Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Wie religiöser Fanatismus Länder und Reiche ruinierte

 (Veröffentlich in GralsWelt 68/2012)

 Religiöser oder politischer Fanatismus sowie Ehrgeiz und Verschwendungssucht der Herrschenden haben in der Vergangenheit viele Male Städte, Länder, große Reiche ruiniert und über die Bürger solcher Nationen unsägliches Leid gebracht. In der Geschichte der Neuzeit lassen sich hierfür zwei typische Beispiele finden, die sogar zusammenhängen, obwohl sie sich auf verschiedenen Kontinenten abspielten.

 Viele sagenhafte Erzählungen berichteten im Mittelalter von dem geheimnisvollen Indien, von dem man in Europa noch nicht einmal genau wusste, wo es lag (vgl. GralsWelt 64, „Ein Traum von Harmonie“). Von unvorstellbarem Reichtum wurde geschwärmt, von Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen, herrlichen Stoffen, wertvollen Gewürzen, wundervollen Bauwerken.

Ein fernes Wunderland

Erst nachdem der Portugiese Vasco da Gama im Jahr 1498 auf dem Seeweg rund um Afrika Indien erreicht hatte, kam nach und nach verlässliche Kunde von dem wunderbar reichen Land nach Europa. Vor allem aber konnte der direkte Handel mit Indien – ohne Zwischenhändler – beginnen.

Als die ersten europäischen Schiffe Indien erreichten, wurde das Land von verschiedenen Herrschern regiert (siehe dazu Kasten „Jahrhunderte der Kriege“). Portugiesen, später auch Engländer, Franzosen, Niederländer, durften Handelsstationen mit der Erlaubnis indischer Potentaten errichten.

Die Inder sollten es noch bereuen, dass sie der „wilden, fremden Rasse“ freundlich entgegengekommen waren und mit ihr Handel trieben.

Der direkte Handel der Europäer mit Indien brachte eine neue Komponente in die Weltwirtschaft: Seit den Kreuzzügen waren in Europa Seide und Gewürze aus dem Orient begehrt, und die Reichen konnten (oder wollten) nicht mehr ohne diesen Luxus leben. Doch für das tägliche Leben war die Bedeutung solcher exotischer Produkte – zum Beispiel des in Europa in Gold aufgewogenen Pfeffers – noch gering, da die meisten sich derartigen Luxus nicht leisten konnten.

Seit der Einführung der Feuerwaffen im 14. Jahrhundert wurde Schießpulver in Europa von „kriegswichtiger“ Bedeutung. Und das Pulver bestand zum größten Teil aus Salpeter[i], den es besonders in Indien gab. Also wurde ein kriegsentscheidender Rohstoff in zunehmenden Mengen aus Indien importiert. Zur Bezahlung dienten vor allem Gold und Silber, da die Europäer – außer buntem Glas – nicht viel anzubieten hatten, was die Inder nicht selber produzieren konnten.

Europas Reichtum wandert nach Asien

Riesige Mengen von Edelmetallen flossen nach 1492 aus Amerika in die alte Welt, vor allem nach Spanien. Doch übrig blieb davon in Spanien und Europa herzlich wenig. Das meiste schluckten die Kriege, besonders der Dreißigjährige Krieg (1618–1648), der schreckliche Religionskrieg, der weite Teile Mitteleuropas entvölkerte und verwüstete. Jahrzehntelang wurde heftig geschossen und zerstört. Man brauchte immer mehr Salpeter aus Indien. Die Lieferanten des zur Pulverherstellung unentbehrlichen „Salzes aus Indien“ waren die großen Kriegsgewinnler.

Die Europäer hatten noch keine Möglichkeit, sich diesen wichtigen Rohstoff gewaltsam anzueignen, und mussten den in Unmengen benötigten Salpeter mit Edelmetallen bezahlen. Die europäische Katastrophe finanzierte die Blütezeit des indischen Mogul-Reiches. Europas Reichtum wurde buchstäblich „verpulvert“ und wanderte zum großen Teil nach Indien.

Indiens Schah[ii] Jahan wurde unermesslich reich. Wenn man den Berichten glauben darf, verfügte er über ungeheure Schätze an Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen; um ein Vielfaches wertvoller als Atahualpas[iii] Inka-Schatz.

Für Jahans Reichtum zeugt noch heute einer der berühmtesten und teuersten Bauten, dessen Errichtung die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes aufs höchste beanspruchte: Das zwischen 1631 und 1638 erbaute Tadsch Mahal, das schon zu seiner Zeit großes Aufsehen erregte. Manche sehen in ihm das vollkommenste Bauwerk der Menschheit. Es markiert einen Höhepunkt des Mogul-Reiches, wenige Jahrzehnte vor dem beginnenden Niedergang, und ist wohl das einzige wertvolle Kulturgut, das der grausame europäische Religionskrieg – wenn auch nur indirekt – hervorgebracht hat!

