Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Vom Beginn unserer Zeit

(Veröffentlicht in ‘GralsWelt 5/1997)  

 
LEBEN  WIR  BEREITS  IM  JAHR  2004?

Ein Kalender ist etwas so selbstverständliches, dass wir uns keine Gedanken mehr darüber machen, wie und wann er entstanden ist. Auch das bevorstehende Jahr 2000, ein für christliche Kulturkreise magisches Datum, nehmen wir nahezu als „naturgegeben” hin, ohne weiter über den Anfang unseres „Gregorianischen Kalenders” nachzudenken. GRALSWELT-Redakteur Siegfried HAGL untersuchte, wie unserer Zeitrechnung begann und stieß dabei auf bemerkenswerte Tatsachen…

Unsere moderne Zeitrechnung begann – genau genommen – mit Meinungsverschiedenheiten über den Oster-Termin.

In der Antike war eine brauchbare Jahreseinteilung in erster Linie zur Wahl der Zeitpunkte für Saat und Ernte unentbehrlich. Dann galt es, religiöse Feste im Jahreslauf zum „richtigen Datum” zu feiern. Menschen des Altertums fühlten sich eng mit dem jahreszeitlichen Ablauf verbunden und scheuten keine Anstrengung, die Termine für ihre religiösen Feiern im Einklang mit dem Wandel in der Natur festzulegen. Das war mit begrenzten astronomischen Kenntnissen und mangelhaften Beobachtungstechniken kein einfaches Unterfangen. Hinzu kam die Komplexität von Sonnen- und Mondkalendern (13 Mondzyklen von ca. 28 Tagen passen nämlich nicht genau zu einem Sonnenjahr von 365 1/4 Tagen), sowie die astrologischen, historischen, kultischen Vorschriften, die alle „unter einen Hut” gebracht sein wollten.

 
DIE KIRCHE SUCHT HILFE

Als Papst Johannes I. nach dem Ostertermin des Jahres 526 fragte, musste er feststellen, dass die Berechnungen der Gelehrten wieder einmal um mehrere Tage differierten.

Seit Jahrhunderten konnten sich die Bischöfe nicht über den richtigen Termin für das Osterfest verständigen, das auf das jüdische Passah-Fest zurückgeht. Es kam vor, dass die Christen der einen Diözese schon die Auferstehung des Herrn mit einem Festgelage feierten, während andernorts das Fasten gerade erst richtig begonnen hatte. Um diesem Missstand abzuhelfen, entsann sich der Papst seines Bibliothekars, des in Ehren ergrauten Dionysius Exiguus, der sich seit Jahrzehnten mit großer Akribie um die päpstlichen Archive verdient machte.

Dionysius Exiguus (Dionysius der Demütige), ein gebürtiger Skythe aus dem heutigen Armenien, hatte sich gegen Ende des 5. Jahrhunderts in Konstantinopel einen Ruf als Übersetzer von griechischen Texten ins Lateinische erworben. Er erhielt um 500 einen Ruf nach Rom als Verwalter der päpstlichen Archive. Diese befanden sich seit dem Vandalen-Sturm im Jahre 455 in einem katastrophalen Zustand und glichen mehr einem Trödelladen als einer Bibliothek. Die Päpste hatten jedoch erkannt, welchen Wert alte Urkunden besitzen; denn aus echten und gefälschten Schriften ließ sich zum Beispiel die Vorrangstellung ableiten, die der Bischof von Rom als Papst innerhalb der christlichen Kirche beanspruchte.

Dionysius war ein akribisch arbeitender Gelehrter, dessen herausragende Kenntnis des Kirchenrechts ihn prädestinierten, die Streitfragen um den Ostertermin ein für allemal zu beenden.

 
WANN IST OSTERN?

Als profundem Kenner der Literatur war es für Dionysius nicht allzu kompliziert, die Ostertermine für die nächsten Jahrzehnte festzulegen. Schließlich gab es Vorarbeiten, zum Beispiel des Patriarchen Kyrill von Alexandria (geb. 444), auf denen Dionysius aufbauen konnte.

Schwieriger schien es, die gesamte Christenheit von den in Rom errechneten Daten zu überzeugen. Doch Dionysius wusste auch hier Rat: Seine Berechnungen, so behauptete er kühn, gingen auf einen Beschluss des Konzils zu Nicäa (325) zurück, das in entscheidenden Glaubensfragen den rechten Weg durch die „Erleuchtung des Heiligen Geistes” gefunden habe. Einem solchen Konzilsbeschluss konnte sich niemand widersetzen, und noch heute liest man in den Lexika, dass der Ostertermin auf eine Festlegung des Konzils zu Nicäa zurückgehe. (Ostern ist bekanntlich am Sonntag nach dem Vollmond, der auf den oder nach dem 21. März fällt).

 
HIER IRRTE DIONYSIUS

Eine von der ganzen Christenheit akzeptierte einheitliche Berechnung des Ostertermins war eine historische und politische Leistung; doch damit war Dionysius Exiguus noch nicht zufrieden.

