Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Als Archimedes „die hehre Mathematik beschmutzte“

Ideologie oder Experiment? Lange Zeit galt das heute maßgebliche Experiment als eines Wissenschaftlers unwürdig. Im „reinen Denken“ sollte zur Erkenntnis gefunden werden. Als Forscher wie Archimedes oder später der Physiker Ohm es wagten, herrschenden Lehrmeinungen ihre Versuchsergebnisse entgegenzustellen, stießen sie auf Unmut …

Geringschätzung des Experiments

Wer nach den bedeutendsten Wissenschaftlern der Antike fragt, der wird den Namen Archimedes (ca. 287–212 v. Chr.) hören. Ein Genie, das in Mathematik, Geometrie und Mechanik richtungweisende Erkenntnisse lieferte. Über ihn gibt es eine amüsante Anekdote, die – auch wenn sie nicht wahr sein sollte – die philosophisch geprägte Denkweise antiker Wissenschaftler veranschaulichen kann, die bis weit in die Neuzeit von Einfluss war und Jahrhunderte lang manchen Fortschritt behinderte:

Als junger Student am Museion zu Alexandria, mit seiner weltberühmten Bibliothek, beschäftigte sich Archimedes mit der Berechnung von Zylindern, Kugeln und Kegeln. Als seine mathematischen Ansätze nicht klappten, ließ er sich aus bestem Holz mit großer Genauigkeit Kegel, Halbkugeln und Zylinder drechseln, mit gleicher Grundfläche und gleicher Höhe. Durch Wiegen fand er, dass sich die Massen dieser Körper wie 1 : 2 : 3 verhalten. Dieses experimentell ermittelte Ergebnis für ein mathematisches Problem trug er den alexandrinischen Mathematikern vor. Darauf soll der Vorsteher der mathematischen Abteilung, der berühmte Euklid, den Antrag gestellt haben, den Archimedes von der Universität zu verweisen, da er die hehre Mathematik mit grober Materie beschmutzt habe. Archimedes selbst sah diese seiner Entdeckungen angeblich als so wichtig an, dass er auf seinem Grabstein Abbildungen dieser drei Körper mit den Zahlenangaben der entsprechenden Proportionen angebracht haben wollte.

Die griechischen Philosophen und Mathematiker waren überzeugt, dass sich die Natur am besten durch logisches Nachdenken ergründen ließe. Sie verachteten Experimente; denn diese erforderten handwerkliche Arbeit, die man damals als minderwertig erachtete und von Sklaven erledigen ließ.

Nun, das war vor fast 2.300 Jahren und scheint längst bedeutungslos. Doch in der Geschichte kann sich vieles wiederholen. Allem Anschein nach treten die gleichen Probleme immer wieder auf; allerdings meist in einem neuen Gewand, so dass die Parallelen oft nicht erkannt werden. Auch in der Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts gibt es ein berühmtes Beispiel für die Nichtanerkennung einer physikalischen Entdeckung aus ideologischen, philosophischen, autoritären Gründen:

Ohms „ordinäres Experimentieren“

Im Jahre 1827 veröffentliche Georg Simon Ohm unter dem Buchtitel „Die galvanische Kette …“ eine Zusammenfassung seiner Experimente zum elektrischen Widerstand. Hier findet sich das Ohm’sche Gesetz, das heutzutage jeder Schüler lernt. Ohm sollte erfahren, dass es nicht nur elektrische, sondern auch philosophische Widerstände gibt.

Ohm über sein frühes Los

„Was gilt schon das Ansehen eines Mannes im eigenen Land, wenn er, unvermögend und deshalb ungeliebt, still Ergebnisse vorweist. Man wird ihn ignorieren, solange herausgeputzte schwachsinnige Schwätzer das große Wort an unseren Akademien führen.“ Georg Simon Ohm (1789–1854)

An der Berliner Universität dominierte am Beginn des 19. Jahrhunderts die Philosophie Hegels mit einer Naturlehre, die nicht einmal die Erkenntnisse Newtons gelten lassen wollte.1 Auch die damalige physikalische Vorstellung vom elektrischen Widerstand – die heute kaum noch jemand kennt – war mit Ohms Versuchsergebnissen nicht vereinbar (2, S. 23). So wurden Ohms Arbeiten von der akademischen Welt zunächst durchweg abgelehnt.

Sogar Mathematiker der Universität München griffen Ohm an. Ganz ähnlich der oben geschilderten Denkweise Euklids warfen sie Ohm vor, er hätte „das hehre Gebiet ihrer Wissenschaft verlassen und sich an ordinäres Experimentieren gemacht“, und den angeblich einzig richtigen Weg auf den Kopf gestellt. Der ordentliche Professor für Experimentalphysik Silber sagte im Mai 1829: „Hat der Mathematiker vorerst die Erscheinung berechnet und für sie allgemeine Formeln gegeben, dann ist dem Experimentator der Weg, den er gehen soll, vorgezeichnet.“ (2, S. 5)

Heute gilt die Nichtanerkennung Ohms als eines der berühmtesten Beispiele für Vorurteile, die Neuerungen nicht gelten lassen wollen, das die Wissenschaftsgeschichte kennt.