Der mächtigste Fürst der Welt wird zahlungsunfähig

Die den Indianern zuerst gewaltsam geraubten, dann in brutaler Zwangsarbeit aus Bergwerken geförderten Schätze Mittel- und Südamerikas haben keinem der anscheinenden Gewinner dauerhaft Glück gebracht, weder den Spaniern noch den Indern.

Als Philipp II. von Spanien (Regierungszeit 1556–1598) seinen Thron bestieg, herrschte er über ein Imperium, in dem die Sonne nie unterging. Es reichte von den Philippinen im Pazifik, über europäische Länder, bis Mittel- und Südamerika. Unermessliche Reichtümer schleppten spanische Schatzschiffe über die Ozeane, und kein anderer Monarch konnte sich mit Philipp II. vergleichen. Zum Symbol seiner Macht wurde der 1557 begonnene Escorial. (Auf mich wirkt dieses heute viel besuchte Konglomerat aus Residenz, Kloster und Grabstätte der Könige wie eine Fluchtburg, ein Symbol der Resignation, ein Menetekel des kommenden Niederganges.)

Zunächst errangen die Spanier während der Regierung Philipps II. bedeutende Siege: Frankreich erlitt 1557 (bei St. Quentin) und 1558 (bei Gravelingen) schwere Niederlagen und musste Frieden schließen. 1571 wurden die Türken in der größten Galeeren-Schlacht aller Zeiten (bei Lepanto an der griechischen Küste) entscheidend geschlagen und im Mittelmeer zurückgedrängt. 1580 fiel Portugal mit seiner Flotte und seinem Kolonialreich durch Erbfall an die spanische Krone. Das Reich Philipps II. schien unerhört mächtig, unerschöpflich reich und unbesiegbar.

Eine Flut aus Silber

Im Laufe des 16. Jahrhunderts flossen aus den spanischen Kolonien mehr als 16.000 Tonnen Silber ins Mutterland, im 17. Jahrhundert über 26.000 Tonnen und im 18. Jahrhundert sogar mehr als 39.000 Tonnen. Diese Silberflut, die zuerst Spanien und dann ein europäisches Land nach dem anderen erfaßte, hatte eine ungeheuere Wirkung. Die durch das Silber hervorgerufene, außerordentliche Liquidität auf dem internationalen Markt begünstigte eine starke Expansion des Interkontinentalhandels. (2, S. 7)

Zum Vergleich: Die Welt-Jahresproduktion von Silber betrug 2005 etwa 19.900 Tonnen. Dies unter ganz anderen Voraussetzungen und bei einer vielfach größeren Weltbevölkerung.

Doch das spanische Weltreich wurde von korrupten Beamten schlecht verwaltet, war überdehnt und durch Kämpfe an vielen Fronten überfordert. So sah sich Philipp II. während seiner Regierungszeit viermal gezwungen, die Zahlungen an seine Gläubiger einzustellen. Nicht einmal die 1545 entdeckten sagenhaften Silberminen von Potosi (in 5.000 Meter Höhe im heutigen Bolivien) konnten genügend Münzmetall liefern!

Nur noch ein verarmtes Land …

Ein Jahrhundert später regierten resignierende Nachfolger des mächtigsten Herrschers seiner Zeit nur noch ein verarmtes Land, das nach dem Dreißigjährigen Krieg seine Großmachtstellung an Frankreich verloren hatte und die – protestantisch gewordenen – spanischen Niederlande in die Selbständigkeit entlassen musste.

Was war geschehen?

Als „Verteidiger des rechten Glaubens“ wollte Philipp II. England erobern und zum Katholizismus zurückzwingen. Doch Spanien verlor 1588 in einer entscheidenden Seeschlacht seine große Armada[iv]. So konnte der Aufstieg Englands zu einer Weltmacht beginnen.

Unter dem nächsten König, Philipp III. (1598–1621), einer schwachen Herrscherpersönlichkeit, wurden die wirtschaftlich aktiven Moriskos (zum Christentum übergetretene ehemalige Muslime) rücksichtslos aus Spanien vertriebenen. Man hatte sie schon seit Jahrzehnten mit Misstrauen verfolgt.

Dann, unter dem unfähigen Philipp IV. (1621-1665), beschleunigten die Einmischung in den Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) und die anhaltenden Kämpfe gegen die protestantischen Niederlande den weiteren Machtverfall Spaniens. Dem Land drohte die Spaltung, und Portugal konnte sich 1640 schon wieder selbständig machen.