Der Patriarch und Kirchenlehrer Kyrill von Alexandria, dessen Osterberechnung Grundlage für die Arbeit des Dionysius war, hatte bei seiner (des Kyrill) Zeitberechnung gemäß altägyptischem Vorbild die Jahre nach dem Regierungsantritt des Kaisers Diokletian (Regierungszeit 284-305) gezählt. Doch dieser „gottlose” Kaiser erweckte keine guten Assoziationen: Er hatte die Christen verfolgt, hatte Wirtschaftskrisen zu verantworten und mußte eine Währungsreform durchfuhren. Von 258 bis 275 hatten sich im Römischen Reich die Preise verzehnfacht, die Steuern waren in astronomische Größenordnungen gestiegen, und weder Lohn- oder Preisstopp, noch sonstige staatliche Regulierungen hatten geholfen. Erst die Münzreform Diokletians schuf ab 286 vorübergehende Entspannung. Also nicht der richtige, charismatische Kaiser für eine christliche Zeitrechnung, die ja noch immer mit dem alten Römischen Kalender des Julius Caesar (100 – 44 v.Chr.) konkurrierte.

So vertiefte sich Dionysius Exiguus in die Bibel und schloss sich der damals verbreiteten Theologen-Meinung an, dass Jesus an einem 25. März auferstanden sei.

Nun brauchte Dionysius noch ein passendes Jahr, an dem Ostern auf den 25. März fiel: Das war 784 nach dem klassischen Römischen Kalender.

Da die Bibel auf ein Alter des Gekreuzigten von 30 Jahren schließen ließ, war die weitere Rechnung folgende: Das Geburtsjahr von Jesus musste 754 nach Römischer Zählung (ab urbe condita = seit Gründung der Stadt) sein!

So wurde das Jahr 754 des klassischen julianischen Kalenders zum Jahre 1 der christlichen Zeitrechnung (die das Jahr 0 nicht kennt), und wir blicken heute bange dem Jahr 2753 „nach der Gründung Roms” entgegen, das bei uns 2000 heißt!


DAS GEBURTSJAHR JESU

Leider war die Argumentation des Dionysius Exiguus auf unsicheren Voraussetzungen aufgebaut. Weder war – noch ist – bewiesen, dass Jesus an einem 25. März auferstanden sei, noch dass er mit 30 Jahren gekreuzigt wurde. Als ein wahrscheinliches Datum der Kreuzigung gilt heute z.B. der 7. 4. 30. –

Der erste Wissenschaftler, der mit modernen historischen und astronomischen Methoden versuchte, das Geburtsjahr von Jesus zu enträtseln, war Johannes Kepler (1571-1630). Folgende Anhaltspunkte lassen sich zusammenfassen:

· Nach Matthäus ist Herodes der Große (ca. 72 – 4 v.Chr.) nach der Geburt von Jesus gestorben (Matth. 2, 19-23).
· Josephus Flavius (37-100) erwähnt in seinem „Jüdischen Krieg” eine Mondfinsternis vor dem Tod des Herodes. Diese Finsternis war laut Kepler in der Nacht vom 12. zum 13. März 4 v. Chr.
· Unter Berücksichtigung der Angaben des Matthäus nahm Kepler 5 v. Chr. als Geburtsjahr von Jesus an.
· Kepler hatte auch wohl als erster erkannt, dass zur Zeit von Jesu Geburt ein astrologisches Jahrtausendereignis stattfand: Die „große Konjunktion” von Jupiter und Saturn im Sternbild Fische (sie wiederholt sich im selben Sternbild erst nach 854 Jahren). Das genaue Datum dieser großen Konjunktion konnte er allerdings noch nicht ermitteln; das schafften Astronomen erst im 19. Jahrhundert. Deren Rechnungen folgend, fand die berühmte „Königs-Konjunktion” – die viele mit dem „Stern von Bethlehem” gleichsetzen – im Jahr 7 v. Chr. statt. Diese Gleichsetzung wird bis heute vertreten, denn Berichte von einem „großen Kometen” zu Jesu Zeiten wurden ebenso wenig gefunden, wie sonstige Himmelserscheinungen, mit denen sich der biblische „Stern von Bethlehem” erklären ließe.
· Heute sind exakte Computer-Simulationen des Sternenhimmels möglich. Sie führen zu überraschenden Ergebnissen, die sich in Planetarien anschaulich darstellen lassen: Näherte sich ein von Jerusalem kommender Reisender am Abend des 12. November 7 v. Chr. Bethlehem, so sah er gemäß den modernen Berechnungen die „große Konjunktion” und damit angeblich den von Matthäus erwähnten „Stern” über dem Ort schweben (Matth. 2, 9-12).
· Die von Lukas berichtete „Schätzung” fand – wie man heute vermutet – im Jahre 6 oder 7 statt. (Luk. 2, 1).

Fasst man diese Belege zusammen, so wurde Jesus zwischen 7 v.Chr. und 7 n.Chr. geboren; als wahrscheinlichstes Datum wird oft 7 v.Chr. genannt.

Demnach leben wir nicht „im Jahre des Herrn” 1997 sondern im Jahr 2004 „nach Christi Geburt” (= post Christum natum)!

Leider sind alle diese Annahmen spekulativ, und letzten Endes wissen wir kaum mehr als der Kirchenlehrer Basilius der Große (um 330 – 379), der meinte: „Niemand soll das Rüstzeug der Astrologen auf den Aufgang des Sternes im Evangelium beziehen, denn jener Stern war kein gewöhnlicher…”