Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Als eine Million Iren starben

(Veröffentlicht in GralsWelt 50/2008)

Die „Kartoffel-Hungersnot” – eine dramatische Warnung für heute
Zwischen 1845 und 1848 verhungerten eine Million Iren oder starben an Seuchen. Weitere eineinhalb Millionen wanderten auf Grund der untragbaren Zustände aus, das Land entvölkerte sich. Doch wirksame Hilfe aus dem reichen England blieb aus. Wie kam es zu diesem Drama? Bei näherer Betrachtung steckt hinter der „Potato Famine”, der Kartoffel-Hungersnot, eine schreckliche menschliche Neigung: Prinzipien wichtiger zu nehmen als Menschenleben. Ein Lehrbeispiel für die heutige Zeit.

Heute denkt man nur noch selten daran, dass in der Vergangenheit der Hunger zu den Erfahrungen gehörte, die so gut wie jede Generation – auch in Mitteleuropa – durchleiden musste. Meine Mutter erlebte zwei Lebensmittelkrisen, von denen ihr besonders die erste – im und nach dem Ersten Weltkrieg – bis ins hohe Alter in lebendiger Erinnerung blieb.
Krieg, Schädlingsbefall, Pflanzenkrankheiten, Unwetter, Dürre, Überschwemmungen brachten in fast jedem Jahrhundert Ernteausfall und Nahrungsmittelmangel. Meist war die Knappheit nur örtlich begrenzt, doch die Transportmittel reichten oft nicht aus, um die Notlage in einer Region mit den Überschüssen einer anderen auszugleichen.
Steht man heute in einem Supermarkt, dessen Regale von Lebensmitteln aller Art überquellen, dann scheinen solche Zeiten des Mangels endgültig überwunden. Neben diesen Discountern hängen aber manchmal Plakate, die zu Spenden aufrufen, um den Hunger in armen Ländern der „Dritten Welt” zu lindern. Diese Appelle an die Mitmenschlichkeit sind nötig, denn das Leid fremder, weit entfernt weilender Menschen berührt uns oft nicht. Wie weit diese Gleichgültigkeit in einem christlichen Land gehen kann, das stolz ist auf seine Geschichte, seine alten demokratischen Traditionen, seine Humanität und seine richtungweisenden Wirtschaftstheorien, zeigt das folgende drastische historische Beispiel.

Ein ausgebeutetes, vernachlässigtes Land
Im 19. Jahrhundert war Irland – als Teil von Großbritannien – ein unglückliches Land. Angeregt durch die französische Revolution, hatte es verschiedene, teils gewaltsame Unabhängigkeitsbestrebungen gegeben. Da die erhoffte Unterstützung durch französische Truppen ausblieb, schlugen diese Bestrebungen allesamt fehl und verschlimmerten die ohnehin schon miserable Situation Irlands.
Nach dem Sieg über das napoleonische Frankreich war Großbritannien zur führenden Weltmacht aufgestiegen. Das Land der grünen Insel gehörte zu drei Vierteln protestantischen englischen Grundbesitzern, die es von katholischen irischen Pächtern bearbeiten ließen.
Die Lage der Pachtbauern war elend. Ihre Parzellen waren klein, die Pacht hoch, so dass sie kaum ihre Familien durchbringen konnten. Für Verbesserungen fehlte den Bauern das Kapital und den Grundherren das Interesse. Zukunftshoffnungen gab es für einen Pächter kaum, außer das Ziel, in die USA auszuwandern, doch dafür reichte sein Geld in der Regel nicht.
Die Menschen Irlands wurden apathisch; die Männer zu aggressiven Trinkern, die Frauen gleichgültig und schmutzig, die Kinder kränklich.
Die irische Landwirtschaft war zum großen Teil von einem Produkt abhängig: Kartoffeln. Fruchtwechsel, gemischter Anbau, Sortenvielfalt, gezielte Düngung: Solche stabilisierenden Maßnahmen unterblieben – aus Geldmangel oder Unwissenheit. Wie lange konnte diese Abhängigkeit von einer Monokultur gut gehen?
Monokulturen bergen Risiken, seit es die Landwirtschaft gibt. In Irland stammten damals alle angebauten Kartoffeln von den gleichen Vorfahren aus Zentralamerika ab, hatten also eine schmale genetische Basis. Gelingt es Krankheiten oder Schädlingen, die Schutzbarrieren dieser Monokultur zu durchbrechen, so gibt es kein Halten mehr, und die Ernte des gesamten Landes ist in Gefahr.
Bemerkenswert scheint in diesem Zusammenhang, dass heutige Gentechnik-Konzerne die Saatproduktion voll industrialisieren wollen und dazu – trotz der dramatischen Erfahrungen aus der Geschichte – bewusst das Risiko einer zu schmalen genetischen Basis eingehen. Die Konzerne verlassen sich darauf, dass die Wissenschaft Schädlingen oder Pflanzenkrankheiten immer einen Schritt voraus sein würde, so dass ein – im Extremfall weltweiter – Ernteausfall einer wichtigen Nahrungspflanze nicht zu befürchten sei.

