Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Entdecken, Flagge hissen, in Besitz nehmen

Kolonialismus:

Die Geschichte von der Teilung der Welt

(Veröffentlicht in GralsWelt 66/2011)

Zu den merkwürdigsten Vorfällen der Weltgeschichte gehört die „Teilung der Welt“, oder besser die Aufteilung der im 15. Jahrhundert neu entdeckten oder noch zu entdeckenden Gebiete in Übersee zwischen zwei europäische Nationen – Portugal und Spanien. Portugal war eines der kleineren Länder Europas, dem sein technischer Vorsprung vorübergehend eine überragende Bedeutung verschaffte, die sich allerdings aufgrund seiner zu schmalen Basis nicht halten ließ.

Die Zeit der großen Seefahrer

Im kleinen Portugal, einem Land, das auf das Meer hinausblickt und auf Fischerei und Seehandel konzentriert war, lebte im 15. Jahrhundert ein Königssohn, der sich für Seefahrt, Navigation und Schiffbau interessierte: Heinrich der Seefahrer (1394–1460). Trotz seines Beinamens kommandierte er nie selbst ein Schiff. Im äußersten Südwesten des europäischen Kontinents, in Sagres am Kap San Vicente, errichtete er auf einem ins Meer hinausragenden Felsen eine Sternwarte mit Zentrum für nautische Studien.

Heinrich förderte Entdeckungsreisen, die nach und nach die Küsten Westafrikas für portugiesische Händler erschlossen. Nach seinem Tod wurde die Südspitze Afrikas (das Kap der guten Hoffnung) umrundet (Bartholomäus Diaz, 1487), und der Seeweg nach Indien eröffnet (Vasco da Gama, 1498).

Die gesuchte Seeverbindung nach dem fernen Osten war von kaum abschätzbarer Bedeutung für den europäische Handel. Denn die Türken drangen im Mittelmeer und auf dem Balkan vor, eroberten 1453 Konstantinopel, und schnitten Europa vom fernen Orient und dem Handel mit Gewürzen, Seide, Tee und Porzellan ab.

Die Erfolge Portugals bei der Erforschung Westafrikas wurden von Spanien, der benachbarten Seemacht, mit Interesse und Mißtrauen verfolgt, und das spanische Königspaar wollte nicht untätig zusehen, wie sich das kleine Portugal ein Monopol für einen höchst lukrativen Fernhandel verschaffte. So sandte Spanien eine von Christoph Kolumbus (1451–1506) geleitete Expedition aus, die zwar 1492 auf den „Westindischen Inseln“ (der Karibik) landete, aber nicht die erwünschte westliche Route nach Indien und zu den Reichtümern des fernen Ostens fand (vgl. „Merkwürdige Geschichte(n), Teil 1, „Kolumbus und die flache Erde“, GralsWelt 5/2000).

Nun waren also zwei europäische Nationen dabei, die überseeischen Länder zu erforschen und – nach damaligem Usus – in Besitz zu nehmen: Portugal die exotischen Länder im Osten, Spanien die Neue Welt im Westen.

Früher oder später mußte es zu Konflikten kommen.

Der Papst als Schlichter

Schon einmal – durch die Kreuzzüge – hatte ein Papst versucht, die überschüssigen Kräfte der kriegerischen Europäer abzulenken ins Heilige Land, um auf diese Weise Europa zu befrieden.

Nun empfahl Papst Alexander VI. eine Demarkationslinie, die portugiesische und spanische Ansprüche auf die neu entdeckten Länder scheiden sollte.

Nach einigen Verhandlungen einigten sich die beiden Nationen im Vertrag von Tordesillas (1494) auf einen Meridian, der 370 Meilen westlich der Azoren verlief. Das Land östlich dieser Nord-Süd-Linie sollte den Portugiesen, die Gebiete westlich dieses Längengrades den Spaniern zufallen. Man darf davon ausgehen, daß das offiziell erst 1500 entdeckte Brasilien portugiesischen Seefahrern schon vor dem Abschluß des Vertrages von Tordesillas bekannt war, während die Spanier nur die Karibik kannten. So konnten portugiesische Diplomaten die vom Papst gewünschte Demarkationslinie so weit nach Westen schieben, daß Brasilien portugiesisch wurde.

