Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der Mann der uns die Sterne näher brachte

(Veröffentlicht in GralsWelt 73/2012)

 

Joseph von Fraunhofer (1787–1836): Wie der Einsturz eines Hauses zum Karrierestart für ein Genie beitrug.

 

Es gab und gibt immer wieder Menschen, die sich aus armen Verhältnissen und miserablen Startbedingungen emporarbeiten und sogar internationale Bedeutung erlangen. Nicht selten kommen ihnen dabei glückliche Zufälle zu Hilfe. Bekannte Beispiele wären Carl Friedrich Gauß (1777–1855), Michael Faraday (1791–1867), Henry Morton Stanley (1841–1904) oder die Person, von der wir hier sprechen: Joseph von Fraunhofer.

Geboren wurde er im Jahr 1787 als jüngstes von elf Kindern eines Glasermeisters in Straubing (Niederbayern), dessen Familie seit mehreren Generationen mit der Glasherstellung und Glasverarbeitung verbunden war. Mit 12 Jahren war der Junge bereits Vollwaise. Er wurde nach München geschickt, wo er eine Lehrstelle bei dem Hofspiegelmacher und Glasschleifer Philipp Anton Wechselberger bekam. Dieser Handwerksmeister zeigte wenig Verständnis für seinen tüchtigen Lehrling. Er behinderte dessen Bestrebungen, sich weiterzubilden und verbot ihm sogar den Besuch der Sonntagsschule. Doch für den hochbegabten Jungen kam es dennoch anders.

Unglück mit Glück in der Folge

Im Jahre 1801 ereignete sich ein tragisches Ereignis, das in ganz München Aufsehen erregte: Die Werkstatt von Meister Wechselberger stürzte ein und sein Lehrbub wurde verschüttet. Es war in der Stadt eine Sensation, dass ein ganzes Haus eingestürzt war, und die nachfolgenden Rettungsarbeiten überwachte der Kurfürst Max IV. Joseph persönlich. Aus den Trümmern konnte der Lehrjunge lebend geborgen werden. Er erhielt vom Kurfürsten ein Geldgeschenk. Damit konnte er sich eine eigene Linsenschleifmaschine kaufen.

Joseph von Fraunhofers Intelligenz fiel nun dem hohen Staatsbeamten Joseph von Utzschneider (1763–1840) auf. Dieser ermöglichte dem Buben aus armen Verhältnissen den Besuch der Sonntagsschule und verschaffte ihm Zugang zu optischen und mathematischen Lehrbüchern, mit deren Hilfe er sich autodidaktisch weiterbilden und sich bald schon einen gewissen Ruf erwerben konnte.

So erhielt unser begabter Optiker im Jahr 1806 das Angebot, in das Mathematisch-mechanische Institut von Reichenbach, Utzschneider und Liebherr in München einzutreten. Eine mehrtägige Prüfung durch Professor Ulrich Schiegg (1752–1810), ehemaliger Mönch, nun Astronom und Vermessungstechniker, bestätigte das Können des jungen Autodidakten.

Dunkle Linien im Sonnenspektrum

Joseph von Fraunhofer arbeitete zunächst in den optischen Werkstätten des Mathematisch-mechanischen Instituts im aufgelassenen Kloster Benediktbeuern (nahe Kochel, Oberbayern). Diese Arbeitsstätte ist heute ein kleines Museum.

Fraunhofer konzentrierte sich auf die Herstellung bester optischer Gläser ohne Schlieren und Lufteinschlüsse. Dann baute er optische Geräte wie Mikroskope und Teleskope, die in ihrer Optik wie in ihrer Mechanik richtungweisend waren.

Außerdem beschäftigte ihn die schon von Newton beobachtete Tatsache, dass  Licht verschiedener Wellenlängen in Prismen oder Linsen unterschiedlich stark gebrochen wird. Somit waren mit den üblichen Linsen nur bescheidene Vergrößerungen möglich, da die Bildränder bei stärkerer Vergrößerung verschwammen, also das Bild unscharf wurde. Newton hatte seinerzeit vor diesem Problem kapituliert. Er kam zu der Ansicht, dass leistungsfähige astronomische Teleskope nur Spiegelteleskope sein konnten, die diese „chromatische Aberration“ nicht haben.

Fraunhofer kombinierte Linsen mit unterschiedlichem Brechungsindex, die das Licht gezielt brachen, nämlich konvexe Flintglaslinsen mit schwächerer und konkave Kronglaslinsen mit stärkerer Dispersion. So konnte er komplizierte Linsensysteme herstellen, wie sie für große Fernrohre unerlässlich sind. Mit den von ihm entwickelten achromatischen (= ohne Farbfehler) Optiken stellte er die leistungsfähigsten astronomischen Teleskope der Zeit her, die bei Sternwarten in aller Welt begehrt waren. Im Jahre 1824 vollendete er den bis dahin größten Refraktor (= ein Fernrohr mit verschiedenen Linsen, die die unterschiedliche Brechung der Wellenlängen des Lichtes ausgleichen) mit 244 mm Öffnungsdurchmesser für die russische Sternwarte in Dorpat (heute Tartu in Estland). Mit einem baugleichen Gerät wurde im Jahr 1846 in Berlin der Neptun entdeckt.

Bei seinen Untersuchungen der Brechungseigenschaften von Glas analysierte Fraunhofer das Spektrum der Sonne und entdeckte die nach im benannten dunklen Linien im Sonnenspektrum. Durch Streuungsexperimente bewies er die Welleneigenschaft des Lichtes und konnte die Wellenlängen der Spektralfarben mit guter Genauigkeit messen.

Ein Genie setzt sich durch

Viele, teilweise epochale Forschungsergebnisse Fraunhofers sind aus der modernen Optik nicht mehr wegzudenken. Hätte es damals schon den Physik-Nobelpreis gegeben, wäre er ein Kandidat dafür gewesen.

Vor allem aber regt Joseph von Fraunhofers Lebenslauf zum Nachdenken an: Eine intelligente junge Vollwaise, die niemand groß beachtet. Ein Lehrherr, dem das Verständnis für die Begabung und die Interessen seines genialen Lehrlings fehlt. Also denkbar schlechte Startbedingungen für eine wissenschaftliche Karriere, die zur Leitung des Mathematisch-mechanischen Instituts, zu einer Professur, zu weltweiter Anerkennung, Auszeichnungen, Mitgliedschaften in- und ausländischer wissenschaftlicher Gesellschaften und dem Adelstitel führte.

Für den Start dieser einmaligen Karriere des Mannes, der uns „die Sterne näher brachte“, der wesentliche praktische und theoretische Beiträge zur Optik lieferte und der mit 39 Jahren viel zu früh verstarb, sorgte ein seltener Unglücksfall: der Einsturz eines Hauses, den er nur mit Glück überlebte.

Zufall oder Schicksal?

 

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Joseph von Fraunhofer

http://www.wikipedia.org/wiki/Joseph_von_Fraunhofer