Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Politik ohne Moral: Machiavelli und sein “Fürst”

Die Staatslehren Niccolò Machiavellis sind so berühmt wie berüchtigt, sein Name steht für Machtpolitik und Staatsräson. Der Zweck heiligt die Mittel, die Moral hat hinter dem möglichen Erfolg zurückzustehen. So radikal die Gedanken Machiavellis auch erscheinen, sie kennzeichnen doch treffend die Prinzipien, nach denen damals wie heute nur allzu oft gehandelt wird …

An der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit erschien eine Schrift mit dem Titel „Il Prinzipe“ (Der Fürst), deren Verfasser, Niccolò Machiavelli (1469–1527), als „Schöpfer der politischen Wissenschaften“ gilt (6, S. 303): „Er entdeckte die in der Welt der Politik gültigen Gesetze wie rund ein Jahrhundert später Galilei die in der Natur waltenden Gesetze der Mechanik. Der Begründer der Wissenschaft von der Politik tritt neben den Begründer der modernen Naturwissenschaft.“ (3, S. 304 f.) Seit ihrem Erscheinen wird Machiavellis Schrift kontrovers diskutiert und meist ablehnend beurteilt; doch auch nach einem halben Jahrtausend wird sie noch immer beachtet. Allem Anschein nach wurden und werden ihre Ratschläge von Gewaltherrschern befolgt. Neuerdings taucht sie auch auf Seminaren für Manager auf (10).

Zerfall des Heimatlandes

Machiavelli lebte in unruhigen Zeiten. Im 15. Jahrhundert galt Italien als der kulturell fortschrittlichste Teil Europas, als der Mittelpunkt der bekannten Welt (6, S. 204). Wirtschaft, Handel und Kultur blühten, das Land lebte in Wohlstand und Frieden. Diese glückliche Zeit war das Ergebnis eines labilen Kräftegleichgewichts zwischen den bedeutendsten italienischen Staaten, die sich eifersüchtig belauerten: Florenz, Genua, Mailand, Neapel, Venedig und der Kirchenstaat.

Der zu frühe Tod Lorenzos de’ Medici (er verstarb 1492 im Alter von 41 Jahren), der viel für den Frieden in Italien getan hatte, und ein Streit zwischen Mailand und Neapel destabilisierten Italien. Ausländische Mächte fühlten sich eingeladen, in das reichste, aber zersplitterte Land Europas einzufallen. Das Resultat der inneren Zwietracht war ein halbes Jahrhundert Krieg. Französische, spanische, deutsche und schweizerische Truppen drangen in Italien ein, plünderten seine Städte und verwüsteten seine Dörfer.

Der beginnende Zerfall Italiens, ausgelöst durch die Uneinigkeit seiner Staaten und den mangelnden Weitblick ihrer Herrscher, war der Hintergrund, vor dem Machiavelli seine politischen Theorien entwickelte. Sein Ziel war, einen Weg zu finden zur Befreiung und Einigung seines Heimatlandes.

Der Staatsmann und sein Leben

Machiavelli entstammte einer angesehenen, aber verarmten Familie. Er erhielt eine umfassende humanistisch-juristische Bildung. Nach der Vertreibung der Medici und dem Sturz Savonarolas im Jahr 1498 (vgl. „Ein Renaissance-Prophet im Wankelmut der Massen“) wurde Machiavelli, der keiner der rivalisierenden Gruppen angehörte, Vorsteher der zweiten Kanzlei der Republik von Florenz. Er hatte sich um die innere Verwaltung und um die Kriegsangelegenheiten zu kümmern, wurde aber auch mit außenpolitischen Missionen betraut. Zu seinen Aufgaben gehörte die Aufstellung einer Miliz, die sich zunächst bewährte, in einer entscheidenden Situation aber versagte. Diplomatische Aufträge führten Machiavelli in verschiedene Fürstensitze; so nach Rom zu Papst Julius II. und nach Frankreich zu König Ludwig XII. Auch bei Kaiser Maximilian I. durfte Machiavelli vorsprechen. So bekam er Kontakte zu den wichtigsten Staatslenkern seiner Zeit. Besonders beeindruckte den Denker Machiavelli der einige Jahre jüngere, skrupellose Machtmensch Cesare Borgia (1475–1507). So lange Cesare Erfolg hatte, bewunderte ihn Machiavelli und wollte in ihm die Persönlichkeit sehen, die Italien retten könnte. Nach dem Sturz Cesares gesellte sich Machiavelli zu dessen Kritikern und nannte ihn einen Tyrannen, einen Verbrecher und einen Rebellen gegen Christus (5, S. 61).

