Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Die Nordmänner – kühne Helden oder wilde Barbaren

Als unzivilisierte Barbaren bekanntgeworden, erfuhren die „nordischen Völker“ später eine gewisse Verklärung als furchtlose, freiheitsliebende Recken. Einer ihrer größten Draufgänger war der Tankred-Sohn Robert Guiscard, dessen verwegene Kriegserfolge zwar imponieren, der dabei aber auch auffallend skrupellos vorging. Sein Beispiel lässt das Sagenhafte, das seinen Landsmännern vielfach anhaftet, in einem nüchterneren Licht erscheinen.

Kriegerisches Germanentum

Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert stand in den nördlichen Ländern Europas das Germanentum hoch im Kurs. Voll Stolz wurde darauf verwiesen, wie die jungen, unverbrauchten „nordischen“ Völker (die eigentlich aus dem Osten kamen) mit ihrem frischen Mut das alternde, kraftlos gewordene Römische Reich in die Knie zwangen, um auf dessen Ruinen neue, in die Zukunft weisende Staaten zu errichten. Von da aus war es nur ein kleiner Schritt zu einem Rassismus, durch den sich die angeblichen Nachkommen der Alamannen, Angeln, Bajuwaren, Burgunder, Chatten, Cherusker, Friesen, Franken, Goten, Jüten, Langobarden, Markomannen, Normannen, Rugier, Sachsen, Semionen, Sueben, Vandalen, Wikinger usw. den nicht-germanischen Völkern überlegen dünkten.

Tatsächlich hatten barbarische Völker eine ihnen weit überlegene Kultur zerstört. Ihre dramatische Populationsdynamik zwang diese heidnischen Stämme aus den Weiten Asiens, auf der Suche nach Land in den Westen vorzudringen. Hier trafen sie auf ein durch Wirtschaftskrisen, Klimakapriolen, Seuchen und Kriege geschwächtes Reich, das nach Jahrhunderte langen Abwehrkämpfen zugrunde ging. Es dauerte dann ein Jahrtausend, bis in Mittel- und Nordeuropa – etwa zur Zeit des Barock – wieder ein zivilisatorischer Stand erreicht war, den das Römische Reich schon zu Christi Geburt hatte.

Die Helden aus der Zeit der Kämpfe gegen das Römische Reich wurden vielfach verherrlicht, in Wort und Bild, oder sie gaben Vorlagen zu Sagengestalten: Alarich, Arminius, Theoderich (Dietrich von Bern) und weitere.

Aus den Wirren der Völkerwanderung entstand das Frankenreich, das einen ersten Höhepunkt unter Karl dem Großen erreichte. Dieses erste Kaiserreich des frühen Mittelalters war von drei Seiten bedroht: durch den Islam, die Ungarn und die Wikinger.

In den wilden Zeiten des „finsteren Mittelalters“ und der Kreuzzüge gab es eine Fülle von herausragenden Abenteurern, Banditen, Heerführern, „Warlords“. Ebenso mutigen wie rücksichtslosen Kämpfern boten sich große Möglichkeiten; man möchte fast einen Vergleich anstellen mit den Konquistadoren des 16. Jahrhunderts in Mittel- und Südamerika! Aus dieser ebenso fragwürdigen wie inhomogenen Gruppe von Glücksjägern des frühen Mittelalters sticht eine Sippschaft von Brüdern hervor: die Tankred-Söhne.

Haudegen in Süditalien

Im 9. Jahrhundert ließen sich dänische Wikinger (Normannen genannt) an der Saine-Mündung nieder. Ihr Herzog Rollo erhielt nach seiner Taufe (912) vom französischen König die Normandie als Lehen. Im Jahre 1066 setzte Rollos Nachfahre, Wilhelm der Eroberer (1027–1087), über den Kanal, um England zu erobern. Es war die letzte Invasion der Insel, die seither von keinen äußeren Feinden mehr betreten wurde.