Der Kampf spanischer Könige für den „wahren Glauben“ war zugleich ein Kampf gegen den Fortschritt. Ihr religiöser Fanatismus zettelte Kriege an, verhinderte Reformen, unterdrückte oder vertrieb wertvolle Teile der Bevölkerung, provozierte Aufstände und schadete dem Wohlstand des Landes.

Der stolze spanische Adel glaubte, dass in Übersee große Reichtümer spielend zu gewinnen seien und vernachlässigte seine Ländereien im Heimatland. Spaniens Wirtschaft blieb gegenüber anderen Nationen zurück. Nicht einmal die spanischen Kolonien, die auf Waren aus Europa angewiesen waren, konnten aus dem Mutterland versorgt werden. Ein großer Teil der in Übersee benötigten Produkte kam aus anderen, sogar aus mit Spanien verfeindeten Ländern. Schmuggel und Schwarzhandel blühten.

Ein Teil der in Amerika geraubten Schätze finanzierte den verschwenderischen Hofstaat, den Bau stolzer Paläste, prunkvoller Kirchen und Klöster; doch das Gold und Silber aus den Kolonien floss vor allem durch Spanien hindurch oder daran vorbei. Und die Gewinne aus dem Überseehandel blieben zum großen Teil bei englischen, holländischen, flämischen, französischen, sogar deutschen Seehändlern hängen, da die Spanier ihr Handelsmonopol nicht durchsetzen konnten und mit Schmugglern und Seeräubern nicht fertig wurden. Ohne diesen lukrativen Fernhandel hätten auch die geschäftstüchtigen protestantischen Niederländer ihren achtzigjährigen Freiheitskampf gegen das mächtige Spanien (er dauerte von 1568 bis 1648) kaum durchstehen können. „Die Spanier besaßen die Kuh, doch andere tranken die Milch“ (1).

So wurde das 17. Jahrhundert für Spanien zu einer Periode des Niederganges, und die Masse der Bevölkerung verarmte. Am meisten litten die versklavten Indianer, die unter unerträglichen Bedingungen in den Bergwerken schuften mussten.

Auch Indiens Reichtum schwindet dahin

Dem großen Mogul-Reich in Indien ging es zunächst besser. Die Großmoguln leisteten sich ebenfalls prachtvolle Bauten und einen aufgeblähten, verschwenderischen Hofstaat. Doch gelangte in Indien das Geld auch unter die einfachen Leute, deren Lebensstandard stieg.

Dann kam in der Mitte des 16. Jahrhunderts eine internationale Wirtschaftskrise, die auch Indien traf. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war das ausgeblutete Europa verarmt. Seide, Perlen, Edelsteine, teuere Gewürze konnte sich kaum noch einer leisten, und Salpeter wurde – zum Glück – auch nicht mehr in solchen Mengen gebraucht. Der Handel mit Indien brach zusammen.

An Vorsorge für magere Zeiten hatte im Mogul-Reich keiner gedacht. Den Indern kann man zwar kaum vorwerfen, dass sie die biblische Geschichte von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren nicht gelesen hatten; doch hätte man in einem so alten und weisen Land wissen können, dass Leben aus fortlaufendem Wandel besteht. Demnach verhielten sich die autokratischen Mogule kein Jota klüger als mancher gewählte Demokrat von heute: Vorsorge wurde nicht getroffen, und alles Geld gleich ausgegeben. Allerdings gab es damals in Indien noch keine Banken, die man anpumpen konnte, und vor allem kein Papiergeld!

Jahrhunderte der Kriege

Schon vor der Wende vom 15. Zum 16. Jahrhundert, als die ersten europäischen Schiffe Indien erreichten, litt das Land über lange Jahrhunderte unter Kriegen.

Der Norden wurde von 1001 an von muslimischen Herrschern erobert. Dann plünderte Timur (1336–1405), einer der schlimmsten Räuber aller Zeiten (der Moslem war, was ihn aber nicht hinderte, andere Muslime auszurauben und zu ermorden), das Sultanat* von Delhi. Immer wieder kam es in Nordindien auch zu Religionskriegen zwischen Hindus und Muslimen.

Zur Zeit der Landung der ersten Europäer begann der Timuride** Babur (Regierungszeit 1494–1530, ursprünglich ein Kleinfürst aus dem Ferganatal***, und ein angeblicher Nachkomme Dschingis-Chans und Timurs) Nordindien zu erobern. Dann gelang es Akbar, „dem Großen“ (Regierungszeit 1556–1605), die nach Baburs Tod zunächst gescheiterte Eroberung Nordindiens zu vollenden. Akbar errichtete ein stabiles Großreich, in dem die Anhänger verschiedener Religionen harmonisch zusammen leben konnten.

