Siegfried Hagl - Schriftsteller

Site menu:

Den Geheimnissen des Orients auf der Spur

„Ex Oriente lux“ – aus dem Osten kommt das Licht.1 Schon lange gelten Indien und Tibet als Zentren spiritueller Weisheit, sagenumwoben, von denen auch für westliche Forscher und Wahrheitssucher bald ein geheimnisvoller Reiz ausging. Doch der Zugang zu den gut gehüteten Schätzen erwies sich als mühsam – und enttäuschte auch manche verklärte Erwartung …

Indien – Land voller Wunder?

Im 19. Jahrhundert wurde Indien eine englische Kronkolonie. Viele Engländer und andere Europäer oder Amerikaner kamen in der Folge in dieses ferne Wunderland. Etliche von ihnen brachten Berichte mit nach Hause von unerklärlichen Erlebnissen oder okkulten Erfahrungen. Indischen Fakiren, Gurus, Sadhus, Swamis, Yogis und Yoginis wurde und wird alles Mögliche zugetraut: unglaubliche astrologische Prognosen, Kälteunempfindlichkeit (4, S. 182), Leben ohne Nahrung, Telekinese (Bewegung von Gegenständen durch gedankliche Einwirkung), Telepathie (Gedankenübertragung), Teleportation, das indische Seilwunder (im Abendland als „Seiltrick“ bezeichnet) usw.

Die christliche Missionierung der Kolonialzeit war in Indien wenig erfolgreich. Die Inder blieben lieber bei ihren alten, für Europäer höchst komplizierten Religionen und Mythen. Die Lehren der Veden entstanden vor ca. 3.500 Jahren und wurden lange mündlich überliefert, bis sie im ersten vorchristlichen Jahrtausend aufgezeichnet wurden. So finden sich in Indien die ältesten religiösen Traditionen. Deren Niederschriften sind insgesamt so umfangreich, dass kaum ein Gelehrter sie alle gelesen haben dürfte.

Im 19. und 20. Jahrhundert wollten europäische und amerikanische Okkultisten2 in Indien die höheren spirituellen Einsichten finden, die sie in Europa vergeblich gesucht hatten. Helena Petrovna Blavatsky (1831–1891), die Begründerin der Theosophie, trat zum Buddhismus über und ließ sich mit einigen ihrer engsten Anhänger in Indien nieder (Adyar nahe Madras, heute Chennai, ist noch heute das Zentrum der „Adyar-Theosophie“). Auch der Philosoph und Mystiker Paul Brunton (1898–1981) brach – wie viele weitere – nach Indien auf, um Yogis, Magier und Fakire aus eigener Anschauung kennenzulernen. (1) Was diese indischen Weisen an übernatürlichen Leistungen, die außerhalb der uns bekannten Naturgesetze liegen, tatsächlich vollbringen können, ist bis heute umstritten. Denn leider scheint kaum eine der angeführten transzendenten Leistungen zuverlässig belegt.

Das rätselhafte „Dach der Welt“

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die britische Kronkolonie Indien zum großen Teil erforscht, kartographiert und von Eisenbahnlinien durchzogen. Weitgehend unbekannt war aber noch immer das geheimnisumwitterte Tibet. Dort lebten die Menschen in einem feudalen System unter der Herrschaft der Lamas (tibet. „der Obere“ = Mönch, Priester), mit einem Priesterkönig, dem Dalai Lama, als Oberhaupt. Vom heutigen Standpunkt aus war es eine Theokratie, die mit grausamen Kriminalstrafen (9, S. 155) und schrecklichen Höllenbildern die Menschen unterdrückte. Eine zutiefst in Aberglauben und Dämonenfurcht verhaftete, unwissende Bevölkerung musste in dem kargen Hochland eine Vielzahl von Mönchen und Klöstern ernähren und erhalten.

Die vorherrschende Religion der Tibeter war der Lamaismus; ein spezieller, mystischer, tantrischer Buddhismus, der viele Bestandteile der älteren Bön-Religion übernommen hatte. Im Lamaismus verbinden sich daher Ritual und Mystik mit magischen Vorstellungen. Die Bön-Religion war eine schamanistische Religion, und im tantrischen3 Buddhismus finden sich vor-buddhistische Rituale, die Europäer abstoßen.

Die wenigen, unklaren Berichte über Tibet ließen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert viele Esoteriker vermuten, dass dort die okkulten Geheimnisse zu entdecken wären, die man in Indien nicht gefunden hatte. Für Ausländer war Tibet ein streng verbotenes Land.