Ein unmöglicher Vertrag

Die Initiative des Papstes zur Teilung der Welt zwischen zwei katholischen Ländern konnte nicht funktionieren. Weder das katholische Frankreich noch die (bald protestantischen[i]) Engländer oder Niederländer würden so etwas akzeptieren. Von den damit verbundenen Zumutungen an alte Kulturnationen Asiens gar nicht zu reden.

Bald gab es Streit um die Gewürzinseln. Die Portugiesen erreichten 1511 Malakka und brachten bis 1513 die Molukken[ii] mit ihrer wertvollen Gewürzproduktion unter ihre Kontrolle.

Da der Meridian von Tordesillas auf der von Europa abgewendeten Hemisphäre nur ungefähr festzulegen war (er lief durch Sibirien und Australien und streifte Japan), hoffte der König von Spanien, daß die Gewürzinseln auf dem ihm zugesprochenen Territorium lägen. Diese wichtige Frage sollte Magellan (1480–1521) klären – mit der ersten Weltumsegelung (1519–1521), die er selbst nicht überlebte.

Schließlich einigten sich Spanier und Portugiesen im Vertrag von Saragossa (1529) auf einen weiteren Meridian auf etwa 135 Grad östlicher Länge[iii], der den pazifischen Raum zwischen den beiden Seemächten aufteilte. Andere seefahrende Nationen sollten aufgrund von Verträgen, die sie weder ausgehandelt noch akzeptiert hatten, auf den höchst lukrativen Fernhandel verzichten, oder ihre Schiffe von portugiesischen und spanischen Kriegsschiffen wie Seeräuber verfolgen lassen. Konflikte zwischen den Seemächten Europas waren vorprogrammiert, die früher oder später in Kriege ausarten würden.

Christen gegen Christen

Der in Saragossa vereinbarte Meridian durchschnitt Japan, das in ein Spannungsfeld zwischen Spaniern und Portugiesen geriet. Auf den ohnehin von Bürgerkriegen zerrissenen japanischen Inseln kam es dadurch noch zu einem erbitterten Religionskrieg.

Als erste Europäer erreichten Portugiesen von Goa (China) aus 1543 Japan. Sie brachten unter anderem Feuerwaffen (diese wurden von den Japanern bald in großer Zahl nachgebaut) und traten in rege Handelsbeziehungen. Den Kaufleuten folgten Missionare, die in dem von Bürgerkriegen geplagten Japan erstaunlich viele Konvertiten gewinnen konnten.

Dann kamen – von den Philippinen aus – auch Spanier nach Japan. Nun bekämpften sich in der Japanmission Jesuiten und Franziskaner, Portugiesen und Spanier, und jede Partei wollte die Japaner, und vor allem den Japanhandel, für ihre Seite gewinnen.

Schließlich tauchten ab 1600 noch Niederländer in Japan auf, die nur am Handel, nicht an der Christianisierung, interessiert waren. Der am 20. April 1600 durch einen Taifun mit einem Niederländischen Schiff gestrandete Navigator William Adams[iv] (1564–1620), ein Engländer, wurde zum Berater des mächtigen japanischen Fürsten Ieyasu Tokugawa (1542–1616), den er über die europäischen Streitigkeiten und deren Hintergründe informierte – zum Beispiel über den Vertrag von Saragossa, über den Japaner empört sein mußten. Das Christentum geriet in Verruf. Ein nach langen Bürgerkriegen endlich geeintes Japan verbot das Christentum (1614), weil dieses im Verdacht stand, dem Kolonialismus den Weg zu bereiten. Es kam zu grausamen Hinrichtungen von katholischen Priestern und zu einem brutalen Ausrottungskrieg (1637-1638), dem Tausende von japanischen Christen zum Opfer fielen.

Das im 16. Jahrhundert weltoffene, europäischen Einflüssen und der christlichen Religion aufgeschlossene Land kapselte sich im 17. Jahrhundert von der Außenwelt ab, und erlaubte nur noch einen streng begrenzten, genau kontrollierten Handel mit niederländischen Kaufleuten.

