Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der rätselhafte Planet X

Veröffentlicht in GralsWelt 27/2003

Für Juni 2003 wurden – wieder einmal – „große Verwüstungen der Erde” infolge eines kosmischen Ereignisses angekündigt. Ein Großplanet, der „Planet X”, soll der Sonne so nahe kommen, daß die Erde davon in Mitleidenschaft gezogen wird. Was spricht dafür, daß es diesen rätselhaften Großplaneten wirklich gibt? Im Rahmen unserer Serie „Seltsame Geschichten” gehen wir dieser Frage nach und beleuchten dabei auch, wie die Entdeckung neuer Gestirne unser Weltbild in der Vergangenheit immer wieder radikal verändert hat.

Die sieben Wandelsterne

Viele Jahrhunderte lang war am gestirnten Himmel alles in bester Ordnung. Es gab sieben am Himmel entlang „wandelnde” Gestirne, die mit freiem Auge sichtbar waren. Sie hießen Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, und Saturn, gaben den Wochentagen Namen, waren grundlegend für das System der „Sterndeutung”, der Astrologie, und paßten mit ihrer Siebenzahl bestens zu den zahlenmagischen Überlieferungen, von der „heiligen Zahl Sieben” bis zu den „sieben Himmeln”.

Dann wurde am Ende des 16. Jahrhunderts das Fernrohr erfunden. Mit seiner Hilfe konnte man bald neue Himmelserscheinungen, wie die Jupitermonde entdecken, die das heliozentrische (Sonne im Mittelpunkt) Planetensystem des Kopernikus bewiesen. Das klassische geozentrische Weltbild mit der Erde im Mittelpunkt war nicht mehr zu halten. Die Sonne als Mittelpunkt des Planetensystems gehörte genaugenommen auch nicht mehr zu den sieben Planeten. Als Friedrich Wilhelm Herschel (1738-1822) im Jahre 1781 dann sogar einen weiteren um die Sonne kreisenden Planeten, den Uranus, entdeckte, war die mythologische Siebenzahl der Planeten zunächst wieder gerettet; allerdings mit neuen „Mitgliedern”, darunter die Erde (Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus).

Nun ließ sich wieder mit der mystischen Siebenzahl spekulieren und philosophieren. Daß es getan wurde, sieht man daran, daß kein Geringerer als Georg Wilhelm Hegel (1770-1831), ein seinerzeit bedeutender Philosoph, 1800 mit dem „philosophischen Beweis” promovierte, daß es „nicht mehr als sieben Planeten geben könne”.

Unbekannte Planeten

Die „Wunder des Himmels” (3) richteten sich allerdings nicht nach philosophischen Autoritäten, und Hegels Planeten-Philosophie war kaum veröffentlicht, da war sie schon überholt. Am 1. Januar 1801 bemerkte Giuseppe Piazzi (1746-1826) einen schwachen Stern, der sich durch seine Bewegung als kleiner Planet auswies. Piazzi konnte diese Neuerscheinung am Himmel nur wenige Wochen verfolgen, da ihn eine schwere Krankheit an der weiteren Beobachtung hinderte. Das Problem, das verlorene Objekt, das den Namen Ceres erhielt, wieder aufzufinden, wurde dann von dem Mathematiker Carl Friedrich Gauss (1777-1855) mit seiner sensationellen Bahnberechnung gelöst. In den folgenden Jahren wurden weitere Kleinplaneten entdeckt. Heute sind über Tausend solcher Klein- und Kleinstplaneten (Planetoiden, Asteroiden) bekannt, die sich meist in der Lücke zwischen Mars und Jupiter bewegen und die Reste eines zerbrochenen (oder gar nicht erst entstandenen) Planeten sein könnten.

Dann zeigten Beobachtungen, daß der Uranus rätselhaften Bahnstörungen unterworfen ist. Der Franzose Urbain Jean Joseph Leverrier (1811-1877) führte dieses Phänomen auf den Einfluß eines äußeren, großen Planeten zurück. Tatsächlich gelang es ihm sogar, den vermutlichen Ort dieses bahnstörenden hypothetischen Planeten so genau zu berechnen, daß dieser neue Planet von Johann Gottfried Galle (1812-1910) in Berlin sofort nach Eingang von Leverriers errechneten Koordinaten gefunden wurde. Dieser Planet wurde Neptun genannt.