Als die tibetischen Herrscher Verhandlungsangebote der britischen Regierung über politische Kontakte ignorierten, führte dieser Affront im Jahre 1903 zu einem britischen Tibetfeldzug. Lhasa, in 3.600 Meter Höhe damals die höchstgelegene Hauptstadt, wurde vorübergehend besetzt. Der 13. Dalai Lama floh in die Mongolei. Nun kamen endlich Augenzeugenberichte und Fotos von Tibet und seiner Hauptstadt nach Europa. Auch Asienforscher – wie zum Beispiel Sven Hedin (1865–1952) im Jahre 1907 – konnten nun, wenn auch noch unter vielen Schwierigkeiten, nach Tibet reisen und verlässliche wissenschaftliche Informationen sammeln.

Doch nüchterne Forschungsergebnisse konnten Esoteriker nicht zufriedenstellen. Diese wollten die okkulten Geheimnisse erfahren, wie sie angeblich in dem nach wie vor fremdenfeindlichen Tibet zu entdecken wären.

Eine der schillerndsten Persönlichkeiten, die aufbrachen, um die okkulten Wunder Asiens persönlich zu erfahren, war die Französin Alexandra David-Néel (1868–1969).

Inkognito in der „verbotenen Stadt“

Schon in jungen Jahren wollte Alexandra reisen und besonders Asien kennenlernen. Dazu studierte sie Sprachen, aber auch Musik. Als sie 1891 Geld erbte, bereiste sie Ceylon und Indien und trat in Adyar der dortigen Theosophischen Gesellschaft bei. Danach kehrte sie nach Paris zurück, beendete ihre Ausbildung und erhielt ein Engagement als Sopranistin an der „Opéra Comique“ in der französischen Kolonie Indochina. Anschließend wurde sie Theaterleiterin in Tunis, wo sie Philippe Néel kennenlernte.

Eine Wahnsinnsehe

Manchmal heiraten Menschen, die nicht zusammenpassen. In diesem Fall: Alexandra David, 33, weitgereiste Journalistin, Linguistin, Okkultistin, Opernsängerin, Theaterleiterin. Und Philippe Néel, sieben Jahre älter, Chefingenieur im Eisenbahnbau, Lebemann, gutaussehend. Sie treffen sich 1901 und heiraten 1904 im französischen Konsulat in Tunis.

Gleich nach den Flitterwochen gehen beide ihre eigenen Wege. Alexandra muss nach Paris, um Vorträge zu halten, und dann weiter nach Indien. Doch die Ehe dauert 38 Jahre, besteht aus 3.000 Briefen und aus Geldsendungen von Philippe an Alexandra. Einmal schreibt sie ihm: „Wenn du mir bis Oktober kein Geld schickst, gehe ich ins Gebirge und schieße mir eine Kugel in den Kopf.“ Als Philippe – der sie ein Leben lang finanziell unterstützte – 1941 stirbt, erfährt sie davon in China und weint.

Die große Reisende

Im Jahre 1911 startet Alexandra zu ihrer zweiten Asienreise, die 14 Jahre dauern sollte. Sie durchwandert als bettelnde Pilgerin den Himalaya, lebt jahrelang als Einsiedlerin in einer Steinhütte auf 4.000 Meter Höhe und wird in den Stand eines Lama erhoben. In einem ihrer Bücher schreibt sie, dass sie für die Einweihung in die „Geheimlehren“ des tibetischen Buddhismus für würdig befunden wurde.

In ihrem 57. Lebensjahr überquert sie von China aus zu Fuß das Himalaya-Gebirge. Ihr Begleiter ist ihr Adoptivsohn, der Lama Yongden. Als Nonne verkleidet erreicht sie als erste Europäerin die verbotene Stadt Lhasa. Trotz ihres Status als Lama muss sie sich mit Ruß und Schmutz tarnen, um im noch immer für Ausländer verschlossenen Tibet nicht als Europäerin erkannt zu werden. Zwei Monate weilt sie unerkannt in der sagenumwobenen Hauptstadt und besichtigt deren berühmten Tempel-Palast: den Potala.

