Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Spuren aus der Vorzeit

Felszeichnungen in den Alpen

Veröffentlicht in GralsWelt 22/2002

Seit man die nun als „Ötzi” bekannt gewordene Gletscherleiche gefunden hat, interessiert man sich allgemein stärker für das frühzeitliche Leben in den Alpen. Einer Vielzahl äußerst faszinierender Zeugnisse wird aber bis heute wenig Beachtung geschenkt: den Felszeichnungen. GralsWelt-Redakteur Siegfried HAGL hat sich in Österreich und Italien mit diesen Spuren aus der Vorzeit beschäftigt.

Seit am 19. September 1991 auf dem Gletscher des Hauslabjoch zwei Bergsteiger auf die Gletscherleiche des „Ötzi” stießen, eines steinzeitlichen Alpenwanderers, ist das Interesse an der vor- und frühgeschichtlichen Erschließung des Alpenraumes gewachsen. Verschiedene Bücher beschäftigen sich mit Ötzi. Es gibt wissenschaftliche Werke, phantasievolle Rekonstruktionen seines Lebens, und sogar Erinnerungen an Vorleben zu dieser Zeit. Auch ein Spielfilm zeigt das fiktive letzte Lebensjahr dieses alpenländischen Jägers und Hirten.

Neben diesem sensationellen Fund in 3.279 m Höhe der Ötztaler Alpen, der Wissenschaftlern vertiefte Kenntnisse von Ausrüstung und Bewaffnung eines steinzeitlichen Alpenjägers vermittelt, gibt es viele weitere Anzeichen, daß die Alpen schon früh besiedelt waren. Jäger und Hirten drangen im Sommer auf Höhen weit über 2.000 m vor und überschritten Alpenpässe von über 3.000 m Höhe. Allerdings war damals die Waldgrenze ca. 700 m höher als heute.

Diese alten Jäger, Hirten und Mineraliensucher haben Spuren hinterlassen; zum Beispiel Tausende von Felszeichnungen, die von den vielen Gipfelstürmern, die jedes Jahr die Alpen besuchen, meist wenig beachtet werden. Auch die deutschsprachige Literatur über Felszeichnungen ist spärlich.

Man kann sich eigentlich nur wundern, wie wenig bekannt solche interessanten Plätze sind. So ist zum Beispiel der Pfad im Rofangebirge von der Guffert-Hütte (Ludwig-Aschenbrenner-Hütte, 1.475 m) zum Guffert ein viel begangener Weg. Nur wenige Gehminuten abseits vom Pfad befindet sich eine vorrömische (vermutlich etruskische) Inschrift, von der nur wenige Bergwanderer wissen. Wer davor steht, fragt sich staunend, zu welchem Zweck wohl an dieser abgelegenen Stelle eine handwerklich so gut ausgeführte Inschrift in den Fels gemeißelt wurde. So lange diese etruskische Schrift noch nicht übersetzt werden kann (man kennt zwar die Buchstaben, aber nicht die etruskische Sprache), darf man raten, was sie bedeuten mag.

Österreichische Felsritzzeichnungen sind häufiger als zumeist angenommen und kommen vorwiegend in den Bundeländern Oberösterreich (Totes Gebirge) und Salzburg vor:

Oberösterreich: Höll am Warscheneck,

Salzburg: Dürrnberg bei Hallein und Ofenauerberg bei Golling,

Steiermark: Notgasse im Kammergebierge, Ennstal,

Tirol: Steinberg mit rätischen Inschriften und Symbolzeichen.

Die Tatsache, daß auch Felsinschriften aus römischer, bzw. rätischer Epoche vorkommen, legen ein zumindest frühgeschichtliches Alter eines Teiles der österreichischen Felsritzungen nahe. Zweifellos sind viele Darstellungen ihrem Typ nach alt bzw. altertümlich, doch ist in vielen Fällen ein hohes „chronologisches Alter” nicht gut denkbar: stellenweise splittern die Steinflächen durch Frost sukzessive ab, so daß dort alte Ritzungen schon verschwunden sein müßten. Viele im Duktus ähnliche Haus- und Hofmarken sowie Jahreszahlen aus dem 17. – 20. Jahrhundert (zusammen mit politischen Symbolen der Neuzeit) legen nahe, daß Zeichenfelsen in der Nähe von Saumpfaden, Almwegen, Schmuggler- und Wilderersteigen usw. auch in den letzten Jahren ihren „Auffordrungs-Charakter” bewahrt haben.