Die amerikanische Kartoffelpest
Im Jahr 1844 vernichtete eine bis dahin unbekannte Pflanzenkrankheit in den USA große Teile der Kartoffelernte. In England erfuhr man davon zwar, hielt diese Nachricht aber für belanglos. Mochten die ungeliebten Amerikaner zusehen, wie sie mit der Kraut- und Knollen-Fäule fertig wurden.
In Irland wusste man von diesem Problem in fernen Amerika wenig oder nichts; man baute wie eh und je vorwiegend Kartoffeln an. Anscheinend mit bestem Erfolg, denn noch im Sommer 1845 deutete alles auf eine Rekordernte hin. Es hatte rechtzeitig und ausreichend geregnet; anschließend war es trocken und heiß; die Kartoffeln gediehen prächtig. Dann aber wurden die berüchtigten irischen Wetterkapriolen ihrem schlechten Ruf wieder einmal gerecht. Nebel und Kälte hüllten das Land ein, gefolgt von Dauerregen. Felder wurden überflutet, Vieh erkrankte, Menschen litten. Die Kartoffelpflanzen befiel fast überall die „Potatoe Blight”, sie begannen zu faulen.
Nach heutigem Kenntnisstand ist der Erreger der Kartoffelpest ein Sporenpilz (Phytophtora infestus) der sich, besonders bei Feuchtigkeit, rasch ausbreiten kann. Wahrscheinlich wurde er mit einer Schiffsladung aus Amerika eingeschleppt. Damals wusste man in Irland keinen Rat gegen die Fäulnis, man suchte die Ursache in der Kälte und im verregneten Sommer … und unternahm zunächst nichts.

Zornige Getreidebauern gegen hungernde Iren
Im Herbst 1845 war nicht mehr zu übersehen, dass Irland eine Hungersnot bevorstand. Zeitungen berichteten von den dramatischen Ernteausfällen. Traditionell spricht man von einer Nahrungsmittelkrise, wenn 50 Prozent der Ernte ausfallen, in Irland verfaulten damals aber 90 Prozent der Kartoffeln!
Auch das Parlament in Westminster diskutierte die Situation. Premierminister Robert Peel initiierte ein Notprogramm unter der Leitung von Charles Trevelyan. Für 185.000 Pfund Sterling wurden Mais und Hafer gekauft, Nahrungsmitteldepots eingerichtet, Lebensmittel zu Marktpreisen (aber keinesfalls kostenlos) abgegeben. Das half, die Hungersnot zu mildern und die befürchtete Explosion der Lebensmittelpreise zu stoppen.
Im Kabinett in London gab es Streit um diese Hilfslieferungen. Versuche, Getreideeinfuhren in Notgebiete zu erleichtern, erregten den Zorn der englischen Getreidebauern; die Regierung spaltete sich, und Peel bot seinen Rücktritt an. Im August 1846 kam es zum Regierungswechsel. Die liberale Whig-Regierung unter Premierminister Lord John Russel verabscheute Eingriffe in den freien Markt und wollte vermeiden, dass „sich die Iren auf Dauer auf die Hilfe der englischen Regierung verlassen”.

