Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der sagenhafte Cargo-Cult

(Veröffentlicht in GralsWelt 30/2003)
Zu den eigenartigsten Phänomenen der Religionsgeschichte gehören die Cargo-Kulte. Es handelt sich um junge, meist erst im späten 19. und 20. Jahrhundert entstandene Bewegungen.,. Das Phänomen tritt in vielfältiger Form auf, vorzugsweise in Neuguinea, Melanesien und Mikronesien, und ist aufgrund der Geographie der vielen Inseln auf kleine Gruppen und regional begrenzt. Für Religionswissenschaftler ist von besonderem Interesse, dass sie das Entstehen von Kulten diesmal direkt “vor Ort” beobachten können.
WAS  SIND  CARGO-KULTE
Das Wort “Cargo” (englisch) bedeutet (Schiffs-)Ladung, Schiffsfracht. Während der Konfrontation der einheimischen Bevölkerung mit den Eindringlingen aus Übersee, vor allem aber mit den Handelsgütern der niederländischen, britischen oder auch deutschen Kolonisatoren fühlten sich die Eingeborenen überwältigt. Sie konnten sich nicht erklären, wie die Weißen, die nicht arbeiteten, zu solchen Reichtümern gekommen waren. Darüber entwickelten sich eigenartige Ideen. Die Melanesier erklärten, ihre Ahnen hätten diese Güter aus einer anderen Welt auf den Schiffen der Weißen zu ihnen geschickt, und die Fremden hätten sich die Ladung nun unrechtmäßig angeeignet und würden sie den rechtmäßigen Empfängern vorenthalten.
Um zum “Cargo” als dem Schlüssel zu Wohlstand zu gelangen, entstanden verschiedene Rituale, in denen sich Elemente der alten Naturreligionen mit christlichen Lehren mischten. Das Ziel war, durch Beschwörungen die überheblichen Weißen zu vertreiben und Cargo für die Einheimischen zu erlangen. Dabei änderten sich häufig die Verhaltensweisen der Eingeborenen. Sie wollten z.B. nicht mehr für die Weißen arbeiten, trennten sich von europäischem Geld und hofften auf baldigen Cargo-Segen durch magische Rituale. Die Missionare wurden nervös, und als es zu kleineren Aufständen kam, schritten die Kolonialverwaltungen mit Waffengewalt ein.
BEISPIELE  FÜR  CARGO-KULTE
Im Hochland von Neu-Guinea löste die Ankunft erster Flugzeuge Schock und Schrecken aus. Es gab bis dahin kaum Kontakte mit Europäern oder Amerikanern, da die Erschließung des Inlandes erst kurz vor dem 2. Weltkrieg begonnen hatte.
Im 2. Weltkrieg kamen dann zuerst die Japaner, später die Amerikaner, die aus ihren Flugzeugen Unmengen von wertvollen Gegenständen entluden, wobei sie abergläubische Hoffnungen auf dauernden Corgo-Segen weckten:
“Im Markhamtal im östlichen Hochland von Neuguinea wurden die ersten Cargo-Aktivitäten 1943 gemeldet. Überall fand man ‘Radiostationen’. Es waren hierfür Bambusrohre aufgestellt und Lianen dazwischen gespannt worden. Sog. ‘Isolatoren’ aus Buschmaterial wurden überall angebracht. Von den Grasdächern zu den ominösen Bambusantennen waren ‘Leitungen’ gelegt worden. Man wartete auf Nachrichten aus der Welt der Ahnen… (1, S. 218)
An anderen Orten wurden “Flugplätze” und Lagerhäuser für das zu erwartende oder durch Beschwörungen herbeigezauberte Cargo gebaut. (1, S. 57). Es gibt sogar Fotos von Flugzeugatrappen auf den selbsterrichteten Flugplätzen, die das Cargo herbeizaubern sollten (3, S. 83).
In einem der bekanntesten Cargo-Kulte auf Tanna (Neue Hebriden) wird “John Frum” verehrt, eine mystische Gestalt, deren Ursprung trotz vieler Hypothesen ungeklärt ist. Nach einer Naturkatastrophe soll John Frum erscheinen und ideale Verhältnisse bringen. Die Weißen werden verschwinden und Cargo in großen Mengen kommen….
Wie schwer mit Argumenten einer so mystischen, religiösen, nationalistischen, fremdenfeindlichen Ideologie zu begegnen ist, zeigen die folgenden Worte eines John-Frum-Gläubigen:
“Ein weißer Journalist hat mich darauf hingewiesen, dass ich nun schon zwanzig Jahre auf die Ankunft meines Cargo gewartet habe, und es sei immer noch nicht in Sicht. Ich fragte ihn, wie lange er schon auf die Wiederkunft Jesu Christi gewartet habe. Er sagte, das sei ungefähr 2.000 Jahre. Daraufhin informierte ich ihn und sagte ihm, dass ich wohl gerüstet sei, weiterhin 20 Jahre auf John zu warten, ob er aber ebenso in der Lage sei, weitere 2.000 Jahre zu warten? Er sagte, da würde er nicht mehr leben. – Somit ist klar: Ich habe daher eine viel größere Chance, meinen Gott zu sehen, als er!” (1, S. 351)
SCHLUSSFOLGERUNGEN
Bei der Begegnung einer Primitivkultur mit einer hochentwickelten Zivilisation kommt es zwangsläufig zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen auf beiden Seiten. Fehlendes Wissen oder mangelndes Verständnis für die Welt des jeweils anderen können – wie am Beispiel des Cargo-Kultes gezeigt – zu krotesken Fehlschlüssen führen. Unsere Missverständnisse stehen in Europa und Amerika dann als wissenschaftliche Forschungsergebnisse in Lehrbüchern, während auf Neuguinea deren Irrtümer die Eingebornen veranlassen, Feldflughäfen, Lagerhäuser, Telefonleitungen zu “bauen”, damit die Transportflugzeuge der US-Armee wieder kommen und ihren Reichtum über die Inselbewohner ausschütten.
UFO-Forscher, die der Meinung sind, das Außerirdische vielfach auf unserer Erde in Erscheinung getreten sind, berufen sich auf die Erfahrungen mit Cargo-Kulten. So ließen sich unverständliche oder unklare Überlieferungen verschiedenster Kulturkreise als Berichte von Raumschiff-Landungen deuten *). Unerklärliche Artefakte werden als Nachbauten von Geräten Außerirdischer interpretiert, merkwürdige Tonfiguren mit “Raumanzug” wären demnach Abbildungen von Astronauten, oder unerklärliche schamanistische Rituale gelten als Nachahmungen der Verhaltensweisen Außerirdischer.
So bildet sich stetes neuer Stoff für Mythen und Legenden.*) Wer will, kann in der Bibel nachlesen wie Hesekiel angeblich ein Raumschiff beschrieb (Hes. 10)
Literatur:
(1) Steinbauer, Friedrich “Die Cargo-Kulte”, Dissertation, Erlangen 1971
(2) Worsley, Peter “Die Posaune wird erschallen”, Suhrkamp, Frankfurt 1973
(3) Unsolved Mysteries, Die Welt des Unerklärlichen, Ausstellung im Schottenstift Wien, 2001, ISBN 3-9501474-0-3