Zitiert aus: Hans Biedermann „Lexikon der Felsbildkunst”, VfS, Verlag für Sammler, Graz, 1976

Vorzeitliche Alpenbewohner

An vielen Plätzen der Alpen gibt es Felszeichnungen, die die Anwesenheit vor- und frühgeschichtlicher Alpenbewohner belegen. Einige sind den Einheimischen seit Jahrhunderten bekannt; manchmal wurden sie auf Teufel, Hexen oder Heiden zurückgeführt. Von Wissenschaftlern wurden sie lange Zeit wenig beachtet, da man sie für Spielereien von Hirten hielt, die ihre Langeweile damit vertrieben hatten.

Erst seit dem 19. Jahrhunderts finden solche Felsgravierungen steigende Beachtung. Seither wurden ungefähr dreihunderttausend prähistorische Figuren entdeckt, welche aus sieben Jahrtausenden der Besiedlung der Alpen erzählen. Zum großen Teil waren diese eingeritzten Figuren unter Erde und Moos versteckt, und man geht davon aus, daß noch weitere der Entdeckung harren. Die wichtigsten Fundstätten sind der Monte Bego und das Camonica-Tal. Nördlich der Alpen sind vergleichbare Felszeichnungen zur Zeit erst wieder bei Tanum (Bezirk Bohuslän, Schweden) bekannt. Auf der Südseite der Alpen nennt der (Felszeichnungs-)Forscher Asilio Priuli 42 Fundstätten. Sein auch in deutscher Sprache veröffentlichtes Buch (4) beschränkt sich vorwiegend auf italienischsprachige Gebiete. Dort gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Zeichnungen: Menschen, Tiere (Hunde als Jagdgenossen!), Häuser, Symbole, Geräte, Reiter, kämpfende Krieger, Pläne von Siedlungen und mehr aus vielen Jahrhunderten. Die ältesten gefundenen Felsritzungen werden auf ca. 5.000 v. Chr. geschätzt. Es gibt steinzeitliche, bronzezeitliche und eisenzeitliche Inskriptionen, sowie vereinzelt etruskische Inschriften. Im ersten Jahrhundert nach Christus geht die Epoche der „Steinzeichner” zu Ende, möglicherweise infolge der römischen Eroberung auch der letzten abgeschiedenen Gebirgstäler. Aus christlichen Zeiten gibt es nur noch vereinzelte Darstellungen, zum Beispiel von Kreuzen und Kirchen – vielleicht als „Gegenzauber” gegen die „heidnischen”, in die Felsen eingeritzten Figuren.

Nationalpark der Felszeichnungen

Ein in den letzten Jahrzehnten erschlossenes Gelände, in dem sich an verschiedenen Stellen Tausende von teilweise sehr gut erhaltenen Felszeichnungen finden, ist das Camonica-Tal, zwischen Iseo-See und Tonale-Paß (Provinz Brescia, Italien). Dort entstand ab 1955 ein Nationalpark der Felszeichnungen, der ebenso wie Tanum von der Unesco in den Rang eines Weltkulturerbes erhoben wurde. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, beginnt seine Besichtigung am besten in Capo di Ponte im „Museo Didattico d’Arte e Vita Preistorica”, wo Ausilio Priuli, einer der besten Kenner, sein Wirkungsfeld hat. Dann besucht man die Naturparks Naquane (Zufahrt vom nördlichen Ortsausgang von Capo di Ponte) und Fope di Nadro (beim Ort Nadro, zum dem wenige Kilometer südlich von Capo di Ponte eine Straße abbiegt). Wer an diesen beiden wichtigen Plätzen noch nicht genug gesehen hat, kann sich an Hand der in den Museen erhältlichen Informationen für seine Nachforschungen weitere Fundstellen auswählen, die im gesamten Camonicatal verstreut sind.

Ein magischer Berg

Bei Capo di Ponto, unterhalb des Pizzo Badile Camuno (2435 m), gibt es in dem zum Nationalpark erklärten Gelände eine außerordentliche Fülle von Felszeichnungen, und man fragt, warum sich die Felsenbilder gerade hier so sehr gehäuft finden.