Vor der Unterwerfung Englands gab es für abenteuerlustige junge Männer, die in ihrem Wikingerblut die Kampf- und Raublust noch heiß empfanden, in der befriedeten Normandie wenig Gelegenheit, Ruhm zu erwerben. So zogen viele von ihnen nach Süditalien. Dort heuerten sie bei den sich gegenseitig bekämpfenden Herzogen an. Die normannischen Söldner fochten tapfer für oder gegen Benevent, Kapua, Neapel, Salerno. Bald waren sie zahlreich genug, um eigenständig zu operieren. Zum Anführer wählten sie den „Tankred-Sohn“ Wilhelm „Eisenarm“ (gestorben 1045/46).

Im Herzogtum Normandie lebte im 11. Jahrhundert der niedere Adelige Tankred von Hauteville. Er hatte zwölf Söhne von zwei Frauen. Seinen Besitz übertrug er um das Jahr 1035 dem vierten seiner Söhne (Gaufred oder Gottfried), die anderen forderte er auf, „dass sie sich außerhalb der Heimat das, was sie brauchten, mit Kraft und Verstand nähmen“ (2, S. 9). Die Abenteuer der Tankred-Söhne waren im 19. Jahrhundert vielfach Anlass zur Bewunderung. Auch der deutsche Dichter Heinrich von Kleist arbeitete an einem unvollendet gebliebenen Drama über den berühmtesten von ihnen: Robert Guiscard.

Zuerst gingen die beiden ältesten Söhne Tankreds, Wilhelm und Drogo, nach Unteritalien. Sie machten Karriere von einfachen Söldnern zu Kompanieführern und schließlich zu Grafen. Von diesen Erfolgen beeindruckt, folgten weitere Söhne Tankreds nach. Zuerst Humfred (um 1045), dann der heimatliche Erbe Gaufred, Robert, Malgerius, und schließlich der jüngste Sohn Roger. Diese Haudegen begründeten die normannisch-hautevillsche Dynastie, die bis zum deutschen Kaiser Friedrich II. (1194–1250) reichte, dessen Mutter Constanze von Sizilien eine Enkelin Rogers war.

Ein Räuber wird Herzog

Als Robert von Hauteville 1047 in Unteritalien eintraf, wurde er von seinem erfolgreichen Bruder Drogo nicht gerade freudig empfangen. Robert musste sich ein Jahr als Söldner verdingen, bis es ihm gelang, die kleine, hölzerne Burg Scribla in der malariaverseuchten Ebene von Sibari als Lehen zu empfangen. Allerdings durfte er hinzuerobertes Land behalten. So musste er als Straßenräuber anfangen, mit einer kleinen Gefolgschaft von entlaufenen Balkansklaven. Durch Raub, Erpressung von Lösegeld und eine günstige Heirat konnte dieser Bandenführer oder „Condottiere“ seinen Machtbereich schnell erweitern. Aus dieser Zeit stammt auch sein Spitzname „das Wiesel“.

Robert Guiscard wütet in der Schlacht bei Civitate

„Als Robert sah, dass die Feinde seinen Bruder hartnäckig bedrängten, stürzte er sich mit ungestümer Kühnheit auf die Feinde. Die einen durchbohrte er mit der Lanze, die anderen haute er mit dem Schwert zusammen. Er kämpfte mit beiden Händen. Dreimal vom Pferd geworfen, raffte er sich dreimal wieder auf und kehrte hitziger in den Kampf zurück. Raserei selbst treibt ihn an. So wie der Löwe, wenn er brüllend Tiere von geringerer Stärke wild angreift, rasend wird, wenn er auf Widerstand stößt, richtet sich seine Wut mehr noch gegen größere. Nun schont er nichts mehr. Keiner in dieser Schlacht hat als Sieger oder Besiegter so gewaltige Schläge ausgeteilt.“

Guillaume de Pouille, historischer Schriftsteller des 11./12. Jahrhunderts (2, S. 22, gekürzt)

Robert Guiscard war eine in jeder Beziehung herausragende Persönlichkeit: größer gewachsen als fast alle anderen, außerordentlich stark an Körper- wie an Willenskraft, mit blondem Haar und Bart schön anzusehen. Dazu goldgierig und freigebig, immer mutig, wenn es ihm nötig schien auch grausam, dazu besonders listig (Guiscard ist die altfranzösische Aussprache von „Wisshart“ was „Schlauberger“ bedeutet). Die ideale Sagengestalt!

