn von seiner Charge absetzen müssen. Man muss ihn bewahren, er ist seines Lebens nicht sicher, und ist erschrecklich, wie sich der Mann fürchtet.” (31. Mai 1720)
„Ich wollte, dass Law mit seiner Kunst und System auf dem Blockberg wäre und nie in Frankreich kommen.” (11. Juli 1720)
„Hier ist alles dreifach teurer geworden als vorm Jahr. Es ist unglaublich, wie alles so teuer gestiegen ist: was 30 Franken gekostet, kostet nun hundert; alles ist außer Preis. (14. September 1720)
„Mein Sohn ist geliebt gewesen, aber seitdem der verfluchte Law gekommen ist, ist mein Sohn je länger je mehr gehasst.” (4. Oktober 1720)
„Bei seinem Abschied sagte Law zu meinem Sohn: ‚Monseigneur, ich habe große Fehler gemacht, ich habe sie gemacht, weil ich Mensch bin, aber Sie werden weder Bosheit noch Schurkerei in meinem Verhalten finden.” (27. Dezember 1720)
(Literatur: „Die Briefe der Lieselotte von der Pfalz”, Wilh. Langewiesche-Brandt Verlag, Ebenhausen 1921)

Ein großer Staat ist pleite

Als im Jahr 1715 der viel bewunderte Sonnenkönig starb, (Ludwig XIV. von Frankreich, von seinen Verehrern „Ludwig der Große” genannt), hinterließ er seinem an sich reichen, durch königliche Eskapaden aber verarmten, Land einen Schuldenberg, wie ihn selbst moderne Demokraten (noch) nicht wieder anhäufen konnten: Allein die Zinsen für die Staatsschuld waren größer, als die laufenden Steuereinnahmen!
Die Staatsgeschäfte führte dann, in Vertretung des minderjährigen Thronfolgers Ludwig XV., der Regent Philipp von Orleans, der sich angesichts der zerrütteten Finanzen nicht zu helfen wusste. Schließlich holte er den Rat von John Law ein und wagte ein verzweifeltes Experiment.
Law empfahl die Ausgabe von Papiergeld, das durch „Grund und Boden” gedeckt sei. Eine Finanzierungsmethode, die durchaus modern anmutet; denn seit die Leitwährungen der Welt auf eine Golddeckung verzichten, beruht der Wert der Banknoten auf dem Vertrauen in den Staat und den Fleiß seiner Bürger.
John Law erhielt die Erlaubnis zur Gründung einer Privatbank, die Banknoten herausgeben durfte – allerdings ohne Deckung durch Grund und Boden, über die Law nicht verfügte. Bald wurde seine Bank zur Staatsbank (Banque Royale) und gab nun Staats-Papiergeld aus, das zunächst allgemein angenommen wurde. Der schnellere Geldumlauf brachte tatsächlich einige Erleichterungen; Handel und Gewerbe entwickelten sich und der Zinssatz sank.
Aber die Verschwendungssucht des französischen Königshofes machte alle Erfolge zunichte; um so mehr, als es nun möglich schien, beliebig viel Geld zu drucken. Schließlich ließ der Herzog von Orleans die Notenpresse (angeblich ohne Laws Wissen) über jedes vertretbare Maß hinaus anwerfen.
Die Mississippi-Kompanie
Law – der 1719 als der reichste Mann der Welt galt – hatte erkannt, dass der wirtschaftliche Aufschwung auf Grund des in zu großen Mengen gedruckten Papiergeldes nicht stabil bleiben konnte, und suchte einen Ausweg.
In den französischen Kolonien Nordamerikas gab es riesige, weitgehend unerforschte Ländereien, die es zu erschließen galt. Hier sollte der Reichtum an Bodenschätzen, an Grund und Boden zu finden sein, mit dem sich auch die Papierwährung des Heimatlandes stützen ließ. Also gründete er eine Aktiengesellschaft zur Kolonisierung Kanadas und der Länder am Mississippi. Die französischen Kolonien in Nordamerika waren ja vom Vaterland vernachlässigt, es gab zu wenig Siedler, und die staatliche Verwaltung bestand zum großen Teil aus korrupten Beamten, die sich schamlos bereicherten.
