Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der Alte vom Berge

(Veröffentlicht in Gralswelt 76/2013)                    

WANDERBEWEGUNGEN IN ASIEN   

Vom 8. Jahrhundert an begannen in fernen Asien einige Volksstämme ihre Siedlungsräume zu verlassen. In der Folge lösten sie eine Wanderbewegung aus, die man in Europa zunächst kaum bemerkte, die aber durchaus mit der bekannten Völkerwanderung vergleichbar ist. Die Angehörigen verschiedener Turkstämme, die in der Nähe des Aralsees lebten, verließen ihre Heimat in Richtung Westen, um andere Siedlungsgebiete zu finden oder zu besetzen. Im Zuge der damit verbundenen kriegerischen Auseinandersetzungen, kamen sie als Gefangene, Sklaven oder Söldner mit der islamischen Kultur in Persien oder auf der arabischen Halbinsel in Berührung. Im 9. Jahrhundert bestand bereits die Leibgarde vieler islamischer Fürsten aus kriegserprobten Angehörigen von Turkstämmen, die inzwischen die islamische Religion angenommen hatten. Manche deren Führer wurden Statthalter islamischer Provinzen und einige schwangen sich zu selbständigen Herrschern auf.
Ein aus den Ogusen hervorgegangenes Herrschergeschlecht aus Turkestan, das sich nach seinem ersten bedeutenden Anführer Seldschuken benannte, gründete nach 1000 sogar ein Großreich. Dieses islamische Reich der Großseldschuken erstreckte sich in seiner größten Ausdehnung vom Tarimbecken bis zum Mittelmeer. Als Ergebnis seines Kampfes gegen das christliche Oströmische Reich entstand später die Türkei, und Türken übernahmen das Kalifat* und die politische Führung der islamischen Welt.
RELIGIÖSE KONFLIKTE
Bald kam es im Großreich der Seldschuken zu religiösen Konflikten zwischen Sunniten und Schiiten, sowie unter den Schiiten selbst. Eine extreme, heute würden wir vielleicht sagen fundamentalistische schiitische Gruppe waren die Ismaeliten oder Ismailiten, die sich selbst wiederum zerstritten. Vordergründige Ursache für die Aufspaltung der Ismaeliten war – wie bei der Trennung von Sunniten und Schiiten – der Streit um die rechtmäßige Nachfolge des Propheten, also des Kalifats. Diese Nachfolgestreitigkeiten im Persien des 11. Jahrhunderts könnten uns gleichgültig lassen, wenn nicht eine extremistische Gruppierung hervorgetreten wäre, die weit über die Landesgrenzen hinaus Schrecken verbreitete.
DER SCHEICH UL DSCHEBAL
Eine Gruppe der Ismaeliten, die 7-er Schiiten (die ihre Imamabfolge beim 7. Imam** enden lassen) gewann in dem Theologen Hasan ibn Sabah (gest. 1124) aus der persischen Provinz Khorassan einen geschickten Propagandisten, der sich bald auch als Feldherr bewährte und zum Machtpolitiker entwickelte. Er eroberte Städte und Festungen (angeblich 60) und drang bis Syrien vor. Sein Ziel war die Bekehrung der Sunniten, also die Ausbreitung der schiitischen Glaubensrichtung. Seine Anhänger, die Assassinen, betrieben in sunnitischen Gebieten eine aggressive Missionsarbeit und gingen so weit, die Sunniten, die sich nicht bekehren lassen wollten, zu ermorden. Dadurch kamen sie in Konflikt mit der seldschukischen Obrigkeit.
DIE ASSASSINEN
Zentrum der von Hasan geleiteten Assassinen (angeblich von hashishin = Haschisesser) war die 1090 eroberte Burg Alamut in 1800 m Höhe in den Bergen des nördlichen Iran. Sie selbst nannten sich “Ismailiten aus Alamut”. Hasan hieß von nun an Scheich ul Dschebal oder Der Alte vom Berg. Er schreckte vor keinem Mittel zurück, und von ihm ausgewählte, fanatische Selbstmordattentäter wurden legendär. Jahrhunderte später besangen ihn die “Beetles” als Fool of the Hill. Zahlreiche Legenden, zu denen auch Marco Polo (1254-1324) beigetragen hat, ranken sich um diese rätselhafte Gestalt.
Folgt man der populären Version, so gründete Hasan einen Geheimorden und versammelte eine durch Drogenkonsum manipulierte, ihm blind ergebene Anhängerschaft um sich, die jeden, auch den unsinnigsten Befehl bedenkenlos ausführte. Nahe der Burg Alamut soll es einen herrlichen Garten gegeben haben, in den die Anhänger des Alten vom Berge im tiefsten Haschischrausch geleitet wurden. Dort erwachten sie in paradiesischer Umgebung, von schönen Mädchen betreut und mit auserlesenen Speisen bewirtet. Erneut im Drogenrausch, brachte man diese “Novizen” zurück in die Burg, wo sie nach dem Erwachen erfuhren, dass sie das Paradies gesehen hätten, das sich ihnen für alle Ewigkeit öffnen würde, sobald sie als Märtyrer im Dienste des Glaubens ihr Leben gegeben hätten.
Bald waren die von Hasan ausgesandten Terroristen weithin gefürchtet, da sie sich mit größter Schlauheit bei den Feinden des Alten vom Berge einzuschleichen verstanden, um diese zu erdolchen oder zu vergiften. Ein mssglückter Mordversuch, den der Attentäter überlebte, galt als Schande für den Täter und seine Familie. Eines der ersten Opfer war der persische Wesir Nizamalmulk (Nezam al-Mulk, 1018-1092), der assassinische Mörder hinrichten ließ. Wenig später starb Sultan Meliksah unter ungeklärten Umständen, und Dutzende weiterer politischer Morde folgten, darunter der fränkische König Konrad von Jerusalem und Prinz Raimund von Antiochia. Im ganzen mittleren Osten verbreiteten Hasans heimtückische Terroristen Verwirrung und Zerstörung und waren dementsprechend gefürchtet. Sogar Balduin I., christlicher König von Jerusalem, schloss 1118 einen Geheimvertrag mit den Assassinen. Der 1119 gegründete christliche Orden der Tempelritter soll sich nach dem Vorbild der Assassinen konstituiert und möglicherweise sogar mit ihnen zusammengearbeitet haben. Doch wurden über die zwei Jahrhunderte später (1305) der Ketzerei bezichtigten Templer so viele Gräuelmärchen verbreitet, dass man diese Anschuldigungen mit Vorsicht betrachten muss.
Nach Hasans Tod im Jahre 1124 fehlten den Assassinen gleichwertige Nachfolger. Es gab Streitigkeiten um die Lehre, und die mörderische Sekte verlor an Einfluss. Die Zahl der erfolgreichen Attentate ging zwar zurück, doch die ismaelitischen Fanatiker waren noch immer zu fürchten.
Das endgültige Aus für die Assassinen kam mit den Mongolen, die im 13. Jahrhundert den Nahen Osten eroberten. Unter dem Großchan Hülägü (1217-1265) ging das Mongolenheer gegen die verrufene Sekte vor, die immer noch erbitterten Widerstand leisteten konnte. Das Einschleusen von Selbstmordterroristen bei Chan Hülägü gelang diesmal nicht, vermutlich weil die mongolische Leibwache des Großchan jeden Eindringling einer anderen Ethnie sofort erkannt hätte. 1256 wurde die Burg Alamut erobert und geschleift, und alle Assassinen getötet, deren die Mongolen habhaft wurden; angeblich 12.000. Kleine Splittergruppen der Assassinen sollen sich in abgelegenen Regionen noch lange gehalten haben und in Syrien bis heute existieren.
DIE IDEOLOGIE DER ASSASSINEN
Die Berichte über die Assassinen stammen vorwiegend von deren Feinden, und wie bei allen Geheimlehren, ist es für einen Außenstehenden fast unmöglich, ein objektives Bild zu bekommen.
Der Gebrauch von Drogen wie Haschisch die mystische Erlebnisse auslösen sollten, scheint belegt. Haschisch macht angeblich nicht aggressiv, diene eher der Lösung von den Wirklichkeiten des Alltags und setze unkontrollierte Phantasie frei, während das kausale Denken zurückgedrängt wird. Allerdings ist offensichtlich, dass Haschisch in der Drogenszene der Gegenwart in der überwiegenden Zahl der Fälle die Einstiegsdroge zum “harten” Rauschgiftkonsum war. Drogen begleiten seit Jahrtausenden den typischen Trip in das Unbekannte, der in vielen Religionen, wie z.B. dem Hinduismus, die Erleuchtung herbeiführen soll.
Aus späteren Jahrhunderten sind dann doch einige Angaben über die Lehren der “Ismailine aus Alamut” durchgesickert. Demnach beschritt der zu Initiierende einen mehrstufigen Einweihungsweg, der ihn unter Drogeneinfluß von angelernten “Vorurteilen befreien” und dann nach und nach in die verschiedenen, vorgeblichen Erkenntnisstufen führen sollte. In der letzten Phase wurden angeblich alle Reste des herkömmlichen religiösen Denkens verworfen. Das wichtigste, vielleicht einzige Gebot blieb der bedingungslose Gehorsam gegenüber dem religiösen Führer, der als ein Mohammed ähnlicher Prophet verehrt wurde.
“Nichts ist wahr – alles ist erlaubt” war angeblich die letzte Weisheit des Hasan ibn Sabbah.