Im Jahr 1051 fiel Graf Drogo einer Verschwörung zum Opfer, der dritte Hauteville-Bruder Humfred rückte als Anführer der Normannen nach. Dann ging Papst Leo IX. (1049–1053 im Amt) gegen die als Ungläubige gebrandmarkten (aber eigentlich längst getauften) Normannen vor. Es kam zu der für die Normannen in Italien entscheidenden Schlacht von Civitate (1053). Die päpstlichen Truppen wurden nach hartem Kampf von den zahlenmäßig deutlich unterlegenen Normannen geschlagen. Der Papst geriet in Gefangenschaft, wurde aber mit Ehrerbietung behandelt.

Nach Humfreds Tod im Jahre 1057 war der Weg frei für Robert Guiscard, der nun die Führung übernehmen und Süditalien erobern konnte. Im Jahr 1059 änderte Papst Nicolaus II. (1058–1061 im Amt) die Politik der Kirche. Der Realität entsprechend wurden die Normannen nun als christliche Verbündete anerkannt. Robert Guiscard – der als Räuber begonnen hatte – wurde als päpstlicher Lehensmann Herzog von Apulien und Kalabrien.

1061 schickte Robert Guiscard seinen jüngsten Bruder Roger (1031–1101) nach Sizilien. Diese Insel war neben Muslimen von zahlreichen Christen bewohnt, die arabischen Fürsten unterstanden. Die untereinander zerstrittenen Fürstentümer luden die Normannen zu einer Eroberung geradezu ein, die dann aber harter Kämpfe bedurfte. Die Vertreibung der Sarazenen1 aus Sizilien (bis 1091) und die Förderung des Christentums durch Roger fand den Beifall des Papstes Urban II. (1088–1099 im Amt), der Roger den Titel „Apostolischer Legat“ verlieh und damit die Vollmacht, Bischöfe einzusetzen. So entstand nach einigen Wirren schließlich das „Königreich beider Sizilien“, das neben der Insel große Teile Süditaliens umfasste.

Feldzug auf Feldzug – der „größte Condottiere“

Als 1071 Robert Guiscard den wichtigen Handelsplatz Bari eroberte, den letzten Stützpunkt des Oströmischen Reiches auf italienischem Boden, waren die Byzantiner empört. Sie hassten Robert Guiscard und machten auch dessen Lehensherrn – den Papst – für diesen schmerzlichen Verlust verantwortlich.

Der Graben zwischen der lateinischen Kirche des Westens und der griechischen Kirche des Ostens vertiefte sich. Schon im Jahr 1054 hatten sich ja der Patriarch Michael I. Kerularios in Konstantinopel und Papst Leo IX. in Rom gegenseitig exkommuniziert und damit das „große Schisma“ (morgenländisches Schisma) ausgelöst, das bis heute nachwirkt.

Nun träumte Robert Guiscard, der kein anderes Gesetz kannte als Gewalt und List, von der Eroberung von Byzanz. Er konnte die byzantinische Flotte bei Durazzo schlagen (1081). Ein Jahr später vernichteten die Venezianer zwar Roberts Flotte, doch dieser schlug zu Land die Streitkräfte des oströmischen Kaisers Alexos I. (Regierungszeit 1081–1118) und drang in Griechenland vor.