Laws Idee war im Prinzip schon richtig; doch die verfügbare Zeit viel zu knapp bemessen. Die Reichtümer Nordamerikas ließen sich nicht von jetzt auf gleich erschließen. Vor allem fehlte am Königshof die Einsicht, was – zuhause wie in den Kolonien – alles falsch lief.
Doch vorerst blühten Handel und Gewerbe, die Mississippi-Kompanie fand genug Aktionäre und konnte Hunderte von Schiffen erwerben für Auswanderer nach Louisiana und Neu-Frankreich, den an Wild und Rohstoffen aller Art reichen, fast noch unberührten Ländern in der Neuen Welt. Die Mississippi-Aktien stiegen von 500 auf 18.000 Livres.
Der unvermeidliche Crash
Dann kam es so, wie es kommen musste: Schon vor Law hatten nicht geringere als Kopernikus und Newton grundlegende Prinzipien für das Geldwesen erkannt und auch ausgesprochen. Kopernikus war als Domherr von Frauenburg sehr erfolgreich in der Verwaltung tätig und initiierte eine Münzreform. Newton war königlicher Münzmeister.
So stiegen dann auch in Frankreich die Preise, der Wert von Edelmetallen vervielfachte sich, die Mississippi-Aktien stürzten ab.
Wenn Regierungen nichts Vernünftiges einfällt, machen sie (mehr oder weniger unsinnige) neue Gesetze. So auch hier: Edelmetalle mussten abgeliefert werden, Besitz von Juwelen wurde strafbar, Besitz von Bargeld begrenzt, sogar die Herstellung von Tafelsilber verboten…
Die einzige noch halbwegs vernünftige Maßnahme wird von Law vorgeschlagen: Der Wert der Bankzettel ist zu halbieren. Doch das ist “politisch nicht durchsetzbar” (wie man heute sagen würde). Ein Sturm der Entrüstung wogt durch Frankreich, und Law kann sich nur durch schnelle Flucht retten. Für ihn spricht, dass er keine Reichtümer beiseite geschafft hatte und seinen Unterhalt wieder am Spieltisch und als Geheimagent bestreiten musste. Er starb in Venedig ohne viel zu hinterlassen .
Ein modernes ökonomisches Konzept
In unseren Geschichtsbüchern wird John Law mit Vorliebe in Form von zeitgenössischen Karikaturen abgebildet, die ihn als Hasardeur, Schwindler, Betrüger, Hochstapler niedermachen, der die gutgläubigen Franzosen um ihr sauer verdientes Geld gebracht hat. Doch damit wird man ihm nicht gerecht.
Tatsächlich wagte er ein finanzpolitisches Experiment, wollte die Wirtschaft mit Hilfe der Währung steuern, und scheiterte an der zu seiner Zeit fehlenden Erfahrung, vor allem aber an der Unmäßigkeit und Uneinsichtigkeit des Königshofes.
Law war nicht der einzige, der die hoffnungslos zerrütteten Finanzen der französischen Monarchie sanieren wollte. Alle derartigen Versuche scheiterten am Stumpfsinn der Hofkamarilla, die noch nicht einmal nach der Amerikanischen Revolution von 1776 (die ohne die Hilfe Frankreichs fehlgeschlagen wäre) die Zeichen der Zeit erkennen wollte und hilflos in den Abgrund der französischen Revolution schlitterte.
Die Misswirtschaft des bourbonischen Königshofes und die finanziellen Katastrophen sind in Frankreich bis heute nicht vergessen. So legen Franzosen – mehr als andere – ihre Ersparnisse mit Vorliebe in Gold an.
Literatur:
(1)Gettens, Richard, Inflationen, Richard Pflaum, München 1955
(2) Gleeson, Janet, Der Mann, der das Geld erfand, Goldmann, München, 2003
(3) Murphy, Antoine E., John Law, Verlag für Wirtschaft und Finanzen, Düsseldorf 2002
(4) http://www.muenzen-lexikon.de/lexikon/l/pl025.html
(5) http://www.userpage.fu-berlin.de/roehrigw/walker/ka24walk.htm