* Kalif, chalifa (arabisch) = Nachfolger. Seit Mohammeds Tod 632 der offizielle Titel seiner Nachfolger in der Herrschaft über die islamische Gesamtgemeinde. Bei den Sunniten ist der Kalif als weltlicher Herrscher zugleich als Imam auch der geistige Leiter. Doch der letztere Titel hat für die Sunniten nur untergeordnete Bedeutung.
** Imam = nach der Lehre der Schiiten der von Gott inspirierte Leiter der gesamten islamischen Gemeinde, der aus der Nachkommenschaft des Propheten Mohammed stammen muss. Die Frage, welcher Nachkomme Mohammeds der richtige Imam sei, hat die Schiiten in mehrere Gruppen gespalten.

Literatur:
(1) Hammer-Purgstall, Josef von, “Die Geschichte der Assassinen”, J.G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart 1818
(2) Lewis, Bernhard “Die Assassinen”, Piper, München 1993
(3) Meck, Bruno “Die Assassinen”, Econ, Düsseldorf 1981
(4) Scholl-Latour, Peter, “Der Fluch des neuen Jahrtausends”, Goldmann, München, 2004
(5) Withof, Joh. Phil. Lorenz “Das meuchelmörderische Reich der Assassinen”, G.C.B. Hoffmann, Cleve 1765
(6) www.alien.de/langbein/geheim2.html
(7) www.sphinx-suche.de/lexpara/assassin.htm
(8) www.unet.univie.ac.at/+a9211337/assassinen.htm