Nach der Rückkehr der Medici im Jahre 1512 wurde Machiavelli nach einer fehlgeschlagenen Verschwörung unschuldig verhaftet und gefoltert, kam aber durch eine Amnestie frei. Auf sein Landgut verbannt, betätigte er sich als Schriftsteller. Neben philosophischen Schriften verfasste er Theaterstücke und Gedichte. 1513 entstand sein erst postum veröffentlichtes Werk „Der Fürst“. In der Hoffnung auf ein Staatsamt widmete er dieses Werk Lorenzo II. di Piero de Medici (1492–1519). Machiavelli durfte zwar nach Florenz zurückkehren, wurde aber nur mit untergeordneten Aufgaben betraut. Als die Medici 1527 erneut vertrieben wurden, galt Machiavelli bei den nun wieder regierenden Republikanern als Sympathisant der Medici; sein Antrag auf eine Wiedereinstellung wurde abgelehnt.

Er verstarb erbittert und einflusslos. Sein Grabmal befindet sich in der Kirche Santa Croce in Florenz. Jesuiten erwirkten ein päpstliches Verbot seiner Schriften, weil er die Kirche kritisiert hatte.

Der ideale Herrscher im Westen

Lange vor Machiavelli haben Denker nach dem idealen Menschen, dem besten Staat und dem vorbildlichen Herrscher gesucht. Pythagoras (ca. 570–497 v. Chr.) wird ein Spruch zugeschrieben, der auch aus christlicher Zeit stammen könnte: „Lass nie dich verführen durch anderer Menschen Worte und Taten, etwas zu denken, zu sagen oder zu tun, was du nicht selbst als gut, vollkommen und würdig erkanntest!“ (2, S. 307).

Bekannt ist Platons (427–347 v.Chr.) Bekenntnis zur Philosophie aus seinem Dialog „Politeia“: „Solange in den Staaten nicht entweder die Philosophen Könige werden, oder die, welche jetzt Könige und Herrscher heißen, echte und gründliche Philosophen werden, solange nicht die Macht im Staate und die Philosophie verschmolzen sind, solange nicht den derzeitigen Charakteren, die sich meist einem von beiden ausschließlich zuwenden, der Zugang mit Gewalt verschlossen wird, solange gibt es […] keine Erlösung vom Übel für die Staaten“.

Im Mittelalter wurde ein Gottesstaat angestrebt, über den der Kirchenlehrer Augustinus (354–430) in seiner „Civitas Dei“ (1) schrieb: „Was anders sind also Reiche, wenn ihnen Gerechtigkeit fehlt, als große Räuberbanden?“ (4. Buch, Kapitel 4). Herrscher sind „glücklich, wenn sie gerecht herrschen, wenn sie trotz aller schmeichlerisch verhimmelnden und kriecherisch unterwürfigen Reden sich nicht überheben und nicht vergessen, dass sie Menschen sind; wenn sie ihre Macht in den Dienst der Majestät Gottes stellen und die Gottesverehrung so weit wie möglich ausbreiten; wenn sie Gott fürchten, lieben und verehren; […] wenn sie langsam sind zu strafen und gern Nachsicht üben“ (5. Buch, Kapitel 24).

Bei Thomas von Aquin (1225–1274) sind Papst und Kaiser beauftragt, die Menschen zum Ziel des Gottesreiches zu erziehen. In dieser Beziehung seien die Könige dem Papst untergeordnet.

Antike Philosophen, mittelalterliche Schriftsteller und humanistische Autoren entwarfen Idealbilder eines Herrschers. Er sollte als der vollkommene Mensch alle Tugenden in sich tragen. Dabei war man sich der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur durchaus bewusst. Doch wie Martin Luther durfte man hoffen, dass die Herrschenden von den Geboten der Religion gezähmt würden: „Da aber kein Mensch von Natur aus Christ oder fromm ist, sondern sie alle Sünder und böse sind, wehrt ihnen Gott allen durchs Gesetz, dass sie äußerlich ihre Bosheit mit Werken nicht dürfen nach ihrem Machtwillen üben […], wie man ein wildes, böses Tier mit Ketten und Banden fesselt, dass es nicht beißen noch reißen kann nach seiner Art, obwohl es gerne wollte“ (4, S. 13).

Alle diese Ansätze – ob aus heidnischer oder christlicher Zeit – gleichen sich in einer Hinsicht: Die für den Herrscher maßgeblichen Maximen werden von einem höheren Prinzip abgeleitet; sei es die Moral, die Philosophie oder die Lehre Christi. Der Herrschende muss sich seiner Verantwortung gegenüber einer höheren Instanz bewusst sein. Doch wenn diese ethischen oder religiösen Beschränkungen wegfallen, was dann?

