Siegfried Hagl - Schriftsteller

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War Marco Polo in China ?

(2002)

“So steht es in der Mythologie,
So hat es Homer uns berichtet,
Doch weiß man in der Geschichte nie,
Was wahr ist und was nur erdichtet.”
Ausspruch meines Geschichtslehrers.

DER GROSSE REISENDE
Wir alle haben in der Schule von dem Weltreisenden Marco Polo (1254-1324) gehört, der, als Begleiter seines Vaters und seines Onkels, von Venedig durch ganz Asien bis nach Peking an den Hof des Kubilai Chan (1215-1294) kam, des Mongolen-Herrschers über China. Dort fiel der intelligente, junge Venezianer dem Kaiser auf, der ihn in seine Dienste nahm und ihn in kaiserlichem Auftrag große Teile des riesigen chinesischen Reiches bereisen lies. Nach zwei abenteuerlichen Jahrzehnten am Kaiserhof fanden die drei Venezianer endlich eine Möglichkeit zur Heimreise. Sie trafen 1295 wohlbehalten und mit großen Reichtümern, in Form von Edelsteinen, in ihrer Heimatstadt ein, wo ihre Verwandten Schwierigkeiten hatten, sie wiederzuerkennen.
Es war ein Glück für die Geschichtsschreibung, dass Marco in einem Krieg zwischen Genua und Venedig 1298/99 in genuesische Gefangenschaft geriet. Dort diktierte er seine Reiseerinnerungen einem Landsmann. In Venedig hielt man Marco Polo für einen Aufschneider und verspottete ihn als “Messer Milione”; denn seine Beschreibungen des chinesischen Reiches und seiner riesigen Städte schienen den Venezianern allzu unglaubwürdig. Noch heute ist “Marco Milione” oder “il milione” eine populäre Spottfigur, die bei Karnevalszügen nicht fehlen darf.
Historiker hielten Jahrhunderte lang seinen Bericht für eine zuverlässige Quelle; einige Ungereimtheiten oder auch grobe Fehler schrieb man dem Umstand zu, dass Marco bei Landstrichen, die er nicht selbst bereist hatte, unzuverlässigen Zeugen glaubte. Was er selbst gesehen hatte, schien er aber durchaus ehrlich zu schildern. Erst in den letzten Jahrzehnten kamen Historikern ernsthafte Zweifel, ob Marco Polo wirklich weiter im Osten war, als bis zum Schwarzen Meer.
MARCO POLOS “BESCHREIBUNG DER WELT”
Vielleicht war Marcos berühmte “Beschreibung der Welt” als Reiseführer für Kaufleute gedacht. Deren Verfasser *) – nicht mit Sicherheit nur Polo -, hat möglicherweise auf fremde Quellen zurückgegriffen, ohne je selbst in China gewesen zu sein. Was lässt moderne Forscher an der Chinareise Morco Polos zweifeln?
* In chinesischen Quellen fehlen Hinweise auf die Anwesenheit der Polos, die doch zu erwarten wären, wenn Marco am Hofe auch nur annähernd die Rolle gespielt hätte, von der er berichtet. Selbst ein längerer Gastaufenthalt der drei fremdländischen Kaufleute in China sollte in den Chroniken vermerkt sein.
* Marco erwähnt nirgends, dass die Chinesen Tee trinken, was damals einem Abendländer bemerkenswert erscheinen musste.
* Auf seinen angeblichen Reisen musste er mehrmals die Chinesische Mauer überqueren. Warum erwähnt er sie nicht?
* Die alt-chinesische Unsitte, Frauen die Füße einzuschüren, ist ihm nicht aufgefallen. Hatte er nur Kontakte zu Mongolen, nicht zu Chinesen?
* Nirgends spricht er von der chinesischen Schrift.
FAZIT
Marco Polos “Beschreibung der Welt” ist kein Reisebericht. Erfahrene Reisende, die versuchten, seinen Spuren zu folgen, mussten dieses Vorhaben ausnahmslos aufgeben. Vielleicht hat sein Landsmann Rustichello in der Langeweile der Gefangenschaft die spannenden Erzählungen Marcos gesammelt und zu einem Buch aufbereitet. Die Quellen, auf denen die phantastischen Geschichten beruhten, sind schwer festzumachen. Neben privaten Notizen der Polos könnten persische oder arabische Reiseführer und Geschichtswerke Daten geliefert haben.
Auch wenn Marco Polo nicht bis nach Karakorum, Peking und Indien gekommen sein sollte, so ändert das nichts an der Bedeutung seiner “Beschreibung der Welt”. Sie brachte nützliche Informationen über den fernen Osten und half den Mitteleuropäern, zwei Jahrhunderte vor dem Zeitalter der großen Seefahrer, die Größe der Erde zu ahnen und zu erkennen, dass das Mittelmeer nicht der Nabel der Welt ist.

*) Marco Polo diktierte seine Erinnerungen einem Mitgefangenen, dem als Autor von Ritterromanen bekannten Rustichello da Pisa, der möglicherweise Polos Erzählungen ziemlich frei bearbeitete.

Literatur:
(1) Rübesamen, Hans Eckart “Die Reisen des Venezianers Marco Polo”, Heyne, München 1983
(2) Wood, Frances “Marco Polo kam nicht bis China”, Piper, München 1998