Nach dem Tod Akbars hatte sein mächtiges Mogulreich unter seinen Nachfolgern Jahangir (1605–1627) und Jahan (1627–1658) zunächst noch Bestand. Das Wort „Mogul“ ist übrigens ein Kampfname, den Timur seinen Truppen gegeben hatte, um eine Verbindung zu den gefürchteten Mongolen vorzutäuschen. Timur behauptete ja, ein Nachkomme Dschingis-Chans zu sein.

* Sultan ist der Titel eines islamischen Herrschers. Er bedeutet moralisches Gewicht und religiöse Autorität und orientiert sich an der Rolle des Herrschers wie sie im Koran definiert ist.

Die hinduistischen Herrscher trugen den Titel Raja oder Maharaja (Maharadscha).

** Timuriden werden Abkömmlinge Timurs genannt, die sich oft um sein Erbe stritten.

*** Das Ferganatal liegt zwischen Tienschen- und Alai-Gebirge in Zentralasien.

Als das sagenhafte Luxusleben des Mogul-Hofes nicht mehr finanzierbar war, ging Schah Aurangzeb (1658–1707) – nach „klassischer Herrschermethode“ – auf Raub aus. Er schickte seine Armee nach Süden, eroberte die dortigen kleineren Fürstentümer und erweiterte sein Reich auf fast ganz Indien. Damit wurde auch dieses Großreich überdehnt und schwer regierbar. Zu allem Übel beendete Aurangzeb – ein religiöser Fanatiker, ähnlich den spanischen Königen – die tolerante Politik Akbars. Aurangzeb wollte in seinem ganzen Herrschaftsgebiet den Islam gewaltsam durchsetzen. Dadurch provozierte er die indische Variante des Dreißigjährigen Krieges und … scheiterte. In einem ebenso sinnlosen wie grausamen Religionskrieg gegen Sikhs (eine kriegerisch-religiöse Gruppe im Pandschab), Radschputen (Hindu-Vasallen) und Marathen (vermutlich die Ureinwohner Südindiens) zerfleischte sich das Land. Das einst so machtvolle Mogul-Reich zerfiel nach Aurangzebs Tod in etwa 600 kleinere und kleinste Fürstentümer.

Damit war die Bahn frei geworden für die europäischen Kolonialmächte. Portugal, die Niederlande, England und Frankreich bemühten sich mit Hilfe ihrer Handelsniederlassungen um Einfluss auf das riesige Wunderland. Die vielen – untereinander zerstrittenen – indischen Fürsten ließen sich gegeneinander ausspielen und verloren ihre Unabhängigkeit. Zur Zeit des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) kämpften die englische und die französische Ostindische Kompanie um die Vorherrschaft in dem Riesenland. Während in Europa Heere von Zigtausend Mann aufeinander prallten, meist ohne in blutigen Schlachten eine dauerhafte Entscheidung zu erreichen, genügten in den Kolonien manchmal einige Hundertschaften, um weltgeschichtliche Fakten zu erzwingen. So erlangte Großbritannien nach dem durch Verrat errungenen Sieg von Palashi (Plassey, 1757) nach und nach die Gewalt über ganz Indien, das 1858 britische Kronkolonie wurde. Ein großer Teil der Schätze Indiens wanderte nach England, so dass im 19. Jahrhundert Großbritannien durch sein Kolonialreich zum reichsten Staat der Welt wurde.

Literatur:

(1) Bernecker Walter L., Spanische Geschichte, C. H. Beck, München 1999

(2) Cipola Carlo M., Die Odysse des spanischen Silbers, Klaus Wagenbach, Berlin o. J.

(3) Galeano Eduardo, Die offenen Adern Lateinamerikas, Peter Hammer, Wuppertal, 1973.

(4) Gürtler Detlef, Die Dagoberts, Eichborn, Frankfurt, 2004.

(5) Zierer Otto, Neue Weltgeschichte, Fackelverlag, Stuttgart, o.J.

(6) Zierer Otto, Sternstunden der Weltgeschichte, Wiener Verlag, 1978

 


 

[i] Das typische Schwarzpulver besteht aus 75 Gewichtsteilen Salpeter, 15 Holzkohle und 10 Schwefel.

[ii] Schah (persisch König) ist ein Herrschertitel der in Iran, Nordindien und Pakistan verwendet wurde.

[iii] Atahualpa: der 1533, nach Zahlung eines sagenhaften Gold- und Silberschatzes als Lösegeld, von Francisco Pizzaro (1478–1541) ermordete Inkaherrscher.

[iv] Armada = span. „die Bewaffnete“. Bezeichnung für eine Flottenstreitmacht und für die spanische Kriegsflotte.