Andere Ansichten im Osten

Religiöse Hemmungen solcher Art fehlen in Asien – trotz Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus. In China entstanden vor zweieinhalb Jahrtausenden die berühmten „Strategeme“ (siehe GralsWelt Nr. 5, „China und die Strategeme“), also Kriegslisten, die rigoros angewendet wurden.

Auch ein – ähnlich dem Italien der Renaissance – zersplittertes, von fremden Heeren (Alexanders des Grossen) durchzogenes Indien hatte zwei Jahrtausende früher als Italien seinen „Machiavelli“. Der Fürstenberater Kautilya riet in seiner Schrift „Arthashastra“ seinem Herrn Tschandragupta (um 300 v. Chr., Gründer des Maurya-Reiches) zu flexiblem Handeln und führte beispielhaft die Eigenschaften von Tieren als nachahmenswert an – ähnlich wie Machiavelli. Auf der Basis vergleichbarer politischer Zustände kommen Kautilya und Machiavelli zu entsprechenden Ergebnissen. Man kann beinahe Namen, Orte und Zeiten austauschen, die Aussagen bleiben die gleichen (6, S. 302).

In Japan war „Bushidō“ – der Weg des Kriegers – für die führende Kaste der Samurai von Bedeutung. Bushidō forderte Treue, Höflichkeit, Tapferkeit, Aufrichtigkeit, Einfachheit. An erster Stelle aber stand die absolute Loyalität gegenüber dem Daimyo (Feudalherrn), dem der Samurai mit dem Einsatz seines Lebens zu dienen hatte. Die von dem Daimyo verfolgten Ziele – gut oder schlecht – hatte der Samurai ungefragt zu akzeptieren. Diese Tradition zeigte sich noch im Zweiten Weltkrieg, als japanische Soldaten, sogar zum Selbstmord bereit, bis zum letzten Atemzug kämpften und selbst in hoffnungslosen Situationen sich nur selten ergaben.

Sind die Anständigen die Dummen?

Ganz im Sinne des neuzeitlichen Denkens führt Machiavelli sein persönliches Scheitern weder auf ein ungerechtes Schicksal oder eine Strafe Gottes zurück, noch hofft er auf ein besseres Sein im Paradies. Es sei seine Ehrlichkeit gewesen, die ihm den Zugang zum Reichtum verwehrte: „Meine Armut ist Zeuge meiner Treue und Redlichkeit […] alle, die zu großem Reichtum und zu großer Macht gelangten, [sind] durch Gewalt oder Betrug dazu gelangt […] Wer aus Unklugheit oder Dummheit diese Mittel meidet, schleppt sich in ewiger Knechtschaft und Armut fort. Treue Knechte bleiben immer Knechte und ehrliche Leute immer arm; nur die Verräter und Kühnen brechen die Ketten, nur Räuber und Betrüger machen sich von der Armut los“ (9, S. 14).

Demnach sind die Anständigen die Dummen. Aus eigener Erfahrung – im Staat wie im privaten Leben – empfiehlt Machiavelli etwas für Europa Neues: Den Bruch mit Religion und Ethik, die beide hinter politischen (oder ökonomischen) Interessen zurücktreten müssten. Nur Ziele und Fakten zählen demnach. Der Florentiner ist davon überzeugt, dass sich ein Volk – wie das italienische – nicht selbst aus einer Krise befreien könne, sondern eines machtbewussten Herrschers bedürfe, der sich nicht an die überlieferten ethischen Normen binde und der auch vor moralisch fragwürdigen Mitteln nicht zurückschrecken würde, wenn es (vermeintlich) nötig sei.

Eine Würdigung Machiavellis aus dem 20. Jahrhundert

„In einer Zeit ausgehöhlter Autoritäten, substanzloser Ideologien, geisttötender Schlagworte und maschineller Lügen kann die Illusionslosigkeit des Machiavellismus (wenn sie nicht selbst verabsolutiert wird) wie ein letzter Hort der Redlichkeit empfunden werden. Sie hält den Gewalthabern ein Portrait entgegen, das nicht im Hohlspiegel ihrer Gunst verzerrt wurde, das die Macht nicht zeigt, wie sie selber gern erscheinen möchte, sondern so, wie sie aus der Nähe besehen ist, wenn der Kern ihrer Handlungen offenkundig wird. Im Machiavellismus waltet so ursprünglich durchaus ein Element geistiger Unabhängigkeit und Freiheit, und Machtkritik erschien schon früh als die positivste seiner Möglichkeiten.