Ein unentdeckter Planet

Auch die Bahn des Neptun scheint gestört, und die Suche nach weiteren noch unbekannten Planeten hält an. 1930 wurde der Pluto als bis dahin äußerster Planet entdeckt. Er ist allerdings mit 2.700 km Durchmesser (der Mond hat 3.476, die Erde 12.750 km Durchmesser) zu klein, um für die Bahnstörungen des Neptun in Frage zu kommen. Zudem ist die Pluto-Bahn stark elliptisch, kreuzt die Bahn des Neptun und ist gegenüber der Erdbahn ungewöhnlich stark geneigt. Man möchte daher den Pluto eher als einen Planetoiden oder einen entlaufenen Mond des Neptun bezeichnet, statt ihn als Planeten zu klassifizieren.

Inzwischen sind weitere Kleinstplaneten jenseits des Neptun aufgefunden worden, und man spricht neuerdings vom „Kuiper-Gürtel” als einem zweiten Planetoidengebiet (diesmal jenseits des Neptun), aus dem auch kurzperiodische Kometen kommen könnten. Im Jahre 2002 entdeckten Forscher des California Institute of Technology (Caltech) jenseits des Pluto noch einen Planeten, den sie auf den (indianischen) Namen Quaoar tauften. Dies ist der größte Neuling in unserem Planetensystem seit der Entdeckung des Pluto. Quaoar ist etwa halb so groß wie Pluto und umkreist die Sonne in 288 Jahren (5). Für eventuelle Bahnstörungen des Neptun kommt er noch weniger in Frage als Pluto.

Die Suche nach dem seit langem vermuteten Großplaneten jenseits des Pluto muß also weiter gehen.

Kosmische Katastrophen in der Mythologie

In der antiken Mythologie gibt es verschiedene Überlieferungen, die sich als kosmisch bedingte Katastrophe deuten lassen.

Am bekanntesten ist die Sagen von Phaethon, dem Sohn des Sonnengottes Apoll. Er wollte mit seines Vaters Sonnenwagen über das Firmament fahren. Doch die Pferde, die eine schwächere Hand am Zügel spürten, wichen von der vorgeschriebenen Bahn ab und kamen der Erde so nahe, daß diese in Brand zu geraten drohte. Zeus erkannte die Gefahr und schleuderte einen Blitz auf Phaeton, der diesen in den Eridanus stürzte.

Ein weiteres Beispiel wäre Typhon:

Typhon ist der Nachkomme von Gaia und Tartarus, seine Gattin ist Echidna. Beide waren so schreckenerregend, daß die Götter voller Angst von ihnen flohen. Typhons hundert abscheuliche Häupter berührten die Sterne, Gift tropfte aus seinen bösen Augen, und Lava und rotglühende Steine flossen aus seinen klaffenden Mäulern. Er zischte wie hundert Schlangen, brüllte wie hundert Löwen, riß ganze Berge empor und schleuderte sie auf die Götter.

Allein Zeus gewann seinen Mut zurück und wendete sich gegen das Ungeheuer. Als die anderen Götter das sahen, kamen sie ihm zu Hilfe. Ein schrecklicher Kampf entbrannte, den auf Erden kaum eine Kreatur überlebte. Doch das Schicksal schenkte Zeus den Sieg. Als Typhon den ganzen Ätna emporhob, um ihn auf die Götter zu schleudern, schlug Zeus das Scheusal mit hundert gutgezielten Blitzschlägen nieder; der Berg stürzte auf Typhon und nagelte ihn unter der Erde fest. Dort liegt das Monster bis heute und spuckt Feuer, Lava und Rauch aus dem Gipfel des Berges.