Doch dann kam ein Hilferuf des Papstes Gregor VII. (1073–1085 im Amt), der im Kampf gegen den deutschen Kaiser Heinrich IV. (1050–1106) in Bedrängnis geraten war. Robert Guiscard musste seine Truppen in Thessalien (Griechenland) zurücklassen und in Italien eine weitere Streitmacht aus Normannen, Italienern und Sarazenen aufstellen. Robert befreite den Papst, vertrieb die Deutschen aus Rom (1084) und „gestattete seinen erzürnten Kriegern, die Stadt so gründlich zu plündern und zu brandschatzen, dass nicht einmal die Wandalen, mit ihrer sprichwörtlichen Plünderung Roms im Jahre 451, es an Zerstörungswut mit ihm hätten aufnehmen können“. (4, S. 203)

Inzwischen hatte Alexios I. das in Griechenland zurückgelassene Heer des Robert Guiscard vernichtet. Doch der alte Freibeuter ließ sich nicht entmutigen, baute mit dem in Rom erbeuteten Gold eine neue Flotte, mit der er die Venezianer schlagen und die Insel Kephalonia erobern konnte. Dort starb er im Alter von 70 Jahren an einer Infektion (Typhus oder Ruhr) oder durch Gift. „Er war der erste und größte Condottiere.“ (4, S.203)

Wikinger, Normannen – große Helden?

Im abendländischen Geschichtsbewusstsein sind die wagemutigen Seefahrer aus dem Norden – die „Nordmänner“, „Normannen“, „Wikinger“ – vor allem als wilde Räuber bekannt. Da die Ressourcen ihrer Heimatländer (Dänemark, Norwegen, Schweden) für die steigende Bevölkerung nicht reichten, sahen sie sich gezwungen über die Meere zu streifen, Handel zu treiben und reichere Regionen auszurauben. Ihre Leistungen als Seefahrer und ihr Mut als Krieger sind legendär.

Mit ihren hochseegängigen Drachenschiffen schwärmten sie nach allen Richtungen aus; sie waren ein Schrecken der Küsten und Flüsse Europas und drangen bis Island, Grönland und Amerika vor. Die „Wikingerzeit“ begann am 8. Juni 793 mit dem Überfall auf ein Kloster auf der Insel Lindisfarne vor der Nordost-Küste Englands und reichte bis ins 11. Jahrhundert.

Auf die Raubzüge der Wikinger folgten Gründungen von Niederlassungen. Dann eroberten sie als „Normannen“ Fürstentümer und Königreiche und hinterließen bleibende Spuren in der Geschichte: das Herzogtum Normandie, das Englische Königreich, das Königreich beider Sizilien. Sogar die Gründung des ersten Russischen Reiches soll auf die „Rus“ genannten schwedischen Wikinger zurückgehen. (6, S. 65 f.)

Einst fand die Eroberung ganzer Königreiche durch relativ kleine Scharen mutiger Kämpfer mit charismatischen Anführern uneingeschränkte Bewunderung. Heute sieht man die „Heldentaten“ dieser Banditen, Söldnerführer oder Condottiere etwas differenzierter und übersieht nicht ihre rücksichtslose Gewaltbereitschaft.

Literatur:
(1) Brown, Richard Allen, Die Normannen, Patmos 2004
(2) Bünemann, Richard, Robert Guiscard, Bühlau, Köln 1997
(3) Diesner, Hans-Joachim, Die Völkerwanderung, Edition Leipzig 1980
(4) Durant, Will, Kulturgeschichte der Menschheit XI, Editions Rencontre, Lausanne o.J.
(5) Gonick, Larry, The Cartoon History of the Universe III, W. W. North & Co., New York 2002
(6) Oxenstierna, Eric Graf, Die Wikinger, Kohlhammer, Stuttgart 1959
(7) Wikipedia-Enzyklopädie, Artikel „Tankred von Hauteville“, „Robert Guiscard“, „Wikinger“

Fußnote:
1 „Sarazenen“, ursprünglich der Name eines arabischen Stammes, wurde zur Sammelbezeichnung für die in den Mittelmeerraum eingedrungenen Musl