Auch Korea schottete sich von der Außenwelt ab und verfolgte Christen. In China, wo christliche Missionare keine besonderen Erfolge hatten, entstand erbitterte Fremdenfeindlichkeit. Die mancherorts recht guten Chancen für eine Ausbreitung der europäischen Kultur und des Christentums in Ostasien wurden von den Christen selbst untergraben, und erst im 19. Jahrhundert konnte wieder an eine Missionsarbeit und die Ausbreitung der europäischen Zivilisation in diesen Ländern gedacht werden. Heute gibt es in Japan und Korea eine Vielzahl, meist protestantischer, christlicher Gruppierungen.

Wem gehört die Welt ?

Es erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit jede europäische Macht davon ausging, daß auf einem neu entdeckten Stück Land, sei es eine unbewohnte Insel, oder ein ganzer Kontinent, das Hissen der Nationalflagge genüge, um es in Besitz zu nehmen. Die geschilderte Aufteilung der noch nicht entdeckten Regionen zwischen zwei seefahrenden Nationen ist nur ein extremer Ausdruck einer heute auch für Europäer nur noch schwer nachvollziehbaren, für Nicht-Europäer indes völlig unakzeptablen Denkweise.

Der Erforschung der Welt zur Zeit der großen Seefahrer folgten zahlreiche Kolonialkriege, in denen Portugiesen, Spanier, Franzosen, Engländer, Niederländer, Belgier, kurze Zeit auch Deutsche und Italiener[v], um Länder in Übersee stritten, und der Kolonialbesitz zwischen den europäischen Konkurrenten hin und her ging. Aufstände mußten niedergeschlagen und unbotmäßige einheimische Fürsten zur Raison gebracht werden, bis nach dem Zweiten Weltkrieg in den asiatischen und afrikanischen Kolonien Autonomiebewegungen die staatliche Unabhängigkeit erzwangen, die in Süd- und Mittelamerika meist schon im 19. Jahrhundert erreicht war.

Die von Papst Alexander VI. angeregte Teilung der Welt war ein ungerechter, unausgewogener, und zwangsläufig erfolgloser Versuch zur Lenkung des beginnenden Kolonialismus. An die Rechte der „Heiden“ (Nicht-Christen), nicht selten alte Kulturvölker, wurde nicht einmal gedacht. Die Konflikte um Seewege, Einflußsphären, Kolonien, Rohstoff- und Absatzmärkte wurden – mit oder ohne Papst – auch zwischen christlichen Staaten wie eh und je mit Waffengewalt ausgetragen.

Heute ist der Kolonialismus mit seiner Europäisierung der Welt nur noch eine Episode der Geschichte, die jedoch tiefgreifende Veränderungen hinterlassen hat. Im 21. Jahrhundert soll an seine Stelle die Globalisierung treten, in der ihre Kritiker eine Tarnbezeichnung für einen Neo-Kolonialismus sehen, der die Kluft zwischen arm und reich vertiefen kann und Kriege um Ressourcen befürchten läßt. (2).

Literatur:

(1) Ladstätter/Linhart, China und Japan, Ueberreuter, Wien 1983

(2) Ziegler, Jean, die neuen Herrscher der Welt, Bertelsmann, München 2003

 


1 Als die Verträge abgeschlossen wurden, war Europa (außer Rußland) noch katholisch. Man darf spekulieren, inwieweit diese päpstliche Anordnung dazu beigetragen hat, daß England sich vom Papst losgesagt hat.

2 Die Molukken (Gewürzinseln) sind die östlichste Inselgruppe Indonesiens.

3 Wir verwenden die modernen Längengrade, die von Greenwich ausgehen, also ein Koordinatensystem benutzen, das es zur Zeit der genannten Verträge noch nicht gab.

4 In dem spannenden Roman „Shogun“ von James Clavelle heißt er John Blackthorne und Tokugawa wird Toranaga genannt.

5 Japan (Annexion von Formosa und Korea), Rußland (Eroberung Sibiriens) und die USA (Annexion von Hawaii und den Philippinen) werden meist nicht zu den Kolonialmächten gezählt.