Die Reichen verlassen das Land, die Armen hungern
Für Irland wurde 1846 zu einem Katastrophenjahr. Sintflutartige Regenfälle überschwemmten das Land, die Kartoffelpest schlug erneut zu, und die Ernte fiel fast ganz aus. Die reichen Grundbesitzer hatten Irland längst verlassen, und die armen Pächter hatten kein Geld.
Arbeitslose konnten sich bei öffentlichen Arbeitsprogrammen des Nötigste verdienen. Doch auch diese gut gemeinten Regierungsprogramme halfen nur einem Teil der Bedürftigen. Die Bürokratie war schwerfällig und umständlich, die ohnehin schon geringen Löhne wurden oft mit Verspätung ausbezahlt, und nicht jeder Notleidende konnte berücksichtigt werden. Pächter, die mehr als ein Viertel Acre Land bewirtschafteten (1 Acre = 0,4047 Hektar = 4047 Quadratmeter), waren von dieser Einkommensquelle ausgeschlossen. Sie mussten ihre geringe Getreideernte verkaufen, damit sie die Pacht bezahlen konnten. Denn ein Pächter, der nicht zahlte, hatte seine Parzelle umgehend zu verlassen und verlor damit auch seine bescheidene Unterkunft. So wurden 1846, am Höhepunkt der Hungersnot, viele Tausend Tonnen Getreide aus Irland exportiert. Als die Iren den Getreideexport stoppen wollten, entschied Freihandels-Fetischist Trevelyan, daß ein Exportverbot nicht in Frage komme, denn der „freie Handel” wäre der richtige Weg! Dieses Dogma des „freien Handels” diente etwa zur gleichen Zeit übrigens auch für die Rechtfertigung des Opiumkrieges (vgl. GralsWelt 7, Seite 55).
Schließlich waren die Behörden doch gezwungen, kostenlos Lebensmittel abzugeben und Suppenküchen einzurichten. Am Höhepunkt der „Potato Famine”, der Kartoffel-Hungersnot, waren über drei Millionen Menschen auf öffentliche Arbeitsprogramme oder Suppenküchen angewiesen, die vermutlich Hunderttausende vor dem Verhungern bewahrten, die Katastrophe aber nur lindern konnten.

Zur Hungersnot kamen Typhus und Cholera
Es folgte das Jahr 1847, von den Iren „Black ’47” genannt: Der Sommer fing gut an, doch dann kamen Seuchen: Typhus, Fleckfieber und Ruhr rafften Tausende vom Hunger Geschwächter dahin. Ganze Landstriche wurden entvölkert. Hunderttausende kratzten ihre letzten Ersparnisse zusammen und versuchten, in die USA zu entkommen; auf Auswandererschiffen, in denen katastrophale Zustände herrschten.
Die Daheimgebliebenen konnten oft die Pacht nicht bezahlen. Allein 1847 verloren eine halbe Million Pächter ihre Parzellen. Noch heute kann man Ruinen damals verlassener Häuser finden.
Im Jahr 1848 gab es vereinzelt Aufstände, doch eine Revolution wie in anderen europäischen Ländern blieb aus – die Iren waren für einen ernsthaften Widerstand zu erschöpft. Dann kam es noch schlimmer: Vermutlich durch einen Seemann gelangte die asiatische Cholera ins Land. Sie diente den Behörden als willkommene Ausrede, dass weitere Hilfe nun unmöglich sei.
Erst Mitte 1849 flaute die Cholera-Epidemie ab, im Herbst dieses Jahres war die Kartoffelernte endlich wieder gut, wenngleich niemand wusste, warum. Im Europa der Neuzeit ging damit die größte Hungersnot in Friedenszeiten zu Ende.
In Irland hatte es in fast jedem Jahrhundert eine oder mehrere Nahrungsmittelkrisen gegeben. Zwischen 1739 und 1740 verhungerten etwa 300.000, von 1816 bis 1818 zirka 65.000 Menschen. Doch niemals hatte es eine Hungerkatastrophe von einem solchen Ausmaß gegeben wie in den Jahren 1845 bis 1848.

Eine Million Iren sterben, das Land wird menschenleer
Von gut 8 Millionen Einwohnern waren über eine Million verhungert beziehungsweise an Seuchen gestorben. Weitere 1,5 Millionen Menschen waren ausgewandert. Weite Teile Irlands waren menschenleer. Strengere Einwanderungsbestimmungen der USA, die zum Beispiel Erkrankte ausschlossen, bremsten die Auswanderungswelle. Doch Irland blieb ein Auswanderungsland, das in kommenden Jahrzehnten noch mindesten 5 Millionen seiner Einwohner verließen. Als einziges europäisches Land hat Irland heute weniger Einwohner (ca. 3,9 Millionen) als um 1840 (ca. 8,2 Millionen).
Das ohnehin sehr gespannte Verhältnis zwischen Engländern und Iren hatte sich durch die Hungersnot weiter verschlechtert, und es dauerte Jahrzehnte, bis Irland sich erholen konnte. Der Hass auf die Politiker, die für die unterbliebene Hilfeleistung Verantwortung trugen, ist noch nicht abgeklungen. Aus irischer Sicht hatte sich die Regierung des reichsten Landes der Welt geweigert, hungernden Mitmenschen im eigenen Staat zu helfen. Das in einer Zeit der beginnenden Weltwirtschaft, als es Dampfschiffe und Eisenbahnen gab, und die „Bank of England” über fast unbegrenzte Mittel verfügte.
In Irland lebt die „Potatoe Famine” in Volksbräuchen und Legenden weiter.