Die Beständigkeit des Unsinns

In jedem Zeitalter und in jeder Nation ist Kultur das Erzeugnis einer kleinen Minderheit, zugleich ihr Vorrecht und ihre Verpflichtung. Der Historiker, der weiß, was für ein hartnäckiges Beharrungsvermögen jede Art von Unsinn hat, muss sich mit dem Gedanken abfinden, dass Dummheit und Aberglauben nie aussterben werden. Er kann nicht erwarten, dass aus einer unvollkommenen Gesellschaft vollkommene Staaten hervorgehen; er sieht ein, dass in jeder Generation nur ein Bruchteil der Menschen sich so weit von wirtschaftlichen Notwendigkeiten befreien kann, um genug Muße und Kraft zu finden, selbständig zu denken …“
Will Durant (1, S. 9)

Ein verspäteter Aufstieg

Die Abwertung seiner Arbeiten durch maßgebliche Universitäten bedeutete für Ohm, dass er keine Professur bekam und seinen Lebensunterhalt mit dem schlecht bezahlten Posten eines Mathematiklehrers an der Berliner Kriegsschule fristen musste. Erst als 1836 der Franzose Claude Servais Mathias Pouillet das Ohm’sche Gesetz nachentdeckte und die Priorität für sich beanspruchte, erinnerte man sich an Ohm. 1839 wurde er Rektor des Nürnberger Polytechnikums und dann 1852 ordentlicher Professor der Universität München. Auch Ehrungen blieben nicht aus. Von England wurde Ohm sogar die Copley-Medaille verliehen, die vor ihm als einziger Deutscher Carl Friedrich Gauß erhalten hatte. Im Jahr 1881 legte der internationale Kongress der Elektriker die Einheit des elektrischen Widerstandes fest: das Ohm. Die Benennung einer physikalischen Einheit nach ihrem Entdecker ist eine seltene Ehrung, wie sie nur wenigen Wissenschaftlern zuteil wird. Ein Denkmal Ohms steht heute im Hof der Technischen Universität München.

Die Natur auf der Streckbank?

Ohms Arbeit war einer von vielen Meilensteinen auf dem langen, schwierigen Weg von der antiken Mathematik und Philosophie über die mittelalterliche Bibelgläubigkeit und die neuzeitlichen philosophischen Vorurteile bis zur Anerkennung von Experimenten als „Fragen an die Natur“. Heute gilt als selbstverständlich, dass bei naturwissenschaftlichen Streitfragen das Experiment das letzte Wort hat. Allerdings gibt es Zweige der Naturwissenschaften – wie die Kosmologie –, die sich der experimentellen Nachprüfbarkeit weitgehend entziehen und deren Hypothesen daher nicht hinreichend absicherbar sind.

Doch auch die durch Versuche erlangten Ergebnisse, ebenso wie die davon abgeleiteten Theorien, sind nicht durchweg unumstritten. Manche Technikkritiker sind der Meinung, dass Experimentatoren nicht selten – zum Beispiel in der Biologie – mit Gewalt in die Natur eindringen wollen. Die Natur und ihre Lebewesen würden dabei auf die Folterbank gespannt. Die so gewonnenen Informationen wären demnach Antworten, die mit Hilfe von manchmal grausamen Experimenten aus gefolterten Delinquenten herausgepresst werden.

Einige Esoteriker hoffen, dass wir in nicht zu ferner Zukunft in der Lage sein werden, auf intuitiven Wegen Naturwesen direkt zu befragen, die uns dann den Rat wissender Freunde geben werden. Ein solcher, völlig neuartiger Zugang zum Naturverständnis könnte uns vor Irrwegen bewahren. Zum Beispiel vor einer nicht naturverträglichen Landwirtschaft, schädlichen genmanipulierten Lebensformen oder einer auf nichterneuerbaren Energieträgern aufgebauten, naturfeindlichen Energieversorgung.

1 Hegel kritisierte Newton, „weil dieser die Mathematik auf die Gravitation angewendet habe, ohne die Voraussetzungen des Überganges von der geistigen Mathematik zum sinnlichen Gegenstand physikalisch – und das heißt naturphilosophisch – begründet zu haben.“ (4, S. 100)

Literatur:

(1) Durant, Will, Kulturgeschichte der Menschheit, Band 16, Editions Recontre, Lausanne o. J.

(2) o. V., Georg Simon Ohm 1789–1989, Dokumentation, Erlangen 1989

(3) Kuhn, Thomas S., Was sind wissenschaftliche Revolutionen?, München 1981

(4) Schaffer, Ekkehard, Die pythagoreische Tradition, Böhlau, Köln 2004

(5) Wikipedia-Enzyklopädie, Artikel „Georg Simon Ohm“