Was übrigens institutionell zur Erhaltung der Freiheit getan werden kann, ist bei Machiavelli in den Grundzügen bereits in aller Klarheit ausgesprochen: Vermeidung allzu grosser Unterschiede des Besitzstandes, legale und begrenzte Amtsübertragung durch Wahlen, Ermöglichung von Anklagen zur Erhaltung der Freiheit und Ablenkung der gehässigen Leidenschaften, vor allem aber ständige Wiederverlebendigung des Verfassungsgeistes und zeitadäquate Anpassung der Staatseinrichtungen sowie die Errichtung eines wirksamen Systems von Wächtern der Freiheit durch die reale Balance der wichtigsten inneren Machtfaktoren. Für diesen bedeutsamen und ungewöhnlichen, wenn schon nicht absolut originellen Gedanken allein hätten wir Grund, Machiavelli dankbar zu sein“ (9, S. 352).

Politische Ratschläge Machiavellis

Einem solchen machtbewussten Herrscher gibt er beispielsweise die folgenden, durchaus hinterfragenswerten Ratschläge:

„Ihr müsst nämlich wissen, dass es zweierlei Kampfweisen gibt: die eine mit der Waffe der Gesetze, die andere mit bloßer Gewalt; die erste ist dem Menschen eigen, die zweite den Tieren; da aber die erste oftmals nicht ausreicht, ist es nötig, auf die zweite zurückzugreifen. Daher muss ein Fürst es verstehen, von der Natur des Tieres und von der Natur des Menschen den rechten Gebrauch zu machen“ (8, S. 135).

„Da also ein Fürst gezwungen ist, von der Natur der Tiere den rechten Gebrauch machen zu können, muss er sich unter ihnen den Fuchs und den Löwen auswählen; denn der Löwe ist wehrlos gegen Schlingen und der Fuchs gegen Wölfe. Man muss also ein Fuchs sein, um die Schlingen zu erkennen, und ein Löwe, um die Wölfe zu schrecken. Diejenigen, welche sich einfach auf die Natur des Löwen festlegen, verstehen hiervon nichts. Ein kluger Herrscher kann und darf daher sein Wort nicht halten, wenn ihm dies zum Nachteil gereicht und wenn die Gründe fortgefallen sind, die ihn veranlasst haben, sein Versprechen zu geben. Wären alle Menschen gut, dann wäre diese Regel schlecht; da sie aber schlecht sind und ihr Wort dir gegenüber nicht halten würden, brauchst auch du dein Wort ihnen gegenüber nicht zu halten. Auch hat es noch nie einem Fürsten an rechtmäßigen Gründen gefehlt, um seinen Wortbuch zu verschleiern“ (8, S. 137).

„Für einen Fürsten ist es also nicht erforderlich, alle obengenannten guten Eigenschaften wirklich zu besitzen, wohl aber den Anschein zu erwecken, sie zu besitzen. Ich wage gar zu behaupten, dass sie schädlich sind, wenn man sie besitzt und ihnen stets treu bleibt; dass sie aber nützlich sind, wenn man sie nur zu besitzen scheint; so musst du milde, treu, menschlich, aufrichtig sowie fromm scheinen und es auch sein; aber du musst geistig darauf vorbereitet sein, dies alles, sobald man es nicht mehr sein darf, in sein Gegenteil verkehren zu können“ (8, S. 139).

„Ein Fürst, der mit seinem Heer ins Feld zieht und von Beute, Plünderungen und Kriegskontributionen lebt, verfügt über das Gut anderer und muss Freigebigkeit üben; sonst würden seine Soldaten ihm nicht folgen. Und von dem, was nicht dir und deinen Untertanen gehört, kannst du reichlich geben, so wie es Cyrus, Cäsar und Alexander getan haben; denn fremdes Gut zu verteilen mindert nicht dein Ansehen, sondern mehrt es nur; nur die Verschwendung eigenen Gutes schadet dir“ (8, S. 127).