Wie jede andere Wissenschaft

„Alles, was nahen oder entfernten Bezug auf die geistigen Vorgänge und auf Kräfte im Allgemeinen hat, muß genauso studiert werden wie jede andere Wissenschaft auch. Es gibt da keinerlei Wunder, nichts Übernatürliches, nichts was Aberglauben erzeugen oder nähren kann. Eine vernünftige und wissenschaftlich geleitete geistige Schulung kann erwünschte Feststellungen herbeiführen. Durch eine derartige Ausbildung erzielte Ergebnisse können folglich selbst dann nützliche Dokumente liefern, die ihre Aufmerksamkeit verdienen, wenn diese Ausbildung auf empirische Weise stattgefunden hat und auf Theorien fußt, denen wir uns nicht immer anschließen können.“

Alexandra David-Néel (4, S. 8)

Die bekannteste Asienkennerin ihrer Zeit

Ihre Erfahrungen mit buddhistischen Lehren in China, Indien und Tibet, mit Mönchen, Lamas und Klöstern publiziert Alexandra David-Néel in vielen Büchern, die großes Interesse fanden. Sie wird zu einer der berühmtesten Französinnen ihrer Zeit, obwohl es nicht an Stimmen fehlt, die am Wahrheitsgehalt ihrer Schriften zweifeln. (10)

In hohem Alter wurde sie noch zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Sie starb im Alter von 100 Jahren in Frankreich, nachdem sie vorsorglich noch ihren Pass hatte verlängern lassen. Einige Jahre später wurde – ihrem letzten Willen entsprechend – ihre Asche, zusammen mit der Asche ihres Adoptivsohnes Lama Yonden, bei Benares in den Ganges gestreut.

Die Schleier fallen

Für Esoteriker boten und bieten die Schriften Alexandra David-Neéls authentische Informationen über den (mystischen) Buddhismus bzw. Lamaismus, über den im Abendland phantastische Gerüchte kursierten und manchmal auch heute noch kursieren. Tibet war nicht nur deshalb ein „Land der Geheimnisse“, weil europäische Okkultisten diese dort hineinprojiziert haben, sondern weil der tibetische Buddhismus eine Mysterienreligion darstellt und auch nach seinem eigenen Verständnis zutiefst okkult ist.

Alle von wissenschaftlicher Seite her kommenden Berichte über die angeblichen unerklärlichen Leistungen tibetischer Lamas waren mehr oder weniger enttäuschend. Denn die okkulten Möglichkeiten der tibetischen Mönche und ihrer Orakel wurden weit überschätzt. Das meiste war Aberglaube, Gedankenkonzentration, Geisterbeschwörung, Hellsehen, Hypnose, extreme Körperkontrolle, (primitive) Magie, (Auto-)Suggestion, Spiritismus oder Illusion. Auch wenn der eine oder andere Effekt, den Forscher wie Ernst Schäfer (1910–1992) beobachtet haben, nur durch besondere spirituelle Fähigkeiten mancher tibetischen Lamas erklärbar scheint. (11, S. 31 f.)

Abruptes Ende der Lama-Herrschaft

Im Jahre 1950 drang die chinesische Volksbefreiungsarmee in Tibet ein, dessen Armee nur wenig Widerstand leisten konnte. 1951 musste Tibet die Oberhoheit Chinas anerkennen. Unter chinesischer Souveränität wurden die meisten Klöster aufgelöst, und viele Mönche kamen ums Leben. Der Lamaismus sollte abgeschafft werden. Dem von Alexandra David-Néel oder Heinrich Harrer (9) beschriebenen Tibet wurden drastische Veränderungen aufgezwungen, so dass es heute zu einem anderen Land geworden ist, dessen hoch gelegene Hauptstadt von China aus mit der Eisenbahn erreichbar ist.

Nach einem blutigen Volksaufstand im Jahre 1959 floh der 14. Dalai Lama, der „Ozean des Wissens“, nach Indien und gründete in Dharamsala eine Exilregierung, die sich als Sprecherin für das tibetische Volk versteht. Mehrere UNO-Resolutionen forderten von China, die Menschenrechte der Tibeter und ihr Recht auf Selbstbestimmung zu achten.

Heute haben die Tibeter wieder etwas bessere Möglichkeiten, ihre Religion auszuüben; doch fühlen sich viele alteingesessene Tibeter nach wie vor unterdrückt, durch chinesische Zuwanderer überfremdet und wünschen sich mehr Autonomie. Aus chinesischer Sicht will der Dalai Lama China spalten. Doch glaubt längst niemand mehr, dass sich in Tibet die alten Herrschaftsformen wiederherstellen ließen.

Kein „verlorenes Paradies“

Durch den aus seinem Land vertriebenen, sympathisch wirkenden, immer freundlich lächelnden 14. Dalai-Lama hat der tibetische Buddhismus in Europa und Nordamerika eine gute Presse und findet viele Sympathisanten. Die hässlichen, auch sexualmagisch ausgerichteten Seiten des Tibetischen Buddhismus werden verschwiegen oder schöngeredet. Die von den chinesischen Kommunisten zerstörte, feudalistische tibetische Priesterherrschaft mit Leibeigenschaft und Sklaverei wird im Rückblick propagandistisch als ein „verlorenes Paradies“ vorgeführt.