Eine Vermutung Priulis sieht den Grund in einem seltsamen Phänomen des Pizzo Badile Cammuno: Zweimal in Jahr, zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche, wirft dieser Berg an wenigen Tagen bei Sonnenaufgang einen beeindruckenden Schatten hinauf auf das Firmament. Es handelt sich um eine Erscheinung, wie sie nur bei wenigen Bergen, und meist nicht so ausgeprägt, bekannt ist. Hat dieser „magische Schatten” die frühen Bewohner des Camonica-Tales so beeindruckt, daß sie am Fuß des außergewöhnlichen Berges ihre Kulte zelebrierten und ihre Erfahrungen und Erlebnisse auf Felsen zeichneten? Um die Wunder des Tales an diesem ausgezeichneten Ort vollständig zu machen, ist – ebenfalls zur Tag- und Nachtgleiche – mit Glück für wenige Sekunden an dem gegenüberliegenden Monte Cocarena bei Sonnenuntergang ein Lichteffekt zu sehen, wie es ihn ebenfalls nur an wenigen Scharten zu sehen gibt, und schon gar nicht zu diesem Datum. Grund genug für die Steinzeitjäger, an einen magischen Ort zu glauben, der mit dem Transzendenten in Verbindung steht?

Neben der reizvollen Landschaft des Lago d’Iseo, wo man baden und in den Bergen der Adamellogruppe wandern kann, bietet das Camonicatal mehrere kleine, doch interessante prähistorische Museen, und besonders die in einmaliger Fülle zu findenden Felszeichnungen. Durch die Nationalparks, voran Naquane und Fope di Nadro, sind die die Zeichnungen für jedermann leicht zugänglich. Jeden Tag kommen Busse, voll mit italienischen Schulklassen, um die interessanten Schilderungen des vor- und frühgeschichtlichen Lebens im „Museo Didattico d’Arte e Vita Preistorica” (leider nur auf Italienisch) in Capo di Ponto, und die Sehenswürdigkeiten im „Parco Nationale delle Incisioni Rupestri” zu erleben. Trotz dieses Andranges ist die touristische Erschließung in und um Capo di Ponte noch nicht ausgereizt, so daß man sich während der Hauptsaison wahrscheinlich ein Quartier in der Nähe des Lago d’Iseo, zum Beispiel in Boaria Terme (nicht weit von Ponte di Capo) sucht. Viel Spaß!

Monte Bego

Berühmte Fundstätte vorgeschichtlicher Felszeichnungen im äußersten Südwesten des Alpenraumes, nördlich von Monaco gelegen. Der eigentliche Monte Bego ist 2872 m hoch, der um ihn gelagerte Felsbilderbezirk liegt in einer Höhe von 2.300 – 2.500 m und ist 8 Monate im Jahr mit Schnee bedeckt. Der wichtigste Fundplatz ist das „Tal der Wunder” (Val des Meveilles), eine Zone von Platten und Blöcken, die mit etwa 40.000 Einzelbildern geschmückt sind. Spuren von Wohnstätten fand man in diesen Höhen nicht, also nimmt man an, daß die ganze Zone das Ziel von Wallfahrten war und die Felszeichnungen als „Votivbilder” zu gelten haben.  (Zitiert aus: Hans Biedermann, „Lexikon der Gelsbildkunst”, VfS, Verlag für Sammler, Graz, 1976)

Literatur:

(1) Hickisch, Burkhard/Spieckermann, Renate: „Ich war Ötzi”, Herbig, München, 1994

(2) Licht, Hans-Georg: „Meine Begegnung mit Ötzi”, Schardt, Oldenburg, 1998

(3) Mündl, Kurt: „Der Ötztal-Mann”, Styria, Graz, 1999

(4) Priuli, Ausilio: „Felszeichnungen in den Alpen”, Benzinger, Zürich/Köln, 1984

(5) Priuli, Ausilio: „Il Mondo dei Camuni”, Museo d’Arte e Vita Preistorica, Capodiponte, 1995

(6) Spindler, Konrad: „Der Mann im Eis”, Goldmann, München, 1993