Echidna entkam und konnte sich in einer Höhle verstecken, wo sie Typhons Kinder hütete: Den Nemäischen Löwen, Zerberus, Ladon*), die Chimere, die Phinx und die Hydra. Diese Nachkommen des Typhon lies Zeus leben, als Herausforderung für künftige Helden.

*) Der hundertköpfige Drache, der die Gärten der Hesperiden bewacht.

Kosmische Kataklysmen

Schon seit der Antike wird vermutet, daß die Erde von periodisch wiederkehrenden Katastrophen heimgesucht wurde und wird. Heraklit (550-480 v.Chr.), Platon (427-347 v.Chr.) und Aristoteles (348-322 v.Chr.) rechneten mit derartigen „Kataklysmen”.

Erst im 20. Jahrhundert wurde dann erkannt, daß die Erde aus dem All bedroht ist. In prähistorischer Zeit gab es Kollisionen mit Kometen oder anderen kleinen Himmelskörpern, und das Tunguska-Ereignis im Jahre 1908 führte die Möglichkeit des Einschlags „kosmischer Bomben” eindrücklich vor. In der Gralswelt 26/2002 haben wir im Rahmen unserer Atlantis-Serie darüber berichtet, daß der Untergang von Atlantis sowie die Sintflut vermutlich Folgen von „Impakten”, also Abstürzen astronomischer Körper waren. Solche kosmischen Katastrophen sind allerdings langfristig nicht vorhersehbar und geschehen kaum in berechenbaren, regelmäßigen Abständen.

Regelmäßig wiederkehrende Katastrophen wären vorstellbar, wenn es einen großen Planeten gäbe, der in einer sehr langgezogenen elliptischern Bahn um die Sonne zöge. Falls er den Planetoidengürtel zwischen Mars und Jupiter kreuzen sollte, könnte er einen Schwarm von kleinen und kleinsten Trümmern von ihren Bahnen ablenken, von denen einige vielleicht mit katastrophalen Folgen auf der Erde einschlagen würden. Weniger wahrscheinlich ist, daß ein solcher Großplanet der Erde direkt gefährlich nahe kommen, sie vielleicht von ihrer Bahn ablenken könnte …

Ein mythenumwobener „Todesstern”?

Antike Mythen könnten solche Erinnerungen an kosmische Katastrophen wiedergeben (siehe Kasten), und verschiedene Autoren haben versucht, vorgeschichtliche Katastrophen durch astronomische Ereignisse zu erklären. Auch eschatologische (endzeitliche) Prophezeiungen erwarten besondere astronomische Ereignisse oder kosmische Katastrophen.

Zacharia Sitchin (4) und (9) will einen großen Planeten, den er „Marduk” nennt, auf sumerischen Tontafeln entdeckt haben. Er spricht vom „zwölften Planet”, denn er zählt nach antikem Brauch Sonne und Mond zu den Wandelsternen. Andersen (1) vermutet einen entsprechenden Planeten, der nun „Typhon” heißt. Nach seinen Berechnungen müßte Typhon in unserer Zeit schon wieder erschienen sein und Katastrophen ausgelöst haben.

Weitere unbeweisbare Vermutungen geben diesem hypothetischen Großplaneten verschiedene Namen und schreiben ihm zum Beispiel eine stark elliptische Umlaufbahn mit einer Umlaufzeit von 3.600 Jahren zu.

Auch geologische Beobachtungen lassen angeblich darauf schließen, daß sich alle 26 bis 28 Millionen Jahre die Einschläge von Riesenbrocken aus dem Kosmos häufen. Ursache könnte ein „Nemesis” genannter Großplanet oder sogar ein roter beziehungsweise brauner Zwergstern[1] sein, der uns allerdings erst wieder in 13 Millionen Jahren gefährlich nahe kommen würde (2). Eine solcher Himmelskörper, mit einer vielfachen Masse des Jupiter, würde zusammen mit unserer Sonne ein Doppelsternsystem bilden; die Sonne und ihr Partner würden um einen gemeinsamen Schwerpunkt, der weit außerhalb der Sonne ist, in sich überschneidenden Ellipsen kreisen (10). Dabei würden sich diese beiden Gestirne kaum so weit nahe kommen, daß der Zwergstern von der Erde aus mit einfachen Mitteln zu beobachten wäre.

