Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der letzte Hexenprozess

(Veröffentlicht in GralsWelt 57/2010)
Folgt man der Brockhaus Enzyklopädie, dann fand der letzte Hexenprozess im Jahr 1793 in Posen statt. Doch das stimmt nicht. Den letzten Hexenprozess gab es während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien. Er richtete sich gegen

 

Helen Duncan – ein begabtes Medium

Helen Duncan (1897-1956) war ein in Schottland geborenes, seinerzeit bekanntes Medium, das über Jahrzehnte vielerlei spiritistische Experimente durchführte; z. B. Materialisationen v0n Abgeschiedenen in Form von menschlichen Körpern, die gehen und sprechen konnten. Diese aus dem Jenseits gerufenen Geister verblüfften bei den Seancen anwesende Verwandte mit intimen Geheimnissen, die nur dem engsten Familienkreis bekannt sein konnten.

Auf den ersten Blick eine harmlose Angelegenheit, schon gar in England. Denn gerade dort sind esoterische Vorstellung – vom Spuk in alten Burgen und Schlössern bis zu sonstigen spiritistischen Phänomenen – weithin bekannt.

Doch dann passierte es:

 

Ein toter Matrose meldet sich

In den vom Krieg betroffenen Ländern fahndeten Viele mit esoterischen Methoden – ob Astrologie, Kartenlegen, Nekromantie (Totenbeschwörung), Pendeln, oder sonstigen okkulten Operationen – nach dem Schicksal von Verwandten und Freunden, von denen Nachrichten fehlten, oder die als vermisst galten. So auch bei Helen Duncan. In einer ihrer Seancen suchten Teilnehmer einen Kontakt zu einem Matrosen des Kriegsschiffes H.M.S. BARHAM[i]. Dieser konnte sich als Verstorbener materialisieren und vom Untergang seines Schiffes berichten, mit dem er ertrunken war. Die Regierung hatte den Verlust der BARHAM verheimlicht. Durch diese Kontaktaufnahme mit einem Kriegsopfer geriet Helen Duncan, die von dem Schiffsverlust nichts wissen konnte, beim Inlandsgeheimdienst MI5 in Spionageverdacht!

Als dann die Vorbereitungen für die Invasion in der Normandie anliefen (die im Juni 1944 stattfand), wurden Geheimagenten des MI5 nervös, zumal Helen auch im Mai 1941 vom „Verlust eines großen Schlachtschiffes“ (der HOOD) berichtet hatte, bevor die Admiralität davon wusste. Befürchteten die Geheimdienste, dass Helen Duncan auch den Termin und den Ort der geplanten Landung ausplaudern könnte?

 

Haft wegen „Hexerei und Zauberei“

So kam es Anfang 1944 zu einem der lächerlichsten Prozesse der englischen Kriminalgeschichte. Zuerst musste Helen Duncan in Portsmouth vor Gericht erscheinen. Dort war kein Grund zu finden, der mehr als die Verurteilung zu einer kleinen Geldstrafe gerechtfertigt hätte. So wurde die Hausfrau, deren zwei Söhne an der Front kämpften, nach London überstellt und dem berühmten – oder berüchtigten – großen Strafgericht „Old Bailey“ vorgeführt. Nach einiger Suche in verstaubten Akten fand man dort schließlich einen Anklagegrund: den witchcraft act (ein Gesetz gegen Hexerei und Zauberei) von 1735! Diese überholten Paragraphen machte es mit dem – aus kontinentaleuropäischer Sicht höchst merkwürdigen – angelsächsischen Gewohnheitsrecht möglich, Helen Duncan zu neun Monaten Gefängnis zu verurteilen.

Die öffentliche Empörung spiritueller Gemeinschaften über diese Unrechtsjustiz bewirkte nichts. Eine Revision des Fehlurteils wurde – mitten im Kriege – nicht zugelassen, und Helen musste ins Gefängnis. Allerdings unter milden Bedingungen. Das Gefängnispersonal wusste um den vorsätzlichen Justizirrtum und erleichterte Helen die Haft so weit möglich. Ihre Zelle blieb stets unverschlossen und sie durfte esoterisch arbeiten. Gefängniswärter und Gefängnisinsassen nutzten die Möglichkeit, durch die prominente Gefangene spirituelle Erfahrungen zu gewinnen. Bekannte Spiritisten besuchten Helen im Gefängnis, und sogar Winston Churchill, der Britische Premierminister, soll dort aufgetaucht sein. Er wusste um das Fehlurteil, doch selbst er konnte oder wollte nicht eingreifen.

Nach sechs Monaten Haft wurde sie im September 1944 begnadigt und aus der Haft entlassen. Die Landung in der Normandie hatte im Juni 1944 stattgefunden, und eine weitere Gefahr durch „Geheimnisverrat“ von Helen Duncan schien nun zu unwahrscheinlich.

 

Bis heute keine Rehabilitierung

Bemühungen um eine Rehabilitierung von Helen Duncan blieben bis heute ohne Erfolg, obwohl kaum noch jemand bezweifelt, dass es sich bei ihrer Verurteilung um einen drastischen Justizirrtum handelt, ohne Parallelen in der modernen Kriminalgeschichte. Doch Behörden, insbesondere die Justiz, tun sich nicht nur in Großbritannien sehr schwer, wenn es gilt einen Fehler zuzugeben.  

Literatur:

(1) Shandler Nina, The strange case of Hellish Nell, Da Capo Press, Cambridge MA, 2006.

(2) http://www.helenduncan.org.uk/

(3) http://www.orf.at/070117-8209/index.html

 


[i] Die HMS Barham war ein Schlachtschiff der Elisabeth-Klasse, Baujahr 1914. Von dem deutschen U-Boot U 331 wurde sie 1941 im Mittelmeer versenkt.