Heute kann man die Beschreibung einer tibetischen Einweihung4 durch den Dalai-Lama im Internet nachlesen. Dabei ist zum Beispiel das – auch von ihm persönlich geleitete – Kalachakra Tantra durchaus umstritten, auch wenn unbedarfte Journalisten von einem „Ritual für den Weltfrieden“ sprechen.

Man kann sich auch zu Kursen anmelden, in denen man durch einen tibetischen Lama eingeweiht wird. Die intensiveren tantrischen Riten, die zu den höheren von 15 Einweihungsstufen des Kalachakra gehören, sind aber nach wie vor streng geheim.5 Deren Sexualmagie6 und aggressive, buddhistische Apokalyptik sind – wie in der Literatur beschrieben – den meisten Menschen aus dem abendländischen Kulturkreis wohl auch kaum zuzumuten.

Fußnoten:

1 Dieser Spruch bezog sich ursprünglich auf den Sonnenaufgang. In der Romantik wurde er so umgedeutet, daß die Kultur aus dem (fernen) Osten komme.

2 Im 19. Jahrhundert sprach man von „Okkultismus“ (okkult = verborgen). In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert geriet der Okkultismus in Mißkredit, und man spricht nun von Esoterik.

3 Der Tantrismus ist eine vielschichtige, wohl aus Indien stammende religiöse Lehre, die teilweise auch sexualmagische Vorstellungen praktiziert. Ursprünglich wohl ein Fruchtbarkeitskult.

4 Nach esoterischen Lehren soll der Mensch durch die Einweihung (Initiation) stufenweise in die übersinnliche, geistige Welt eingeführt werden. Zeremonien zu diesem Zweck gab es schon bei antiken Mysterienkulten, und bis heute haben verschiedene esoterische Gruppen ihre eigenen Einweihungs-Praktiken.

5 Die Geheimhaltung hat nicht voll funktioniert, und es gibt Beschreibungen der tantrischen Riten des Lamaismus. (2)

6 Die Sexualmagie ist eines der schwierigsten Themen der Religionsgeschichte und des Okkultismus. Ihre Wurzeln liegen sehr weit zurück, vermutlich in vorgeschichtlichen Zeiten als Fruchtbarkeitskult. Später ging die Sexualmagie einher mit Tabubruch und der Abwertung der Frau. Im Hintergrund steht die Erfahrung, daß Sexualität den Menschen sehr tief berühren und magische oder okkulte Kräfte frei setzen kann. Das Bestreben, auf solche Weise Kontakte zu feineren Ebenen oder gar die „Erleuchtung“ zu erzwingen, führte zu höchst fragwürdigen, ja perversen sexuellen Praktiken. Der Vorwurf, es sei ein Versuch, aus der Sexualität bis hin zu direktem sexuellem Mißbrauch eine religiöse Handlung zu machen, steht – je nach kultureller Prägung – durchaus im Raum.

Literatur:
(1) Brunton, Paul, Von Yogis, Magiern und Fakiren, Droemer-Knaur, München 1983
(2) Campbell, June, Göttinnen Dakins und ganz normale Frauen, Theseus, Berlin 1997
(3) David-Néel, Alexandra, Der Weg zur Erleuchtung, Aquamarin, Grafing 2002
(4) David-Neel, Alexandra, Heilige und Hexer, Brockhaus, Wiesbaden exer, 1981
(5) David-Néel, Alexandra, Liebeszauber und schwarze Magie, Hugendubel, München 2007
(6) David-Néel, Alexandra, Magier und Heilige in Tibet, Goldmann, München 2005
(7) David-Néel, Alexandra, Mein Weg durch Himmel und Hölle, Droemer-Knaur, München 1999
(8) Foster, Barbara und Michael, Alexandra David-Néel, Herder, Freiburg 1999
(9) Harrer, Heinrich, Sieben Jahre in Tibet, Ullstein, Wien 1952
(10) Heurck, Philippe van, Alexandra David-Néel (1868–1969). Mythos und Wirklichkeit, Fabri, Ulm 1995
(11) Schäfer, Ernst, Fest der weißen Schleier, Goldmann, München 1954
(12) Scholl-Latour, Peter, Die Angst des weißen Mannes, Ullstein, Berlin 2009
(13) Trimondi, Victor und Victoria, Der Schatten des Dalai Lama, Patmos, Düsseldorf 1999
(14) Waldvogel-Frei, Bruno, Das Lächeln des Dalai Lama, SCM, Witten 2008