Würde allerdings ein roter bzw. brauner Zwerg mit seiner gewaltigen Masse in unser Planetensystem eindringen, könnten sich Planetenbahnen verändern. Viele phantasievolle Spekulationen ranken sich um die Behauptung, daß die Bahnen der Erde und anderer Planeten in der Vergangenheit starke Veränderungen erfuhren (vgl. z.B. 12). Nach derzeitigem astronomischem und geologischem Wissen scheint das unwahrscheinlich.

Vor einigen Monaten wurde in den „Nasa Kid Stories” im Internet der ungewöhnliche Planet „Nibiru” als die „größte gegenwärtige Gefahr für die Erde” bezeichnet, „aufgrund seiner magnetischen Kräfte, die im Juni 2003 Verwüstungen anrichten könnten”(7). Diese Internetseite löste einige Verwirrung aus, und vor allem junge Leute, die auf so etwas „abfahren”, erwarten kosmische Katastrophen für die nächste Zeit. Ein Großplanet, der im Jahr 2003 der Sonne nahe genug kommen sollte, um vielleicht sogar die Erde in Mitleidenschaft zu ziehen, müßte allerdings längst entdeckt, vermutlich schon für gut ausgerüstete Amateur-Astronomen sichtbar sein. Mit großer Sicherheit darf man daher davon ausgehen, daß Nibiru nur eine weitere Spekulation über den Planeten X bleibt.

Die Erde im All

Unsere Erde ist der einzige bewohnbare Ort unseres Sonnensystems, auf dem durch seine bevorzugte Lage und besondere Beschaffenheit Leben entstehen konnte. Doch dieser Lebensplatz ist langfristig nicht so sicher, wie es uns Menschen mit begrenzter Lebensspanne, und einer im Vergleich mit geologischen Zeiträumen sehr kurzen Kulturgeschichte scheinen mag. Im näheren Weltraum, der unseren Planeten umgibt, schwirren eine Vielzahl von größeren und kleineren Brocken, die bei einem Sturz auf die Erde unabsehbaren Schaden anrichten könnten. Von der nur hypothetischen Gefahr eines bislang unbekannten Großplaneten ganz zu schweigen.

Andererseits beherbergt unsere Erde, als Planet unter Planeten, seit drei Milliarden Jahren Lebewesen, die sich kontinuierlich weiter und höher entwickeln konnten. Derzeit jedenfalls sind die von Menschen selbstgemachten Gefahren für die Erde gravierender und greifbarer, als die möglichen, Bedrohungen aus dem Kosmos.

[1] Ein „Roter Zwerg” ist eine rotleuchtende Sonne relativ geringer Masse. Als „Braunen Zwerg” bezeichnet man einen Zwergstern (oder auch Großplaneten mit mehrfacher Masse des Jupiter), dessen Masse nicht groß genug ist, um ihn wie eine Sonne zum Leuchten zu bringen.

Literatur:

(1) Andersen, Hans, J.: „Polsprung und Sintflut”, Verlag für Vorzeit- und Zukunftsforschung, Bochum, 1992

(2) Der Spiegel, 38. Jahrgang vom 16. Juli 1984, S. 145

(3) Littrow, Jos. Joh. v./Stumpff, Karl: „Die Wunder des Himmels”, F. Dümmler, Bonn, 1969

(4) Sitchin, Zacharia „Der zwölfte Planet”, Droemer-Knaur, München, 1989

(5) Süddeutsche Zeitung vom 8. 10. 2002

(6) http://www.crystalinks.com/nibiru.html

(7) http://www.detailshere.com/niburu.htm

(8) http://www.kids.msfc.nasa.gov/Stories/ViewStory.asp?ID=754

(9) http://www.mars-earth.com/sitchintext.htm

(10) http://www.mwt.net/+pt50nemesisorbit.htm

(11) http://www.users.lycaeum.org/martins/nibiru.html

(12) http://www.xfacts.com