Den Abschluss von Machiavellis „Fürst“ bildet ein Aufruf zur Befreiung Italiens:

„Wenn es auch bisher manch einen gegeben hat, von dem ein Hoffnungsstrahl ausging, so dass man glauben konnte, er sei von Gott zur Befreiung Italiens gesandt [Anm.: gemeint ist wohl der bereits erwähnte Cesare Borgia], so hat man doch später gesehen, wie er auf dem Gipfel seiner Laufbahn von Fortuna zurückgewiesen wurde. Solcherart, gleichsam leblos geworden, erwartet Italien den, der imstande wäre, seine Wunden zu heilen, den Plünderungen der Lombardei, der Ausbeutung des Königreichs Neapel und der Toskana ein Ende zu setzen und es von seinen seit langer Zeit brennenden Wunden genesen zu lassen […] Hier geht es um eine höchst gerechte Sache: ‚Denn der Krieg ist gerecht für den, der dazu gezwungen wird, und die Waffen sind heilig, wenn allein in ihnen die Hoffnung liegt’ [Anm.: Zitat des römischen Geschichtsschreibers Titus Livius, um Christi Geburt]. Die Voraussetzungen sind besonders günstig; und es kann, wenn die Voraussetzungen günstig sind, keine großen Schwierigkeiten geben, sofern nur Euer erlauchtes Geschlecht sich an die Maßnahmen derer hält, die ich als Vorbilder angeführt habe“ (8, S. 201).

Politik und Moral

Bei den Schlagworten „Politik und Moral“ denkt man unwillkürlich an eine Frage an Radio Eriwan: „Verdirbt Politik den Charakter?“ Antwort: „Im Prinzip nein, da selbiger für Politik nicht erforderlich.“

Machiavellis „Denken beschäftigt sich fast ausschließlich mit Politik. Es hat keinen Raum für Metaphysik oder Theologie, für Theismus oder Atheismus, für die Diskussion über Determinismus oder freien Willen. Selbst die Ethik wird der Politik untergeordnet, ja zu einem Instrument der Politik gemacht. Unter Politik versteht er die hohe Kunst, einen Staat zu schaffen, zu festigen und zu wahren. Staaten sind ihm wichtiger als Menschen. Die Individuen sieht er nur in ihrer Eigenschaft als Staatsbürger“ (5, S. 67).

Damit sind wir mitten im modernen Denken, dem Denken der Neuzeit bis heute. Moral, Nächstenliebe, christliche Ethik wären in der Politik (wie in der Wirtschaft) unangebracht; denn vor allem anderen haben Staaten (wie auch Unternehmen) Interessen! Moralische Maximen dienen allenfalls als Vorwand, den Gegner ins Unrecht zu setzen. Passende Beispiele aus Gegenwart und Vergangenheit lassen sich finden. Diese Art Politik gab es, so lange wir etwas von der Geschichte wissen. Seit Machiavellis Werk „Der Fürst“ hat sie einen Namen: Machiavellismus.

Von der großen Mehrzahl der Philosophen und Theologen wird der Machiavellismus als unethisch abgelehnt. „Machiavellist“ wurde zum Schimpfwort für die großen (und kleinen) Machtpolitiker und für die Menschheitsverbrecher des 20. Jahrhunderts. Heute wird sich so leicht kein Staatsmann zu Machiavelli bekennen. Doch das hindert weder moderne Staatslenker noch zielstrebige Manager – in Ost und West – nach Machiavellis verpönten und in der Tat zweifelhaften Prinzipien zu handeln.

Literatur:

(1) Augustinus Aurelius, Vom Gottesstaat, Artemis, Zürich 1978.

(2) Black Jonathan, Die geheime Geschichte der Welt, Goldmann, München 2008.

(3) Buck August, Die Krise des humanistischen Menschenbildes bei Machiavelli, Archiv für das Studium der neueren Sprachen, 189 (1953).

(4) Deppe Frank, Niccolò Machiavelli, Pahl-Rugenstein, Köln 1987.

(5) Durant Will, Kulturgeschichte der Menschheit Bd. 16, Editions Recontre, Lausanne o. J.

(6) Jeremias Ralf, Vernunft und Charisma, Hartung-Gorre, Konstanz 2005.

(7) Kersting Wolfgang, Niccolò Machiavelli, C. H. Beck, München 1988.

(8) Machiavelli Niccolò, Der Fürst, Reclam, Stuttgart 1986.

(9) Paul Erwin, Der moderne Machiavellismus, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1961.

(10) Riklin Alois, Die Führungslehre von Niccolò Machiavelli, Hochschule St. Gallen o. J.

(11) Thomas von Aquino, Summe der Theologie, Kröner, Leipzig 1933.

www …

Verhaltenskodex der Samurai:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bushidō

Niccolò Machiavelli:

http://de.wikipedia.org/wiki/Niccolò_Machiavelli

Platon, „Politeia“:

http://de.wikipedia.org/wiki/Politeia

Tschandragupta:

http://de.wikipedia.org/wiki/Tschandragupta