Vorsätzlicher Völkermord oder inhumane Utopien?
Verschiedene Historiker haben der britischen Regierung schwere Verfehlungen unterstellt, die Millionen Iren dem Hungertod auslieferten. Angeblich verweigerten Politiker, weil sie die Iren hassten, die nötige Hilfe; sogar Vergleiche mit Bergen-Belsen, einem Konzentrationslager nördlich von Celle in der Lüneburger Heide, wurden gezogen.
Um die unzureichende Hilfe einer zögerlichen Regierung anzuprangern, bietet sich ein Blick auf die Kosten an – ein Vergleich, der heute genauso aktuell ist wie im 19. Jahrhundert: Der britische Beitrag zur Linderung der Hungersnot betrug nur 7 Millionen Pfund, das war weniger, als die Iren selbst aufbrachten. Demgegenüber betrugen die Verteidigungsausgaben Großbritanniens pro Jahr 16 Millionen Pfund; der Krim-Krieg (1854-1856) kostete 69,3 Millionen Pfund (Quelle: Vaughan W. E, A New History of Ireland Vol. V, Clarendon, Oxford 1989, S. 328)
Vermutlich geht es zu weit, den Verantwortlichen vorsätzlichen Völkermord zu unterstellen. In einer zusammenfassenden Beurteilung der Ereignisse kommen Historiker aber zu einer Schlussfolgerung, aus der sich Lehren für die heutige Zeit ziehen lassen. Im Buch „A New History of Island” von W. E. Vaughan kann man lesen: „Russel [Anm.: Lord John Russel, 1792-1878), Premierminister von 1845-1851], Wood [Anm.: Sir Charles Wood, 1800-1885, Schatzkanzler von 1846-1852] und Trevelyan [Anm.: Charles Trevelyan, 1807-1886, stellvertretender Schatzkanzler] waren durchaus verantwortungsbewusste, gewissenhafte Männer. Allerdings führten sie ihre ökonomischen Überzeugungen hoffnungslos in die Irre. Sie waren von der schrecklichsten und verbreitetsten aller menschlichen Krankheiten ergriffen: Dem Glauben, dass Prinzipien und Doktrine wichtiger sind als Menschenleben. Sie meinten, dass Regeln, erfunden von Ökonomen, genauso real sind wie die Kartoffel-Fäule.” (Quelle: Vaughan W. E, A New History of Ireland Vol. V, Clarendon, Oxford 1989, S. 330)
Solche Ideologie-Hörigkeiten bestimmen nicht selten historische Entscheidungen – von den Kreuzzügen bis zur Globalisierung. Im 20. Jahrhundert waren es die inhumanen Utopien des Bolschewismus, Faschismus, Nationalsozialismus, Maoismus, die viele Millionen Menschenleben rigoros ihren Politprogrammen opferten.
Heute befürchte ich, dass unsere Politiker wieder von dieser „schrecklichsten und verbreitetsten aller menschlichen Krankheiten” ergriffen sind, wenn sie sagen, dass Globalisierung, Privatisierung, Deregulierung, freier Waren- und Geldverkehr usw. mit der Zuverlässigkeit von Naturgesetzen Wirtschaftswachstum, Freiheit und Wohlstand für alle bringen werden. Sie verschreiben sich damit der nächsten Utopie, dem nächsten Großversuch mit fraglichem Ergebnis.

Literatur:
Durschmied Erik, Als die Römer im Regen standen, Lübbe, Bergisch Gladbach 2002
Hollis Daniel Webster, The History of Ireland, Greenwood Press, London 2001
Woodham-Smith Cecil, The Great Hunger, Hamish Hamilton, London 1962

Internet-Links:
Gentechnik und Welternährung:
http://www.dreigliederung.de/news/02062000html