Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Auf Umwegen zum Erfolg

(Veröffentlicht in GralsWelt 44/2007) 

Auf Umwegen zum Erfolg                             

Robert Fulton und der lange Weg zum Dampfschiff

Vor ziemlich genau 200 Jahren, am 17. August 1807, wurde ein Wendepunkt in der Schifffahrt eingeleitet: Ein von Robert Fulton (1767-1815) entwickeltes, dampfbetriebenes Schiff startete zu seiner Jungfernfahrt. Siegfried Hagl faßt zum Anlssß dieses Jubiläums ein großes Kapitel in der technologischen Entwicklung zusammen: die merkwürdige Geschichte der Dampfschifffahrt.

Fultons Dampfschiff, die von einer Watt-Dampfmaschine von 20 PS getriebene „Clermont”, konnte 50 Personen und 160 Tonnen Ladung befördern und lief 4,6 Knoten (8,5 km/h). Gegen den Strom brauchte sie 32 Stunden für die zu bewältigenden 240 km von New York nach Albany. Mit dieser Leistung wurde sie zum ersten kommerziell erfolgreichen Dampfschiff.
Als Schönheit empfanden Zeitgenossen das Wunderschiff allerdings nicht. Kessel, Maschine und Schornstein wurden als „roh, schwerfällig und ungewöhnlich furchtbar” beschrieben. „Die Seitenräder waren von plumper Gestalt, unbedeckt und mit ungeheueren Schaufeln versehen, die an ihrem Platz durch einen Ring halbwegs zwischen Achse und Umfang gehalten wurden und das Deck bei jeder Umdrehung bespritzten …” (3, S. 147)
Am Tag der Probefahrt wartete am Ufer eine johlende Menschenmenge auf das Scheitern von „Fultons Narrheit”. Der Spott schlug aber in Jubel um, als die Clermont mit qualmendem Schornstein zügig stromaufwärts strebte und schließlich hinter einer Flussbiegung entschwand.
Das Zeitalter der Dampfschifffahrt hatte begonnen.

Der lange Weg zum Dampfschiff
In den Chroniken finden sich die Namen etlicher Erfinder, die ein Boot mit Dampfkraft antreiben wollten. Schon Denis Papin (der Erfinder des Autoklaven, 1647-1712) soll den Bau eines dampfgetriebenen Schiffes geplant haben, das nicht verwirklicht werden konnte . Als dann die ersten Dampfmaschinen zufriedenstellend funktionierten, war ihr Einsatz auf Schiffen eigentlich naheliegend.
Im Jahr 1775 sprach zum Beispiel der Amerikaner Benjamin Franklin (1706-1790) über die Möglichkeit, ein Schiff mit Dampfkraft anzutreiben. In Frankreich bauten verschiedene Erfinder wie Perrier und Jouffroy Dampfboote. In England entwarf William Symington (1764-1831) im Jahr 1788 ein funktionierendes Versuchsboot, und im Jahr 1802 zog ein von ihm gebauter Dampfschlepper, die Charlotte Dundas, zwei Schleppkähne mit je 70 Tonnen Wasserverdrängungen in sechs Stunden mehr als 30 Kilometer weit. Die Befürchtung, daß solche Schleppzüge durch zu starke Bugwellen die Kanalufer beschädigen könnten, führte zum Verbot ihres Einsatzes auf künstlichen Wasserstraßen.
In den USA baute 1786 John Fitch (1743-1798) ein Dampfboot mit einem Heck-Schaufelrad, das nicht richtig funktionierte. Dann versuchte er es mit dampfgetriebenen Rudern. Ein damit ausgerüstetes Boot fuhr auf dem Deleware im Sommer 1790 regelmäßig von Philadelphia (Pennsylvania) nach Trenton. Da die Kosten größer waren als die Einnahmen, wurde der Betrieb im Herbst eingestellt. Man darf davon ausgehen, daß der in Pennsylvania geborene Robert Fulton davon gehört, das Boot vielleicht sogar gesehen hat. Zuletzt entwarf Fitch noch ein in die Zukunft weisendes Boot mit Schraubenantrieb nach einem Prinzip, das der Schweizer Mathematiker Daniel Bernoulli (1700-1782) schon 1752 erfunden hatte. Patentstreitigkeiten und Geldmangel trieben den glücklosen Fitch zuletzt in den Selbstmord.

Auf Umwegen zum Erfolg
Robert Fulton war ein Künstler, der – aus Nordamerika kommend – ab 1787 in London als Maler arbeitete und 1797 nach Frankreich übersiedelte. Er war an der Mechanik interessiert und hatte viele Ideen, die keine kommerziellen Erfolge wurden. So erfand er zum Beispiel eine Marmorsäge, einen Kanalbagger, vorgefertigte eiserne Brücken, Unterwasserminen, ein Tauchboot und manches mehr. Dabei hatte er das für einen Erfinder seltene Glück, vermögende Freunde zu finden. Diese ermöglichten ihm, sich der Mechanik zu widmen und einige Ideen auch praktisch umzusetzen.
Zunächst wollte Fulton ein Unterseeboot entwickeln, das zusammen mit den von ihm erfundenen Unterwasser-Minen (Vorläufern des Torpedos) in der Lage sein sollte, die englische Flotte auszuschalten. Tatsächlich gelangen am 13. Juni 1800 auf der Seine mit der „Nautilus” zwei erfolgreiche Tauchgänge von je 20 Minuten. Bei Erprobungen in Cherbourg im September des gleichen Jahres konnte die Nautilus sogar stundenlang unter Wasser bleiben. Als Kriegsschiff war sie jedoch unbrauchbar, da eine Unterwasser-Navigation nicht möglich war. Danach förderte die französische Regierung das Projekt nicht weiter.
Am 9. August 1803 fuhr dann ein von Fulton konstruiertes Dampfschiff auf der Seine; doch gelang es nicht, das Interesse Napoleons zu wecken, der Wege für eine Invasion in England suchte. Die schlechten Erfahrungen mit der Nautilus schreckten ab, und die Leistungen des Dampfbootes waren zu gering: Es fuhr einige Meilen auf einem ruhigen Fluss, nicht vergleichbar der rauen See auf dem Ärmelkanal. Doch um diesen ging es ja. Denn um England zu erobern, mußte die französische Armee gegen den Widerstand der englischen Flotte den Kanal überwinden. Und dazu schienen Dampfboote noch bei weitem nicht geeignet.
Im Mai 1804 machte der englische Geheimdienst dem amerikanischen Erfinder ein verlockendes Angebot: Fulton sollte nach England kommen und dort sein Tauchboot und seine Minen weiterentwickeln. Der kurzlebige Friede von Amiens (März 1802) war zu Ende, und die englische Regierung wollte sicher gehen, daß keine neue Waffe von überraschender Wirkung in die Hände des gefürchteten Herrschers der Franzosen geriet.
Als Amerikaner hatte Fulton keine patriotischen Vorbehalte; er war bereit, Engländern wie Franzosen zu dienen, sofern der Preis stimmte.
Im Sommer 1804 konnte Fulton durch einen Versuch an einem Beuteschiff beweisen, daß seine Unterwasserminen in der Lage waren ein Schiff zu versenken. Doch es war zu schwierig solche Minen an ein gegnerisches Schiff heranzubringen, und die Versuche wurden eingestellt.
Finanziell saniert, kehrte Fulton 1806 in die USA zurück, wo er ein Dampfboot bauen wollte. Dort traf er auf eine Aufbruchsstimmung, die auch die Entwicklung von Dampfschiffen beflügelte: Gerade war Meriwether Lewis (1774-1809) von seiner Expedition zum Pazifik in den Jahren 1804 bis 1806 zurückgekehrt. Man erfuhr von den Weiten der unbesiedelten, bislang so gut wie unbekannten Landstriche und sah die Bedeutung der Wasserwege für die bevorstehende Erschließung des Westens. Der Erfinder Fulton war zu rechter Zeit am richtigen Ort und hatte den Erfolg, der vielen vor ihm versagt geblieben war.

Fehlender Weitblick des großen Korsen?
Oft wurde darüber diskutiert, ob Napoleon mit Hilfe von Dampfschiffen in der Lage gewesen wäre, England zu erobern. Immer wieder wird auch kolportiert – nicht nur von Karl May – daß Napoleon den Unterschied zwischen Dampf und Rauch nicht verstand, und bei einer Audienz zu Fulton spöttisch gesagt habe: „Mit Zigarrenrauch wollen Sie ein Schiff treiben?”
Wahrscheinlicher ist, daß Napoleon sich auf das Urteil einer Kommission das „Institute National” verließ, das sich vielleicht zu sehr am Fehlschlag der Nautilus orientierte. Dieser Kommission waren einige Meilen auf einem ruhigen Fluss entschieden zu wenig, um darauf zu vertrauen, daß sich mit einem solchen Boot auch die kabbelige See des Ärmelkanals überwinden ließ. Man glaubte, die Erfindung käme „zu spät, um das Angesicht der Welt zu verändern”. Aus heutiger Sicht bestand im Jahre 1803 die Möglichkeit, bei entschiedenem Einsatz aller verfügbaren Kräfte, innerhalb weniger Jahre Dampfschiffe zu bauen, die den Kanal überqueren konnten. Hat Napoleon – wie Karl May meint – diese nicht genützte Chance erst nach seinem Untergang erkannt?
Ob dampfgetriebene Schiffe schon zu Napoleons Zeiten bei idealem Wetter die englische Flotte überlistet und genug Truppen gelandet hätten, um England zu erobern, bleibt Spekulation. Jedenfalls entwickelte sich die Dampfschifffahrt schnell; besonders in den USA. Um 1840 waren allein im Stromgebiet des Mississippi 1000 Dampfboote im Einsatz. Die erste Überquerung des Atlantiks gelang der „Savannah” im Jahre 1819. Diese war allerdings noch ein Segler mit zusätzlichen, dampfbetriebenen Schaufelrädern. Obwohl der Brennstoff unterwegs ausging, wurde ein neuer Rekord von 25 Tagen für die Reise von Savannah (USA) nach Liverpool aufgestellt. (3, S. 149 f.)

Literatur:
(1) Hendrichs Franz, Der Weg aus der Tretmühle, VDI-Verlag, Düsseldorf 1966
(2) Landström Björn, Das Schiff, Bertelsmann, Gütersloh 1973
(3) Leithäuseer Joachim, Die zweite Schöpfung der Welt, Safari, Berlin 1957
(4) Oosten F. C. van, Dampfer erobern die Meere, Stalling, Oldenburg 1975
(5) Philip Cynthia O., Robert Fulton, Eigenverlag, Franklin Watts 1985
(6) Sale Kirkpatrik, The Fire of His Genius, Free Press, New York 2001
(7) http://home.arcor.de/fredrik.mathäei/NewYork/NY13.htm
(8) http://www.klaus-kramer.de/Schiff/Dampf/Hi1/DaHitop.html
(9) http://www.ulster.net/~hrmm/steamboats/fulton.html
(10) http://en.wikipedia.org/wiki/Robert_Fulton